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Wie Phoenix aus der Asche

Die Brettspielereihe T.I.M.E. Stories

Am Anfang dieser Rezension spreche ich erst einmal eine Brettspiel-Empfehlung aus. Denn die Reihe der T.I.M.E.-Stories zählen zu dem Spannendsten, das ich seit langem auf meinem Spieletisch hatte. Die Kernidee dahinter: als Spieler ist man Mitglied der T.I.M.E. Agency und reist durch die Zeit. Dabei gilt es verschiedene Fälle zu lösen. Beispielsweise ist man in einer Nervenheilanstalt eingeschlossen und muss die mysteriösen Vorgänge hinter den dicken Mauern lösen. Oder man ist im Mittelalter zur Zeit der Inquisition unterwegs, muss 1992 eine amerikanische Kleinstadt vor einer Seuche retten, und und und. Jede der Erweiterungen erzählt eine völlig neue Geschichte. Dabei hat man in jedem Fall immer eine bestimmte Menge an Zeit zur Verfügung, um seine Ermittlungen durchzuführen. Jeder Mitspieler kann sich einen Wirt suchen, mit dessen Identität und Eigenschaften man die Ermittlungen durchführt. Im Normalfall ist eine Lösung des Falles vor Ablauf der Zeit nicht zu schaffen, aber dann startet man einfach noch einmal von vorne. Eventuell einen neuen Wirt aussuchen, die Erkenntnisse aus den vorherigen Durchläufen im Hinterkopf, dann ermittelt man weiter, bis eine Lösung gefunden ist.

Warum erzähle ich nun zu Beginn der Rezension von Stuart Turtons Die sieben Morde der Evelyn Hardcastle von diesem Spiel? Der Vergleich mit dieser Art von Spielemechanismus aus der T.I.M.E.s-Reihe liegt auf der Hand, wenn man sich anschaut, wie Turtons Debüt funktioniert. Denn zunächst wirkt alles noch wie bei einem klassischen britischen Landhaus-Krimi.

1 Mord, 8 Perspektiven, viele Verdächtige

Ein Mann erwacht mit Gedächtnisverlust in einem Wald, eilt zum nahegelegenen Herrenhaus und findet dort eine höchst verdächtige Personenansammlung vor. Er weiß etwas von einem Mord, der am Abend passieren wird. Doch alles wirkt etwas sonderlich. Immer wieder tauchen irritierende Details auf. So bekommt er Informationen von einer Frau namens Anna zugespielt, die ihm Hinweise zu Ereignissen zukommen lässt, die erst später eintreten werden. Alle Personen im Herrenhaus scheinen Geheimnisse zu haben, ein mysteriöser Lakai macht Jagd auf ihn. Und dann gibt es auch noch einen Pestdoktor, der dem Ich-Erzähler eine verstörende Wahrheit offenbar.

Fast könnte man glauben, dass man in ein Hasenloch wie in Alice im Wunderland gefallen ist. Denn der Ich-Erzähler, der sich als Arzt mit Amnesie herausstellt, ist nur einer von acht Figuren, denen man im Laufe des Buch begegnen wird. Alle sind für genau 24 Stunden ein Wirt, in dessen Identität der Held in Stuart Turtons Buch schlüpft. Wie Phoenix aus der Asche wird er immer wiedergeboren und bekommt eine neue Identität verpasst. Mithilfe der acht Perspektiven soll er den entscheidenden Mord an Evelyn Hardcastle aufklären. Wenn er die Beweise für den Mord an der Tochter der Herrenhausbesitzer erbringt, verspricht der mysteriöse Pestdoktor, ihn aus der Zeitschleife zu entlassen, in der er gefangen ist.

Wenn M.C. Escher Krimis bauen würde

Die sieben Morde der Evelyn Hardcastle (Übersetzung durch Dorothee Merkel) ist ein Krimi wie ein Gemälde von M.C. Escher. Ständig werden die Perspektiven durcheinander gewirbelt, wacht man wieder in einem neuen Körper auf, erhält neue Puzzlesteine für das Krimirätsel im Hause Hardcastle, das mindestens so verwinkelt ist, wie es die Räume des Herrenhauses sind. Das ist manchmal kompliziert bis anstrengend, dann aber auch immer wieder ein verblüffender Spaß, den man sich auch gut in der Form einer Fernsehserie vorstellen könnte.

Ein wirklich innovatives Krimirätsel, das durch seine acht Perspektiven immer wieder alles auf den Kopf stellt. Memento trifft Und täglich grüßt das Murmeltier trifft John Dickson Carr – einmal kräftig durchgewirbelt, und man erhält einen der außergewöhnlichsten Kriminalromane der jüngeren Vergangenheit.

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Claire Fuller – Bittere Orangen

Alles so schön heruntergekommen hier

Suchte man nach einem literarischen Äquivalent des Shabby Chic, so würde man mit Claire Fullers neuem Streich Bittere Orangen (Deutsch von Susanne Höbel) eindeutig fündig.


Sekretär im Shabby-Chic-Stil

Shabby Chic zeichnet sich ja dadurch aus, dass die Gebrauchsspuren des Interieurs als Merkmal von Klasse und Stil betrachtet werden. Das Marode, das Heruntergekommene gilt (in begrenztem Rahmen natürlich) als Qualitätskriterium, nach dem sich die ästhetischen Ansprüche richten. Somit tritt Shabby Chic offenbar der Behauptung des Philosophen Byul-Chung Han entgegen, der im Glatten das Charakteristikum unserer Gegenwart ausgemacht hat.

Hier sind die Gebrauchsspuren das Glatte, die Signatur, die durch ihren Makel so etwas wie Authentizität und Einzigartigkeit simulieren soll. Dass diese gewollte Unperfektion und der damit verbunde Wunsch nach Singularität (an dieser Stelle sei noch auf Andreas Reckwitz‘ Theorie der Gesellschaft der Singularitäten hingewiesen) dabei schon wieder einen Massenmarkt mit serieller Beschädigung der Möbel und damit das genaue Gegenteil der gewünschten Distinktion geschaffen hat- geschenkt. Durch die Normierung des Makels und oberflächlichen Schadens entsteht damit dann doch wieder eine Oberflächlichkeit, die damit Byung-Chul Hans These stützt. Doch darum soll es hier eigentlich nicht gehen – sondern um das neue Buch von Claire Fuller.  Genug der Abschweifung!

Warum steht das Buch von Claire Fuller in der Tradition des Shabby Chic? Die Einordnung in diese Kategorie liegt schon aufgrund des gewählten Schauplatzes auf der Hand.

Verwahrlostes Haus

Denn Claire Fuller siedelt ihren neuen Roman im Herrenhaus namens Lynton an. Dorthin verschlägt es die junge Ich-Erzählerin Frances Jellico im Jahr 1969. Nachdem ihre Mutter verstorben ist, sucht sie Halt in einer neuen Aufgabe. Für einen Amerikaner soll sie eine Expertise des Gartens rund um das Herrenhaus vornehmen. Nachdem die Kriege und der Zahn der Zeit heftig an dem Haus genagt haben, ist es nun ihr Auftrag, die Schäden und Chancen am Haus zu dokumentieren und ihre Ergebnisse an den in Übersee weilenden Auftraggeber zu übermitteln.

Der Einfachheit halber bezieht Frances gleich in den oberen Stockwerken des Hauses Quartier und trifft auf zwei weitere Bewohner des heruntergekommenen Anwesens. Als eine Art Hausmeister lebt und arbeitet dort Peter zusammen mit seiner Freundin Cara. Im Laufe des Buches wird die Bande zwischen diesen drei Protagonistinnen immer enger. Mit unabsehbaren Konsequenzen für alle Beteiligten …

So viel zunächst zu den erzählerischen Grundpfeilern von Bittere Orangen. Doch mit der Nennung der drei Hauptfiguren habe ich die vierte und mindestens ebenso wichtige Figur in diesem Roman unterschlagen. Dabei handelt es sich um das Haus Lynton, das ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt und Frances, Cara und Peter ihre Spielfläche gibt.

Claire Fuller inszeniert ihr Lynton so, dass jeder Innenausstatter oder Fan von Lost Places feuchte Augen bekommen dürfte. Wie eine Art ruinöses Downton Abbey reihen sich im Haus Bibliothek, Esszimmer, Schlafgemächer und Dienstbotenzimmer aneinander und ermöglichen es, dass die drei bei ihren Streifzügen immer wieder neue Räume und Geheimnisse entdecken, abendliche Dinner im Kerzenschein in den heruntergekommenen Hallen inklusive. Höhepunkt ist die Orangerie, in der sie dann über die titelgebenden bitteren Orangen stolpern. Die Entdeckung der Orangerie und die weiteren Räume werden dann zu einem Wendepunkt der Beziehungen der drei Freunde.

Wie Enid Blytons Fünf Freunde tollen die Figuren durch das Haus und den umgebenden Garten. Sogar eine pflanzenumrankte Brücke gibt es, die das zum Haus gehörige Gewässer überspannt. Manchmal hat es durchaus den Anschein, als hätte Claire Fuller ihrem Roman Standardwerke für die englische Garten- und Baukunst zugrundegelegt. Aber sie schafft es, trotz dieses Settings alle Klischeeklippen sauber zu umschiffen.

Fans von Shabby Chic dürften durch Fullers Inszenierung dieser Ruine neue Ideen zur Ausgestaltung des eigenen Zuhauses bekommen (auch wenn man dafür hoffentlich nicht die Bibliothek derartig ruiniert, wie das im Lynton Anwesen der Fall ist).

Doch es gibt darüberhinaus noch einen zweiten gewichtigen Grund, dieses Buch in diese Mode einzuordnen.

Hausgäste mit Makeln

Denn die Verfallenheit des Hauses setzt sich in der Anlage der Charaktere fort und trägt zu deren Entwicklung bei. So ist Frances selbst bereits durch den Tod ihrer Mutter gezeichnet. Diese war über 30 Jahre der Fixstern in ihrem Leben und lässt sie nun mit diversen Problemen und Makeln zurück.

Aber auch Cara und Peter haben ihre Geheimnisse und Schwächen, die Claire Fuller geschickt im Laufe des Buches langsam lüftet. Sollbruchstellen, Makel – alle Figuren in Bittere Orangen sind davon betroffen. Besonders evident wird dies dann auch sukzessive auch in der Rahmenhandlung in der Gegenwart, die wie eine Klammer die Geschehnisse im Sommer 1969 umkränzt. Hier gibt es keine glatten Menschen, sondern im Gegenteil jede Menge (moralische) Verwahrlosung und Abgründe – was auch zusätzlich einen großen Reiz dieses Romans ausmacht. Nicht umsonst bedient sich Claire Fuller in ihrem Roman auch der Erzähltheorie des unzuverlässigen Erzählers. All das ist gut komponiert und mit viel Atmosphäre stimmig inszeniert.

Mag auch ihr Schauplatz und das Personal von Bittere Orangen mit Makeln und Sollbruchstellen versehen sein – der Roman selbst ist es nicht. Im Sinne von Byung-Chul Han kann man hier dann wieder von einem Roman sprechen, der das Glatte und den runden Lesegenuss in den Vordergrund stellt, ohne in Oberflächlichkeit abzugleiten. Das gelingt Claire Fuller ganz ausgezeichnet.

Fazit

Mit diesem Roman erschreibt sich die Britin Fuller in meinen Augen ihren Platz irgendwo zwischen Ian McEwan und J.L. Carr. Eine wirklich interessante Erzählerstimme von der Insel, deren Schaffen ich weiterhin aufmerksam im Blick habe, Shabby Chic hin, Chabby Chic her.

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Adventskalender – Türchen 19

Eieiei, da lag der Adventskalender nun tatsächlich über das Wochenende brach – den Weihnachtsfeiern ist es geschuldet. Nun aber wieder frisch ans Werk in dieser letzten Woche. Heute gleich mit einem Krimi für das Weihnachtsfest, wie er perfekter nicht sein könnte!

J. Jefferson Farjeon – Geheimnis in Weiß

Der Krimi zum Weihnachtsfest

Geheimnis in Weiß ist die deutsche Erstveröffentlichung eines im englischen Sprachraum schon lang bekannten Krimis des Autors J. Jefferson Farjeon (1883-1955) aus dem Jahr 1937. Stilistisch zählt dieser Krimi klar zur goldenen Epoche des Kriminalromans und wurde von Eike Schönfeld ins Deutsche übertragen. Zudem wurde diese Monographie mit einem Nachwort des britischen Krimischriftstellers Martin Edwards versehen, um die Ausgabe zu komplettieren.

geheimnisDer Krimi erzählt von einer bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaft, der der heftige Schneefall in England kurz vor dem Heiligen Abend zum Verhängnis wird. So wird die Bahn, in der sich die Reisenden befinden, zu einem Halt auf freier Strecke gezwungen. Notgedrungen raufen sich das im Bahnabteil befindliche Geschwisterpärchen, eine Revuetänzerin, ein Mitglied der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft, ein fiebernder Rechnungsprüfer und ein betagter Nörgler zusammen, um sich per Fuß auf den Weg ins nächste Dorf zu machen. Doch unterwegs kommt alles anders als gedacht und ein weiterer Gestrandeter trifft auf die Gruppe. Zusammen kämpfen sie sich durch das dichte Schneetreiben, um plötzlich vor einem Herrenhaus zu stehen. Dessen Tür ist nicht verschlossen, auf dem Herd ist Teewasser aufgesetzt und im Kamin prasselt ein gemütliches Feuer. Continue reading

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