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Svenja Leiber – Nelka

Erinnerung in Form von Apfelbäumen. In ihrem Roman Nelka lässt Svenja Leiber eine gleichnamige Zwangsarbeiterin Jahre nach dem erlittenen Leid im Zweiten Weltkrieg an jenen Ort zurückkehren, den sie mit ihrem Wissen entscheidend prägte — und an dem sie auf einen alten Bekannten trifft.


Genauer besehen ist so ein Baum schon eine merkwürdige Angelegenheit. Nelkas Vater erklärt es der jungen Frau so, als er sie in die Kunst des Okulierens, als des Veredelns von Bäumen, einführt:

„Sieh genau hin“, sagte der Vater noch leiser, „sieh hier“, und damit zog er das weiche Holz von der darunterliegenden Schicht ab, „wohnt sein Herz. Es ist nicht wie beim Menschen. Das Baumherz ist über den Baum gebreitet und nicht in seinem Innern. Alles ist bei ihm umgekehrt. Sein Kopf wächst im Boden, sein Unterteil in den Himmel. Seine Wurzeln sind sein Gehirn, dort unten denkt er. Und oben vermehrt er sich.“

Svenja Leiber – Nelka, S. 42

Das Ergebnis dieser Vermehrung sind Früchte, die Titel wie Roter Herbstkalvill, Flandrischer Rambur, Graf Luxburgs Parmäne oder Blutapfel tragen.
Nelkas Vater hat sich als Baumwärter um die Pflege der Bäume rund um Lemberg verdient gemacht. Doch das sorglose Leben im kosmopolitischen Schmelztiegel Lemberg findet mit der Annektierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende.

Nelkas Vater wird ermordet und sie selbst als „Fremdarbeiterin“ von den Nazis in den Norden Deutschlands, die „Nordmark“ verschleppt. Sie findet sich neben vielen weiteren galizischen Frauen auf einem Bauernhof wieder, wo die Arbeiterinnen wie Tiere in Baracken gehalten werden und täglichen Frondienst leisten müssen. Kühe melken, Steine schleppen und sich selbst aufarbeiten, so sieht der neue Alltag für die Frauen aus.

Apfelwissen als Lebensretter

Svenja Leiber - Nelka (Cover)

Es ist das von ihrem Vater erlernte Wissen rund um die Äpfel, das Nelka einen Weg aus der Schinderei verschafft. Denn als der Verwalter des Hofs dort erkennt, über welches Wissen Nelka verfügt, macht er sie zur Beauftragten für den Ausbau des Hofs zur ertragreichen Apfelplantage. Damit einhergeht auch eine Verbesserung für die junge Frau, die nun auch im Gutshaus wohnen darf.

Die Äpfel spielen eine wichtige Rolle für die Versorgung der Zivilbevölkerung und der Soldaten — und werden auch über den Krieg hinaus zu einer wichtigen Einkommensquelle für den Gutsherren und seinen Verwalter werden.

Der Verwalter erhebt sich und geht das Fenster schließen.
Kurz sieht er hinaus. Aber nur, um sich zu sammeln, denn diese Frau verstreut ihm den Verstand, als würde sie ihn mit weitem Schwung den Hühnern hinwerfen. So fühlt er sich.
„Ich plane, im Sinne des Nährstandes, eine Obstplantage aufzubauen, und du wirst mir dabei helfen. Du wirst mir alles Notwendige dafür mitteilen“, sagt er, wendet sich um und tritt hinter ihren Stuhl.

Svenja Leiber – Nelka, S. 110

Doch auch wenn der Krieg zu seinem Ende kommt und Nelka damit nicht mehr an den Hof gebunden ist, kann sie nicht vergessen, was ihr das pomologische Wissen zwar für einen Ausweg aus dem Leid ermöglichte, was dieses Wissen aber auch für einen Preis hatte.

Nun, Jahre nach dem Kriegsende, kehrt Nelka ein letztes Mal auf die Apfelplantage zurück, um dem damaligen Gutsverwalter gegenüberzustehen…

Die Nachwirkung von Schuld

Neben seinem Blick auf das Schicksal von Zwangsarbeiter*innen im Zweiten Weltkrieg ist Svenja Leibers Roman besonders spannend in Hinblick auf die Nachwirkung von Schuld und sich verschiebender Machtdynamiken, die Nelkas Wissen ihr einst auf dem Hof ermöglicht.

Komponiert ist ihr Roman aus den Rückblenden auf Nelkas Leben zur Zeit des Weltkriegs auf dem Gutshof und einer ins erzählerische Jetzt gesetzten Rahmenhandlung, bei der Nelka noch einmal auf Marten, den Gutsbesitzer, trifft und ihn so mit dem erlittenen Unrecht konfrontiert.

„Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur“, sagt Nelka, „spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutete, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.“

Svenja Leiber – Nelka, S. 194

Die Äpfel beziehungsweise die Apfelbäume sind dabei ein gutes Motiv, das sich auf das Unrecht übertragen lässt, das Nelka erfahren musste. Denn Schuld kann sich vielleicht einlagern, wird umschlossen wie die Kerne eines Apfelgehäuses oder die guten und schlechten Jahre in einem Baumring. Die Schuld bleibt aber dennoch da und überdauert die Zeit und kommt über kurz oder lang zum Vorschein, spätestens wenn der Apfel aufgeschnitten oder der Apfelbaum gefällt wird.

Dass bei der Rückkehr Nelkas an den Ort des Schreckens kaum ein Baum mehr steht, fast alle der ehemaligen Apfelbäume gefällt und gesprengt wurden, ist diesbezüglich auch hochsymbolisch zu sehen. Denn mag die Plantage auch anders aussehen, das Land ein anderes geworden sein und Nelka selbst mit ihrem Mann ebenfalls in einem neuen System leben, es zeigt sich, dass William Faulkner mit seinem Diktum über die Unvergänglichkeit des Vergangenen Recht hatte.
Die Vergangenheit ist eben nicht vergangen und lebt immer noch fort. Taten von früher haben auch Generationen später noch Nachwirkungen und werden wieder freigelegt, was Nelka plastisch vor Augen führt.

Ein Apfelbaum als Inspirationsquelle

Es war einst ein Apfelbaum im Nachbargarten des Elternhauses, der von einem oder einer Kriegsgefangenen gepflanzt worden war und der in Svenja Leiber den Wunsch nach einer literarischen Beschäftigung mit dem Thema der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen in Schleswig-Holstein weckte (immerhin fast 50.000 Gefangene waren alleine in der Landwirtschaft im Jahr 1943 in Schleswig-Holstein in der Landwirtschaft eingesetzt und leisteten damit einen entscheidenden Anteil am Fortbestand der Höfe, wie der Autorin in ihrem Nachwort zu Nelka schreibt).

Aus diesem kleinen Samen ist ein wirklicher literarischer Baum gereift, der fein verästelt den Fragen von Schuld und den Nachwirkungen der Zwangsarbeiter-Schicksale nachspürt und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Frage von Aufarbeitung und der Verdrängung von Schuld liefert.


  • Svenja Leiber – Nelka
  • ISBN 978-3-518-43276-1 (Suhrkamp)
  • 200 Seiten. Preis: 24,00 €

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Bereits zum zweiten Mal seziert Ralf Rothmann nach Im Frühling Sterben das Leben von Menschen im Zweiten Weltkrieg. Der Gott jenes Sommer ist stark mit Rothmanns letztem Buch verbunden, so spielt unter anderem die Figur des Melkers Walter (die eine Nachzeichnung von Rothmanns eigenem Vater darstellt) auch in Rothmanns neuem Buch eine zentrale Rolle.

Den Mittelpunkt der Geschichte bildet allerdings Luisa, eine büchervernarrte junge Frau, die mit ihrer Familie auf einem Gut in der Nähe von Kiel lebt. Täglich ziehen die Bomber über ihren Weiler hinweg, um die nahegelegene Großstadt zu bombardieren. Verdunklung ist angesagt, der Vater weilt oft außerhalb im Offizierscasino. Der Dorflehrer erteilt Luisa und ihren Mitschülern unbeirrt noch ideologie-indoktrinierten Unterricht. Vom Aufgeben und einer möglichen Niederlage möchte man zuhause nichts wissen, zählt doch ein einflussreicher Partei-Funktionär zum erweiterten Familienumfeld. So versucht man sich, so gut es geht mit den besonderen Umständen zu arrangieren und auszuhalten.

Beschreibung des Alltags

Die besondere Stärke des neuen Romans von Ralf Rothmann liegt wieder in der Beschreibung des Alltags, der durch den Krieg geprägt ist. Sprachlich vielschichtig und präzise schildert er das Leben und den Krieg aus der Sicht von der jungen Luisa, die doch so schnell erwachsen werden muss. Präzise zeichnet Rothmann die Einschränkungen, Sorgen und Ängste nach. Allerdings zeigt er auch die himmelweiten Unterschiede zwischen dem entbehrungsreichen Leben der normalen Bevölkerung und dem weiterhin hohen Lebensstandard der Nazi-Haute-Volée. So feiert der Nazi-Hauptsturmführer noch ein rauschendes Fest mit gebratenen Hähnchen, Poker und jeder Menge Alkohol während um ihn herum ganz Schleswig-Holstein von den Alliierten zerbombt wird. Diese sehr ausführlich gestaltete Szene zählt zu den Momenten, die von diesem Buch hängen bleiben werden.

In diesen Szenen und Anlagen ist Ralf Rothmann groß. Ein überspannender Bogen, der diese Episoden verbindet, ist in diesem Buch nur rudimentär erkennbar. Dies will Rothmann nach meinem Dafürhalten auch gar nicht ausgestalten. Dem Schriftsteller geht es nicht um eine dramatische Formung des Plots – Dramatik bietet das alltägliche Leben von Luisa und ihrer Familie schon mehr als genug. Vielmehr legt Rothmann seinen Fokus auf eine Schilderung eines kurzen Ausschnitts aus Luisas Leben, die er in einer präzisen Sprache schildert.

Die Chronik des Bredelin Merxheim

Apropos Sprache: diese Schilderung aus Luisas Leben unterbricht er immer wieder, indem er erfundene Passagen aus einer anderen Kriegszeit in seinen Text schneidet. Er erzählt parallel immer wieder aus einer fiktiven Chronik von Bredelin Merxheim. Darin berichtet dieser, was der Dreißigjährige Krieg ebenfalls für Leid über die Menschen brachte. Zunächst war ich ob dieser Passagen etwas irritiert, hätte es sie nach meinem Dafürhalten doch eigentlich nicht gebraucht. Dieser Eindruck verflüchtigte sich aber im Laufe der Geschichte. In der Parallelmontage ist Rothmann sehr start und beweist, welch präziser Sprachartist er doch ist. Wie er den Tonfall eines Grimmelshausen oder Gryphius hier imitiert und nachbaut, das verdient große Anerkennung.

Kurz reißt er auch noch das Schicksal der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg an, was das Überleben für Täter und Opfer bedeutet. Doch dies passiert auch nur rasch (und mir etwas zu oberflächlich) – danach sind die 252 Seiten schon wieder vorbei.

Fazit

Ist Der Gott jenes Sommers ein Buch, das das Zeug zum literarischen Klassiker hat? Dazu fehlt dem Buch in meinen Augen einiges, auch wenn die Szenen und Kriegsschilderungen gut gelungen sind. Neue Facetten weiß er dem Ganzen allerdings nur bedingt abzugewinnen. Dennoch lohnt sich die Lektüre auch des neuen Buchs von Ralf Rothmann, da uns der Autor einmal mehr das Leben im Zweiten Weltkrieg erfahr- und fühlbar macht.


Quelle Titelbild: „Farnborough Airshow 2008 World War II Aircraft: Avro Lancaster bomber accompanied by Spitfire and Hurricane fighter planes“ von o palsson, lizenziert unter CC BY 2.0.