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Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

Was würde passieren, wenn man Bear Grylls, Vladimir Nabokov, die NRA und Hanya Yanagihara einen Roman schreiben lassen würde? Wenn man ihnen auf den Weg geben würde, dass das Endprodukt nur die Bedingung erfüllen müsse, zu schockieren und kräftig reinzuknallen? Dann käme wohl so etwas dabei herum wie Gabriel Tallents Debüt Mein Ein und Alles. Ein Buch, das eine Triggerwarnung verdiente.

Tallent hat ein Buch erschaffen, dessen Bewertung mir wirklich schwer fällt. Wo beginnen, wo aufhören? Wie dem Ganzen gerecht werden? Im Folgenden will ich es wenigstens versuchen. Am einfachsten fällt dabei noch die Synopse der Handlung

Zusammen mit ihrem Vater lebt Julia Alveston, genannt Turtle oder Krümel, abgeschieden in den Wäldern Nordkaliforniens. Ihr Vater ist der klassische Fall eines Prepper. Er misstraut dem Staat zutiefst und bereitet sich auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vor. Er hortet Lebensmittel, Medikamente und eben auch Waffen, um sich zur Wehr zu setzen. Seine wichtigste Waffe ist dabei seine Tochter Turtle. Er trainiert sie gnadenlos und schickt sie auf Survival-Trips in die Wildnis.

Bei einem dieser Überlebens-Übungen begegnet Turtle in den Wäldern zwei Jungen, die von ihren Eltern ebenfalls zur Abhärtung in der Wildnis ausgesetzt wurden. Die 14-Jährige erliegt der Anziehung eines der Jungen – was zu großen Konflikten mit ihrem Vater führt. Immer brutaler wird diese Beziehung, die von Gewalt, Anziehung, Ablehnung, Missbrauch und dem Gefühl „Wir gegen den Rest der Welt“ geprägt ist. Sein Ein und Alles wendet sich plötzlich gegen ihn – mit gewalt(tät)igen Folgen.

Emotional höchst übergriffig

Warum verdient dieses Buch nun eine Triggerwarnung? Dies bezieht sich klar auf die Beziehung von Julia zu ihrem Vater. Jener missbraucht seine Tochter auf vielfältige Art und Weise. Er züchtet sie als Kampfmaschine heran, vergewaltigt sie, entzieht ihr Liebe, manipuliert. Als Leser ist man ungefiltert überall mit dabei und muss miterleben, wie die Seele von Julia dabei Schaden nimmt. Verstörend dabei auch die Tatsache, dass es Tallent dabei offenlässt, inwiefern Turtle Opfer ist oder inwiefern sie diese Behandlung akzeptiert und vielleicht sogar mag.

In jenen Schilderung des sexuellen und emotionalen Missbrauchs ist dieses Buch höchst übergriffig. Mit einer voyeuristischen Freude schildert Tallent den Missbrauch Turtles und ihre Gefühle und Eindrücke während dieser Attacken. Dies überschreitet des Öfteren die Grenzen des Anstands und Geschmacks. Natürlich darf Literatur auch immer Grenzüberschreitung sein – hier ist mir dieses Verstoßen gegen Tabus allerdings entschieden zu plump und durch diese zu große Nähe eben auch übergriffig geraten.

Ist jene Detailfreude dort völlig fehl am Platz, weiß sie hingegen bei der Schilderung der Natur zu überzeugen. Hier ist Mein Ein und Alles wirklich enorm stark und erinnert etwa an den Roman Idaho von Emily Ruskovich. Wie Julia die Wälder durchstreift, mit welcher Benennungsstärke sie Sträucher, Farne und Bäume zu beschreiben weiß, das beeindruckt wirklich. Jene Passagen, in denen das Mädchen die Flora und Fauna ihrer Heimat durchmisst, sind unglaublich gut und wuchtig geschrieben. Sie lassen die Leser*innen tief in diese unberührte und gefährliche Natur eintauchen.

Nur konstrastiert dies grell mit der emotionalen Komponente des Romans. Mein Ein und Alles ist ein Buch, das im Zwischenmenschlich häufig überreizt. Hanya Yanagihara hat es mit Ein wenig Leben vorgemacht – Gabriel Tallent macht es ihr nach. So etwas wie eine Medium-Emotionstemperatur gibt es bei ihrem Personal nicht. Alles ist (emotional) laut, kracht und raucht.

Es kracht und wird scharf geschossen

Doch hier krachen nicht nur die Charaktere und Emotionen lautstark aufeinander – auch die Waffen spielen hier eine (für mich zu) große Rolle. Stellenweise liest sich dieser Roman wirklich, als würde man in einem Katalog der National Rifle Association (kurz NRA) blättern. Sturmgewehre, Bowie-Messer, Pistolen – alles was das Waffenherz begehrt, ist in diesem Roman versammelt und kommt fleißig zum Einsatz.

Dabei dienen die Waffen auch meist als Lösungsmittel für zwischenmenschliche Konflikte. Das ist für mein Empfinden zu billig gelöst und enttäuscht doch sehr.

Wie also diesem Buch gegenübertreten, wie bewerten? Ein Urteil fällt hier wirklich nicht leicht. Licht und Schatten, sie kommen hier zusammen und sorgen für ein heterogenes Leseerlebnis. Ich plädiere deshalb dringend für eine eigene Urteilsbildung der Leser – vorgewarnt seid ihr ja nun schon einmal. Habt ihr das Buch eventuell auch schon selbst gelesen? Und wenn ja, wie steht ihr Mein Ein und Alles gegenüber? Ich wäre auf eure Meinungen gespannt!


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Jon Cohen – Die wundersame Mission des Harry Crane

Nun ist es Weihnachten – die Zeit also, wo nach Möglichkeit alles etwas ruhiger zugehen sollte. Man schaltet einen Gang zurück, entspannt, blickt auf das Jahr zurück und findet unter dem Baum vielleicht das ein oder andere Geschenk. Oftmals ist vom „Geist der Weihnacht“ die Rede, der jene Zeit kennzeichnen sollte. Auch „Besinnlichkeit“ ist eines jener Schlagworte, das zu dieser Zeit gerne schon überreizt wird. Für mich bedeutet diese Zeit aber wirklich zumeist Entspannung, da sie mit viel freier (Lese)Zeit einhergeht.

Eine meiner letzten Lektüren eignet sich wunderbar für jene Zeit des Jahres. Ein echtes Feelgood-Buch, bei dem ich schon während der Lektüre meine sonst so strengen Wertungsrichtlinien einfach einmal vergaß. Stattdessen ließ ich mich in das Buch versinken und bekam wunderbare Unterhaltung geboten, deren Botschaft denen des Weihnachtsfests nicht unähnlich ist. Die Rede ist von Die wundersame Mission des Harry Crane von John Cohen (übersetzt von Alexandra Kranefeld).

In den Wäldern Pennsylvanias

Im Nordosten Pennsylvanias befindet sich die Landschaft der Endless Mountains. Ein bergiges und sehr waldreiches Stück Natur, in dem die Schicksale einiger Bewohner aufeinanderprallen. Da wäre zum Einen die junge Oriana. Sie und ihre Mutter Amanda haben einen großen Verlust zu betrauern. Orianas Vater ist gestorben – und beide Frauen legen unterschiedliche Strategien an den Tag, um mit dem Schicksalsschlag umzugehen.

Ebenfalls einen schweren Verlust zu betrauern hat Harry Crane. Jener hat seine geliebte Frau durch einen Unfall verloren und bekommt nun sein Leben nicht mehr geregelt. Seinen Job als Forstbeamter übt er nur noch im Automatikmodus aus. Eigentlich möchte er seinem Leben inmitten der von ihm geliebten Bäume und Wälder der Endless Mountains ein Ende setzten. Doch dann führt ihn das Schicksal mit Amanda und Oriana zusammen. In der Folge entspinnt sich eine turbulente Geschichte, bei der ein großer Goldschatz, eine Bibliothekarin und das Märchen vom Grum eine wichtige Rolle spielen.

Ein Buch mit dem Geist der Weihnacht

Jon Cohen hat einen warmherzigen Roman vorgelegt, der stellenweise selbst an ein Märchen erinnert und voll mit skurril-liebenswerten Figuren ist, die man gerne begleitet. Das Buch ist zugleich eine Hymne auf die Kraft es Guten sowie die Schönheit und heilsame Kraft der Wälder. Auch ruft die Handlung Erinnerungen an Geschichten wach, die von Nächstenliebe erzählen, und die eher klingen, als hätte sie Claas Relotius denn die Wirklichkeit geschrieben. Sein geradezu filmisch erzählter Feelgood-Roman hält diese Werte hoch und lässt das Gute siegen. Harrys wundersame Mission gibt den Glauben an das Gute im Menschen und das Happy-End zurück.

Natürlich könnte man das, wenn man gewillt ist, auch an dem Buch kritisieren. Zudem sind die Charaktere doch recht eindimensional, manches ist vorhersehbar und der Epilog hätte gestrichen gehört. Doch dann da hat das Buch solch einen Charme und eine solche Warmherzigkeit, dass man all das gerne verzeiht. Es ist ein bisschen jener eingangs erwähnte „Geist der Weihnacht“, den auch dieses Buch atmet, weswegen ich es auch so gerne las.

Alles wird gut, Hoffnung besteht für alle, das Gute siegt. Nächstenliebe kann Menschenleben retten und unsere Welt verbessern. Durchaus christliche Botschaften, die sich auch bei Jon Cohen wiederfinden, weswegen das Buch dezidiert gut in diese weihnachtliche Zeit passt. Falls jemand zufällig einen Buchgutschein unter dem Christbaum gefunden hat – mit dem vorliegenden Buch hätte man eine gute Eintauschmöglichkeit gefunden, um sich selbst in diesen Tagen etwas zu beglücken. Gute Unterhaltung mit wärmender Botschaft in der kalten Zeit – gerne empfohlen!

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Annie Proulx – Aus hartem Holz

Bäume wohin man sieht – sie begegnen den Franzosen René Sel und Charles Duquet, als diese 1693 aus Frankreich nach Neu-Frankreich, später Kanada genannt, aussiedeln. Als Waldarbeiter sind sie in die neue Welt gekommen und durchstreifen auf den ersten Seiten des Buchs Urwälder, in denen man sich verlieren kann. Bäume ohne Ende, die auch dem Leser in Annie Proulx neuem Werk (das erste seit vierzehn Jahren) auf fast 900 Seiten ständig begegnen werden. Darunter sind Pflanzen wie Hemlocktannen, Weymouthkiefer, Kauribäume, Douglasien und viel mehr. Doch die wichtigsten Bäume des Buchs sind die Stammbäume, die Annie Proulx als gute Autorin über hunderte Seiten entwickelt und aufgehen lässt.

Ausgangspunkt und Keimzelle des Buchs sind die beiden schon eingangs erwähnten französischen Sieder René Sel und Charles Duqet, die Ende des 17. Jahrhunderts nach Kanada gelangen. Beide beginnen mit der Rodung des Waldes und begründen Dynastien, die über hunderte von Jahren bestehen werden. Dabei sind die eingeschlagenen Lebenswege und -modelle ganz unterschiedlich. René Sel steht für den Brückenschlag zu den Ureinwohnern der Wälder Kanadas. Er zeugt mit einer Indianerin vom Mi’Kwam-Stamm Kinder und begründet so eine Stammbaum von Indianern und Mischlingskindern, die alle um ihren Platz in einer Welt kämpfen müssen, in der ihr Lebensraum immer rapider verschwindet.

Charles Duquet hingegen steht für den amerikanischen Traum, er sieht den Wald nicht als Lebensraum und Biotop, sondern als nachwachsendes Kapital, das seinen Lebensstil finanziert. Er erfindet sich als Unternehmer Charles Duke neu und denkt unternehmerisch, versucht seinen Absatz im Ausland zu steigern und ist eigentlich der typische Fall eines Selfmade-Millionärs. Auch er hat Kinder, die das von ihm geschaffene Holz-Imperium weiterführen und ausbauen werden, Niederlagen und Ernüchterung inklusive.

Diese beiden Grundstränge verfolgt Annie Proulx über 300 Jahre und verwendet zehn Kapitel, die verschiedene Zeitspannen umfassen. Immer wieder wechselt sie für ihre Kapitel vom Sel- zum Duquet-Strang und schafft so viel Abwechslung. Die Chronologie hält die Amerikanerin dabei ein, der Schwerpunkt des Buchs liegt aber eindeutig auf dem 18. und 19. Jahrhundert (die auch am meisten überzeugen), je näher es an die Gegenwart geht, umso spärlicher wird das Buch.

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