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Clara Leinemann – Gelbe Monster

Die Wut, die bleibt, die wächst, die nie so wirklich verschwindet. In ihrem Debüt Gelbe Monster erkundet Clara Leinemann die Aspekte weibliche Wut und die Auswirkungen, die diese auf eine Beziehung hat. Dabei vermeidet sie dankenswerterweise zu einfache Erklärungsansätze und blickt differenziert auf die Dynamiken innerhalb einer Beziehung und widmet sich der Frage, wo die Gewalt eigentlich beginnt.


Eigentlich ist sie hier mehr als nur verkehrt, in dieser Gesprächsrunde, an der Charlie missmutig teilnimmt. Verurteilte Straftäterinnen sitzen in diesem Programm zur Aggressionsbewältigung unter therapeutischer Aufsicht, aber warum um Himmels Willen bitte Charlie? Eigentlich ist es alles ein großes Missverständnis, so die Auffassung der jungen Frau, die sie sich und ihrer Freundin Ella gegenüber zum Ausdruck bringt.

Über die Richtigkeit ihrer Anwesenheit in der Therapiegruppe kann sich jede Leserin und jeder Leser im Folgenden des 190 Seiten langen Textes selbst ein Bild machen. Denn Clara Leinemann dröselt ausgehend von der Gegenwart in Rückblenden die Beziehung auf, die für Charlie und Valentin einst schon unter Vorzeichen begann, die vielleicht hätten aufmerken lassen sollen — und die dann in der Anwesenheit in der Therapiegruppe mündete.

Bolzenschneider und Amore

Clara Leinemann - Gelbe Monster (Cover)

Im Falle von Gelbe Monster ist es die Kraftanwendung eines Bolzenschneiders auf ein Fahrradschloss, mit der alles seinen Anfang nimmt. Die schlosssprengende Kraft entwickelt allerdings nicht Valentin, sondern Charlie, die mit einem geborgten Bolzenschneider dessen Fahrrad-Fixierung löst. In der Folge lernen sich die beiden näher kennen, sie Mathematik-Studentin und er verhinderter Literat, teils Student und teils Buchhändler.

Annäherungen in der Universitätsbibliothek, ein gemeinsam erlebter Stromausfall im Aufzug, Dates, Kennenlernen, gemeinsam verbrachte Nächte und dazu die grenzenlose Verliebtheit, die uns Charlie schildert, all das gehört zur Liebesgeschichte der beiden. Doch wo hört Liebe auf und wo endet Obsession?

Das arbeitet Clara Leinemanns Text gelungen heraus, indem er auf die Ambivalenzen schaut, die manchem verliebten Handeln schon innewohnen. Ist ein unangekündigtes Auftauchen vor der Buchhandlung des Angebeteten romantisch oder übergriffig? Sind durchliebte Tage und Nächte zu zweit im Bett Ausdruck von grenzenloser Leidenschaft oder einer beginnenden Entfremdung von der Welt?

Gelbe Monster stellt diese Spannungsfelder in den Raum, geschildert durch die höchst subjektive Wahrnehmung Charlies und zeigt, dass die Wut nicht grundlos entstand und entsteht.

Weibliche Wut als literarisches Thema

Weibliche Wut ist ein Thema, das die deutschsprachige Gegenwartsliteratur analog zur steigenden Beschäftigung mit Themen wie der Erschöpfung über gesellschaftliche und patriarchale Muster gegenüber Frauen beschäftigt. Von einem Angang aus gesellschaftsanalytischer Perspektive wie im Fall der eingangs schon zitierten Mareike Fallwickl reicht der erzählerische Bogen bis hin zu alters- und sozialbedingter Wut im Falle von Fatma Aydemirs, die in Ellbogen die Wut einer jungen Deutschen mit Migrationshintergrund beleuchtet.

Nun gesellt sich durch Clara Leinemanns literarische Behandlung auch die weibliche Wut dazu, die die in einer Paarbeziehung entsteht – beziehungsweise auf diese einwirkt. Diese Dynamiken sind Thema ebenso wie das fast bipolare Verhalten, das zwischen einem Bedürfnis aus Nähe und Distanz erwächst und an dem beide Partner*innen entscheidenden Anteil haben.

Die 1994 geborene Clara Leinemann schildert das mit einem starken Bezug auf die Popkultur, indem sie weibliche Heldinnen Greta Gerwigs Lady Bird über Rächerinnen wie etwa die von Uma Thurmann verkörperte Figur in Kill Bill bis hin zu Julia Ducournaus Titane zitiert und so einen ebenso temperamentreichen Gegenkosmos von weiblichen Figuren schafft, die ganz unterschiedliche Wege für ihren Kampf gegen die bestehende Ordnung finden.

Auch fällt die klar weibliche Perspektive an vielen Stellen auf, wenn Charlie etwa beschreibt, das ein Anblick ein Stechen in ihrem Uterus auslöst oder sie mit folgendem starken Bild ihr immenses Begehren für ihren Partner Valentin zum Beginn ihrer verhängnisvollen Beziehung beschreibt:

Was sie sich wünschte, war, dass Valentin ein Fass war, dessen Deckel sie abnehmen, das sie drehen und umkippen konnte, sodass sich aller Inhalt vor ihr auf den Boden ergoss. Sie wollte mit ihren Händen in der Suppe herumpantschen, sie die Suppe ins Gesicht klatschen, sie trinken, sie von den Dielen lecken.

Clara Leinemann – Gelbe Monster, S. 67

Fazit

Aus all diesen Komponenten wird ein kompakter, eindringlicher Text, der ein Gespür für die Schattierungen von Liebe und Wahn entwickelt und der mit Clara eine unbequeme Heldin zur Heldin hat, an der man sich reiben und doch in einigen Punkten auch Identifikationspotenzial finden kann.

Die weitere literarische Entwicklung von Clara Leinemann verspricht interessant zu werden. Schon jetzt ist eine große Bereitschaft zu erkennen, sich auch mit unbequemen Themen zu befassen und ganz einzutauchen in die Welt ihrer Figuren. Insofern wird es spannend, welches Thema die 1994 geborene Autorin als nächstes in den Blick nimmt!


  • Clara Leinemann – Gelbe Monster
  • ISBN 978-3-518-43300-3 (Suhrkamp nova)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Simone Lappert – Wurfschatten

Simone Lappert sollte eigentlich schon im letzten Jahr hier auf dem Blog einen Platz bekommen. Damals las ich ihren Roman Der Sprung, der als Spitzentitel im Diogenes Verlag erschien. Doch zu einer Rezension kam es nicht, da mir ein Ansatzpunkt für die Besprechung fehlte. Schnell gelesen und relativ schnell wieder vergessen, in diese Kategorie fiel für mich das Buch. Nette Lektüre, ganz gut gemachte Unterhaltung mit einem kleinen Schwachpunkt, nicht mehr und nicht weniger.

Simone Lappert - Der Sprung (Cover)

Ein Buch, das sich im Buchhandel gut verkaufte, viele wohlmeinende Leser*innen und Buchhändler*innen für sich einnahm und als Empfehlungstitel zu einem veritablen Erfolg gelangen sollte. Nur in meinen Augen nichts, das einer vertieften Analyse hier auf dem Blog bedurfte.

An meinen Kritikpunkt an Lapperts Buch fand ich mich nun erinnert, als ich im letzten Supplement der Zeit zur ausgefallenen Leipziger Buchmesse blätterte. Jens Jessen schrieb darin über den neuen Roman von Pascal Merciers namens Das Gewicht der Worte folgende Zeilen:

Glücklicherweise sind [die Figuren] allesamt polyglott und wechseln mühelos zwischen dem Italienischen, Französischen und Englischen (…). Das Einzige, was die Übersetzer, die Autoren und Verleger einschließlich ihrer wenigen branchenfremden Freunde niemals wechseln, ist der Modus ihrer Rede. Alle diese wunderbaren Menschen sind auf wunderbare Weise immer der gleichen Meinung. Sie benutzen auch die gleichen Wörter, um diese Meinung zu formulieren, sie haben die gleichen Empfindungen und das Entzücken, das die eine Figur angesichts einer bestimmten Durchsage in der Londoner U-Bahn fühlt, kann leicht viele Hundert Seiten später von einer anderen Figur genauso artikuliert werden. Das „Gewicht der Worte“ mag erheblich sein, ist aber jedenfalls nichts Individuelles.

Jessen, Jens: „Monumentale Biederkeit“ in Zeit Literatur No 12, März 2020

Vom Fehlen der Individualität

Dieses Fehlen von Individualität war es, das mich tatsächlich auch in Der Sprung störte. Darin erzählt Lappert aus der Sicht einer Vielzahl von Figuren von einer Frau, die auf dem Dachfirst eines Hauses steht und kurz vor dem Sprung zu stehen scheint. Dieses außergewöhnliche Ereignis beeinflusst das Leben aller Figuren, von denen Simone Lappert erzählt. Nur – all diese Figuren reden und denken gleich. Wie auch bei Mercier fehlt ihnen literarische Eigenständigkeit. Das Unterhaltungspotenzial dieses Romans wird dadurch kaum geschmälert, ich hätte mir hier allerdings mehr Ausgestaltung durch literarische Tiefe gewünscht.

Simone Lappert - Wurfschatten (Cover)

Nun liegt im Diogenes Wurfschatten vor. Es handelt sich hierbei allerdings um kein neues Buch der Schweizer Autorin. Vielmehr ist Wurfschatten das Debüt Lapperts, das vor sechs Jahren im Metrolit-Verlag erschien. Doch der Verlag ging insolvent und so schnappte sich Diogenes die Recht, um das Buch nun als Taschenbuch auf den Markt zu bringen.

In diesem Buch konzentriert sich Simone Lappert auf eine Figur, in deren Leben wir zu Gast sind. Es handelt sich um Adamine, genannt Ada. Als Schauspielerin schlägt sie sich mit einem Engagement bei einer Krimidinner-Revue namens Mord an Bord durch. Durch die Veruntreuung ihres Vermögens durch einen Regisseur befindet sich ihr Konto schwer in den Miesen. Auch ihr Mietverhältnis ist ebenso prekär, ständig ist sie mit der Zahlung für ihre Wohnung im Verzug, die sie mit zahlreichen Fischen bewohnt.

Die Fische vermitteln Ada Ruhe und spenden ihrer Seele Trost. Denn die Schauspielerin leidet unter diversen Angsstörungen und Panikattacken.

Ada hob ihren Arm unter der Decke hervor und zeigte auf ihre Tätowierung, (…) sie erzählte, dass sie Angst vor ihrem eigenen Körper hatte, Angst vor Erdbeben, vorm Ersticken, vorm Erschlagenwerden, Angst vor einer Herzattacke, Amokläufen, Spülmittelrest, vor Lebensmittelvergiftungen, Lungenkrebs, Autobahnen, vorm Fliegen, vor dem eigenen Gasherd, dem eigenen Föhn.

„Und wenn sie da ist, die Angst“ sagte sie, „dann zittert alles was ichsehe, alles verwackelt, es ist ein Selbstauslöser, den ich nicht steuern kann, ich weiß nicht einmal, wann das ales angefangen hat. Es ist, als hätte ich schon immer einen Wackelkontakt zur Welt“

Lappert, Simone: Wurfschatten, S. 231

Katastrophe oder Therapie, das ist hier die Frage

Da ihr Mietverhältnis ebenso prekär wie die Lage ihres Kontos ist, greift ihr Vermieter kurzerhand zu radikalen Mitteln. Er setzt ihr Juri vor die Nase. Dieser Juri ist der Enkel ihres Vermieters und soll sich nun die Wohnung mit ihr teilen. Ein Konzept, das ebenso scheitern wie heilsam für Ada sein könnte. Denn Juri ist ganz anders als Ada, deren Routine von ihren Ängsten diktiert wird.

Wie in einem Experiment beobachtet Simone Lappert und damit auch wir als Leser die Situation, die sie geschaffen hat. Wie reagieren die beidene Charaktere miteinander? Anziehung oder Abstoßung? Katastrophe oder Therapie? Das ist in Wurfschatten die Frage.

Ihre Figuren erobern sich immer wieder neue Räume, besetzen diese oder lernen mit Verlusten zu leben. Da werden Fische in Badewannen gesetzt, Kresse in sämtlichen Räumen der Wohnung gesät, Umzugskisten mit altem Plunder auf die Straße gestellt. Immer ist etwas in Bewegung, statisch wie Schatten sind hier weder Räume noch Beziehungen.

Ihre Erzählung kleidet Simone Lappert in eine Sprache, die zwar nicht durch Innovation oder herausragende Kreativität aufzufallen vermag. Für ihr Thema ist ihre Sprache allerdings angemessen, manchmal gelingen ihr innovative Vergleiche oder gut formulierte Beobachtungen, die dieses Debüt adeln.

Fazit

Wurfschatten ist ein Buch über Ängste und Möglichkeiten, diesen zu begegnen. Trotz des schweren Themas ist Wurfschatten nicht beschwerend, sondern durchaus auch heiter und schwebend erzählt. Sprachlich leicht überdurchschnittlich und mit einigen schlau gewählten Motiven erzählt das Buch von Ängsten und dem Bereitmachen für Neues. Ein gutes Debüt einer jungen Schweizer Stimme.

  • Simone Lappert – Wurfschatten
  • 240 Seiten, ISBN 978-3-257-24525-7
  • Preis: 12,00 € (D)