In seinem Buch Die Buchhandlung der Exilanten – Paris 1940: Zuflucht und Widerstand blickt der Autor Uwe Neumahr auf die Zeit der Besatzung in Paris und erzählt von zwei Buchhändlerinnen, die das literarischen Leben dort auch unter widrigsten Umständen entscheidend prägten.
Schlendert man durch das Viertel rund um die Pariser Sorbonne, dürfte man schnell über einen Buchladen stolpern, dessen Name so gar nichts Französisches an sich hat. Shakespeare and Company heißt der Laden, der in der Rue de la Bûcherie beheimatet ist und der mit seinen verwinkelten Gängen, den bis an die Decke reichenden Regalen und seinen antiquarischen Beständen jenes Ideal verkörpert, das viele Menschen in Sachen der Buchhandlung ihrer Träume haben dürften.
Der Name der 1951 gegründete Buchhandlung ist dabei eine Hommage an die originale Buchhandlung Shakespeare and Company, die einst von der aus den USA stammenden Buchhändlerin Sylvia Beach ein paar Straßen weiter in der Rue de l’Odéon gegründet worden war.
Nach deren Tod im Jahr 1962 benannte der Buchhändler George Whitman seine eigene Buchhandlung als Erinnerung und Referenz an das Wirken seiner Landsfrau ebenfalls in Shakespeare and Company um.
Auch der Name seiner eigenen Tochter ist eine Referenz an die legendäre Buchhändlerin. Sie, die heutige Inhaberin des Ladens, hört ebenfalls auf den Namen Sylvia und führt mit ihrem Wirken das fort, was Sylvia Beach im Jahr 1919 in Paris begann, nämlich Menschen für (anglophone) Literatur zu begeistern.
Eine Amerikanerin in Paris
Verfasste Sylvia Beach selbst schon ein Büchlein über ihre Zeit mit Shakespeare and Company, so fasst der Schriftsteller Uwe Neumahr seinen Blick in Die Buchhandlung der Exilanten deutlich weiter. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die in Beachs Memoiren ausgespart werden, sind doch eigentlich die spannendsten, wie der Autor nicht nur im Nachwort schreibt, sondern auch vor allem in seinem Text zeigt.
Nicht nur, dass Beachs Buchhandlung zur Zeit der Besetzung von Paris während des Zweiten Weltkriegs in große Gefahr geriet, auch für ihre Besitzerin galt das, fand aber in ihren schriftlichen Erinnerungen dann kaum Platz.
Und auch wenn Aufmachung und Titel von Neumahrs Buch anderes suggerieren: Shakespeare and Company ist nur die eine Hälfte des Buchs, ebenso wie Sylvia Beach nicht die ist, die im Sachbuch im alleinigen Fokus steht.
Einen ergänzenden, mindestens ebenso wichtigen Teil spielt auch die Buchhändlerin Adrienne Monier, mit der Sylvia Beach nicht nur die Liebe zu den Büchern verband.
Die 1892 geborene Monnier betrieb ihren Buchladen La Maison des amis des livres ebenfalls in der Rue de l’Odeon und leistet Sylvia Beach bei ihrem unternehmerischen Start als Buchhändlerin wichtige Starthilfe. Später wurden die beiden Frauen sogar ein Paar und prägten das literarische Leben der Stadt und weit darüber hinaus, bis zur Zeit des Einmarschs der Nationalsozialisten in Paris.
Die Beziehung zweier Buchhändlerinnen und ihrer Häuser
Uwe Neumahr schreibt im Vorwort zu seinem Buch dazu:
Im Herzen der Stadt befand sich ihre 1915 gegründete Buchhandlung La Maison des Amis des Livres, gegenüber in derselben Straße, in der Rue de l’Odéon 12, Sylvia Beachs wenig später eröffnete amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company. Auf diese Weise konnten die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten. Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen, nicht nur wegen ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und ihrer sexuellen Identität, sondern auch durch die künstlerische Avantgarde, die sie bevorzugten. André Gide, Paul Valéry, Pablo Picasso, Eric Satie, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren ebenso gern gesehene Gäste der beiden Buchhandlungen wie Ernest Hemingway, T. S. Eliot, Gertrude Stein oder James Joyce. Die Rue de l’Odéon wurde zum Treffpunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, denen Paris und die lebendige Atmosphäre um die beiden
Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten, S. 9
Frauen zum Mittelpunkt ihres Schaffens wurden.
So erzählt der Schriftsteller, dem mit seinem Sachbuch Das Schloss der Schriftsteller vor drei Jahren ein großer Bestsellererfolg gelang, von der Entstehung und Wechselwirkung der beiden Buchhandlungen und von ihrer Rolle für das kulturelle Leben, das sich im Spannungsfeld der beiden Häuser entfalten konnte.
Die Szene der Odéonisten
Nicht nur, dass quasi alles, was im kulturellen Leben der Stadt Rang und Namen hatte, sich bei den beiden Buchhändlerinnen die Klinke in die Hand gab: auch beeinflussten sie mit ihrem eigenen publizistischen Schaffen, der Förderung von Nachwuchs wie auch der Herausgabe von Literaturzeitschriften den literarischen Zeitgeist.
Im Falle von Sylvia Beach reichte das so weit, dass sie für die Erstveröffentlichung von James Joyce‘ epochemachendem Werk Ulysses sorgte, für das sich zunächst kein Verlag hergeben wollte und dessen Autor wie auch sein Werk zu einer Prüfung für Sylvia Beach wurden.
Davon, aber auch den belastenden Jahren während der Okkupation Frankreichs erzählt das Buch, das über Adrienne Monier und Sylvia Beach auch die ganze Szene der sogenannten Odeonisten in den Blick nimmt. Die zunehmenden Schwierigkeiten, unter denen vor allem Sylvia Beach als US-amerikanische Ausländerin litt, der grassierende Antisemitismus, das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Kollaboration, die Restriktionen für die Zivilbevölkerung bis hin zur Befreiung Paris‘ nach dem D-Day und die Zäsur, die das Erlebte für die ganze Szene der Odeonisten bedeutete, davon erzählt Uwe Neumahr umfassend und sehr quellenreich.
Der breitbeinige, frauen- und erlebnissüchtige Hemingway, die verzweifelten Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, sie alle haben ihren Auftritt im Buch und lösen den Buchtitel der Exilanten wirklich ein. Darüber hinaus ist das Buch auch so spannend, weil Neumahr von den verschiedenen Überlebensstrategien und Anpassungen erzählt, etwa der ebenfalls in einer lesbischen Beziehung lebenden Getrude Stein, die die Okkupationszeit nicht nur durch einflussreiche Gönner überstand, sondern sich auch durch die Übersetzung der Reden von Marschall Petain ins Englische selbst versichern wollte.
Auch die jüdische Fotografin Gisèle Freund, die mit ihrer Arbeit das Bild der Literaten von Paris mitprägte und nach dem Einmarsch der Nazis gezwungen war, bis nach Argentinien zu fliehen, spielt eine große Rolle in diesem Porträt einer ganzen euorpäisch-amerikanischen Künstlergeneration.
Fazit
Von all diesen Schicksalen, von den unterschiedlichen Lebenswegen durch das dunkle Kapitel der Nazizeit und von der lebhaften Kulturszene erzählt Die Buchhandlung der Exilanten neben seinem hauptsächlichen Fokus auf Sylvia Beachs und Adrienne Monniers Buchhandlungen. Dadurch gelingt Neumahr ein breit angelegtes und informatives Panorama der damaligen intellektuellen Szene.
- Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand
- ISBN 978-3-406-84494-2 (C. H. Beck)
- 320 Seiten. Preis: 26,00 €

