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Margaret Cavendish – Die gleißende Welt

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Reihe #WomeninSciFi des Blogs Binge-Reader

Was die Gleißende Welt im Innersten zusammenhält

Es gibt Geschichten, die sind eigentlich zu tolldreist, um sie zu glauben. Das Werk Die gleißende Welt und seine Erschafferin Margaret Cavendish sind genau solch ein Fall.

Margaret Cavendish wird 1623 in England geboren, zu einer Zeit also, in der der 30-jährige Krieg ganz Europa beherrscht. Im Schoß ihrer Familie wächst die junge Frau heran, während Oliver Cromwell gerade dazu ansetzt, die Monarchie unter dem englischen König Charles I. zu stürzen. Höchst turbulente Zeiten also, die von den Konflikten zwischen Krone und Parlament gekennzeichnet sind.

Margaret Cavendish (Quelle: Wikimedia)

Auch die Familie von Margaret Lucas (so der Mädchenname der Autorin) bleibt von diesen Turbulenzen nicht verschont. Der Familiensitz der Lucas‘ wird zweimal von anti-royalistisch gesinnten Bürgern angegriffen und schlussendlich sogar zerstört. Etwas Ruhe verheißt da der Antrag von William Cavendish, der um die Hand von Margaret anhält.

Cavendish, der Herzog von Newcastle-upon-Tyre ist frisch verwitwet und mit 50 Jahren ganze dreißig Jahre älter als Margaret. Er gilt als Unterstützer und Förderer von Geistesgrößen wie etwa Thomas Hobbes (und nebenbei auch als berüchtigter Frauenheld). Margaret willigt in die Ehe mit dem Herzog von Newcastle-upon-Tyre ein und wird folglich selbst zur Herzogin. Ihre neuen Freiheiten weiß sie geschickt zu nutzen. Obwohl sie kaum eine nennenswerte Schulbildung genossen hat, setzt sie dazu an, sich mit den Ideen der Philosophen und Forscher ihrer Zeit auseinanderzusetzen. Sie beginnt Briefe, Gedichte und Schriften zu veröffentlichen – zu der damaligen Zeit ein absolutes Unding. Das Verfassen von Schriften war den Männern vorbehalten und zudem eher für die interne Verbreitung in den privaten Zirkeln vorgesehen. Mit diesen Traditionen bricht Margaret Cavendish und beginnt ihr schriftstellerisches Ouevre zu veröffentlichen. Unterstützung erfährt sie dabei auch von ihrem Mann, der den Werken gerne ein selbst verfasstes Gedicht voranstellte, um zu zeigen, dass seine Frau seinen Rückhalt genoß.

Äußerst standesbewusst weiß sie sich zu inszenieren. Gerne trägt sich auch Männerkleidung und besucht Experimente der Royal Society. Sie mischt sich in Debatten ein und setzt sich mit den Forschungen ihrer Zeit auseinander und legt dabei ein großes disziplin-übergreifendes Interesse an den Tag. Margaret Cavendish aufgrund ihrer Unangepasstheit und ihrem Kampf um einen Platz in der Gesellschaft für Frauen als frühe Feministin zu bezeichnen, wäre allerdings falsch. Ihre eigene Position und persönliche Freiheiten galten der Herzogin von Newcastle weitaus mehr als sich mit anderen Frauen niederer Stände zu solidarisieren.

Mit ihrer Haltung und ihrem Gestaltungsdrang eckte die exzentrische Dame natürlich auch an. Mit ihren Briefen und ihrer Prosa zog sie viel Häme und Kritik ihrer ZeitgenossInnen auf sich. Beispielhaft sei hier eine Bemerkung von Dorothy Osborne genannt, einer Zeitzeugin, deren Urteil über Margaret Cavendish wie folgt ausfiel:

Bestimmt ist die arme Frau ein wenig verwirrt, sie könnte sich sonst nie so lächerlich machen, sich zu erlauben Bücher zu schreiben und noch dazu in Versen. Wenn ich vierzehn Tage nicht schlafen würfe, sollt es nicht so weit mit mir kommen. (Briefe von Dorothy Osborne an William Temple, Hg. vom G. C. Moore Smith. Oxford, 1928)

Nach ihrem Tod 1673 fiel Margaret Cavendish und ihr literarisches Ouevre alsbald dem Vergessen anheim. Die zumeist vernichtende Kritik sorgte für ein schnelles Ende ihres Nachruhms. Erst Virginia Woolf setzte Anfang des 20. Jahrhunderts wieder dafür, dass das Erbe von Margaret Cavendish nicht ganz vergessen wurde, wobei Woolfs Urteil über Margaret Cavendish recht ambivalent ausfiel. Erst im Zuge der aufkommenden Frauen-Forschung der 80er Jahre wurde Margaret Cavendish und ihr literarisches Schaffen wieder neu entdeckt. Und nun bekommt sie auch einen Platz in der Reihe #WomeninSciFi. Ein Platz, der der Engländerin als einer der Urmütter der Science Fiction fraglos mehr als zusteht.

Frontispiz von The Blazing World

Denn Margaret Cavendish verbindet als eine der ersten die Positionen Science und Fiction. Während London 1666 beim Großen Brand in weiten Teilen zerstört wird, erschafft die Herzogin von Newcastle in diesem Jahr ebenfalls ein gleißendes Ereignis – die Rede ist von ihrem Werk The Description of a New World Called the Blazing World. Diese Fiktion erscheint in Verbindung mit ihrer Schrift Observations upon Experimental Philosophy, beide Schriften stehen in enger Verbindung – hier die philosophischen Betrachtungen, auf der anderen Seite ihre Phantasie einer Welt, in der die Philosophie eine tragende Rolle spielt. Science und Fiction at it’s best quasi.

Die Autorin selbst bemerkt dazu im Vorwort ihres Buchs:

Es ist die Beschreibung einer Neuen Welt, nicht wie die bei Lukian oder die Welt im Mond des Franzosen (Cyrano de Bergeracs , Anmerkung meinerseits), sondern eine Welt, die ich selbst geschaffen habe und die ich die Gleißende Welt nenne. Der erste Teil ist romanzenhaft, der zweite philosophisch und der dritte bloße Laune oder (wie ich es nennen würde) phantastisch. Wenn dich dies erfreut, werde ich mich als glückliche Schöpferin betrachten ; wenn nicht, muß ich mit einem melancholischen Leben in meiner eigenen Welt Vorlieb nehmen. (Cavendish, Margaret: Die Gleißende Welt, S. 9)

Hier schlägt dem Leser schon der selbstbewusste Ton der Herzogin entgegen, die sich selbst als Hauptfigur in ihre Erzählung verpflanzt. Ein Kniff, den auch etwa ihr Landsmann Thomas Morus in Utopia anwendet (beide Bücher weisen nicht von ungefähr zahlreiche Berührungspunkte auf). Die Grundgeschichte ist ihrer Erzählung ist dabei schnell umrissen:

Ein Kaufmann möchte eine junge Dame in einem fremden Land erobern und raubt sie kurzerhand. Doch das Boot wird abgetrieben und gerät an den Nordpol. Nur die junge Frau überlebt an Bord und gelangt vom Nordpol durch einen Übergang in eine fremdartige Welt. Dort trifft sie auf Bären- Fuchs- und Vogelmenschen, sowie dergleichen mehr. Die Dame wird von den verschiedenen Bewohnern dieser Gleißenden Welt bewundert, sodass sie sogar zur Kaiserin des Reichs aufsteigt. Mit den verschiedenen Gattungen ihrer Welt tritt sie in den Dialog und lässt sich von ihnen die Welt erklären und führt unzählige wissenschaftliche Dispute. So gibt es Gespräche über die Philosophie, Syllogismus oder naturwissenschaftliche Themen (die auch immer Cavendish‘ zahlreiche Interesse widerspiegeln). Hier liest man eine Autorin und Heldin, die wirklich wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Der Ton ihrer Erzählung ist dabei manchmal märchenhaft, dann aber auch wieder forschend und nachbohrend wie der Wissensdurst eines kleinen Kindes. Die royalistische Grundhaltung lässt sich ebenso klar aus dem Text ablesen wie ihre Verachtung für manche Philosophen, die nicht von ungefähr etwa als Wurmmenschen auftreten lässt. Auch enthält ihre Erzählung weitere Themen wie etwa den Krieg (sogar zu einer Schlacht kommt es in ihrem Roman) oder die Suche nach der idealen Staatsform. Die von ihr kreierte Welt ist eine Utopie, bei der alle verschiedenen Rassen und Gattungen friedlich miteinander leben, geeint durch eine Religion und ein Staatsoberhaupt.

Diese ganzen Ansätze und Ideen machen eine Lektüre von Die gleißende Welt auch heute noch interessant, auch wenn die Lektüre manchmal etwas zäh gerät, besonders in den vielen wissenschaftlichen Diskussionen. Das Durchkämpfen durch diese Passagen lohnt sich aber, besonders wenn man sich für einen weiblichen Blick auf die damaligen Machtverhältnisse und Schreiben als Abbild oder Eskapismus der Wirklichkeit interessiert. Weitere Einblicke in das Leben und Wirken Margaret Cavendishs liefert zudem das Nachwort der Übersetzerin Virginia Richter, die zahlreiche Informationen über diese besondere Autorin zusammengetragen hat.

Ein außergewöhnliches Buch, eine noch außergewöhnlichere Autorin!

 

(Cavendish, Margaret: Die Gleißende Welt. Scaneg-Verlag, Reihe punctum, Bd. 15. Erscheinungsjahr 2001. ISBN 3-89235-115-5. Preis: 15,00 €)

Thomas Hettche – Pfaueninsel

Die Pfaueninsel inmitten der Havel, 22 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Diese Insel hat eine höchst wechselvolle Geschichte hinter sich, die Thomas Hettche in seinem neuen, mit zahlreichen Literaturpreisen gekrönten Roman wieder zum Leben erweckt. Der Mikrokosmos dieser Insel ist zugleich eine Schilderungen der Verwerfungen im 19. Jahrhundert und eine Einführung in die Welt der Gartengestaltung nebst einem Ausflug in die Geschichte des Preußischen Adels.

9783442749836_CoverErzählt wird die Geschichte dabei aus der Sucht von Maria Dorothea Strakon, einem Schloßfräulein, die mit ihrem Bruder auf der Pfaueninsel lebt. Das Besondere hierbei: die Geschwister sind kleinwüchsig und wurden vom Preußischen König zur Pflege und als Faszinosum auf die Insel geschickt. Doch nicht nur das kleinwüchsige Geschwisterpaar bewohnt die Insel, auch verschrobene Hofgärtner, ein echter Hawaiianer und weitere wunderliche Gestalten bevölkern das Eiland in der Havel.

Das Personal, das Thomas Hettche dabei in seiner Erzählung versammelt, ist ebenso außergewöhnlich wie einprägsam. Immer wieder wirft der Leser dabei Blicke auf Marias Leben gleich einem der vielen Beobachter, die auf die Insel kommen, um Pflanzen, Tiere und die außergewöhnlichen Menschen zu beobachten oder vielmehr zu begaffen. Die Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins ist dabei gut gewählt, denn außer einem Grabstein mit den Lebensdaten gibt es eigentlich keine Informationen über die reale Maria Dorothea Strakon. Dies lässt Hettche viel Raum zur kreativen Gestaltung, die er zu nutzen weiß. Wie einst Günter Grass mit Oskar Mazerath einen Protagonisten ersann, der einen ganz eigenen Blick auf die Welt hat, so schafft es auch Hettche hier, aus Maries Augen den Blick auf die Welt zu öffnen. Obwohl sie eigentlich nur auf Augenhöhe mit den Pflanzen der Insel ist, schafft sie es mit ihrem Blick auf die Welt, die Eigenheiten von Adel, Natur, Sexualität und Zeitenwenden zu beleuchten.

Pfaueninsel zeugt von höchster Sprachkunst. Mit welchen gewandten Formulierungen und Beschreibungen der Autor seine Geschichte auskleidet, das sucht seinesgleichen. Ein Vergnügen allerhöchster Güte, welches man nicht so oft im Bücherregal findet!

Gleich der im Buch beschriebenen Gartenkunst und Weggestaltung ist auch dieses Buch ein Roman, der durch die Zeit zwischen Preußischen Adelsnachwehen und Beginn der Industrialisierung (hier beeindruckt besonders die dichte Beschreibung des Berliner Feuerlands) entlangmäandert und viele Aussichtspunkte und Sichtachsen öffnet. Die vielen Preise, die das Buch bislang einheimste, sind meiner Meinung nach durchaus gerechtfertigt, denn falsch macht Thomas Hettche in diesem Buch eigentlich nichts. Sprache, Konstruktion des Plots und inhaltliche Durchdringung sind aufs Wunderbarste geraten und machen das Buch zu einem Genuss!

 

Bruder dieser Erzählung im Geiste ist für mich Robert Seethalers Ein ganzes Leben, dem es in diesem Titel ähnlich gelingt, ein einfaches Leben mit großer Kunstfertigkeit zu schildern und dabei auch die Geschichte eines Jahrzehnts zu erzählen. Für beide Titel uneingeschränkte und begeisterte Empfehlung!