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Karine Tuil – Die Zeit der Ruhelosen

Die richtungsweisenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich stehen kurz bevor – da erscheint nun im Ullstein-Verlag der passende Roman, der sich mit der sozialen Gemengelage in Frankreich auseinandersetzt. Geschrieben hat ihn die Autorin Karine Tuil, die deutsche Übersetzung besorgte Maja Ueberle-Pfaff.

Die Zeit der Ruhelosen setzt sich mit wichtigen und prägenden Themen der Zeit auseinander und kreist um vier ProtagonistInnen, die da wären: der Afghanistan-Veteran Romain Roller, der unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die Journalistin Marion Decker, die wiederum mit dem Milliardär Francois Vély liiert ist, sowie der verstoßene Politiker Osman Diboulla, der einst Teil des Beraterstabs des französischen Präsidenten war.

Vier Menschen und ihre Beziehungen

Karine Tuil - Die Zeit der Ruhelosen (Cover)

Diese vier Protagonisten bilden das Gerüst des Romans. Wie sich die vier gegenseitig beeinflussen, das beobachtet Karine Tuil ausgehend von einem Fenstersturz. Die Frau des Milliardärs Francois Vély hat sich umgebracht, indem sie aus dem eigenen Wohnungsfenster in den Tod sprang. Folglich driftet dessen Familie nun völlig auseinander. Vély, dessen Geburtstagsname eigentlich Lévy ist, pflegt eine Affäre mit der Journalistin Marion Decker, um sich über den Verlust seiner Frau und die Entfremdung seiner Kinder hinwegzutrösten. Jene beginnt nun wiederum eine Affäre mit dem Soldaten Romain Roller, dem die Journalistin in Afghanistan begegnete, als sie eine Reportage schrieb.

Der verstoßene Politiker Osman Diboulla kommt nun ins Spiel, als über Francois Vély ein Shitstorm hereinbricht, der ihn zu verschlingen droht. Infolge eines Interviews präsentierte sich Vély sehr ungeschickt und hat nun Rassismus- und Sexismusvorwürfe am Hals. Immer größer wird der Shitstorm – in dem Osman seine Chance erkennt, sich gesellschaftlich und politisch zu rehabilitieren. Der Politiker springt für Vély in die Bresche und setzt sich mit Verve für den gefallenen Magnaten ein.

Gesellschaftlich auf der Höhe der Zeit

In Die Zeit der Ruhelosen verhandelt Karine Tuil viele Fragen, die die Zeit und Frankreich prägen. Rassismus in den Gesellschaftsschichten, Antisemitismus, Kriegsheimkehrer, Radikalismus, die prekäre Lage in den Banlieues – es sind viele Themen, die Tuil in ihrem Roman anschneidet. Auch wenn das ganze manchmal in sehr theatrale, an Yasmina Reza geschulte Dialoge und Szenen kippt, in denen sämtliche Argumente verhandelt werden, unterhält der Roman doch im Großen und Ganzen sehr gut.

Ähnlich wie im hier schon besprochenen Roman Die Gierigen ist Tuil hier auf Höhe der Zeit und porträtiert eine zerrissene Gesellschaft und ein zerrissenes Land. Der Autorin ist ein wirklicher Gesellschaftsroman gelungen, der viel über unser Nachbarland Frankreich, aber auch viel über unser eigenes Denken und Handeln verrät.

Adventskalender – Türchen 19

Eieiei, da lag der Adventskalender nun tatsächlich über das Wochenende brach – den Weihnachtsfeiern ist es geschuldet. Nun aber wieder frisch ans Werk in dieser letzten Woche. Heute gleich mit einem Krimi für das Weihnachtsfest, wie er perfekter nicht sein könnte!

J. Jefferson Farjeon – Geheimnis in Weiß

Der Krimi zum Weihnachtsfest

Geheimnis in Weiß ist die deutsche Erstveröffentlichung eines im englischen Sprachraum schon lang bekannten Krimis des Autors J. Jefferson Farjeon (1883-1955) aus dem Jahr 1937. Stilistisch zählt dieser Krimi klar zur goldenen Epoche des Kriminalromans und wurde von Eike Schönfeld ins Deutsche übertragen. Zudem wurde diese Monographie mit einem Nachwort des britischen Krimischriftstellers Martin Edwards versehen, um die Ausgabe zu komplettieren.

geheimnisDer Krimi erzählt von einer bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaft, der der heftige Schneefall in England kurz vor dem Heiligen Abend zum Verhängnis wird. So wird die Bahn, in der sich die Reisenden befinden, zu einem Halt auf freier Strecke gezwungen. Notgedrungen raufen sich das im Bahnabteil befindliche Geschwisterpärchen, eine Revuetänzerin, ein Mitglied der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft, ein fiebernder Rechnungsprüfer und ein betagter Nörgler zusammen, um sich per Fuß auf den Weg ins nächste Dorf zu machen. Doch unterwegs kommt alles anders als gedacht und ein weiterer Gestrandeter trifft auf die Gruppe. Zusammen kämpfen sie sich durch das dichte Schneetreiben, um plötzlich vor einem Herrenhaus zu stehen. Dessen Tür ist nicht verschlossen, auf dem Herd ist Teewasser aufgesetzt und im Kamin prasselt ein gemütliches Feuer. Continue reading

Angelika Felenda – Wintergewitter

Bereits einmal ließ Angelika Felenda ihren Kommisär Reitmeyer im krisengeschüttelten München ermitteln, nämlich im Fall Der eiserne Sommer. Damals  dräute der Erste Weltkrieg und in der Landeshauptstadt München brodelte es. Nachdem am Ende des Buchs der Kommisär seinen Einzugsbefehl an die Front erhielt, ist er nun nach sechs Jahren wieder zurück in München. Als Kriegszitterer hat er einige Traumata aus dem Krieg mitgebracht und versucht die Erinnerungen mit Geigenspiel zu verjagen.

wintergewitterDoch auch zwei Jahre nach Kriegsende kommt die Landeshauptstadt nicht zur Ruhe. Bürgerwehren patrouillieren auf den Straßen, die rechten und das linken Lager tragen blutig ihre Fehden aus und der verlorene Weltkrieg hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Sehr angespannte Zustände also, in denen sich München befindet. Der neue Fall für den Ermittler Reitmeyer nimmt sich allerdings erst einmal ganz unpolitisch aus. Eine junge Kellnerin namens Cilly Ortlieb wurde tot im Keller eines Gasthauses aufgefunden. Recht schnell steht der Tathergang fest. Das Mädchen wurde mit einer Heroinspritze ermordet. Das alleine würde kaum Aufsehen erregen, doch schon bald wird eine weitere junge Frau tot auf einer Parkbank sitzend aufgefunden. Der Modus Operandi des Täters ist identisch. Was ist das Motiv des Täters? Die Suche nach Erkenntnis führt den Kommisär in die Palais von Adeligen, bringt ihn mit der rechten Einwohnerwehr in Kontakt und wird schließlich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Continue reading

Michael Köhlmeier – Das Mädchen mit dem Fingerhut

Das wilde Kind 

Köhlmeier_25055_MR2.inddEin kleines Mädchen taucht quasi aus dem Nichts in einer Stadt auf. Von einem Onkel mehr oder weniger ausgesetzt stromert es fortan getrieben wie ein Korken in den Wellen, durch eine Stadt und eine Gesellschaft, die es nicht kennt. Erwachsene Menschen kreuzen seine Wege, doch das Mädchen wirkt getrieben und geht den Erwachsenen aus dem Weg. Einzig beim Wort „Polizei“ schreit das Kind und sträubt sich gegen jede Vereinnahmung.
Konsequent nimmt Köhlmeier in seiner neuen Erzählung die Perspektive eines kleines Kindes ein. Mit leichtem österreichischen Idiom betrachtet er diese wundersame Welt aus den Augen seiner Yiza. Dies gelingt ihm ähnlich gut wenn nicht sogar besser wie in seinem Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer. In kurzen, parataktischen Sätzen begleitet er das Wesen und seinen Taumel durch die Welt.

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Peter Høeg – Der Susan Effekt

The Great Danish Family

Susan Svendsen ist eine mehr als ungewöhnliche Frau: sie ist Experimental-Physikerin, hat eine Vorliebe für das physikalisch korrekte Kochen und Backen und spielt die Hauptrolle in Peter Høegs neuem Roman Der Susan-Effekt.
http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-susan-effekt/978-3-446-24904-2/
Nach seinem Welterfolg Fräulein Smillas Gespür für Schnee handelt es sich nun bei seinem neuen Roman wieder um eine Mischung aus Thriller und philosophischem Roman, der eine starke Frauenfigur in den Fokus stellt. Der titelgebende Susan-Effekt wurde dabei von Susans wissenschaftlicher Ziehmutter Andrea Fink entdeckt, die erstmals ein Phänomen klassifizierte, das Susan umgibt: sämtliche Menschen in Susans Umgebung geben im Gespräch mit ihr nämlich das Innerste preis, ähnlich wie bei einem Wahrheitsserum. Und dieser Effekt ist es auch, der die Dänische Regierung brennend interessiert, da er Susan für eine ganz bestimmte Mission prädestiniert. Sie soll sich auf die Suche nach verschwundenen Dokumenten der sogenannten Zukunftskommission machen. Wie Susan langsam herauszufinden beginnt, hat diese Kommission nämlich vor Jahrzehnten zahllose Prognosen und Vorhersagen gemacht, die nahezu komplett so eintraten. Doch während Susan mit Hilfe ihrer hochkriminellen Great Danish Familiy den Dokumenten und Mitgliedern auf die Spur zu kommen versucht, sterben die Mitglieder der Zukunftskommission hintereinander.
Peter Høeg hat einen Roman geschrieben, der Elemente eines Thrillers mit physikalischen Erklärungen und philosophischen Betrachtungen paart. Seine Heldin Susan Svendsen ist dabei eine Alleskönnerin, die mit dem Kuhfuß in ihrer Tasche genauso umzugehen weiß wie mit Männern oder kalibrierten Herden.
Diese fast übermenschlich anmutendende Heldin strapaziert mit ihren ellelangen Ausführungen zu physikalischen Phänomenen und Ähnlichem die Geduld des Leser das ein um das andere Mal. Dann gibt es aber auch wieder Passagen, die zum Nachdenken anregen oder innehalten lassen.
Realismus ist Peter Høegs Sache aber nicht: was Susan angeht, das gelingt ihr. Sie entgeht professionellen Killern, schafft es, im Getriebe der Macht zu bestehen und sogar die Croissants im Backofen gehen bei ihr auf. Glaubwürdig ist an Der Susan-Effekt nahezu nichts.
Das Showdown-Ende in bester James-Bond-Manier lässt den Roman, der Potential zu etwas Ungewöhnlichem gehabt hätte, leider dann doch sehr konventional und fast ein wenig enttäuschend enden.
Generell liegt das Problem des Buchs in seinem Bogen, den Høeg zunächst sehr groß anlegt (die Zukunftskommission, Morde an den Mitgliedern, die Lebensgeschichte von Susans Familie, die Leichen im Keller der dänischen Politik, etc.), dann aber nicht konsequent auserzählt. Stränge laufen ins Leere und für den Budenzauber, den er betreibt, endet das Ganze dann höchst profan.
Ein Lob an dieser Stelle gebührt der Lesung durch Sandra Schwittau. Die ungekürzte Lesung wird von der Schauspielerin mit Nüchternheit, manchmal auch sanfter Ironie oder knallharter Strenge vorgetragen. Sie verleiht Susan Svendsen eine schroffe, markante Stimme. Eine gute Wahl für das neun CDs und über elf Stunden umfassende Werk des dänischen Starautoren!