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Chan Ho-Kei – Das Auge von Hongkong

War in den letzten Wochen von Hongkong die Rede, waren es alles andere als positive Schlagzeilen, die uns von dort erreichten. Die Sanktionen gegen die Demokratiebewegung. Die Verhaftungen bekannter Politaktivisten wie Jimmy Lei oder Joshua Wong. Die Besetzung der Polytechnischen Universität. Das Vorgehen der chinesischen Regierung, allen voran der Regierungschefin Carrie Lam, das die Proteste auslöste. Und die Erkenntnis, dass die Tage der Freiheit und Exklusivrechte für alle Hongkongchines*innen schon gezählt sind.

Diese aktuelle Episode ist allerdings nur ein Beispiel für die wechselvolle Geschichte Hongkongs. Chan Ho-Kei beleuchtet diese in in seinem Kriminalroman Das Auge von Hongkong auf formal ungewöhnliche Art und Weise.


Denn statt sich für eine durchgängige Geschichte zu entscheiden, erzählt Chan-ho Kei gleich sechs Fälle. Fälle, die in unterschiedlichen Jahrzehnten angesiedelt sind und sich von der Gegenwart in die Vergangenheit bewegen. Dreh- und Angelpunkt der Geschichten ist der Ermittler Inspector Kwan, auch genannt Das Auge von Hongkong. Seine deduktorischen Fähigkeiten sind legendär, schon in jungen Jahren erwarb sich der Ermittler einen Ruf wie Donnerhall. Wie es dazu kam, das erzählt uns der chinesische Autor Stück für Stück. Löst Kwan seinen letzten Fall rund um einen Harpunenmord noch auf dem Sterbebett, bekommt er es dann in jüngeren Jahren mit einem genau orchestrierten Überfall, verdächtigen Kollegen oder einer Erpressung zu tun.

Der Sherlock aus Hongkong

Der Vergleich zu Sherlock Holmes ist insofern gerechtfertigt, da wir als Leser oft mit den Polizeikollegen lange im Dunkeln tappen, ehe Kwan dann zur Verblüffung aller Beteiligten die Indizien zu einem schlüssigen und oftmals sehr überraschenden Schluss bringt. Doch nicht nur Kwan glänzt in diesem über 570 Seiten starken Episodenkrimi. Es gibt auch einen heimlichen Hauptdarsteller, nämlich Hongkong.

Chan-ho Kei siedelt seine Erzählungen in verschiedenen Distrikten an (die man dank der Karte im Vorsatz gut zuordnen kann); er erzählt vom kolonialen Erbe und den rasanten Veränderungen, denen die Stadt unterlag. So bekommt man einen guten Eindruck von der wechselvollen Historie Hongkongs, die sich in der Gegewart nur konsequent fortsetzt. Wer Das Auge von Hongkong gelesen hat, versteht auch aus der Distanz diese Stadt und ihre Bedeutung besser.

Die Verbindung aus Stadtgeschichte und Kriminalerzählungen gelingt Chan-ho Kei überzeugen. Und wenngleich die Übersetzung wie schon bei 64 von Hideo Yokoyama einen Umweg geht und statt aus der Originalsprache aus der englischen Übersetzung von Sabine Längsfeld ins Deutsche übertragen wurde, ist das Ergebnis durchaus stimmungsvoll.

Fazit

Möchte man die Geschichte Hongkongs etwas besser verstehen, ist man mit diesem Krimi gut beraten. Sucht man ein formal ungewöhnlichen Krimi, dann ist man mit diesem Buch ebenfalls gut beraten. Und möchte man mal wieder in guter alter Arthur Conan Doyle-Manier über Verbrechen und Verbrecher rätseln, auch dann ist dieses Buch eine wirkliche Empfehlung. Drei gute Gründe, um sich Das Auge von Hongkong von Chan Ho-Kei einmal näher anzusehen!


  • Chan Ho-Kei – Das Auge von Hongkong
  • Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld
  • ISBN 978-3-85535-028-5 (Atrium)
  • 576 Seiten. Preis: 24,00 €
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Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore Bd. 2

Nun geht es also weiter – nach 3 Monaten Wartezeit seit dem Erscheinen von Die Ermordung des Commendatore – Eine Idee erscheint gibt es Nachschub. Dort, wo der erste Teil ganz plötzlich endete, setzt unvermittelt Band Zwei ein. Und gleich ist man wieder drin in der Welt des Porträtmalers, der keinen Namen trägt. Dafür hat der Vorbesitzer seiner Wohnstatt einen höchst berühmten Namen: Tomohiko Adama. Dieser schuf einst bekannte Gemälde und war eine gefeierte Größe im Kunstbetrieb – mittlerweile liebt dieser allerdings geistig umnachtet in einem Altenheim. Der Maler soll das Haus hüten und stößt auf eine Vielzahl an Geheimnissen, die ihm Rätsel aufgeben und einen unerklärlichen Reiz auf ihn ausüben.

So findet sich hinter dem Haus in den Bergen eine mysteriöse Grube, aus der immer wieder zu einer bestimmten Uhrzeit Signale ertönen. Und auf dem Dachboden des Hauses entdeckt Murakamis Held zudem ein unbekanntes Gemälde Adamas, das in keinem Werkverzeichnis des Künstlers auftaucht. Dessen Titel lautet eben Die Ermordung des Commendatore und zeigt eine Szene aus Mozarts Don Giovanni. Und dann ist da auch noch jener Commendatore höchstselbst, der immer wieder als puppengroße Erscheinung auftaucht, wenn keine anderen Menschen in der Nähe sind. Eine Art künstlerisch anspruchsvoller Pumuckl, der den Helden lenkt und ihm Ideen einflüstert.

All diese bereits aus dem ersten Band bekannten Motive und angerissenen Fäden führt Murakami nun fort, indem er den Maler tiefer in die Lebensgeschichte Tomohiko Adamas eintauchen lässt. So werden dessen familiäre Hintergründe erklärt. Und auch der geheimnisvolle Herr Menshiki, der Nachbar vom Haus auf dem Hügel gegenüber, bekommt nun mehr Spielzeit. Von dessen (möglicher) Tochter Marie fertigt der Maler gerade ein Porträt, als diese plötzlich verschwindet. Um sie wiederzufinden, macht sich der Maler auf die Suche und erhält dabei von der Geistererscheinung des Commendatore Anweisungen. Damit beginnt eine Reise, die wieder einmal Murakami-Typisch zwischen Geistern und echter Welt hin- und herpendelt.

Die Ermordung des Commendatore II – eine Metapher wandelt sich zeigt schon mit dem Titel, was den Leser erwartet. Neben den realen Elementen der Geschichte fließt auch viel Geisterspuk und Metaphysisches in die Erzählung ein. So tauchen doppelte und einfache Metaphern auf – genauso wie sich Ideen materialisieren und den Helden beeinflussen. Auch die Verbindung zur bisher unverbunden stehenden gesichtslosen Gestalt aus dem Prolog von Band 1 wird nun hergestellt. Alles rundet sich und findet einen befriedigenden Abschluss. Murakami gelingt es hier erneut, trotz aller möglichen komischen oder abgedrehten Element seiner Erzählung eine ernste und glaubhafte Erzählung abzuliefern. Dies tut er in diesem typisch zurückhaltend-schwebenden Murakami-Sound, der unzählige Leser*innen zu begeistern mag. So auch mich!

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