Category Archives: Kriminalroman

Adventskalender – Türchen 15

Heute wird es im Adventskalender düster, eigentlich schon mehr als düster – was ja auch in diese dunkle Jahreszeit ganz gut passt.

Carl-Johan Vallgrén – Schweine

In seinem neuen Thriller folgt der schwedische Autor einer alten skandinavischen Tradition – der des Blicks in die Abgründe des Wohlfahrtstaates. Was bereits prototypisch vom schwedischen Autorenduo Sjöwall & Wahlöö in den 70ern durchexerziert und fortan von Mankell bis Nesbø weiterverfolgt wurde, das tut nun auch Carl-Johan Vallgrén. Er wendet seinen Blick vom Vorzeigeschweden mit seiner idealisierten IKEA-Idylle ab und beleuchtet die Abgründen der Gesellschaft und die der menschlichen Natur.

Der drogenabhängige Danny Katz durfte bereits einmal in Zusammenarbeit mit der Staatsanwältin Eva Westin ermitteln (siehe Schattenjunge) ehe er nun von Vallgren seinen zweiten Einsatz bewilligt bekam. Und dieser hat es wieder mehr als in sich, wenngleich Katz erst nach 60 Seiten ins Spiel kommt. Vorher wohnt man einem Raubüberfall bei, der mit tödlichen Konsequenzen scheitert. In den Überfall ist ein alter Bekannter von Katz verwickelt, der mitansehen muss, wie ein Kumpane kaltblütig von einem Polizisten hingerichtet wird.

Währenddessen trifft Katz in Stockholm ebenfalls auf einen Freund aus alten Tagen, der den Drogen verfallen ist. Doch die Wiedersehensfreude währt nur kurz, am nächsten Tag ist Katz‘ Kumpel tot und seine Freundin verschwunden. Danny Katz misstraut der offiziellen Version der Überdosis und macht sich dran, die Wahrheit über seine Freunde herauszufinden. Doch die Wahrheiten, die Katz schließlich in Zusammenarbeit mit Eva Westin ans Tageslicht zerrt, sind alles andere als positiv. Die Suche führt zu düsteren Geheimnissen und Abgründen – und dann ist da noch der missglückte Raubüberfall, der mit all dem in Verbindung zu stehen scheint.

Schweine führt seinen Titel konsequent im Inneren weiter. Die Welt, die Vallgren in seinem Buch schildert, ist mit dem Begriff düster nur unzureichend beschrieben. Der Blick in die Abgründe fällt bei diesem Autoren ganz besonders dunkel aus und erfordert vom Leser einen starken Magen. Missbrauch, Morde und Mysogynie sind nur drei der Themen, die Vallgren detailfreudig beleuchtet. Der groß gesetzte und von Susanne Dahmann übersetzte Band 2 der Katz-Westin-Saga ist komplex und schafft es, auf den knapp 400 Seiten einen Sog zu erzeugen. Wem Stieg Larssons Weltbild zu freundlich und wem Jo Nesbo Harry Hole zu soft war, der findet hier die extremere Variante.

Jane Harper – The Dry

Auch heute pausiert der Adventskalender hier wieder zugunsten einer ausführlichen Rezension, und zwar dem gehypten Roman „The Dry“ von Jane Harper:

Kiewarra, ein abgelegenes Dorf im Nordosten Australiens. Die Region wird von Gluthitze heimgesucht und lechzt nach Wasser. Doch die Sonne ist unerbittlich und sorgt für viel Verzweiflung und wortwörtlich erhitzte Gemüter. In dieser Zeit werden auf einer Farm Luke Hadler, seine Frau Karen und sein Junge Billy tot aufgefunden. Alles sieht nach einem erweiterten Suizid aus – nur die wenige Monate alte Tochter der Hadlers hat überlebt.

dryZum Trauergottesdienst erscheint auch Aaron Falk, der Kiewarra nach einigen unrühmlichen Geschehnissen in der Vergangenheit gemieden hat. In Melbourne arbeitet er eigentlich als Finanzermittler, doch die Nachricht vom Tode Lukes lässt ihn nun kurzfristig in das Dorf seiner Kindheit zurückkehren. Denn Luke Hadler und Aaron Falk verband eine tiefe Freundschaft, die infolge der damaligen Ereignissen langsam auseinander bröckelte. Nun sind alle Erinnerungen und alten Bekannten plötzlich auf einen Schlag wieder da.

Die Eltern von Luke setzen ihr ganzes Vertrauen in Aaron, da sie die Hoffnung umtreibt, dass der Tod von Luke kein Suizid war, sondern ein gut vertuschter Mord. Und dieser beginnt dann auch zusammen mit dem Dorfsheriff Raco die Rekonstruktion jenes verhängnisvollen Tages, der für drei der vier Mitglieder der Hadler-Familie tödlich endete. Denn nicht alle Dorfbewohner sagen die ganze Wahrheit über die Ereignisse auf der Farm … Continue reading

Volker Kutscher – Lunapark

Gereon Rath ist zurück – Machtergreifung, gedungene Serienkiller und eine Hochzeit haben ihm nichts anhaben können – in seiner eigenen Mischung aus Angepasstheit und Rebellion hat es der Berlin Kriminalkommissar auch ins Zeitalter der Nationalsozialisten hinübergeschafft. Immer noch versieht er seinen Dienst in der Burg am Alex während ehemalige Kollegen auf Seiten der Nazis Karriere machen.

lunapark

In diesen unruhigen Zeiten ist Raths neuer Fall mehr als brisant. Eine halbfertige kommunistische Parole prangt unter einer Eisenbahnbrücke, darunter liegt tot ein SA-Mann. Für Raths Ex-Kollegen und nun jetzt Gestapo-Ermittler Reinhold Gräf ist die Sache dann sofort klar. Kommunisten haben dieses Verbrechen verübt, da sie bei der Aufbringung ihrer Parole gestört wurden. Folglich bläst Gräf zum Angriff auf die letzten roten Kommunisten in Berlin und Rath soll ihm zuarbeiten. Diesen macht hingegen die Offensichtlichkeit des Verbrechens stutzig. Er ermittelt in eine ganz andere Richtung, denn wie es aussieht, verbindet das Opfer unter der Eisenbahnbrücke ein Geheimnis mit weiteren Männern aus dem SA-Sturm 101. Auch alte Bekannte scheinen in die Geschehnisse verstrickt und so klemmt sich Rath gegen den Widerstand der Gestapo hinter seine eigene Fährte. Denn da draußen lauert der Täter immer noch. Und er hat auch mit Gereon Rath noch eine Rechnung offen …

Verhaltener Auftakt, gute Entwicklung

Etwas verhalten beginnt der inzwischen sechste Band um den Berliner Kommissar. Kompetenzgerangel und die übliche Spurensuche dominieren das erste Drittel des Buchs, ehe sich Volker Kutscher etwas freischwimmt und den Fall um die ermordeten SA-Männer immer komplexer macht und die Erzählfäden rund um Rath, seine Frau Charly Ritter und Raths alten Bekannten Johann Marlow miteinander verstrickt. Hier zeigt sich dann die Klasse des Autors, indem er die Protagonisten immer näher zusammenführt und dadurch auch den Zeitkolorit gut in die Geschichte einwebt.

Die kurz zuvor erfolgte Machtergreifung der Nationalsozialisten, das Erstarken der SA und der Röhm-Putsch im Juli 1934 bilden diesmal das Grundgerüst für die Kriminalepisode. Kutscher fängt die Zeit und die Verhaltensweisen der Menschen hervorragend ein. Wie er Rath als widerspenstigen Ermittler aber halbwegs angepassten Menschen zeichnet, der sich durch die Herrschaft der Nazis  hindurchlaviert, und im Privaten verpasst, Stellung zu beziehen, das liest man gerne. Auch sein Wohlwollen gegenüber seines Ziehsohnes Fritze, der unbedingt in die HJ eintreten möchte, steht exemplarische für viele Biografien dieser Zeit und wird von Kutscher plausibel eingearbeitet.

Zum Verständnis der Reihe ist die Kenntnis der Vorgängerbände nicht zwingend erforderlich, wer allerdings bereits Märzgefallene gelesen hat, wird sich mit der Lektüre des Lunaparks einfacher tun, da Kutscher viele Fäden aus diesem Krimi wieder aufgreift und weiterwebt.

Adventskalender – Türchen 1

Jean-Christophe Grangé – Purpurne Rache

Auch wenn der deutsche Titel eine Verwandschaft zu Grangés Meisterwerk Die purpurnen Flüsse nahelegt – das Buch hat damit nichts zu tun. Stattdessen verknüpft der Franzose in seinem Buch eine Familiengeschichte mit der Suche nach einem Serienmörder, genannt Der Nagelmann. Diesen hatte in den 70ern der Vater von Erwan Moran im Kongo gestellt. Seitdem wurde sein Vater zur grauen Eminenz in der Grande Nation und zieht gekonnt die Strippen. Als nun in einer Flugschule in Brest eine fast vollständig zerstörte Leiche auftaucht, entsendet er seinen Sohn Erwan in die Bretagne. Seine umfangreichen Ermittlungen bringen schon bald ein unschönes Bild zum Vorschein, denn es sieht aus, als wäre der Nagelmann zurück. Doch dieser verstarb schon vor Jahren in einer Haftanstalt in Frankreich – oder doch etwa nicht?

Mit Purpurne Rache findet Jean-Christophe Grangé wieder in seiner alte Erfolgsspur zurück. Eine Fortsetzung des Titels ist in Frankreich bereits erschienen. Hoffentlich muss man hier nicht allzu lange darauf warten, denn nachdem das Buch in Fahrt gekommen ist, wird es wie gewohnt spannend, blutig und exotisch.

Joe Ide – IQ

Der Sherlock Holmes aus dem Ghetto

Ein Nachbarschaftsdetektiv in den Ghettos von Los Angeles, das ist Isaiah Quintabe, genannt IQ. Mit seinem induktiven Denken und seinem enormen Wissen ist der DIE Anlaufstelle für alle Menschen im Ghetto, denen Unrecht geschehen ist oder die anderweitig seine Hilfe brauchen. Doch all diese Aufträge werden – wenn sie denn dotiert sind – IQ eher in Naturalien denn in Geld ausbezahlt. Und auf Geld wäre IQ dringend angewiesen. Deshalb reaktiviert er widerwillig seinen alten Kumpel Dodson, der ihm einen lukrativen Auftrag verschaffen soll. Und dieser hat es dann prompt in sich:

iq

Der Rapper Murda One engagiert den Detektiv ohne Lizenz, denn mithilfe eines monströsen Pitbulls wurde ein Anschlag auf den Musiker verübt. Irgendjemand will den Rapper tot sehen und so wendet der sich an Isaiah und Dodson, damit sie den Schuldigen ermitteln. Doch nicht jedem aus dem Umfeld des Musikers gefällt es, dass die beiden die Drahtzieher des Anschlags ermitteln wollen. Bei ihrer Suche kreuzen sie die Wege von Rappern, Pitbullzüchtern und Kartellmitgliedern. Eine schwierige Melange, in der sich die beiden schon bald tödlichen Gefahren ausgesetzt sehen. Doch wo ist das Motiv der Auftraggeber zu suchen, die Murda One nach dem Leben trachten?

Schon in der Exposition zeigt Joe Ide verdichtet, zu welchen Großtaten IQ fähig ist. So schaltet er im Alleingang einen Pädophilen derart gekonnt aus, dass es den Jungs aus Alarm für Cobra 11 eine Freude wäre. Autoverfolgungsjagden, explodierende Granaten – um seinen Helden einzuführen wählt der Autor das ganz große Kaliber. Der folgende Fall, um den sich das ganze Buch dreht, hält sich da dann etwas zurück. Parallel erzählt Ide von den Ermittlungen des kriminalistischen Doppels Quintabe/Dodson und der Detektiv-Werdung des jungen IQ. Dies ist zwar gut gemacht, bremst aber phasenweise die Ermittlungen im Rapper-Milieu etwas aus.

Joe Ide ließ sich bei IQ sicherlich von Arthur Conan Doyles ikonischem Sherlock Holmes inspirieren, ein platter Abklatsch dieses schon 1373 mal variierten Themas ist das Buch allerdings keinesfalls. Dagegen spricht schon die Erzählperspektive, die hier die Personalperspektive ist und nicht die Doyle’sche Ich-Erzählerperspektive aus der Sicht Watsons (dessen phonetische Ähnlichkeit zu Dodson auch kein Zufall ist). Joe Ide beherrscht das filmreife Schreiben sehr gut, immer wieder schneidet er die Perspektiven von IQ und anderen gegeneinander, baut Szenen spannungstechnisch sauber auf und installiert mit IQ einen Helden mit Potential. Weitere Fälle für diesen Ghetto-Detektiv dürfen gerne folgen, vor allem da sich der Detektiv von seinem historischen Ballast freigeschwommen hat!