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Robert Schneider – Schlafes Bruder

Wer liebt, der schläft nicht. Dieser Ausruf eines Predigers wird für Johann Elias Alder zu einem Mantra, das dem Bauernbub und Orgelvirtuosen später den Tod bringen soll. Bis es allerdings soweit ist, erzählt Robert Schneider in seinem Debütroman Schlafes Bruder derweil von der Faszination des Klangs, der Orgel und dem stürmischen Begehren. Auch nach über 30 Jahren seit seinem Erscheinen hat der Roman nichts von seiner erzählerischen Kraft eingebüßt.


Das Karusell der literarischen Novitäten dreht sich ja unaufhörlich. Im Messetakt werfen die Verlage Frühjahrs- und Herbstprogramme auf den Markt und fluten Buchhandlungs- wie Bibliotheksregale mit tausenden von Neuerscheinungen, die sowieso niemand in der Fülle lesen kann. Nur wenige Wochen verharren Bücher in den Regalen der Läden, ehe sie wieder zurückgeschickt werden an die Verlage und Zwischenbuchhändler. Damit sind sie fast das, was die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2018, Inger-Maria Mahlke einst in ihrer Dankesrede anmahnte, nämlich dass Bücher kein Joghurt seien.

Und doch scheint es viel zu oft so, dass Bücher wie der Joghurt ein Verfallsdatum tragen. Wenn sie sich nicht kurz nach der Veröffentlichung so verkaufen, wie gewünscht, verschwinden die Titel, oftmals bleiben die Absatzzahlen von Büchern im drei, wenn nicht sogar nur im zweistelligen Bereich – und das auch bei Titeln aus renommierten Häusern.

Bücher ohne Verfallsdatum

Nachdem ich hier vor wenigen Wochen auch mich selbst ermahnte, dass Blogs ja eben nicht immer gleich in der Novitätenhatz mitmachen und ihre Freiheiten dazu nutzen sollten, auch Bücher fernab der täglichen Aufmerksamkeitsökonomie des Buchmarkts zu präsentieren, will ich in diesem Jahr meine Worte auch selbst beherzigen.
So habe ich mir gezielt zwölf Klassiker aus dem Reclam-Verlagsprogramm auserwählt, die ich im Laufe des Jahres gerne besprechen würde. Es sind allesamt Bücher, die mal klar definiert, mal in weiterem Sinne als Klassiker gelten, und die über ein reines Namedropping hinaus nicht unbedingt mehr gängige Lektüren sind. Zumindest in meinen (digitalen) Literaturkreisen begegnen sie mir fast überhaupt nicht, sei es Joseph Roths Radetzkymarsch, George Sands Gabriel oder Goethes Die Wahlverwandtschaften.

Ich will mich den Büchern und ihren Verfassern hoffentlich möglichst unbefangen nähern und schauen, was sie mir heute noch zu sagen haben und wo ihre Qualitäten liegen, die eine Lektüre auch im Jahr 2026 noch zu einer ersprießlichen Angelegenheit macht.

Ein Überraschungserfolg namens Schlafes Bruder

Robert Schneider - Schlafes Bruder (Cover)

Den Anfang in dieser Reihe macht nun das wohl jüngste Buch unter den ausgesuchten, stammt es doch erst aus dem Jahr 1992 und hat sich seit seinem Erscheinen zu so etwas wie einem modernen Klassiker entwickelt. Die Rede ist von Schlafes Bruder, mit dem der damals 31 Jahre alte Österreicher Robert Schneider debütierte und aus dem Nichts einen Millionenbeststeller schrieb, von dem sich bis heute in seiner Gesamtheit über zwei Millionen Mal verkauft hat und der en passant den damals kriselnden Leipziger Reclam-Verlag sanierte, wie Rainer Moritz in seinem Nachwort zu Schlafes Bruder schreibt (und das Börsenblatt im Jahr 1993 zur schönen Schlagzeile Mit Robert aus dem Schneider inspirierte).

Blickt man heute auf Titel wie das jüngst zu großem Erfolg gekommene Werk Lázár von Nelio Biedermann oder das deutlich gelungenere Opus Der eiserne Marquis von Thomas Willmann, dann stehen all diese Werke in einer Traditionslinie, die Robert Schneider mit seinem Werk eröffnet hat, nämlich den historischen Roman, der durch einen eigenen Erzählton und außergewöhnliche Figuren besticht, die wiederum auch ein Stück weit in der Tradition eines Adelbert von Chamisso und anderen Romantikern stehen.

Die Geburt eines Musikers ohne Gleichen

Ist es im Falle von Willmann der technikbesessene Erzähler, der seit seiner Geburt von allem Mechanischen fasziniert ist oder im Falle von Biedermann das durchsichtige Kind Lajos von Lázár, das die Handlung in Gang setzt, so hebt Schneider mit der Geburt seines Helden Elias Alder an, die sich ebenso wie bei den beiden anderen Figuren als besonders erweist.

Zum dritten Mal an diesem Nachmittag Johannis 1803 wog Seff Alder die Tür in den Gaden, wo sein Weib lag, die zweite Niederkunft erbettelnd und erschreiend. Es schien, als ließe sich ihr Zweites nicht erpressen, als sperrte es sich gegen diese Welt, in die es aus freiem Willen nicht treten wollte. Sosehr sich die Bedauernswerte anstrengte, es zu gebären und schließlich unter gellendem Weh die Hände gegen den Bauch stemmte, das Kind kam nicht zur Welt. Seff hob den Atem.

Robert Schneider – Schlafes Bruder, S. 13

So beginnt das Leben des musikalisch hochtalentierten Elias Alder, dessen Schicksal und Ende Schneider schon zuvor verraten hat. Niedergehalten von seinem bäuerlichen Umfeld im Vorarlbergischen wird sein musikalisches Talent schon früh zur Entfaltung kommen, bis er es ins benachbarte Feldberg schafft, wo er ein Orgelkonzert zum Besten geben wird (eine Improvisation über Bachs Choral Komm oh Tod du Schlafes Bruder aus der Kreuzstab-Kantate), das die Welt noch nie gehört hat.

Die Welt der Orgelmusik, die Welt der Liebe

Doch nicht nur die virtuos beschrieben Welt der Musik im Allgemeinen und die der Orgel im Speziellen prägt Schlafes Bruder. Auch die Welt der Herzen ist ebenso wichtig. Es ist in Schneiders Roman insbesondere die unerfüllte Liebe zu seiner Cousine Elsbeth, die den Bauernbub umtreibt und die ihn später einen der außergewöhnlichsten Tode in der jüngeren Literatur bescheren wird (hier zeigt sich eine Parallele zum im Erzählton wie im Publikumserfolg und Erscheinungstermin ähnlich gelagerten Roman Das Parfüm von Patrick Süskind).

Die Liebe zu Elsbeth, die Faszination der Welt der Musik und die Möglichkeit, sich durch diese auszudrücken, dazu die geschickte Schilderung eines auktorialen Erzählers, der uns an die Hand nimmt, uns abwechslungsreich am Leben und Wirken seines Helden wie auch seines bäuerlichen Umfelds teilhaben lässt, das macht in meinen Augen den Reiz des Buchs aus. Darüber hinaus ist auch der Erzählton so registerreich, wie es Elias Alder später auf der Orgelempore in Feldberg bei seinem Spiel in höchster Vollendung demonstriert.

Schneider gebraucht für seinen Roman eine historisierende Sprache, die manchmal geradezu barock, manchmal eruptiv und dann wieder außergewöhnlich meditativ ist. Er erzählt mit Humor und keiner Scheu vor den niederen Instinkten. Dabei bedient er sich auch Dialekt-Neologismen (Klatter, Gaden, etc.), um seinen Roman ganz fest im bäuerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts zu verankern.

Fazit

Diese Atmosphäre, die sprachliche Intensität, verbunden mit einem gewandten Erzähler, der uns ein außergewöhnliches Schicksal zwischen Musik, Bauernhof und Liebestaumel präsentiert, macht diesen Roman auch über dreißig Jahre seit seinem Erscheinen literarisch so saftig. Hier ist nichts gut abgehangen, hier staubt nichts – Schlafes Bruder ist auch im Vergleich zu vielen anderen Epigonen nach ihm noch immer ein Maßstab für historisches Erzählen und die Kunst, ein außergewöhnliches Schicksal auf ebenso außergewöhnliche Art und Weise zu erzählen!


  • Robert Schneider – Schlafes Bruder
  • ISBN 978-3-15-020804-5 (Reclam)
  • 212 Seiten- Preis: 14,00 €

Maarten ´t Hart – Der Nachtstimmer

Langweilig hatte sie mich genannt, langweilig und unauffällig. Sie hatte recht, ich war langweilig. Ich hatte einen langweiligen Beruf, ich beschäftigte mich mit Kirchenorgeln. Es gab da ein Programm im Klassikradio – dort spielten prominente Menschen ihre Lieblingsplatten. Vorab sagte man ihnen: Bitte, keine Kirchenorgeln, sonst schalten die Leute sofort auf einen anderen Sender um. Wenn Orgeln und Organisten schon nicht besonders beleibt waren, wie verhielt es sich dann mit Orgelstimmern? Die kamen nicht im Radio, vom Fernsehen ganz zu schweigen. Über sie wurden keine Romane oder Erzählungen geschrieben – wobei allerdings erwähnt werden muss, dass der Isländer Halldór Laxness zumindest einen Roman verfasst hat, in dem ein Organist vorkommt. Und natürlich, nicht zu vergessen: 20 000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Darin steht eine Kirchenorgel an Bord eines U-Boots! Doch nie spricht Verne davon, dass das Instrument hin und wieder gestimmt werden muss.

Maarten ´t Hart – Der Nachtstimmer, S. 137

Mit diesem Umstand, den Maarten ´t Harts Protagonist Gabriel Pottjewiid hier beklagt, macht der niederländische Autor nun endgültig Schluss. Hier ist er, der Roman, der einen Orgelstimmer in den Mittelpunkt stellt, und der dem Handwerk und der Orgel selbst ein Denkmal setzt. Passend zur Wahl der Orgel als Instrument des Jahres lässt sich bei Maarten ´t Hart der Reiz dieses Instruments und die Kunst des Orgelbaus entdecken. Darüber hinaus ist der Roman aber auch die Geschichte einer Befreiung aus der Vereinzelung und die Beschreibung eines skurrilen Dorfs in den Niederlanden.

Wie in einem Wes Anderson-Film

Maarten 't Hart - Der Nachtstimmer

Man fühlt sich zunächst wie in einem Film von Wes Anderson, beginnt man in Der Nachtstimmer zu lesen. Da reist der Klavierstimmer Gabriel Pottjewiid per Zug in ein kleines Dörfchen an der niederländischen Küste, wo er im Auftrag der Firma Auerbach&Wüste eine Orgel stimmen soll. Er kommt im Seemannheim unter und erlebt eine Gemeinschaft voller skurriler Rituale und Verhaltensweisen. So tagt im Seemannheim ein Bibelkreis, der sich der Auslegung der heiligen Schrift gewidmet hat und etwa über den sprechenden Esel Bileams streitet. Zu essen gibt es stets FGK – Fleisch, Gemüse, Kartoffeln. Eine große Werft sorgt für steten Krach, das Dorf scheint von Käuzen und Originalen bevölkert zu sein.

Inmitten dieser eigenwilligen Welt soll Pottjewiid eine Garrels-Orgel stimmen – ein Auftrag, der ihn über mehrere Tage beschäftigen wird. Sein Aufenthalt verlängert sich, als ihn die andere Gemeinde im Dorf ebenfalls noch für die Stimmung ihrer Orgel akquirieren möchte. Für die monotone Arbeit erhält er aber schon bald Unterstützung in Form eines jungen Mädchens. Lanna fasziniert die Welt der Orgeln ebenfalls, das Mädchen stellt sich als geschickte und gelehrige Schülerin heraus, die für die Arbeit an der Orgel wie gemacht scheint. Im Gefolge der von den Dorfbewohner*innen als leicht zurückgeblieben stigmatisierten Lanna bekommt es Pottjewiid dann auch mit Lannas Mutter Gracinha zu tun, die im Dorf von Argwohn bis Begehren ebenso viele Emotionen auslöst. Diese drei werden während der Wochen dort an der Küste zu einer besonderen Einheit.

Das Porträt eines Eigenbrötlers und einer Annäherung

Der Nachtstimmer ist ein Roman über einen Eigenbrötler, der sich langsam aus seiner Vereinzelung heraus löst. Langsam baut er eine Bande zu Lanna und ihrer Mutter Gracinha auf. Inmitten der skurrilen Dorfwelt fassen die Figuren langsam Zutrauen zueinander und verlassen allmählich ihre Komfortzonen. Das schildert Maarten ´t Hart mit viel Wärme und Sympathie für seine Figuren. Ebenso ist das Buch aber auch ein großer Roman über Orgeln und das Stimmen ebenjener. Was eine Garrels-Orgel von einer Schnitger-Orgel unterscheidet, welche besonderen Pfeifen in welchen Orgeln verbaut wurden, wie die Stimmung dieser Instrumente funktioniert und welcher Reiz von der „Königin der Instrumente“ ausgeht, das lässt sich in Der Nachtstimmer ebenfalls nacherleben.

Dieser Roman verweigert sich allen Konventionen, mischt einen kleinen Kriminalplot mit dem Handwerk des Orgelstimmens, vermengt eine Liebesgeschichte mit der Beschreibung eines Dorfs, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. So wohnt Der Nachtstimmer etwas Zeitloses inne, das aber dennoch ganz hervorragend genau in dieses Jahr passt, in dem die Orgel mit all ihren Facetten gefeiert wird. Es ist ein skurriler, warmherziger Roman, den Maarten ´t Hart hier geschaffen hat. Ein Buch mit dem Blick für das Besondere im Alltag.

Und nicht zuletzt muss auch dem Übersetzer Gregor Seferens ein großes Lob ausgesprochen werden, der den Roman aus dem Niederländischen ins Deutsche übertrug. Ihm gelingt es – eine Orgelmetapher in dieser Rezension sei erlaubt- die vielen Register und Stimmungen dieses Textes toll ins Deutsch zu retten. So erfindet er für Maarten ´t Harts skurrile Sprache und das Idiom der Dorfbevölkerung tolle Übertragungen wie beispielsweise die Redewendung „Jemanden hinter die Fichte führen“, die sich allesamt stimmig in den Gesamtkontext des Buchs einfügen.

Fazit

Der Nachtstimmer ist ein Roman über Einsamkeit und über den Weg aus dieser heraus. Genauso ist dieses Buch aber auch ein großer Roman über Orgeln und die Kunst, diese zu stimmen. Hier lässt sich nacherleben, was es bedeutet, der „Königin der Instrumente“ zu einem Wohlklang zu verhelfen. Und damit ist nun auch endgültig Schluss mit dem von Gabriel Pottjewiid eingangs beklagten Umstand, dass es keinen Roman über Orgelstimmer gäbe. Hier ist er!

Maarten ´t Hart zeigt, dass man aus der eigentlich unspektakulären Kunst auch tolle Literatur zaubern kann!


  • Maarten ´t Hart – Der Nachtstimmer
  • Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
  • ISBN 978-3-492-07043-0 (Piper)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 €