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Die besten Bücher zum Verschenken

Dieses Jahr 2020 ist kein leichtes. Weder für uns Otto-Normalverbraucher, noch für Literaturvermittler*innen, Verlage und Buchhandlungen. Nun steht der zweite Shutdown, „Lockdown Light“ betitelt, bevor. Zwar haben Buchhandlungen, Bibliotheken und andere Einrichtungen weiterhin auf. Ein vergleichbares Geschäft wie im letzten Jahr ist in diesem Jahr allerdings nicht zu erwarten. Keine so guten Aussichten für die Buchbranche, wie ich finde.

Schon der erste Shutdown ging an die Substanz vieler Kulturmacher und -institutionen. Um nun die Verluste etwas aufzufangen, plädieren viele Buchhandlungen dafür, das Weihnachtsgeschäft etwas vorzuziehen und sich bereits jetzt mit Titeln zum Verschenken und Selberlesen einzudecken. Keine schlechte Idee, wie ich finde. So wird das Gewusel vor Weihnachten etwas entzerrt und man kann die Zeit vor Weihnachten hoffentlich besser genießen, anstatt sich gehetzt kurz vor Ladenschluss aus Verlegenheit ein Buch von Paulo Coelho oder Sebastian Fitzek einpacken zu lassen. Das kann ja auch niemand wollen. Und so habe auch ich mir Gedanken gemacht über das vergangene Buchjahr und daraus resultierende mögliche Geschenktipps. Das Ergebnis meines Nachdenkens ist diese Liste: die besten Bücher des Jahres, die man guten Gewissens verschenken kann und mit denen man nichts falsch macht. Ausführliche Besprechungen zu den Büchern gibts nach einem Klick auf die entsprechenden Cover.

Und ach ja – kauft bitte eure Bücher vor Ort. Kostet das gleiche, Nicht-Vorrätiges ist meist am nächsten Tag da und ihr unterstützt den Einzelhandel. Da ist euer Geld deutlich besser angelegt als in den Geldspeichern von Herrn Bezos!

Für Humorvolle

Ein bisschen lacheln und schmunzeln kann in dieser alles andere als leichten Zeit nicht schaden. Qualitativ hochwertige und witzige Lektüre ist in der deutschen Gegenwartsliteratur jedoch rar gesät. Gut, dass es Kristof Magnusson gibt. Denn ihm gelingt in Ein Mann der Kunst eine ausnehmend witzige, niveauvolle und wirklich unterhaltsame Kunstbetriebssatire. Ein Maler auf seiner Burg am Rhein, ein Kunstförderverein voller spleeniger Figuren und mittendrin ein Architekt, der unversehens zwischen Künstler und Kunstförderer gerät. Das sind die Zutaten für diesen gelungenen Roman, der in dieser alles andere als leichten Zeit für Ablenkung sorgt.

Für Naturfreunde

Wohl jeder kennt diese Frage nach der Schule: was soll ich danach machen? Studieren? Eine Ausbildung? Für Robert Appleyard in Benjamin MyersOffene See stellt sich diese Frage gar nicht. Wie sein Vater soll er bald unter Tage einfahren. Die Geschichte ist nämlich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in England angesiedelt. Doch die Bergarbeit ist Roberts Sache nicht und so beschließt er, den letzten jugendlichen Sommer in Freiheit zu nutzen, um zum Meer an die englische Küste zu wandern. Dabei trifft er auf Dulcie, die in einem Cottage am Meer lebt und in Robert die Liebe zur Kultur weckt. Ein poetisches, romantisches und naturverliebtes Buch, das völlig zurecht als Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels 2020 ausgewählt wurde.

Für Fans komplexer Wahrheiten

Dass es mit der Wahrheit eine ganz schön komplexe Angelegenheit ist, das zeigt Angie Kim in ihrem Debüt Miracle Creek vortrefflich. In ihrem Gerichtsroman ist eine Mutter angeklagt, ihren Sohn und einige weitere Unschuldige umgebracht zu haben. Im kleinen Kaff Miracle Creek soll sie eine Katastrophe ausgelöst haben. Sie ist der Brandstiftung und des Mordes angeklagt. Sie soll eine Überdruckkammer angezündet haben, in der Kinder mit Autismus-Störungen behandelt wurden, darunter auch ihr eigener Sohn. Die Beweislage erscheint klar – die Wahrheit über die Ereignisse ist es allerdings überhaupt nicht. Schicht für Schicht legt Angie Kim die Lügen und Unwahrheiten aller Beteiligten frei, die schließlich zur Katastrophe führten. Klug montiert, geschickt erzählt und wahrlich spannend.

Für Nostalgiker

Wenn es ein verbindendes Element gibt, das Generationen von Kindern in den Bann gezogen hat, dann ist das wohl die Augsburger Puppenkiste. Die Inszenierung der Geschichten rund um Jim Knopf, Kalle Wirsch oder die Katze mit Hut sind legendär. Thomas Hettche blickt in seinem fantasievoll erzählten Roman auf die Gründung der Puppenkiste direkt nach dem Krieg. Er erzählt von Kriegstraumata, dem Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und der Kunst des Puppenspiels. Hauptmotiv ist dabei der Herzfaden, der die Marionetten mit dem Puppenspieler selbst verbindet. Dieser Roman selbst besitzt auch einen Herzfaden, der ihn mit den Leser*innen verbindet.

Für Beziehungsmenschen

Oder eher nicht für Beziehungsmenschen? Das ist die Frage von Amity Gaiges Roman Unter uns das Meer. Dieses Buch zeigt ein Paar in der Krise, das für die eigenen Probleme einen unorthodoxen Lösungsansatz wählt. Man hat sich etwas auseinandergelebt. Da sind aber die eigenen Kinder. Außerdem war es früher ja deutlich besser – und so entschließt sich Juliets Mann Michael zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er kauft ein Boot, auf dem er mit der Familie das nächste Jahr verbringen will. Die eigenen nautischen Kenntnisse sind beschränkt, aber Michaels Wille ist ungebrochen. Aus zwei Blickwinkeln erzählt Amity Gaige abwechselnd und zeigt so eine Beziehung und einen Schiffstrip in Untiefen. Beeindruckend und augenöffnend erzählt.

Für Gesellschaftsanalysten

Dieser Roman wirkt wie eine literaturgewordene Ansicht des Amerikas der Trump-Ära. Steph Cha zeigt in ihrem Roman Brandsätze zwei Familien, die sich gegenüberstehen und die doch durch ihre gemeinsame Vergangenheit miteinander verbunden sind. Da ist zum Einen die Familie Park, koreanische Einwanderer, die einen kleinen Laden betreiben. Und zum Anderen gibt es die Familie Matthews. Als die Mutter von Grace Park vor ihrem Laden niedergeschossen wird, erfährt diese, dass ihre Mutter auch einst jemanden niedergeschossen hat. Das Opfer kam aus der Familie Matthews…

Schicksale, die sich gegenseitig beeinflussen. Black Lives Matter, soziale Spaltung und die Kämpfe von sozialen Minderheiten. Steph Cha hat ein wertungsfreies Buch geschrieben, das schmerzlich gut in diese Zeit passt.


Das sind sie also, meine Verschenktipps für die kommende Zeit. Welche Bücher empfehlt oder verschenkt ihr? Lasst es mich gerne wissen!

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Das Deutscher-Buchpreis-Lotto 2020

Heute in zwei Wochen erscheint sie: Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und wie jedes Jahr, so gibt es auch heuer wieder mein kleines Longlist-Lotto. Bücher, von denen ich mir vorstellen könnte, dass sie auf der Liste vertreten sind, die den Geschmack der Juror*innen getroffen haben und Bücher, für die ich mir Chancen auf den Gewinn des Titels ausrechne. Einige davon wurde auch schon auf Buch-Haltung.com besprochen. Besonders berücksichtig habe ich dabei das Frühjahr, in dem die Aufmerksamkeit für die meisten Novitäten vollkommen verpufft ist. Vorhang auf für meine Tipps!

Chirstine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand (Berenberg-Verlag). Bov Bjerg – Serpentinen (Ullstein). Olga Grjasnowa – Der verlorene Sohn (Aufbau). Leander Fischer – Die Forelle (Wallstein). Ronya Othmann – Die Sommer (Hanser).

Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi (Rowohlt). Rolf Lappert- Leben ist ein unregelmäßiges Verb (Hanser). Ulrike Draesener – Schwitters (Penguin). Ulla Lenze – Der Empfänger (Klett-Cotta). Ulrike Ulrich – Während wir feiern (Berlin Verlag)

Deniz Ohde – Streulicht (Suhrkamp). Olivia Wenzel – 1000 Serpentinen Angst (Fischer). Christoph Nußbaumeder – Die Unverhofften (Suhrkamp). Thomas Hettche – Herzfaden (Kiepenheuer & Witsch). Abbas Khider – Palast der Miserablen (Hanser).

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer (DuMont). Ulrike Almut Sandig – Monster wie wir (Schöffling). Cihan Acar – Hawii (Hanser Berlin). Benjamin QuadererFür immer die Alpen (Blanvalet). Katharina Köller – Was ich im Wasser sah (Frankfurter Verlagsanstalt).

Jetzt seid ihr dran: was sind eure heißen Tipps? Welches Buch seht ihr auf der Liste? Und welches so gar nicht? Ich freue mich auf eure Kommentare und eure Tipps in Sachen Deutscher Buchpreis 2020 – Longlist!

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Vorschaufieber Herbst 2020

Was für ein Jahr – wahrscheinlich weder eine Buchmesse in Frankfurt, noch eine in Leipzig. Im Radio verliehene Preise, ausgefallene Lesungen, weniger Aufmerksamkeit für die kleinen und kleinsten Verlage da draußen. Und dennoch geht es weiter in der Buchbranche. Neue Vorschauen wurden von fast allen Verlagen veröffentlicht. Und auch wenn diese manchmal etwas dünner ausfallen, gibt es wieder viel zu entdecken. Ich habe einmal mehr zusammengetragen, auf was ich mich im literarischen Herbst 2020 so freue. Bei den Tipps habe ich wie immer versucht, auch kleine unabhängige Verlage mit spannenden Titeln zu berücksichtigen.

Deniz Ohde: Streulicht (Suhrkamp)

Auf dieses Debüt bin ich wirklich gespannt. Deniz Ohde schreibt in ihrem Roman über ein Arbeiterkind, das nun wieder in seine Heimat zurückkehrt und sich seiner Wurzeln bewusst wird. Didier Eribon meets Annie Ernaux auf Deutsch? Ich bin mehr als gespannt auf dieses Streulicht – und auch das Cover hat es mir angetan.

Lily King (Übers.: Sabine Roth): Writers & Lovers (C.H. Beck)

Kann man mit 31 noch Schriftststellerin werden? Diese Frage stellt sich Casey, die ihren Traum leben will, nachdem die Mutter verstorben ist und ihr Freund sie verlassen hat. Doch wird das klappen? Schon einmal hat mich Lily King mit Euphoria begeistert. Warum nicht auch mit ihrem Writers & Lovers?

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst (Kunstmann)

Kristof Magnusson ist für mich ein Meister des Alltags. Einer der dem ganz normalen Durchschnitt unserer Existenzen Bücher widmet, etwa in seinem Arztroman. Nun schreibt er über einen Künstler KD Pratz, dem ein Museum gewidmet werden soll. Ein Kunstverein will dieses Vorhaben verwirklichen, doch ein Treffen auf der Burg des Künstlers droht aus dem Ruder zu laufen. Der Mann der Kunst erscheint bei Kunstmann.

Rinske Hillen (Übers.: Ulrich Faure): Das Haus an der Keiszergracht (Schöffling)

Ein Naturphilosoph, ein Haus an der Keiszergracht in Amsterdam, das langsam verfällt, eine Familie, die auseinanderzufliegen droht, ein paar Fragen, die noch geklärt werden müssen – und ein Familiengeheimnis. Die Zutaten für den Roman von Rinske Hillen, der im Juli im Schöffling-Verlag erscheint.

Petra Piuk & Barbara Filips: Wenn Rot kommt (Kremayr&Scheriau)

Nie wieder Hütchenspiel, nie wieder in die Spielothek. Nie wieder Hütchenspiel, oh das ganze Geld ist weg. Das wussten schon die Ärzte. Und auch eine junge Frau muss das in der Rückschau erkennen, als sie verkatert in einem Hotelzimmer in Las Vegas erwacht. Und dann ist auch noch ihr Freund verschwunden. Was ist passiert? Wenn Rot kommt stammt von Petra Piuk und Barbara Filips.

Thomas Hettche: Herzfaden (Kiepenheuer-Witsch)

Ein Buch, das ich schon des Augsburger Lokalbezugs wegen lesen MUSS. Thomas Hettche, von mir nicht erst seit Pfaueninsel hoch geschätzt, schreibt einen Roman über die Familie Oehmichen, die hier in Augsburg die Augsburger Puppenkiste gründete. Laut Verlag sollen in Herzfaden alle bekannten Figuren des Marionettentheaters einen Auftritt haben. Ich bin gespannt!

Ronya Orthmann: Die Sommer (Hanser)

Ein junges Mädchen, das die Sommer bei seiner Familie in Nordsyrien ihre Sommer verbringt, während sie das restliche Jahr über ein Münchner Gymnasium besucht. Diese Perspektive auf den syrischen Bürgerkrieg und die aktuelle Lage möchte ich gerne lesen. Ronya Orthmanns Buch Die Sommer erscheint passenderweise im August.

Augustus Rose (Übers.: Werner Löcher-Lawrence): Philadelphia Underground (Piper)

In Philadelphia treibt die geheimnisvolle Société Anonyme ihr Unwesen. Sie entführt Jugendliche, die wenig später mit leeren Blick wieder irgendwo in der Stadt auftauchen. Besonders auf Lee hat es die Gesellschaft abgesehen. Aber die versteckt sich auf einem Schrottplatz, um der Société zu entgehen. Augustus Roses Buch gibts ebenfalls ab August im Buchhandel.

Thilo Krause: Elbwärts (Hanser)

Die Sehnsucht nach Dorf und Land in der Literatur boomt ja seit Jahren. Nun hat auch Thilo Krause einen Roman über dieses Thema geschrieben. Bei ihm kehrt ein junges Paar zurück in die Einsamkeit der Sächsischen Schweiz. Dieses muss sich mit Neonazis, Dorfbewohnern und alten Geschichten herumschlagen. Elbwärts erscheint bei Hanser im August.

Rachel Elliott (Übers.: Claudia Feldmann): Bären füttern verboten (Mare)

Von einer Freerunnerin in der Mitte ihres Lebens erzählt Rachel Elliott in Bären füttern verboten. Diese hat zwar schon die halbe Welt belaufen, doch ausgerechnet nach St. Ives wollen ihre Füße sie nicht tragen. Als sie doch dorthin reist, trifft sie auf eine bunte Melange von außergewöhnlichen Menschen.

Michael Crummey (Übers.: Ute Leibmann): Die Unschuldigen (Eichborn)

Kanada ist das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Und auch wenn Kanada seinen Auftritt nun auf der eh schon auf der Kippe stehenden Messe zurückgezogen hat: in den neuen Verlagsprogrammen lassen sich tolle neue Stimmen von dort entdecken, z.B. Michael Crummey, dessen Roman Die Unschuldigen von zwei Waisenkinder in der kanadischen Einöde erzählt. Verglichen wird das Buch etwa mit Ian McGuires Nordwasser.

Ilona Hartmann: Land in Sicht (Blumenbar)

Eine junge Frau auf Flusskreuzfahrt auf der Donau inmitten von Senioren. Davon handelt das Debüt von Ilona Hartmann. Kann sie dem Thema der Suche nach den eigenen Wurzeln neue Facetten abringen? Ab Juli 2020 wissen wir mehr, dann kann man das Buch kaufen.

Rye Curtis (Übers.: Cornelius Hartz): Cloris (C. H. Beck)

Wenn man einen Flugzeugabsturz überlebt hat, was sichert einem dann am Besten das Überleben in der freien Natur? Sicherlich nicht ein Schuh, ein paar Karamellbonbons und eine Bibel. Doch genau das erlebt Cloris im gleichnamigen Roman von Rye Curtis.

Olga Grjasnowa: Der verlorene Sohn (Aufbau)

Noch immer habe ich kein Buch von Olga Grjasnowa gelesen, dabei wird die Autorin ja breit (und meist auch lobend) im Feuilleton besprochen. Vielleicht klappt es ja jetzt mit Der verlorene Sohn. Darin erzählt die Autorin von einem Jungen, der 1838 als Geisel an den russischen Zarenhof gelangt.

Elisabeth Filhol (Übers.: Cornelia Wend): Doggerland (Nautilus)

Auch der kleine Nautilus-Verlag hat ein mehr als beachtliches Oeuvre für den Herbst angekündigt. So erscheint mit Doggerland ein Roman von Elisabeth Filhol über eine Geologin, die über jene titelgebende Region forscht. Als sie einen Kongress in Dänemark besuchen will, wird jener durch den Orkan Xaver kräftig durcheinander gewirbelt.

Ava Farmheri (Übers.: Sonja Finck): Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen (Nautilus)

Und noch einmal Nautilus. Was für ein großartiger Titel! In Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen erzählt Ava Farmheri von einer jungen Insassin eines iranischen Gefängnisses im Jahr 1999, die hinter Gittern sitzt ihre Lebensgeschichte erzählt. Doch kann man ihr Glauben schenken?

Leander Fischer: Die Forelle (Wallstein)

Ein Buch über 700 Seiten übers Fliegenfischen? Da bin ich sofort dabei, vor allem wenn der Verlag eine besondere Sprache verspricht (was im Falle des Wallstein-Verlags wirklich etwas heißen will) und eine Verknüpfung der Geschichte mit der österreichischen Politik verspricht. Leander Fischers Die Forelle erscheint im Juli.

Amity Gaige (Übers.: André Mumot): Unter uns das Meer (Eichborn)

Und um im Wasser zu bleiben: Im Eichborn-Verlag erscheint im September der Roman Unter uns das Meer von Amity Gaige. Darin erzählt sie von einem Bootstrip, der schief zu gehen droht. Das Besondere daran: das Buch ist aus zwei Perspektiven geschildert. Ob das so gut klappt wie im Falle Lauren Groffs?

Pilar Quintana (Übers.: Mayela Gerhardt): Hündin (Aufbau)

Kann ein Hund einen Menschen ersetzen? Ist ein Hundewelpen die Antwort auf einen Kinderwunsch? Dieser Frage geht Pilar Quintana in ihrem Roman Hündin nach. Das Buch erscheint im Aufbau-Verlag im September.

Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer (DuMont)

Ein Paar entdeckt in den 90er Jahren eine neoklassizistische Villa wieder, die ein Architekt 1908 entworfen hatte. Nachdem sie das Haus renoviert und in den Originalzustand zurückversetzt haben, zieht das Haus immer mehr Architekturfans an und die beiden geraten in Interessenskonflikte. Andreas Schäfers Roman gibt es ab Juli bei DuMont.

Ilja Leonard Pfeijffer (Übers.: Ira Wilhelm): Grand Hotel Europa (Piper)

Was ist dieses Europa noch? Droht es nicht schon längst in Partikularinteressen auseinanderzufallen? Die Antworten von Ilja Leonard Pfeijffer interessieren mich. Er hat einen Roman über Europa geschrieben, in dem ein Schrifsteller ein Zimmer in jenem Grand Hotel Europa bezieht.

Steven Price (Übers.: Malte Krutzsch): Der letzte Prinz (Diogenes)

Giuseppe Tomasi di Lampedusa hat mich in Form der Neuübersetzung des Leoparden durch Burkhart Kroeber im letzten Jahr wirklich begeistert. Nun hat Steven Price ein Buch über den Schöpfer jenes monumentalen Werks geschrieben. Der letzte Prinz erscheint im Oktober bei Diogenes.

Stephen Crane (Übers.: Bernd Gockel): Die rote Tapferkeitsmedaille (Pendragon)

Der amerikanische Bürgerkrieg ist ein Thema, mit dem ich mich noch nicht vertieft beschäftigt habe. Nun ist im Pendragon-Verlag eine Neuübersetzung von Stephen Cranes Roman Die rote Tapferkeitsmedaille zu entdecken. Darin beleuchtete der Autor 1895 zum ersten Mal den Krieg aus der Sicht eines einfachen Soldaten. Ein spannendes Vorhaben, diese Neuübersetzung von Bernd Gockel.

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften (Suhrkamp)

Im September erscheint im Suhrkamp-Verlag ein Titel, auf den ich mich auch sehr freue. Die Unverhofften ist das Debüt des niederbayerischen Dramatikers Christoph Nußbaumeder. In seinem 700 Seiten starken Roman erzählt er die Geschichte einer Familie und dem wirtschaftlichen Aufstieg über die Jahrzehnte hinweg.

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns (dtv-Verlag)

Im September erscheint das Debüt von Daniel Mellem. Dieser studierte erst Physik, eher er dann zum Deutschen Literaturinstitut in Leipzig kam. Das Thema der Physik ist es auch, das in seinem Buch eine Rolle spielt. Er erzählt in Die Erfindung des Countdowns von einem Forscher, der eigentlich den Traum einer Mondrakete verwirklichen will, doch dann in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wird.

Zaia Alexander: Erdbebenwetter (Tropen)

Die dunklen Seiten von Los Angeles soll Zaia Alexander in ihrem Roman Erdbebenwetter beleuchten. Wenn das nur halb so gut klappt wie in A.G. Lombardos Graffiti Palast (oder bei Jan Wilms Winterjahrbuch) könnte das wirklich ein weiteres Highlight in Sachen LA-Romane für mich werden.

Robert Moor (Übers.: Frank Sievers): Wo wir gehen (Insel)

Über das Gehen und unsere Wege durch die Natur schreibt Robert Moor in seinem Buch. Nachdem ich eh ein großer Fan der Gattung Nature Writing bin, ist auch Wo wir gehen für mich quasi Pflichtlektüre.

Kai Wieland: Zeit der Wildschweine (Klett Cotta)

Auf diesen Roman musste ich etwas länger warten. Prangte Zeit der Wildschweine schon in meiner letzten Vorschau oben auf meinem Zettel, wurde Kai Wielands Roman nun eingedenk der Corona-Krise etwas nach hinten geschoben. Nun soll es im Juli so weit sein und das neue Buch des Schöpfers von Amerika erscheinen.

Kevin Barry (Übers.: Bernhard Robben): Beatlebone (Rowohlt)

Ein neuer Roman von Kevin Barry? Ich bin dabei? Dunkle Stadt Bohane zählte zu meinen außergewöhnlichsten Leseerlebnissen der letzten Jahre (übersetzt von Bernhard Robben). Nun ist das Gespann wieder zurück, diesmal bei Rowohlt. Beatlebone erzählt vom ausgebrannten John Lennon, der auf seine irische Insel flüchtet und mit seinem Chauffeur eine wilde Tour erlebt.

Sandra Newman (Übers.: Milena Adam): Himmel (Matthes & Seitz)

Eine Vorschau ohne etwas von Matthes & Seitz? Das geht natürlich nicht. Diesmal habe ich einen Blick auf den Roman Himmel von Sandra Newman geworfen. Ice Cream Star wird allenorten gelobt, ich habe es noch nicht gelesen. Jetzt bietet sich die Chance mit einem etwas weniger voluminöseren Buch, in dem William Shakespeare, ein futuristisches New York und Träume eine Rolle spielen.

Welche von den hier vertretenen Büchern sprechen euch an? Oder auf was freut ihr euch? Oder ist der Herbst 2020 nicht so euer Literaturjahrgang?

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Ein gebrauchtes Buchjahr 2020

2020 ist ein Krisenjahr. Das gilt auch für die Buch- und Literaturbranche. Warum dieses Jahr trotz des Alters von gerade einmal drei Monaten schon jetzt weg kann.


Selten hatte man nach drei Monaten eines literarischen Jahres so sehr das Bedürfnis, entweder die Zeit noch einmal auf Jahresbeginn zurückzustellen oder alternativ gleich die restlichen Monate bis zum neuen Jahr vorzuspulen. Denn das, was 2020 in diesen wenigen Monaten für die Literaturbranche bereithielt, das möchte man doch am liebsten vergessen und ganz schnell noch einmal von vorne beginnen.

Nur damit wir uns richtig verstehen: natürlich sind die Folgen von Corona und Co außerhalb der Buchbranche noch deutlich verheerender, mitunter sogar tödlich, gar keine Frage. Aber auch für die Buch- und Literaturbranche sind diese Tage teilweise existenzbedrohend. Und nachdem ich hier einen Literaturblog betreibe, will ich mich auf die Analyse dieses bisher so bescheidenen Monate kaprizieren und zeigen, warum dieses Jahr schon jetzt in die Tonne kann. Und das in mehrfacher Hinsicht.

Das Feuilleton

In diesem bisherigen Jahr hat sich das Feuilleton wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Absurder Höhepunkt sicherlich die Debatte um Uwe Tellkamp und seinen irgendwann demächst erscheinenden Roman Lava. Der ist bislang noch nicht erschienen, obwohl man im Feuilleton der Welt meinte, er läge schon lange vor und sollte aufgrund der Haltung Tellkamps, der schon gerne einmal die Meinungskorridore enger werden sieht und sich an die DDR-Verhältnisse erinnert fühlt, nicht mehr veröffentlicht werden. Zensur! Ein missliebiger ostdeutscher Schriftsteller, der mundtot gemacht werden soll!

Ein zensierter Schrifststeller? Uwe Tellkamp

Für die Welt stand schnell fest, dass hier ein echter Skandal vertuscht werden sollte. Deshalb schnell die Feder gespitzt, auch noch fix eine Intellektuellen-Umfrage initiiert mit der Frage, ob man wirklich nicht mehr alles sagen und schreiben dürfe in diesem Land. Viel Geraune, viel nebulöse Andeutung, bis sich dann herausstellte: Tellkamps Buch wird beim Suhrkamp-Verlag gerade einfach nur redigiert und erscheint wahrscheinlich nächstes Jahr. Eine alberne Aufblähung eines Möchtegern-Skandales, an dessen Ende einfach mal wieder Shakespeare steht. Much ado about nothing!

Auch wurden die Debatten um andere Aufreger-Themen, wie etwa das #frauenzählen in Verlagsvorschauen oder das Erscheinen von Woody Allens Biografie auf einem teilweise doch recht fragwürdigen Niveau geführt. Da hätte man seine Energie doch besser in die Vermittlung von lesenswerten Büchern gesteckt.

Auch drängte sich im Feuilleton 2020 bislang der Eindruck auf, dass man auch in diesem Jahrzehnt die Abwertung von Frauen und die literarische Gagatheorie „Frauen – Unterhaltung“, „Männer – Literatur“ weiter munter fortschrieb. Beispielsweise Volker Weidermann im Spiegel über die neue Verlegerin des Rowohlt-Verlags, Nicola Bartels.

Aber da sind wir ja auch schon beim nächsten Thema – bei Rowohlt und der Verlagswelt.

Die Verlagswelt

Auch in der Verlagsbranche brachte 2020 wenig Gutes. Da war schon einmal Monsieur-Ex Florian Illies, der nach nur wenigen Monaten seinen Job als Rowohlt-Verleger wieder hinschmiss. Für Sandra Kegel in der FAZ eine peinliche Party. Und für Illies nur ein weiteres Ex-Prädikat, von denen er nun schon einige hat: Ex-Angestellter bei der Zeit, bei der FAS, bei einem Auktionshaus, bei einem Kunstmagazin. Und nun auch Ex-Verleger, nach ein paar Monaten. Einen Job, für den man zuvor die erfolgreiche Barbara Laugwitz höchst unrühmlich abgesägt hatte. Stabilität und Konstanz sieht anders aus.

Und dann kam auch schon Corona. Obwohl man zuvor noch behauptet hatte, die Leizpiger Buchmesse finde sicher statt, wurde sie dann wenige Tage später doch abgesagt. Die richtige Entscheidung, wie die rasant steigenden Fall- und Todeszahlen dann schnell zeigen sollten, obwohl auch ich ob der ganzen erfolgten Vorplanung zunächst enttäuscht war.

Was bei mir im kleinen zutrifft, trifft die Verlage ja deutlich härter. Gebuchte Hotelbetten, Fahrtkosten, Messebauer, geplante Veranstaltungen. Der Ausfall ist massiv und schlägt vor allem bei den kleinen und unabhängigen Verlage am gravierendsten durch, die in keine Konzernstrukturen eingebunden sind und über so etwas wie Rücklagen nicht verfügen. Besonders die Leipziger Buchmesse ist ja immer eine Publikumsmesse, bei der man für die Frühjahrsprogramme und Spitzentitel werben kann. Eine Möglichkeit, die dieses Jahr völlig wegfiel. Manch einer nahm das auch mit Humor, wie etwa Benjamin Quaderer, dessen Spitzentitel Am Ende die Alpen eigentlich dank Messe und Co viel Aufmerksamkeit hätte erhalten sollen.

Kleiner Trost – immerhin hier kommt bald eine Besprechung dieses wirklich lesenswerten Buchs. Dennoch ist der Ausfall von Öffentlichkeit, Absatzmöglichkeiten und Gewinn für die Verlage wirklich gravierend. In dieser Hinsicht ist auch eine traurige Nachricht abseits der ausgefallenen Leipziger Buchmesse zu vermelden:

Der Kleinverlag Binooki ist insolvent und muss den Betrieb einstellen. Der von zwei Schwestern betriebene Verlag hatte sich um den Transfer von türkischen Autor*innen ins Deutsche verdient gemacht und muss doch nun aufgrund eines Betrügers Insolvenz anmelden. Auch auf diese Nachricht hätte man verzichten können.

Der Buchhandel

Und dann ist da nicht zuletzt auch noch die Buchhandelsbranche. Sie trifft die Corona-Krise nun besonders hart. Während für die meisten Kund*innen wohl der Klick bei Amazon und Co. am einfachsten erscheint, fürchten viele Buchhandlungen um ihre Existenz. Die Laufkundschaft, die normalerweise die Umsatzzahlen generiert, fällt völlig weg. Bis auf Berlin mussten überall die Buchhandlungen schließen, da ihnen laut politischen Richtlinien keine Systemrelevanz zukommt. Darüber könnte man natürlich trefflich streiten. Fakt ist allerdings, dass sich die Buchhändler*innen so neue Wege überlegen müssen, um ihre Kund*innen zu erreichen und weiterhin den Umsatz zu generieren, der ihnen ein Forbestehen ihrer Läden ermöglicht.

Die Wichtigkeit von Online-Präsenzen und Webshops wird in der Corona-Krise einmal mehr augenfällig. Verschiedene Kampagnen und Initiativen von Verlagen und Buchhandlungen versuchen auch gegenzusteuern. Und auch ich möchte mit einem Appell enden.

Auslieferung per Fahrrad bei Uslar&Rai in Berlin

In Zeiten, in denen ein Online-Gigant wie Amazon Büchern keine hohe Priorität mehr einräumt und diese zugunsten von Lebensmittelzustellungen zurückstellt, gibt es in meinen Augen keinen einzigen Grund, einen solchen Marktmonopolisten weiter zu stärken. Im Gegenteil. Die Buchhandlungen werden nach wie vor täglich von den Zwischenbuchhändlern beliefert. Bestellte Bücher werden so deutlich schneller geliefert – und von vielen Buchhandlungen neuerdings sogar persönlich zugestellt. So seien an dieser Stelle nur kursorisch ein paar lokale Buchhandlungen genannt, die diesen Service anbieten. Ruft einfach eure Buchhändler*innen an und fragt nach – sie werden euch sicher gerne beliefern. Denn gerade in diesen Zeiten sollte ein Besinnen auf lokales Kaufverhalten und eine Unterstützung der Aktiven vor Ort das Gebot der Stunde sein. Schließlich wäre es schön, wenn die Buchhandels- und Verlagswelt nach der Corona-Krise noch die alte wäre. Insofern: Buy local!

Diese Buchhandlungen liefern nach Hause

Berlin: Ocelot, Uslar & Rai, Buchbox

Nürnberg: Buchhandlung Jakob

Hanau: Buchladen am Freiheitsplatz

Ansbach: Buchhandlung Seyerlein

Ulm: Aegis

München: Glatteis, Buch in der Au, CoLibris

Augsburg: Schlosser’sche Buchhandlung, Buchhandlung am Obstmarkt, Bücher Max


Titelbild: Pexels

Bild Tellkamp: By Smalltown Boy – Transferred from de.wikipedia to Commons., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6213358

Uslar&Rai: Homepage

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