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Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Bereits zum zweiten Mal seziert Ralf Rothmann nach Im Frühling Sterben das Leben von Menschen im Zweiten Weltkrieg. Der Gott jenes Sommer ist stark mit Rothmanns letztem Buch verbunden, so spielt unter anderem die Figur des Melkers Walter (die eine Nachzeichnung von Rothmanns eigenem Vater darstellt) auch in Rothmanns neuem Buch eine zentrale Rolle.

Den Mittelpunkt der Geschichte bildet allerdings Luisa, eine büchervernarrte junge Frau, die mit ihrer Familie auf einem Gut in der Nähe von Kiel lebt. Täglich ziehen die Bomber über ihren Weiler hinweg, um die nahegelegene Großstadt zu bombardieren. Verdunklung ist angesagt, der Vater weilt oft außerhalb im Offizierscasino. Der Dorflehrer erteilt Luisa und ihren Mitschülern unbeirrt noch ideologie-indoktrinierten Unterricht. Vom Aufgeben und einer möglichen Niederlage möchte man zuhause nichts wissen, zählt doch ein einflussreicher Partei-Funktionär zum erweiterten Familienumfeld. So versucht man sich, so gut es geht mit den besonderen Umständen zu arrangieren und auszuhalten.

Die besondere Stärke des neuen Romans von Ralf Rothmann liegt wieder in der Beschreibung des Alltags, der durch den Krieg geprägt ist. Sprachlich vielschichtig und präzise schildert er das Leben und den Krieg aus der Sicht von der jungen Luisa, die doch so schnell erwachsen werden muss. Präzise zeichnet Rothmann die Einschränkungen, Sorgen und Ängste nach. Allerdings zeigt er auch die himmelweiten Unterschiede zwischen dem entbehrungsreichen Leben der normalen Bevölkerung und dem weiterhin hohen Lebensstandard der Nazi-Haute-Volée. So feiert der Nazi-Hauptsturmführer noch ein rauschendes Fest mit gebratenen Hähnchen, Poker und jeder Menge Alkohol während um ihn herum ganz Schleswig-Holstein von den Alliierten zerbombt wird. Diese sehr ausführlich gestaltete Szene zählt zu den Momenten, die von diesem Buch hängen bleiben werden.

In diesen Szenen und Anlagen ist Ralf Rothmann groß. Ein überspannender Bogen, der diese Episoden verbindet, ist in diesem Buch nur rudimentär erkennbar. Dies will Rothmann nach meinem Dafürhalten auch gar nicht ausgestalten. Dem Schriftsteller geht es nicht um eine dramatische Formung des Plots – Dramatik bietet das alltägliche Leben von Luisa und ihrer Familie schon mehr als genug. Vielmehr legt Rothmann seinen Fokus auf eine Schilderung eines kurzen Ausschnitts aus Luisas Leben, die er in einer präzisen Sprache schildert.

Apropos Sprache: diese Schilderung aus Luisas Leben unterbricht er immer wieder, indem er erfundene Passagen aus einer anderen Kriegszeit in seinen Text schneidet. Er erzählt parallel immer wieder aus einer fiktiven Chronik von Bredelin Merxheim. Darin berichtet dieser, was der Dreißigjährige Krieg ebenfalls für Leid über die Menschen brachte. Zunächst war ich ob dieser Passagen etwas irritiert, hätte es sie nach meinem Dafürhalten doch eigentlich nicht gebraucht. Dieser Eindruck verflüchtigte sich aber im Laufe der Geschichte. In der Parallelmontage ist Rothmann sehr start und beweist, welch präziser Sprachartist er doch ist. Wie er den Tonfall eines Grimmelshausen oder Gryphius hier imitiert und nachbaut, das verdient große Anerkennung.

Kurz reißt er auch noch das Schicksal der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg an, was das Überleben für Täter und Opfer bedeutet. Doch dies passiert auch nur rasch (und mir etwas zu oberflächlich) – danach sind die 252 Seiten schon wieder rum. Ist Der Gott jenes Sommers ein Buch, das das Zeug zum literarischen Klassiker hat? Dazu fehlt dem Buch in meinen Augen einiges, auch wenn die Szenen und Kriegsschilderungen gut gelungen sind. Neue Facetten weiß er dem Ganzen allerdings nur bedingt abzugewinnen. Dennoch lohnt sich die Lektüre auch des neuen Buchs von Ralf Rothmann, da uns der Autor einmal mehr das Leben im Zweiten Weltkrieg erfahr- und fühlbar macht.