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Emma Cline – In die Schweiz

Zum Suizid In die Schweiz. In ihrem neuen Roman blickt die US-amerikanische Autorin Emma Cline ins Innerste eines begüterten Mannes, der nach einer Demenz-Diagnose seinem Leben ein Ende setzen will. Mit dem Privatjet geht es dafür in die Schweiz – und tief hinein ins zerklüftete Gebirge des eigenen Erinnerns.


Wo befindet sich das größte Turmzifferblatt Europas? Nach der Lektüre von Emma Clines neuem Roman weiß man es.
In Zürich nämlich, denn dort prangt am Turm St. Peter das mit achteinhalb Metern Durchmesser größte Zifferblatt, das mit seinen Maßen sogar den Big Ben in London schlägt.

Überhaupt, an Uhren und der damit verbundenen Symbolik der verstreichenden Zeit mangelt es in In die Schweiz nicht. Dass Cline ihre Geschichte zum entscheidenden Teil in der Uhrennation Schweiz ansiedelt, ist wirklich hochsymbolisch zu lesen. Denn die Zeit von Clines Protagonist David Hastings läuft ab, er will dort in der Schweitz seinem Leben unter professioneller Aufsicht ein Ende setzen.

Früher war er als hochdekorierter Manager gefragt, steuerte Betriebe durch unruhige Zeiten und lebte als Führungskraft ein Leben im Luxus. Doch ein kognitiver Test bei einem medizinischen Check-Up förderte eine beunruhigende Diagnose zutage. So versagte ihm sein Gedächtnis beim Memorieren mehrere Begriffe den Dienst. Beim Einzeichnen einer Uhrzeit in einem vorgedruckten leeren Ziffernblatt scheiterte er völlig. Verstört muss er zur Kenntnis nehmen, dass er sich keine Dinge mehr merken kann. Rapide verschlechtert sich seine Gedächtnisleistung, sein Geist verabschiedet sich von allem, was diesen früher ausgemacht hat.

Ein Erinnerungsvermögen in Fetzen

Emma Cline - In die Schweiz (Cover)

Nur noch in Fetzen ist Davids Erinnerungsvermögen vorhanden, was Emma Cline durch eine ebenso fragmentierte Erzählweise gleich von Anbeginn an nachbildet und damit auch für uns Lesende erfahrbar macht (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl).

Man muss sich selbst erschließen, in welchen Lebensumständen sich David befindet, wie er zu dem dienstbaren Geist Cody steht, der ihm als Assistent zur Seite steht. Die Absätze in In die Schweiz sind nämlich mitunter nur ein paar Zeilen lang, ehe Davids sprunghafter Geists weitereilt oder sich mit der nächsten Wahrnehmung oder Erinnerung befasst.

Wie der Manager zu seiner Tochter oder seinem Enkel Rainer steht, welche Erfahrungen sein Leben prägten, all das erschließt sich durch das pointillistische Erzählen Clines erst langsam, als David vor seiner Reise in die Schweiz noch einmal nach Großbritannien fliegt, um dort Abschied zu nehmen von einer Welt, die er in entscheidenden Teilen eigentlich bereits vergessen hat.

Ein unsteter Geist – und ein unstetes Erzählen

Immer wieder drängen verschüttete Erinnerungen und einst auswendig gelernte Schulwissen wie der Merksatz The quick brown fox jumps over the lazy dog oder das sequenzierte Schicksal der Frauen Heinrichs VIII. nach oben (Geschieden, geköpft, gestorben – geschieden, geköpft, überlebt). Solche Erinnerungspartikel schwemmt der Geist Davids neben musikalischen Zitaten wie Gustav Mahlers 9. Sinfonie – der bedeutungsschwangeren Abschiedssinfonie – nach oben.
Zudem neigt David auch zu Verballhornungen. Das Großmünster in Zürich ist für ihn ein Großmonster, die Dienstleisterin für den assistierten Suizid, den er in der Schweiz anstrebt, ist nur noch der „Ghul“ für ihn.

All das wirbelt in de Wahrnehmung des Mannes umher und macht literarisch nachvollziehbar, wie die Geistesleistung dieses früheren so alerten Managers stetig schwindet und alles in Frage stellt.

Irgendjemand hatte ihm mal gesagt: Man soll eine Party genau dann verlassen, wenn man bei sich denkt, das man sich prächtig amüsiert. Danach nämlich, hatte derjenige gesagt, konnte die Nacht nur noch den Bach runtergehen.

Es gab weitere Voraussetzungen, hatte Ghul erklärt, neben den medizinischen Unterlagen, den ärztlichen Bescheinigungen. Heiklere, mehr Geschick erfordernde. Hier glänzte Cody, hier erwies er sich als unentbehrlich.
Ghul brachte einen Brief. Es musste ein Brief von David sein, darin bestand der ganze Sinn.

Emma Cline – In die Schweiz, S. 42

Die feinen Unterschiede

Doch nicht nur auf formaler Ebene ist In die Schweiz das bisher ambitionierteste Erzählwerk Emma Clines. Wie schon in Die Einladung stellt die US-Amerikanerin auch hier wieder ihren Sinn für soziale Unterschiede und verrutschende soziale Ebenen unter Beweis.
Wie sich David langsam von den Annehmlichkeiten seines früheren elitären Lebens inklusive Privatjet verabschieden muss, wie er nun ohne Betreuung fast nicht mehr handlungsfähig ist und trotzdem in manchen Momenten noch sein ehemals so scharfer Geist aufflackert, das ist bestrickend gut erzählt.

Meisterhaft führt Cline das in einer zentralen Szene zusammen. Dort weilt David nun in einem Luxushotel, wie es einst Standard für ihn war, allein an der Hotelbar. Den Weg vom Flirt mit einer jüngeren Prostituierten an der Bar bis hin zum gemeinsamen Aufsuchen von Davids Hotelzimmer unter der Vorspiegelung eines besseren kognitiven Zustands, als er David eigentlich zu eigen ist, das ist bestechend erzählt und zeigt Clines Gespür für die feinen Unterschiede im Sozialleben ihrer Figuren.

Verbunden mit einer wagemutigen Erzählweise und einem unbequemen Thema wir aus In die Schweiz ein Buch, das den Höhepunkt von Clines bisherigem literarischen Schaffen markiert.
Wie sich die junge Autorin hier in den Geist und die Lebenswelt eines Dementen einfühlt und plastisch davon zu erzählen weiß, das ist enorm beeindruckend.

Dass Switzy, so der schöne Originaltitel des Buchs, in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert wurde, wird auch im Deutschen in der wendigen Übertragung von Nikolaus Stingl klar nachvollziehbar und lässt vorfreudig auf kommende Werke der US-Amerikanerin schauen!


  • Emma Cline – In die Schweiz
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28837-9 (Hanser)
  • 384 Seiten. Preis: 25,00 €

Thomas Melle – Haus zur Sonne

Wie wäre es, andere Leben anprobieren zu dürfen und einmal einen Blick in mögliche Versionen des eigenen Leben zu werfen? Der Erzähler in Thomas Melles Roman darf genau das im Haus zur Sonne erleben – doch können alternative Leben helfen, Manien und Depression zu überwinden – oder führt das in Konsequenz doch zum Tod? Vor dieser Frage sieht sich der Erzähler und wir als Lesende mit ihm.


In Die Welt im Rücken, seinem ebenfalls für die Endrunde des Deutschen Buchpreises nominierten Roman erzählte Thomas Melle von seiner bipolaren Erkrankungen, die ihn immer wieder peinigt und in peinliche Situationen zwang. Auch in seinem neuen Buch Haus zur Sonne spielt diese Erkrankung eine entscheidende Rolle. Denn der Erzähler möchte nicht mehr. Ein neuer Schub seiner Krankheit hat alle Fortschritte zunichte gemacht, in seiner Wohnung zwischen beschmierten Wänden und ausgepackten Kartons vegetiert er mehr vor sich, als wirklich zu leben.

Ich hatte meinen Tod schon oft durchgespielt, ihn mir vorgestellt, und dazu auch, leider, die kleinen Reaktionen darauf: die Trauer von manchen, das Abwinken von anderen, das kurz von einem nostalgischen Impuls durchzuckte Desinteresse wohl auch ehemaliger Freunde. Dann weiter im Text des Lebens, es ist halt so, verloren, vergessen, nichts zu machen.

Thomas Melle – Haus zur Sonne, S. 19 f.

Ein Aufenthalt im Haus zur Sonne

Thomas Melle - Haus zur Sonne (Cover)

Da kommt die Einladung zu einem Aufenthalt im neuartigen Haus zur Sonne gerade zur rechten Zeit. Denn für den selbstbezeichneten dead man walking bietet sich so die Möglichkeit, mittels Halluzination letzte Wünsche vor seinem Abschied von der Welt zu durchleben um dann nach dem Ausprobieren dieser Wünsche aus dem Leben zu scheiden.

Unter Anleitung eines Ärzteteams findet er sich im Sanatorium ein, das sich seltsam abgeschieden von der Welt präsentiert. Kontakte zur Außenwelt existieren eh kaum und so kann der Erzähler noch einmal frei von allem Ballast neu beginnen. Die Therapie öffnet ihm die Möglichkeit, in alternative Lebensentwürfe seiner selbst zu blicken und seine größten Wünsche zu erleben.
Von einem Dasein als Rockstar auf der Bühne bis zu einer Orgie, vom perfekten Hühnerfrikassee aus Kindheitstagen bis hin zu Erfolgen als Forscher im Kampf gegen den Krebs bietet das Haus zur Sonne alle nur denkbaren Varianten und Entwicklungen, die das Leben bereithalten kann. Doch den größten Wunsch mag man dem Erzähler dort zumindest vorerst noch nicht erfüllen – den seines eigenen Todes.

Ein Möglichkeitenroman

Thomas Melle hat mit Haus der Sonne einen Möglichkeitenroman geschrieben, der die Vielzahl von eventuellen Verläufen einfängt, die ein Leben bedeuten kann. Immer wieder wird der Erzähler in eine neue Simulation geschubst – und kann doch die schwarzen Hunde nicht vergessen, die ihn unbarmherzig quälen.

So liest man den Roman unter dem Paradox, das auf der inhaltlichen Ebene wahnsinnig viel passiert, wenn Melles Protagonist immer wieder neue Varianten von Leben und Eindrücken anprobiert, er aber doch auf der Stelle tritt, was das Vorankommen mit der Krankheit und die äußere Handlung anbelangt. Denn obschon er neue Menschen im Haus zur Sonne trifft -so wirklich kommt er dort nicht los und sitzt damit fest im Sanatorium wie Hans Castorp einst im Berghof oder Jack Torrance in Stephen Kings Shining im Overlook-Hotel.

Das Buch schwankt zwischen der Traum-Therapie und der eigenen Trauma-Therapie, der sich der Erzähler hier literarisch unterzieht. Es geht weniger vorwärts und vielmehr hinein in die Verarbeitung der eigenen Depression und die darin erlebten Exzesse und Peinlichkeiten als zentrales Thema des Buchs.

Zwischen Trauma-Therapie und Traum-Therapie

So beschreibt Melle den Bann der erdrückenden unsichtbaren Krankheit, unter der der Erzähler steht. Zumindest in Ansätzen macht der Roman nachvollziehbar, wie sich die Manie anfühlt und wie der Erzähler immer wieder zwischen Euphorie und Glücksgefühlen und tiefster Niedergeschlagenheit oszilliert. Ähnlich wie zuletzt Svealena Kutschke versucht auch er durch das Erzählen die Wahrnehmung der Welt infolge einer psychischen Krankheit nachzuzeichnen – und überzeugte zumindest mich damit etwas weniger als Kutschke in ihrem maximal dichten und zwingenden Gespensterfische.

Ohne Zweifel ist das Buch in der Fülle an Psychiatrieromanen in diesem Literaturjahr aber nicht nur aufgrund des dystopisch-rätselhaften Schauplatzes herausstechend. Im Spiel mit Fiktion und Fakt, Wahn und Aberwitz ist das Buch bemerkenswert – verlangt den aber Lesenden doch nicht nur angesichts der Suizid-Thematik sondern auch aufgrund des hochnervösen Tretens auf der Stelle einiges an Resilienz und Kraft ab.

Fazit

Ich selbst stehe etwas ratlos vor diesem Buch, dessen ganzes Erzählen für mich etwas von einer dunklen Zeitschleife hat, in der immer wieder der Wunsch des eigenen Suizids variiert wird und in der sich die kurz aufblitzenden Momente des Glücks angesichts der zirkulären Rückfalls in die Todessehnsucht irgendwann abgenutzt haben. In Verbindung mit der Statik des Plots wurde aus dem Buch für mich eine zu zähe Angelegenheit, als dass ich mich als Entscheider (im Gegensatz zum hier fast unisono begeisterten Hochfeuilleton) schwertäte, für Melles Buch den sicheren Gewinn des Deutschen Buchpreises auszurufen.

Anders sieht das beispielsweise auch Blogger Stefan Härtel alias Bookster HRO, der das Buch auf seinem Blog als grandios lobt.
Empfehlen möchte ich auch die Analyse von Alexander Carmele, der sich auf seinem Blog Kommunikatives Lesen ebenfalls Thomas Melles Text widmet.

Ein Hinweis sei auch auf heute Abend gegeben. Denn dann wird bei der alljährlichen Preisverleihung im Frankfurter Römer entschieden, wer der sechs nominierten Autor*innen den Preis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres mit nach Hause nehmen darf und sich auf der im Anschluss beginnenden Frankfurter Buchmesse der größten Öffentlichkeit sicher sein darf (außer es kommt wie im letzten Jahr zu einem Eklat).
Besprechungen zu den nominierten Werken von Jehona Kicaj, Christine Wunnicke, Dorothee Elmiger und Thomas Melle sind zumindest schon auf dem Blog vertreten.


  • Thomas Melle – Haus zur Sonne
  • ISBN 978-3-462-00465-6 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 €

Maddalena Vaglio Tanet – In den Wald

Der Wald als Ort der Zuflucht, die italienische Autorin Maddalena Vaglio Tanet greift in ihrem Debüt In den Wald auf dieses Motiv zurück, um von der psychischen Erschütterung einer Lehrerin und der Reaktion ihres Umfelds darauf zu erzählen.


Schon seit der Romantik ist der Wald das Motiv, das für Zuflucht, Geborgenheit, aber auch Gefahr und Entgrenzung steht. Immer wieder haben Autor*innen diesen Ort in seiner Vielschichtigkeit inszeniert. Martin Suter ließ beispielsweise vor über zwanzig Jahren in seinem Bestseller Die dunkle Seite des Mondes den Schweizer Banker Urs Blank halluzinogene Pilze probieren. Daraufhin floh der soignierte und erfolgreiche Anwalt in den Wald, wo er das Überleben lernte. Oder auch der Schriftsteller Rye Curtis war es, der vor Kurzem seine Heldin Cloris nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis der nordamerikanischen Wälder zum Überleben verdammte.

Immer wieder greifen Schriftsteller und Schriftstellerinnen auf die Möglichkeit zurück, ortsfremde Figuren in der Umgebung des Waldes auszusetzen, damit sie überleben, sich ihrer eigenen Geschichte stellen oder einen neuen Blick aufs Leben gewinnen.

Flucht in den Wald von Piemont

Im Falle im Falle von Maddalena Vaglio Tanets Debüt ist es eine Lehrerin, die im Wald überleben muss, auch wenn sie das eigentlich gar nicht will.

Statt in die Schule ging die Lehrerin in den Wald.

In einer Hand hielt sie die Zeitung, die sie gerade gekauft hatte, in der anderen die lederne Aktentasche mit den Heften, den korrigierten Aufgaben, den Kugelschreibern und sorgfältig angespitzten Bleistiften. Ohne zu zögern, verließ sie die Straße, als wäre der Wald von Anfang an ihr Ziel gewesen. Ihre flachen Schuhe traten auf einen Teppich aus braunen, glänzenden Blättern, die ihr wie ein Feld aus rohen Innereien erschienen.

Maddalena Vaglio Tanet – In den Wald, S. 11

Zugegeben keine wirklich gute Ausrüstung, um im Wald zu überleben, selbst bei sommerlichen Temperaturen. Der Auslöser für diesen scheinbar so irrationalen Schritt oder besser Gang besteht in einem Ereignis, von dem sie aus der Zeitung erfahren hat. Denn eine Schülerin Silvias, so der Name der Lehrerin, hat Selbstmord begangen. Aus einem Fenster hat sich das elfjährige Mädchen in den darunter fließenden Wildbach Cervo stürzt.

Silvia gibt sich die Schuld an dieser Tragödie, hatte sie doch noch zuvor die mangelnde Präsenz der Schülerin im Unterricht bei den Eltern angemahnt. Doch nun, da das Mädchen tot ist, wird Silvia von schwersten Schuldgefühlen geplagt und will eigentlich nicht mehr sein.

Eine Tragödie und ihre Folgen

Maddalena Vaglio Tanet - In den Wald (Cover)

Im nahegelegenen bergigen Waldgebiet, der sich an das kleine piemontesische Dorf anschließt, sucht sie die Einsamkeit, die sie in einer zerfallenen Waldhütte findet. Derweil wird das Dorf nach der Hiobsbotschaft des Freitods der Schülerin nun auch vom Verschwinden der Lehrerin aufgewühlt. Silvias Cousin Anselmo macht sich ebenso wie der von asthmageplagte Schüler Martino auf die Suche nach der zweiundvierzigjährigen Frau.

In den Wald erzählt vom übermächtigen Wunsch des Verschwindens, der Scham und der Reue genauso wie vom Leben, das auch nach solch katastrophalen Ereignissen weitergeht, wie sie das piemontesische Dorf hier gleich zweifach heimsuchen im Sommer des Jahres 1970.

Maddalena Vaglio Tanet nutzt hierfür ein ganzes Ensemble an Figuren, die in kurzen Kapiteln immer wieder im Mittelpunkt stehen. Neben dem familiären und schulischen Umfeld der getöteten Schülerin und der verschwundenen Lehrerin ist es vor allem der junge Martino, der zusammen mit Silvia im Mittelpunkt steht. Denn dieser macht schon bald die zerfallene Hütte mitsamt der neuen Bewohnerin ausfindig. In einem Akt der Verkehrung wird der junge Schüler zum eigentlichen Versorger und Beschützer seiner Lehrerin, die dort in der aufgrund von Hunger und Durst schon bald zu delirieren beginnt.

Schüler und Lehrerin – und die Verkehrung der Rollen

Martino versorgt sie mit Nahrung und Trinken, wird zum häufigen Besucher der älteren Frau in der Hütte und hört ihr zu, die sie sich in Gedanken und Erinnerungen zu verlieren droht, während das Dorf langsam schon gar nicht mehr an das Überleben von Silvia glaubt.

Tanets Debütroman beruht dabei auf biografischen Details aus ihrer eigenen Familie, wie die Autorin im Nachwort ihres Romans schreibt. So gab es auch in Tanets Familie eine kinderlose Cousine, die als Lehrerin arbeitete. Auch sie blieb tagelang verschwunden, um später völlig verdreckt und nahezu verhungert wieder aufzutauchen. Die Frage, was mit der Frau geschehen war und was der Auslöser für ihre Flucht war, beschäftigte Tanet insbesondere, da die Hintergründe der Episode nie wirklich in der Familie thematisiert wurden.

Und so liegt nun mit In den Wald vor eine Art Antwortversuch oder Fantasie über die möglichen Hintergründe des damaligen Ereignisses vor. Der Roman ist düster, zeigt eine raue Natur, die wenig gemein hat mit italienischer Sommer-Idylle und präsentiert Figuren, denen man auch nicht wirklich in die Seele schauen kann und die zumeist so karg sind wie die Umwelt, die sie umgibt. Insofern greift Tanets Debüt tatsächlich jene Stimmung auf, die in ihr vor dem Verfassen des Buchs herrschte, was die Frage des Verschwindens anging.

Fazit

Wer dunklere Geschichten über das Überleben im Wald, die Versehrungen an Seelen und ihre Folgen schätzt, der bekommt mit In den Wald eine eindrückliche Geschichte aus dem Norditalien der 70er-Jahre präsentiert, die sich gut in die Riege der eingangs genannten Titel einfügt. Übersetzt wurde der Roman aus dem Italienischen von Annette Kopetzki.


  • Maddalena Vaglio Tanet – In den Wald
  • Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
  • ISBN 978-3-518-43198-6 (Suhrkamp)
  • 304 Seiten. Preis: 24,00 €

Dennis Lehane – Kalt wie dein Herz

Ob der dritte Format- und Gestaltungswechsel innerhalb von fünf Bänden den verdienten Ruhm bringt? Angesichts der bisherigen Rezeption der Diogenes-Neuausgabe der Krimis von Dennis Lehane bezweifle ich. Obgleich Kalt wie dein Herz einmal mehr ein absoluter Ausnahmekrimi ist.


Dabei sieht es zu Beginn des Krimis gar nicht nach einem Fall von Kenzie & Gennaro aus, wie der fünfte Band der Reihe analog zu den anderen Krimis untertitelt ist. Denn die erfolgreiche (Arbeits-)Beziehung des Bostoner Detektivpaars ist nach den dramatischen Ereignissen aus Gone baby gone zu ihrem abrupten Ende gekommen. Angie Gennaro ist aus der Wohnung ausgezogen und man lebt getrennt.

Die junge Frau und der Stalker

Während sie für ein Sicherheitsunternehmen arbeitet und Männer datet, hält sich Patrick Kenzie weiterhin mit Detektivjobs über Wasser. In dieser Funktion sucht ihn Karen Nichols auf die sich von einem Stalker bedroht fühlt. Dieser stellt ihr nach und überschreitet dabei alle Grenzen.

Um das Problem zu lösen, setzt Patrick auf seine alte Freundschaft zu Bubba Rogowski, mit dem er den Stalker zuhause aufsucht und mit schlagkräftigen Argumenten auf ein sofortiges Ende der Annäherungen dringt.

Damit könnte das Buch natürlich zu Ende sein, doch wie das immer bei Dennis Lehane der Fall ist, liegt der Fall auch hier deutlich komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Denn auch Patrick Kenzie lässt nach der Trennung von Angelia Gennaro nichts anbrennen und fliegt mit einer attraktiven Strafverteidigerin in den Urlaub, statt sich vor dem Abflug noch einmal mit Karen Nichols in Verbindung zu setzen, die ihn unbedingt kontaktieren wollte.

Ein Suizid mit Folgen

Dennis Lehane - Kalt wie dein Herz (Cover)

Zurück aus dem Urlaub erwischt ihn die Nachricht vom Suizid Karens mit voller Wucht. Hat der Stalker nach der Abschreckung durch Bubba und Patrick doch noch einmal eine fatale Annäherung an Karen gewagt? Oder steckt etwas ganz anderes hinter dem Tod der jungen Frau?

Nichts ist hier, wie es scheint. Weder bei der Familie von Karen Nichols, noch im Umfeld der jungen Frau. Dass muss Patrick Kenzie erkennen, als er tiefer in die Ermittlungen einsteigt, nachdem ihm der Suizid von Karen alle Ruhe kostet. Wie konnte es zu dieser Tat kommen und warum hat er sich damals nur so wenig für das weitere Schicksal Karen interessiert und sich lieber dem Hedonismus hingegeben? Und wie konnte die Frau innerhalb weniger Monate so tief sinken, wie es alle Zeuginnen und Zeugen um sie herum beschreiben?

Das schlechte Gewissen quält Patrick und lässt ihn trotz der vielen Sackgassen, in die er sich manövriert, immer wieder weiterforschen. Seine Suche nach den Gründen für den Suizid bringt ihn schließlich auf die Spur eines wirklich gefährlichen Mannes.

Nach wie vor aktuell und von bestechender Qualität

Die Reihe um Patrick Kenzie und Angela Gennaro ist wirklich ein Phänomen. Schon seit Lehanes Debüt Dunkelheit, nimm meine Hand gelingt ihm eine Reihe auf erstaunlich hohem Niveau, die abseits von Zeitkolorit (wie antiquierter Überwachungstechnik etc.) auch über zwanzig Jahre nach ihrem ursprünglichen Erscheinen ganz hervorragend funktioniert. Jeder der Bände weist eine andere Erzählstruktur und Herangehensweise auf, Themen und Setzungen variieren, wobei sich die Romane am ehesten in Sachen Auftreten eines bestimmten gefährlichen Typs von Mann ähneln. Das ist bei Kalt wie dein Herz auch nicht anders, hier ist es ein eiskalter Psychopath, in dessen Plan der Selbstmord von Karen Nichols nur ein Baustein ist.

Wie Lehane diesen Plan langsam enthüllt und bis ins Finale dieses über 500 Seiten starken Krimis immer wieder neu zu überraschen weiß, das ist großartig gemacht. Der Heißsporn Patrick Kenzie, das Duell mit dem Psychopathen, die Annäherung an Angela Gennaro, das Einbinden von Architektur und Stadtgeschichte Bostons, das macht Lehane so in dieser Qualität keiner nach.

Zu wenig Interesse – und editorischer Wankelmut

Der einzige Wermutstropfen bei der Sache ist und bleibt das mangelnde öffentliche Interesse – und der Wankelmut des Diogenes-Verlags, der bei jedem Buch eine neue Gestaltungsidee zu verfolgen scheint (nach einem schwarzen Cover bei Band 2 ein weißer Rücken, dann wieder zurück zur schwarzen Gestaltung bei Band 3, dann ein weißes Paperbackformat mit Kinomotiv für Band 4, Band 5 dann als Taschenbuch mit Klappenbroschur). So darf man gespannt sein, ob und wie uns der finale Band der Reihe Moonlight Mile noch erwartet. Im Buchregal herrscht bei dieser Reihe auf alle Fälle optisch das, was in Lehanes Neo-Noir Boston die Erfahrungswelt der beiden Detektive dominiert: nämlich Chaos.

Davon abgesehen ist jeder Band eine Entdeckung wert, besonders durch die zeitgemäße Neuübersetzung durch Peter Torberg.


  • Dennis Lehane – Kalt wie dein Herz
  • Aus dem Englischen von Peter Torberg
  • ISBN 978-3-257-30046-8 (Diogenes)
  • 510 Seiten. Preis: 18,00 €

Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek

168.000 Züge. So viele Züge sind in einer Schachpartie möglich. Eine schier unüberschaubare Anzahl, bei der schon die jede Bewegung einer Spielfigur eine Vielzahl neuer Züge ermöglicht. Doch wie wäre es, wenn jeder dieser Spielzüge für ein potentielles Leben stünde, das wir leben könnten? Matt Haig dekliniert in seinem neuen Roman Die Mitternachtsbibliothek diese Idee durch.


Dabei beginnt alles mit dem Selbstmord seiner Protagonistin Nora Seed. Diese sieht keinen Sinn mehr im Leben. Alleinstehend, frisch ohne Job, die Katze Voltaire überfahren. Die beste Freundin reagiert in Australien nicht mehr auf Nachrichten – da beschließt Nora von eigener Hand aus der Welt zu scheiden. Doch statt im Jenseits landet sie in einer Art Limbus. Dieser Limbus präsentiert sich als Mitternachtsbibliothek, in dem die Bibliothekarin Miss Elms ihren Dienst tut. Sie erklärt Nora die Funktionsweise dieser Bibliothek. Denn jeder Band in den Regalen dieser Mitternachtsbibliothek enthält ein potentielles Leben, in das Nora eintauchen kann. Und so taucht sie in die Möglichkeiten dieses Multiversums ein. Mal ist sie erfolgreiche TED-Rednerin, mal hostet sie Quiz-Abende im eigenen Pub. Wie auf einem Schachbrett eröffnen sich ihr Chancen und Möglichkeiten ihrer ungelebten Leben. Leben, die sie mal ins ewige Eis, mal auf die Bühnen der Welt und mal in beschauliche Dörfer versetzen. Kann Nora so den Sinn des Lebens erkennen?

Der Sinn des Lebens

Matt Haig hat ein Buch über die schweren Themen des Lebens geschrieben. Selbstmord, Tod, Trauer, die Frage nach all dem, was möglich gewesen wäre. Die Suche nach dem Sinn des Lebens spielt in Die Mitternachtsbibliothek genauso eine Rolle wie die Frage, was ein Leben zu einem gelungenen Leben macht. Bei aller Schwere der Themen ist festzustellen, dass das Buch selbst nichts von dieser Schwere aufweist. Eher könnte man Die Mitternachtsbibliothek dem Genre des Feelgood-Romans zuordnen. Denn Matt Haig erzählt mit viel Empathie die Geschichte um die möglichen Leben von Nora Seed. Festzuhalten ist dabei auch: ein großartiger Stilist ist Matt Haig mitnichten. Hier steht eher das Erzählte denn das Erzählen im Vordergrund. Seine Prosas erinnert eher an leichte Roman von Nick Hornby und Konsorten.

Als Kontrast zur eigentlich doch recht schweren Geschichte funktioniert diese erzählerische Leichtigkeit allerdings sehr gut. Zwischen all den philosophischen und physikalischen Ideen von Multiversen bis hin zur Quantentheorie verliert Matt Haig seine Leser so nicht, sondern nimmt sie mit in seine erdachte Welt. Als Unterhaltungsroman funktioniert Die Mitternachtsbibliothek.

Ihm gelingt ein massenkompatibler Bestseller in einfacher Sprache, der jetzt schon in die Bookstagram-Kanäle und Bestsellerlisten Einzug gehalten hat. Aber wenn das Leben im Limbus so ideenreich und fabulierfreudig geschildert wird, dann habe auch ich nichts dagegen einzuwenden. Zudem gelingt Haig in Gestalt in Form von Miss Elm ein warmherzige Hommage an meinen Brotberuf – und die Buchgestaltung greift dieses Thema ebenso auf. Deshalb also eine Empfehlung von mir! Der Besuch in dieser außergewöhnlichen Bibliothek lohnt!


  • Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • ISBN 978-3-426-28256-4 (Droemer-Knaur)
  • 318 Seiten. Preis: 20,00 €