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Indiebookday 2019

Fünf Empfehlungen

Auch dieses Jahr ist es wieder soweit: der Indiebookday findet statt. Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: man sucht an diesem Tag einen Buchladen seines Vertrauens auf und kauft dort ein oder mehrere Bücher. Diese sollten allerdings aus unabhängigen Verlagen stammen.

Aus diesem Grunde habe ich hier fünf kurze Empfehlungen zusammengetragen, die ich gerne weiterempfehlen möchte, und die in den nächsten Wochen hier auf Buch-Haltung noch etwas genauer vorgestellt werden sollen.

Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Leider hat es mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzung des Buchs durch Karin Uttendörfer nicht so ganz klappen wollen. Nichtsdestotrotz eine große Empfehlung für dieses wirklich schweinische Buch!

Während Europa von Kriegen und Umwälzungen erschüttert wird, kämpft eine Familie von Schweinezüchtern um ihr Fortbestehen – und nutzt die in immer größerem Maßstab stattfindende Ausbeutung des Rohstoffs Tier, um sich in unsere heutige, hochindustrialisierte Welt hinüberzuretten. Éléonore, Kind eines kranken Vaters und einer lieblosen Mutter, erbt Anfang des 20. Jahrhunderts von ihren Vorfahren Schweine und die Gewissheit, dass Gewalt gegen Mensch und Tier zum Leben dazugehört. Mit Disziplin und unbändiger Härte gegen sich selbst allen Schicksalsschlägen trotzend, hält sie den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht und versteht es, ihn über die Jahrzehnte hinweg zu vergrößern und später ihrem Sohn Henri zu übergeben. Achtzigjährig erlebt die erschöpfte Matriarchin schließlich, wie dieser mit ihren Enkeln Serge und Joël den familiären Zuchtbetrieb zu einer gigantischen, die Ressource Tier grausam ausbeutenden Tierfabrik ausbauen. Das anonymisierte Elend der Schweine spiegelt nicht nur den Wahnsinn dessen, was die Menschheit unter Fortschritt versteht, sondern wirft auch die Frage auf: Wer sind die eigentlichen Bestien?

Davide Enia – Schiffbruch vor Lampedusa

Eine Entdeckung, auf die mich Louisa Kröning vom Wallstein-Verlag auf der Buchmesse brachte. Von Davide Enia hatte ich bis vorletzte Woche nämlich noch nie etwas gehört oder gelesen.

Davide Enia ist nach Lampedusa gefahren, um sich selbst ein Bild von der Insel zu machen, die in den Medien zum Sinnbild für die Flüchtlingskrise geworden ist. Seine Gespräche mit Rettungshelfern, Freunden und Fischern, aber auch seine persönlichen Eindrücke bei Rettungsaktionen und »Anlandungen« verwebt er zu einer unglaublich dichten und ergreifenden Erzählung. Lampedusa ist dabei ein Mikrokosmos, in dem die Folgen von Migration, Flucht und Grenzen unmittelbar spürbar sind. Gleichzeitig erinnert Enia sich an magische Sommer an der sizilianischen Küste und seine früheren Urlaube auf der Insel, und versucht, die Unschuld dieser Zeit wieder heraufzubeschwören.

Die Schönheit des Mittelmeers und der Natur werden ebenso sichtbar wie die menschlichen Tragödien, die dort zum Alltag geworden sind.

Auguste Hauschner – Der Tod des Löwen

Auch vom Homunculus-Verlag hörte ich auf der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal. Meine liebe Kollegin Birgit Böllinger wies mich auf den Verlag und besonders auf diesen Titel von Auguste Hauschner hin.

Das frühe 17. Jahrhundert. Prag ist in Aufruhr. Wie ein böses Vorzeichen hängt ein blutroter Meteor über der Stadt. Der böhmische König Rudolf II. leidet unter Verfolgungswahn und fürchtet um seinen Thron. Er beauftragt Alchemisten und Astronomen, seine Macht zu sichern. Als diese keine Lösung finden, zwingt er Rabbi Löw, den Erschaffer des Golems, ihn in die Geheimnisse der Kabbala einzuweihen – und ihm dazu die Kammer von dessen schöner, schwer kranker Tochter zu öffnen. Doch sein Handeln bringt nicht nur das Mädchen an den Rand des Todes, sondern treibt auch einen Keil zwischen die Glaubensgemeinschaften Prags. Während im Judenviertel die ersten Häuser brennen, beginnt das Lieblingstier des Königs, ein mächtiger Berberlöwe, in seinem Käfig zu rasen.

Sigurdur Pálsson – Gedichte erinnern einer Stimme

Die Lyrik ist hier auf dem Blog ja äußerst schwach vertreten. Umso wichtiger, auch in diese Richtung einmal eine nachdrückliche Empfehlung auszusprechen.

Der kleine Elif-Verlag von Dincer Gücyeter kümmert sich um diese literarische Gattung. Immer wieder gibt es spannende Lyrik-Projekte, für die sich der Verlag stark macht – so auch dieses: Gedichtern erinnern einer Stimme des Isländers Sigurður Pálsson fängt die Stimmen und Gedanken eines Menschen ein, der um sein baldiges Ableben weiß, und nun noch einmal die Momente nutzt, um Rückschau zu halten. Übertragen wurden diese Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine zweisprachige Ausgabe – so kann man das Unvertraute Isländische und das vertraute Deutsch besonders gut auf sich wirken lassen.

Gabriele Tergit – Effingers

Dieses Buch hat durch die Vorstellung im Literarischen Quartett schon etwas an Bekanntheit hinzugewonnen. Dennoch ist Gabriele Tergit noch immer eine Unbekannte, deren Werke (z.B. Käsebier erobert den Kurfürstendamm) zu Unrecht vergessen sind. Der Schöffling-Verlag kümmert sich jetzt dankenswerterweise um diese spannende Autorin.

»Effingers« ist ein Familienroman – eine Chronik der Familie Effinger über vier Generationen hinweg. Außer dass sie Juden sind, unterscheidet sich ihr Schicksal in nichts von dem anderer gutsituierter gebildeter Bürger im Berlin der Jahrhundertwende. Alle fahren sie im sich immer wiederholenden Lebenskarussell, das sich durch Glück, Schmerz, Leichtsinn, Erfolg und Scheitern dreht. »Effingers« ist ein typisch deutsches Bürgerschicksal in Berlin, wie es das der »Buddenbrooks« in Lübeck war.
Als der Nationalsozialismus sich breitmacht, wird das deutsche Schicksal zu einem jüdischen. Wer wachsam ist, wandert aus.
Die Geschichte der Familie Effinger beginnt mit einem Brief des 17-jährigen Lehrlings Paul Effinger, und sie endet mit einem Brief: dem Abschiedsbrief des nunmehr 80-Jährigen kurz vor seiner Deportation in die Vernichtungslager.

Das sind meine Empfehlungen zum Indiebookday 2019. Habt ihr auch Lieblingsbücher aus unabhängigen Verlagen? Was empfehlt ihr?

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Verlagsvorstellung | Verlag das kulturelle Gedächtnis

Bei meinem Besuch der Frankfurter Buchmesse verbrachte ich viel Zeit in der Halle 4.1. Neben den an den Katzentisch verbannten rechten Verlagen, Big Playern wie Suhrkamp oder Dumont  waren in dieser Halle auch die kleinen, unabhängigen Verlagen – auch Indie-Verlage genannt, beheimatet.

Eine echte Entdeckung förderte mein Besuch am Stand E40 in der Halle zutage. Dort waren nämlich die Bücher des Verlags Das kulturelle Gedächtnis ausgestellt. Schande über mich – aber bislang kannte ich diesen Verlag überhaupt nicht.

Grund genug, mit den Machern des Verlags ein Gespräch über ihre Arbeit, die verlegten Bücher und noch vieles mehr zu führen. Tobias Roth stand mir Rede und Antwort. Viel Spaß mit dem Gespräch!


Erzählt doch mal für alle die euch nicht kennen- was ist der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“?

Wir sind ein neuer, unabhängiger Verlag aus vier Kuratoren oder Gesellschaftern, wir machen gemeinsam Bücher, die wir nötig finden. Die Grundidee ist einfach, aber nicht ohne: alte Texte aus dem Gedächtnis schöpfen, die heute für uns brauchbar sind, die Themen berühren und behandeln, die uns heute auch umtreiben. Wir sind alle in der Buchbranche tätig, verschiedentlich, und im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis auch insofern unabhängig, als wir uns keine Honorare zahlen, möglichst wenige Kosten verursachen und unsere Arbeit offen halten für spontane Teilhabe; Gewinne bleiben im Verlag, ein Programm (nie mehr als vier Titel) soll das nächste tragen. Da diese Idee natürlich in der Bücherliebe wurzelt, bemühen wir uns zudem um die Schönheit unserer Titel. Der Verlag ist in diesem Sinne eine Machenschaft der Begeisterung und Liebe, die professionell geführt wird, und von gebündelter Erfahrung zehren kann.

Gab es ein auslösendes Moment oder eine bestimmte Fragestellung, die zur Verlagsgründung geführt hat?

Der Verlag ist buchstäblich am Küchentisch entstanden, und wenn man so will, spielt er sich auch nach wie vor an einem Küchentisch ab. Geselligkeit ist ein wichtiger Teil unsrer Vorgehensweise, auch unseres Zugriffs auf die Vergangenheit, wie ich finde. Es denkt sich schöner, wenn man gemeinsam denkt.

Nun befindet ihr euch auf der Auswahlliste für den neugegründeten Berliner Verlagspreis. Was bedeutet euch diese Nominierung?

Das war eine unglaublich freudvolle Überraschung! Es bedeutet uns sehr viel, dass der Zuspruch, den diese Nominierung darstellt, uns so prompt zuteil wird und unsere Arbeit bemerkt wird. Ich war total baff, als mich die Nachricht erreichte. Es ist wundervoll.

Wie findet ihr eure Bücher und Themen? Oder finden die Bücher am Ende euch?

Das kann ich kaum unterscheiden. Wir sind alle große Kreuzundquerleser, wir stehen mit Lesern im Austausch, und alle Vorschläge werden auf den Küchentisch geworfen und gemeinsam diskutiert, erkundet, befragt. Manchmal sucht man vom Thema her, manchmal ist der Titel da und offenbart im Gespräch sein Thema, seinen Blickwinkel auf das Heute. Und es ist ja das Wesen der Entdeckungsreise, dass man sich keinen Plan machen kann. Nach Kräften versuchen wir durchaus auch festzustellen, ob eine bestimmte Buchidee nur uns begeistert oder auch andere Leser begeistern kann.

Aktuelle Projekte des Verlags

Was ist euer aktuelles Projekt?

Gerade ist unser Herbstprogamm zur Frankfurter Messe erschienen, Günter Birkenfelds Roman Wolke, Orkan und Staub (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/birkenfeld/) und John Keats Versroman Endymion in der Erstübersetzung von Mirko Bonné (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/keats/). Etwas vor der Messe ist bereit die Menu-Sammlung Wohl bekam’s erschienen, die Moritz Rauchhaus und ich zusammengetragen und herausgegeben haben (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/wohlbekams/). Es ist eine Sammlung von einhundert Menus aus der Geschichte, vom Mittelalter bis in den Sommer 2018, die Speisefolgen, die zu bestimmten Anlässen verspeist wurden. Also keine Rezepte. Zu diesen hundert Menus haben wir hundert kleine Essays geschrieben, damit das Buch (ein uraltes, aber immer noch anspruchsvolles Ziel) zugleich unterhält und belehrt.

Was kann uns so ein Buch mit Menus über vergangene Zeiten erzählen?

Das Tolle ist, dass eine Menufolge, die in der Tat serviert worden ist, der Phantasie keine Grenzen setzt. Nicht nur kann man sich sofort ausmalen, wie es ausgesehen oder geschmeckt haben könnte, sondern auch, was da für Leute am Tisch sitzen, was für Leute währenddessen in der Küche arbeiten. Welche Temperatur herrscht in der Küche und wie weit spannen die Zulieferbetriebe für Nahrungsmittel ihre Fäden über den Globus? Es geht sofort los, man ist mitten in der Welt. Das Gute daran aber ist die Tatsache des Essens: wie weit die Phantasie auch mit uns durchgeht, so bleibt doch die Realität auf den Tellern. So ein historisches Menu ist zwar nur ein Detail der Geschichte – aber es ist die Geschichte dessen, was tatsächlich passiert ist. Essen hat einfach mit allem zu tun; die Weisheit „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, wird von unserem Buch gespiegelt: Wer schon einmal etwas gegessen hat, kann im Grunde etwas damit anfangen. Dazu kommt noch, dass die Fragen der Ernährung und der Nahrungsmittelindustrie Dinge sind, denen wir heute besondere Aufmerksamkeit zollen müssen.

Ich stelle mir die Vorarbeiten zu dem Buch sehr umfangreich vor. Gab es Schwierigkeiten oder Besonderheiten, die euch bei der Zusmmenstellung begegnet sind?

Die Recherche war natürlich sehr arbeitsintensiv. Wir sind durch Archive und Menukartensammlungen, durch alte Kochbücher und Zeitschriften, durch Memoiren und Briefwechsel, durch überwältigend spezialisierte Blogs. Das allermeiste musste erst transkribiert und dann übersetzt werden. Das Schwere war also auch das Schöne: so ein Buch gab es bisher in Deutschland nicht, es war eine ziemliche Pionierarbeit. Die größte Schwierigkeit aber bestand darin, Menus zu finden, die all unseren Kriterien entsprechen: ein relevantes Ereignis, also auch ein genaues Datum, ein genauer Ort, und eine restlos vollständige Speisenfolge. Wir haben lang gesucht, bis alles gepasst hat.

Bei „Wohl bekam’s“ fällt es direkt ins Auge. Daher meine Frage – wie wichtig ist euch das Aussehen und der bibliophile Charakter eurer Bücher?

Die Gestaltung unserer Bücher ist uns sehr wichtig, und zum Glück haben wir grandiose Gestalter an unserer Seite: nämlich 2xGoldstein, die in der Nähe von Karlsruhe sitzen, und das Studio stg in Berlin. Sie haben gemeinsam das Erscheinungsbild unsrer Bücher gestaltet und damit das Erscheinungsbild des gesamten Verlages. Einerseits kommen da traditionelle Elemente ins Spiel: der Kopffarbschnitt, die dezente Prägung für ein Verlagssignet, kein Schutzumschlag. Andrerseits ist die Aufmachung nicht nur modern und frisch im Allgemeinen, sondern auch im wahrsten Sinne fresh. Diese Kombination ist entscheidend, ist sprechend. „Wohl bekam’s“ und unsere Auswahl aus dem Grimmschen Wörterbuch (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/grimm/), die beide von 2xGoldstein sind, sind unsere bisher opulentesten Titel, zweifarbig gedruckt, „Wohl bekam’s“ zudem durchzogen von Icons und Illustrationen, weit über 700 Stück. Voltaires Theaterstück Der Fanatismus oder Mohammed (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/fanatismus/), das 2017 in unserem allerersten Programm erschienen ist, wurde prompt von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.

Teilhabe als Verlagsmerkmal

Nun haben es die Indie-Verlage im Wettbewerb gegen die Big Player mit ihren Werbeetats und Reichweiten natürlich immer ein bisschen schwerer. Wie kann man euch unterstützen?

In erster Linie kann man uns so unterstützen wie man jeden Verlag unterstützen kann: indem man unsere Bücher kauft und liest. Aber beim Kulturellen Gedächtnis geht es noch weiter, wir möchten ganz unmittelbar zur Teilhabe aufrufen; dazu kann ich auch auf unsere Homepage verweisen (http://daskulturellegedaechtnis.de/teilhabe/). Wir haben eine ganze Reihe von Komplizen, die uns helfen: Schauspieler, die für uns lesen oder etwas einsprechen, Korrekturleser und natürlich auch Ideengeber, die ihre Lesefrüchte teilen. Aber selbstverständlich kann man uns auch ganz einfach mit Geld unterstützen und ein stiller Teilhaber des Verlages werden.

Was sind künftige Projekte, die ihr in der Pipeline habt?

Der Herbst wird nun noch einen Schnellschuss bringen, eine Auswahl aus den Werken des Erasmus von Rotterdam, die wir aus gegebenem Anlass über den Sommer machen mussten (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/erasmus/). Das Büchlein im kleinen, handlichen Format wird am 5. November erscheinen. Erasmus hat ja die Ehre, dass sich die parteinahe Stiftung der AfD nach ihm benannt hat, und da sein Name so viel berühmter ist als seine Inhalte, haben wir eine kleine Auswahl gebastelt, in der man auf kleinstem Raum sehen kann, wie Erasmus für Menschlichkeit, Großzügigkeit, Frieden und Duldsamkeit eingetreten ist. Vor dem Hintergrund dieser Werte, die Erasmus vertritt, begrüßen wir natürlich die Namenswahl der AfD und hoffen, dass nun Erasmus umso fleißiger gelesen wird. Das nächste Großprojekt, das ansteht, ist eine Anthologie von Egon Erwin Kisch, die im Januar erscheinen wird. Sie trägt den programmatischen Titel „Klassischer Journalismus“ (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/kisch/). Kisch versammelt darin, nach den Gattungen der Zeitung geordnet, exemplarische Artikel. Er setzte einen Standard. Herausgegeben wird das Buch von Heribert Prantl, der die Auswahl einerseits kürzen und andererseits bis in unsere Gegenwart fortsetzen wird. Das ist so ein Fall: Gedanken der Vergangenheit entdecken, vermitteln, neu nutzbar machen. Wir hoffen, dass sich die Dringlichkeit solcher Operationen bezüglich des Themas Journalismus von selbst erklärt.

Das ist natürlich immer zu hoffen! Ich bedanke mich ganz herzlich bei Tobias Roth vom Verlag Das kulturelle Gedächtnis für unser Interview!

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Frankfurter Buchmesse 2018 – eine Rückschau

Nach einem Jahr Abstinenz war es wieder soweit – die Frankfurter Buchmesse hatte mich wieder. Von Donnerstag Nachmittag bis Samstag weilte ich in Bembeltown, um mich dem einzig Wahren im Leben zu widmen: Bücher, Bücher, Sektempfänge, Blogger und Bücher.

Das Ganze begann für mich mit einem zufälligen Treffen am Szeneplatz Rolltreppe, wo ich auf Jochen Kienbaum von Lustauflesen.de traf. Zusammen mit ihm suchte ich den neugestalteten Pavillon auf der Agora auf. In diesem irgendwo zwischen Ufo, Pressspan und Tennishalle changierenden Gebilde wurde nämlich just das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen gekürt.

Neu auf der Messe – der Pavillon auf der Agora (Fotorechte: Frankfurter Buchmesse)

Ergebnis der angenehm schnell durchgeführten Verleihung: Gewinnerin des Lieblingsbuchs wurde die Italienerin Francesca Melandri mit ihrem Roman Alle, außer mir (Wagenbach-Verlag). Ebenfalls nominiert waren die Bücher Leinsee von Anne Reinecke, Dunkelgrün, fast schwarz von Mareike Fallwickl (beide Autorinnen auch anwesend), Der Zopf von Laetitia Colombani und Kleine Feuer überall von Celeste Ng.

Diese Veranstaltung war zugleich der Auftakt für die Woche der unabhängigen Buchhandlungen (kurz WUB). Anfang November gibt es dann über ganz Deutschland verteilt wieder viele Aktionen der Buchhandlungen, die für das Buch und das Lesen werben. Hier gibts ein paar ausführlichere Informationen zu dieser tollen Aktion.

Das Literarische Quartett in Frankfurt

Nach einem anschließenden Bummel über die Messestände und einem Empfang am Hanser-Stand ging es dann um 19:00 Uhr für mich weiter. Schließlich stand die Aufzeichnung des Literarischen Quartetts in den Hallen der Buchmesse an. Im Vorfeld hatte ich mir ein Ticket gesichert und so konnte es dann eigentlich losgehen. Wobei es erst einmal Warten hieß. Erst nach knappen zwei Stunden konnte der umfunktionierte Stand des Blauen Sofas in Halle 3.1 betreten werden. Beleuchtungsprobleme und Aufbau hatten den Beginn der Aufzeichnung verzögert.

Der Gastgeber des Literarischen Quartetts: Volker Weidermann

Überraschend für mich bei der Aufzeichnung. Es wurde kein einziges Mal abgesetzt oder ein Statement wiederholt. Volker Weidermann, Christine Westermann, Thea Dorn (mit gebrochenem Fuß) und – wenig überraschend – Denis Scheck als Gast, betraten die Bühne, bekamen vom Regisseur das Go und schon konnte es losgehen.

Für mich wie gewohnt schwach in der Analyse und in puncto Diskussionsniveau abfallend wieder einmal Christine Westermann. Der von ihr ausgesuchte Roman Die Wurzeln des Lebens von Richard Powers wusste in der Runde nur noch Volker Weidermann zu überzeugen. Auch ansonsten war man sich oft nicht einig, wenngleich man sich doch ausnehmend gut auf die Essays von David Foster Wallace und gut auf den Droste-Hülshoff-Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve verständigen konnte. Die ganze Sendung findet man im Übrigen in der ZDF-Mediathek. Wer mich entdeckt, der darf sich freuen. Zu gewinnen gibt es dafür aber nichts.

Der Messe-Freitag

Am Freitag in der Früh ging es dann auf der Messe wieder da weiter, wo ich am Donnerstag Abend aufgehört hatte. Bücher, Bücher, Blogger, Blogger, Bücher. So lief ich Gérard von Sounds&Books über den Weg, cornerte mit dem Literarurkritiksquad von 54 Books auf der Agora und lernte auch einmal die anderen tollen Literaturblogger kennen, die man sonst nur durch ihre Blogs und die Digitalkonversation kennt. Neben einem höchsten menschlichen Empfehlungsschreiben seien ihre großartigen Blog allen ans Herz gelegt, die sich für Literaturvermittlung abseits ausgetretener Pfade interessieren. Man findet sie auf der rechten Seiten auf meiner Blogroll, es wären zu viele, um sie einzeln aufzuzählen.

Passend dazu gab es dann im Pavillon um 12:00 Uhr auf der Agora zum zweiten Mal die Verleihung des Buchblog-Awards. Bei diesem wurden dieses Jahr in neun verschiedenen Kategorien BloggerInnen ausgezeichnet, deren Onlinearbeit die Juroren überzeugt hatten. Das Ergebnis dieser Verleihung mitsamt aller ausgezeichneten Blogs findet sich auf der Homepage des Bubla-Awards.

Am Samstag habe ich dann im Übrigen auch endlich Druck gemacht – das Ergebnis? Eine wirklich formidable, in blau, rot und tiefschwarz gehaltene Bibelseite der legendären 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Hier wird mein eigens erzeugtes Druckergebnis vom Meister Gensfleisch aus Mainz höchstpersönlich in die Luft gereckt. Erstaunt war ich, dass dieser sich über die Jahrhunderte so gut gehalten hat. Aber Druck konserviert ja, so heißt es ja immer.

Neben dem Druck und dem Treffen mit anderen Bloggern war ich auch an den Verlagsständen fleißig und besuchte für Termine den C.H.Beck-Verlag sowie Suhrkamp. Mit neuen Titeln und Inspirationen ausgestattet ging es am Abend anschließend auf die Hotlist-Party im Frankfurter Literaturhaus, wo man die unabhängigen Verlage und ihre Produkte und Autoren ausgiebig feierte. Sogar Simon Strauß soll auf der Tanzfläche gesichtet worden sein. Doch was in Frankfurt passiert – na ja, Sie wissen schon.

Eine kulinarische Zumutung

Ein kleiner Exkurs muss derweil an dieser Stelle gestattet sein. Denn kulinarisch gesehen war diese Buchmesse mal wieder eine einzige Zumutung und ein Ort der reinen Ödnis. Schon die beim Empfang des Klett-Cotta-Verlags gereichten Hackbällchen ließen Schlimmes befürchten. Die aus den Untiefen des Verlagsstandes zutage geförderten und auf Porzellan drappierten Bällchen glichen alles, was sie an Saftigkeit und Geschmack vermissen ließen, durch ein höllenscharfes Finish im Rachenraum aus. Diesen Eindruck konnten auch nicht mehr die keck mit einer Walnuss verzierten Aufstrichen mit Roten Beeten und Ähnlichem ausgleichen. Lediglich die Präsentation des tollen Prachtbandes Die 68er-Bewegung International von Wolfgang Kraushaar (vom nicht verwandten Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar mit Verve präsentiert) konnte von diesem Debakel ablenken (okay, und auch der Sekt).

Alles andere als gnädig schweigen muss ich auch über das kulinarische Angebot auf dem Außenraum der Agora. Dies lässt sich unter dem Label Geschmackliches Debakel subsummieren. Das Angebot der Speisen und die dafür aufgerufenen Preise sind nicht anders als eine Frechheit zu nennen. 8 Euro für einen völlig verbackenen und irritierend geschmacklosen Hähnchenburger, lieblos aus einer Semmel, zwei Tomaten- und Gurkenscheiben zusammengeklatscht. Das Ganze garniert mit 4-Euro ausgepreisten Pommes, denen die Zeit in der Fritteuse fehlte, die die Burger zuviel bekommen hatten. Wer Essen mag, der darf die Frankfurter Buchmesse eigentlich nicht besuchen.

Doch genug meiner Ausflüge in die Gefilden des kritischen Food-Bloggens. Weiter mit dem Nachbericht des Wichtigsten – der Bücher.

Der Messe-Samstag

Denn neben den Terminen an den Verlagsständen und den Treffen mit anderen Bloggern eröffneten sich beim Schlendern besonders am Freitag und auch am Messesamstag tolle Begegnungen.

Während in der Halle 3 mit den Big Playern kaum ein Durchkommen vor lauter Besucheransturm war, so legte sich das alles in der Halle 4. Dort hatten nämlich die Indie-Verlage ihren Stand.

Einer meiner Vorsätze für die kommende Zeit ist es ja, hier auf dem Blog etwas diverser zu werden. Denn es wimmelt hier vor Männern, die gelesen und besprochen werden. Zudem sollten die unabhängigen Verlage auch hier auf diesem Blog mehr Raum bekommen. Denn das was sie schaffen, ist unbändig kreativ, gut gemacht und von Leidenschaft, Engagement und Enthusiasmus begleitet.

So besuchte ich die Stände des Secession-Verlags, traf Daniel Beskos vom Mairisch-Verlag, macht dem Wunderhorn-Verlag meine Aufwartung, ließ mir von Tobias Roth den Verlag Das kulturelle Gedächtnis erklären (mehr hierzu bald an dieser Stelle), war am Weissbooks-Stand, kam mit den Machern der Friedenauer Presse ins Gespräch, besuchte den hochgeschätzten Matthes-und-Seitz-Stand, sowie den Wallstein Verlag, wo ich explizit Schermanns Augen lobte, und und und.

Somit hat sich die Frankfurter Buchmesse auch 2018 für mich mehr als gelohnt. Neue Inspiration, Ideen und Erkenntnisse stehen am Ende der drei Tage in den Messehallen Frankfurts. Was kann man mehr erwarten? Mit diesen Perspektiven kann der Leseherbst 2018 kommen!

Und so endet nun meine Reizwortgeschichte „Messeerzählung“. Alle Ereignisse, Personen, Verlage oder Bücher, die ich unterschlagen habe: verzeiht mir! Zur Entschuldigung hier unten noch ein kleines Foto vom Mainufer am Tag meiner Abreise angehängt.

Weitere Berichte von BloggerInnen gibt es übrigens auch schon. Besonders hinweisen möchte ich auf die Berichte von Lena von Wortgelüste und Julia vom Blog Kulturjournal Fräulein Julia.

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