Sanora Babb – Namen unbekannt

Fast meint man bei der Lektüre den Staub aus den Seiten herausrieseln zu spüren. Eindrucksvoll erzählt die US-Amerikanerin Sanora Babb in ihrem Roman Namen unbekannt aus dem Jahr 1939 vom Elend der amerikanischen Farmer in den Great Plains zur Zeit der Wirtschaftskrise und den empörend Umständen, unter denen Wanderarbeiter ihre Arbeit in Kalifornien verrichten mussten.
Empörend ist auch die Geschichte des Buchs, denn jahrzehntelang stand Namen unbekannt im Schatten des Werks von John Steinbeck. Zu Unrecht, wie diese deutsche Erstausgabe des Buchs zeigt.


Etwas Besseres als den Tod finden wir überall – so befanden es die Bremer Stadtmusikanten am Ende des berühmten Märchens der Gebrüder Grimm, als sie aufbrachen, um an anderer Stelle ihr Glück zu finden. Doch dass solch ein Aufbruch keineswegs Besserung bringen muss, das beweist Sanora Babbs Roman Namen unbekannt beziehungsweise Whose names are unknown, so der englische Originaltitel, auf eindrückliche Art und Weise.

Denn darin verleiht Babb den abertausenden von Farmern und Wanderarbeitern zur Zeit der amerikanischen Wirtschaftskrise ein Gesicht und zeigt, dass zwischen Leben und Sterben kein großer Unterschied sein muss, wie es im Falle ihres Romans die Familie Dunne erleben muss.

Leben und Überleben in der Dust Bowl

Sanora Babb - Namen unbekannt (Cover)

Die Dunnes leben im Gebiet der sogenannten Dust Bowl, der Staubschüssel Amerikas — wobei man besser eigentlich von überleben sprechen müsste. Im Gebiet zwischen Kansas und Oklahoma, Oklahoma Panhandle genannt, bewirtschaften Milt und Julia zusammen mit dem Großvater Konkie Zeit und ihren beiden Töchtern eine Farm unter widrigsten Umständen.

Der Boden ist karg und lässt den Weizen kaum gedeihen, die Farmer sind auf Regen angewiesen, der aber dort im Land der Extreme schnell in Unwetter umschlagen kann, die dann wiederum die Ernte vernichten, von der man eigentlich selbst bei besten Bedingungen kaum leben kann.

Im Falle der Dunnes ist die Lage aber nun besonders bedrohlich. Denn während sich in Europa langsam ein zweiter Weltkrieg abzeichnet und sich die US-amerikanische Wirtschaft auf Talfahrt befindet, ziehen zu allem Überfluss auch noch hartnäckige Staubstürmen über Land, die die sowieso schon karge Ernte restlos vernichten. Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Folge, von denen Sanora Babb höchst anschaulich erzählt und dabei an die Erzähltradition des Naturalismus anknüpft.

Ein Roman in der Tradition des Naturalismus

Das Leid durch die Missernten, die schlechte Versorgung mit Nahrung, die sogar in Totgeburten endet, der durch alle Ritzen kriechende Staub und der trostlose Anblick der Natur, all das schildert die 1907 geborene Autorin sehr eindringlich und ungeschönt.

Der lange schwere Winter setzte ein, entfaltete sich grausam und dumpf, indem er von den Rocky Mountains im Westen in einem einzigen ungebremsten Riesenschwung hohe, schneidende Winde durch die Ebene zu ihnen herüberschickte. Nur gelegentlich milderten und verschönerten Schneefälle die grausame Pracht der Landschaft. Der heftige Frost hatte kaum die Zweige der Schwarzpappeln, die die Flüsse säumten, geknickt und das Grün aus dem Unkraut gesogen, als der würzige Herbstgeruch aus der Abendluft verschwand und es bitterkalt wurde. Das Grün des zähen Büffelgrases, wie eine dichte, leicht gewellte Decke über der trockenen Ebene ausgebreitet, wandelte sich unmerklich zu Grau. Der Wind löste die starken Wurzeln des Salzkrautes und trieb es vor sich her über die Prärie, bis es in dichten Garben an den Stacheldrahtzäunen hängenblieb.

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 85 .

Das Erzählen Sanora Babbs speist sich auch aus eigener Erfahrung, schließlich wuchs sie unter ähnlich Bedingungen auf, wie sie diese im Roman schildert. Zudem half sie später als Sozialarbeiterin Farmern wie denen der fiktiven Dunnes und erlebte deren Überlebenskämpfe unmittelbar mit. Dies macht Namen unbekannt zu einer solch starken und eindrücklichen Lektüre, die Schicksal ihrer Figuren auch dann noch folgt, als diese ihre letzten Besitztümer verpfänden, um mit einer in ähnlicher Armut lebenden Nachbarin das alte Pionier-Motto „Go West!“ zu beherzigen und gemeinsam nach Kalifornien aufzubrechen.

Von Oklahoma nach Kalifornien

Dass das Leben dort zwar staubfreier, aber ansonsten auch alles andere als leicht für Menschen wie sie ist, das zeigt die zweite Hälfte des Romans. Zwar mag sich die Kulisse für den Überlebenskampf der Familie geändert haben, etwas Besseres als den Tod haben sie aber auch in Kalifornien nicht gefunden, wie die folgenden Ereignisse zeigen.

Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es nämlich ein Überangebot von amerikanischen Arbeitern, die mit Mexikanern und anderen Einwanderer um die spärlichen Jobs konkurrieren, was zu einem Unterbietungswettbewerb in Sachen Lohn und Lebensumstände führt. Sogar für Licht müssen sie in den Baracken zahlen und werden von den Aufsehern und Farmer an allen Stationen niedergehalten, egal ob bei der Baumwollernte oder beim Pflücken von Pfirsichen.

Auch hier zeigt sich, dass die Dunnes die ganze Pazifikküste auf der Suche nach Arbeit bereisen können, bessere Lebensumstände finden sie aber nirgends. Steter Begleiter sind auch hier Hunger und Entbehrung, was bis hin zum Kochen eines Pfeffertees als einziger Nahrungsquelle reicht. Bei diesem handelt es sich um heißes Wasser, das mit Salz und Pfeffer versetzt wird — tageweise die einzige Nahrung, die die Dunnes zu sich nehmen, während sie bis zur Selbstaufgabe schuften, verhöhnt von den Vorarbeitern und Aufseher, für die die Ausbeutung und das Leid der Ärmeren ganz natürliche Umstände sind.

„Es gibt eben auf der ganzen Welt eine Klasse von Menschen, die für diese Art von Arbeit gemacht ist. Denen kann man helfen, wie man will, sie landen immer wieder ganz unten“

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 264

Die Widerstandskraft der Vielen

Gespeist aus ihren persönlichen Erfahrungen ist Namen unbekannt ein kraftvolles Dokument für die Leidensfähigkeit und die Entbehrungen, die die tausenden Wanderarbeiter und Farmer zur Zeit der Wirtschaftskrise erleiden mussten, obgleich das Buch nicht nur in der Beschau des Leids verharrt. Sanft weist Sanora Babbs Werk auch einen Weg, um Unrecht und sozialen Missständen entgegenzutreten, indem immer wieder der Gedanke von Gemeinschaft und gewerkschaftlich organisiertem Widerstand als mögliche Wege aus der Krise aufscheinen.

Wie viele Leben waren nicht schon durch schieres Ertragen vergeudet worden? Wären all diese Leben, wenn sie sich zusammenschlossen, nicht in der Lage, die Welt zu verändern?

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 56

All diese Leben, die in der Geschichtsschreibung keinen Widerhall fanden, sie bekommen von Sanora Babb postum die Würdigung, die ihr Kampf gegen die omnipräsenten Widerstände verdient.

Die unbekannte Sanora Babb

Doch nicht nur die hier gewürdigten Schicksale der Wanderarbeiter sind heute noch weitestgehend unbekannt, auch für Sanora Babb trifft das leider zu. Denn die Autorin stand zeitlebens (1907-2005) im Schatten eines Mannes, der in seinen Romanen ebenfalls vom Schicksal der amerikanischen Wanderarbeiter erzählte und der zeitgleich mit Sanora Babb an einem Roman mit ähnlichem Plot wie Namen unbekannt arbeitete.
Sein Name: John Steinbeck.

Dieser hatte zuvor schon mit seinem Werk Von Mäusen und Menschen für Aufmerksamkeit gesorgt und stand mit dem gleichen Mann in Austausch, mit dem auch Sanora Babb für ihren Roman zusammenarbeitete. Möglicherweise hatte Steinbeck sogar Kenntnis von Babbs Entwürfen, wie die Autorin Mareike Fallwickl in ihrem Nachwort zu Namen unbekannt spekuliert.

So oder so ist die Geschichte bestürzend. Denn während Steinbecks Roman 1939 erschien, lehnten die Verlage auch angesichts des überragenden Erfolgs die Publikation des zeitgleich entstandenen Werks von Sanora Babb ab. Zu gleich seien die Themen der Bücher, als dass die Öffentlichkeit ein zweites, thematisch gleich gelagertes Buch interessieren könne, so das Urteil der Verlage.

Dass dies ausgemachter Unsinn ist, muss man nicht nur angesichts des ökonomischen Erfolgs von austauschbaren Regional- oder Serienmörderkrimis konstatieren, sondern es zeigt sich auf auch dem Buchmarkt in Form von erfolgreichen Doppelung von Romanen wie dem von Caroline Wahl, der auf den inhaltlich kongruenten und sprachlich deutlich besseren Erstling von Annika Büsing folgte.

Es sollte bis ins Jahr 2004 (!) dauern, bis der Roman publiziert werden sollte und Babb ihn in ihren mittlerweile 97 Jahre alten Händen halten durfte, immerhin noch ein Jahr vor ihrem Tod im darauffolgenden Jahr.

Fazit

So fügt sich Namen unbekannt in eine ganze Riege übersehener oder verdrängter Romane aus weiblicher Feder ein, die im Nachhinein zeigen, um wie vieles die Literatur ärmer ist, da man solche literarische Stimmen wie die von Sanora Babb über Jahrzehnte hinweg überging und ignorierte.

Zwar spät, aber nicht zu spät erfolgt nun die Wiederentdeckung dieser Frau und ihres Schreibens, das sowohl durch ihr Schicksal als auch durch die Themen ihres Erzählen zeigt, dass es nie zu spät ist, um sich den scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten entgegenzutreten und selbst Widerstand zu leisten, für eine bessere Welt, in der Unterdrückten doch noch Gerechtigkeit widerfährt!


  • Sanora Babb – Namen unbekannt
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Reinhardus
  • Nachwort von Mareike Fallwickl
  • ISBN 978-3-15-011471-1 (Reclam)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €
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