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Karine Tuil – Die Gierigen

Die Lügen der Anderen

Das Debüt der Französin Karine Tuil ist ein famoses Stück über Täuschung, Identität, Verrat, Begehren und gesellschaftliche Normen. Die Gierigen entführt den Leser von Frankreich nach New York. Dorthin hat sich Samir aufgemacht, um ein geachteter und reicher Staranwalt zu werden. Früher waren er, der Jude Samuel und Nina, die die Begehrlichkeiten der beiden Jungen auf sich zog, ein befreundetes Triumvirat.

Karine Tuil - Die Gierigen (Cover)

Nina und Samuel leben nun in Paris in bescheidenen Verhältnissen, während es Samir Jay Gatsby gleich getan hat und sich selbst neu erfunden hat. Eines Tages erfährt das Pariser Ehepaar vom Aufstieg Samirs und muss feststellen, dass sich Samir Teile von Samuels Identität zu eigen gemacht hat, um seinen Aufstieg zu begründen. Geschockt fordert Samuel eine Aussprache zwischen den Dreien, infolge der sich alle Verhältnisse umkehren und Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden, die ebendieses besser nicht mehr erblickt hätten. Eine große Katastrophe für alle Beteiligten nimmt ihren Lauf.

Karine Tuil hat einen Roman geschrieben, der deutlich mehr enthält, als der Klappentext verraten mag. Neben den Feldern der Identität und Herkunft behandelt sie auch Themen wie das Judentum und den Islamismus und die gesellschaftliche Stellung der Religion in verschiedenen Gesellschaften. Sie kreist permanent um die Lebensentwürfe der drei Hauptprotagonisten und wechselt die Perspektiven. Selbst jeder Nebencharakter wird von ihr noch mit einer Fußnote bedacht.

Sprachlich ansprechende Gesellschaftsanalysen

Neben dem klug komponierten Inhalt auffällt, ist die Art, mit der Karine Tuil ihre Erzählung über 400 Seiten vorantreibt. Die Autorin schaut unbarmherzig auf die Lebensentwürfe und leuchtet diese mit ihrem geschärften Sprachsensorium aus. So besticht Die Gierigen durch einen kraftvollen Sound (Übersetzung Maja Ueberle-Pfaff), der die Erzählung nicht nur trägt sondern auch vorwärts treibt.

Das Buch erinnert in manchen Passagen an die Theaterstücke Yasmina Rezas oder Der Vorname, da hier ähnlich unbarmherzig Lebensentwürfe seziert werden. Insgesamt ein kluges Buch, das mit den unterschiedlichsten Themen prall gefüllt daherkommt und dem viele Leser zu wünschen sind!

Daniel Clay – Die Bewohner von Drummond Square

Die Asozialen

Wehe dem, der solche Nachbarn hat. Gegen die Oswalds, die eine tragende Rolle in Daniel Clays Debütroman Die Bewohner von Drummond Square verblassen alle Nachbarschaftstreite, die vorzugsweise im Privatfernsehen ausgetragen werden.

Daniel Clay wirft einen Blick in den Mikrokosmos des Drummond Square, einer trostlosen englischen Vorstadt in Southhampton. Dort leben die Oswalds, eine typische Familie der Gattung White Trash. Die Familie besteht aus dem kriminellen Vater Bob Oswald und seinen fünf Töchter, die von der Sozialhilfe leben und ihr Umwelt terrorisieren. Die anderen Kinder und deren Eltern fürchten die asozialen Nachbarn, aber niemand wagt es gegen die verhassten Nachbarn aufzubegehren. Das Recht des Stärkeren regiert und was mit Schlägen gegen ein Kind durch Bob Oswald beginnt wird am Ende des Buches in einer großen Katastrophe enden.

Vorab: Der Originaltitel „Broken“ wäre deutlich besser als der in der deutschen Übersetzung gewählte Titel „Die Bewohner von Drummond Square“. „Broken“ ist nicht nur der Name eines Charakters, dem große Bedeutung zukommt, sondern zeigt auch den Verlust von Stabilität und Verlässlichkeit.

Dysfunktionale Familien, Gewalt und keine Hoffnung

Mag das Cover auch noch relative Ordnung symbolisieren, im Buch ist nichts mehr davon übrig. Tristesse dominiert und manchmal erwischte ich mich als ich das selbe Ohnmachtsgefühl während der Lektüre verspürte, wie es die Akteure in „Die Bewohner von Drummond Square“ verspüren. Es ist kein Buch, das gute Laune macht oder dem Leser eine gute Zeit beschert – dafür ist es zu realistisch und schon nahezu naturalistisch.

Insgesamt ein Debüt, das noch Ecken und Kanten und offenbart und Steigerungspotential aufweist. Für einen ersten Wurf allerdings schon erstaunlich weit und mit einem Willen zum Realismus, den man nur bewundern kann. Ins Deutsche übertragen wurde dieses Buch von Rudolf Hermstein.