Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei

Der Corriere della Sera nennt Dario Ferraris Roman den „schönsten italienischen Roman seit Langem“ — und man könnte nach der Lektüre hinzufügen, wohl auch den witzigsten Roman seit langem.
Denn in Die Pause ist vorbei erzählt Ferrari vom Irrsinn des akademischen Betriebs und einem Tagedieb, der sich ganz bequem in ebendiesem Betrieb durchmogelt, ehe ihn die akademische Arbeit überraschenderweise doch noch ereilt.

Selten wohnte man dem Irrlichtern durch die Gelehrtenrepublik so gerne bei.


Früher sprach man noch vom Bummelstudenten, der über Jahre teilweise mehr das Leben als wirkliche Fächer studierte. Spätestens mit der Bologna-Reform schien er aber eigentlich so gut wie ausgestorben.
Eine Verschulung des universitären Systems, Creditpunkte für Kurse und Prüfungen, Bachelor und Master: was nach einer Vereinheitlichung des akademischen Betriebs und der Steigerung der Effizienz klang, es sorgte auf der anderen Seite auch für steigenden Leistungsdruck und einer Beschleunigung der universitären Laufbahn hin zu einer schnelleren Eingliederung in den Arbeitsmarkt, ohne vielfach gewechselte Studienfächer mit entsprechend langen Studienzeiten.

Liest man nun Dario Ferraris Roman Die Pause ist vorbei, dann scheint wieder viel von diesem Bummelstudententum auf, das die nach der ältesten Universität Europas benannte Reform ja austreiben wollte und das fast ausgemerzt schien.

Ein Bummelstudent in Pisa

Dario Ferrari - Die Pause ist vorbei (Cover)

Doch schon 110 Kilometer von Bologna hat es in Form von Marcello Gori überlebt. Dieser lebt im kleinen Städtchen Viareggio, das an der Küste des Ligurischen Meers gelegen ist. Wie auch der Autor selbst ist Marcello Gori ein Kind der Stadt und hat keine Pläne, daran auf absehbare Zeit daran etwas zu ändern.

Zwar ist er als Student an der nahegelegenen Universität in Pisa eingeschrieben, ein gesteigertes Interesse an einem Studium und dem Erwerb von Wissen hat er allerdings nicht. Stattdessen hat er das Slackertum perfektioniert, um nicht gar von Faulheit zu sprechen.

Er lebt als Untermieter bei seiner Mutter und pendelt nur ab und an zur Uni, an der er sich — wie generell im Leben — bislang mit minimalem Aufwand und größtmöglichen Ertrag durchgemogelt hat. Prüfungen, akademische Arbeiten, für Marcello Gori ist das Mittelmaß und das bestmögliche Verhältnis aus Aufwand und Ertrag das Ziel.

Wenig Ansprüche an das Leben

An akademischen Usancen hat er erkennbar kein Interesse, viel lieber hängt er mit seinen Freunden ab, stürzt sich auch mit Anfang dreißig noch auf die Tanzfläche der lokalen Disko, um mit den Kumpels zu alten Indiehits aus seiner Jugend herumzuhüpfen.
Mit ein paar schwarz bezahlten Nebenjobs hält sich der für das Fach Italianistik eingeschriebene Tagedieb mehr schlecht als recht über Wasser, sonderliche Ansprüche an sich oder das Leben hat er aber eh nicht, seine Freundin bleibt aus selbst für ihn rätselhaften Gründen an seiner Seite und ist für ihn da. Insofern hat er sich mehr als bequem eingerichtet in diesem Leben.

Doch dann findet auch er überraschend in den akademischen Betriebs, der er sonst mit Verachtung straft. Zu seiner eigenen Überraschung erringt er einen Platz als Promotionsstudent bei der Universitätskoryphäe, Professore Sacrosancti und sollte als künftiger Doktor nun mit den Arbeiten an seiner Promotion zu beginnen.

Nachdem er — wenig überraschend — mit keinem brauchbaren Thema für eine akademische Arbeit aufwarten kann, jubelt ihm der Professor dann ein Thema unter, das sich als wahres Himmelfahrtskommando erweisen wird.

„Sie raten also, mich auf einen einzigen Autor zu konzentrieren?“
„Wenn Sie mich so direkt fragen, dann ja. Am besten auf einen italienischen Autor aus der zweiten Reihe. Werden Sie zum weltweit führenden Experten für, sagen wir, Igino Tarchetti. Oder für Guido da Verona.“
Wer verdammt noch mal ist Guido da Verona?
„Okay. Ich denke drüber nach.“
„Bevor Sie das tun, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Oder genauer: Ich gebe Ihnen einen Tipp. Kennen Sie Tito Sella?“
Mal ernsthaft: Wer wäre schon so dämlich und würde behaupten, den Namen Tito Sella zu kennen, wenn er nicht einen einzigen Titel des Autors nennen könnte? Also ich bestimmt nicht.
„Selbstverständlich“, antworte ich.
„Das freut mich. Im Übrigen stammt er genau wie Sie aus Viareggio. Nicht jeder kennt ihn, da er nie die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat. Er war immer unzeitgemäß, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Nun bin ich schon so weit aufs Glatteis geraten, dass nur eins bleibt: Ich gebe vor, sogar seine unausgesprochenen Andeutungen zu verstehen, und grinse wie ein Alteingeweihter.

Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei, S. 42

Der schreibende Terrorist

Denn bei dem weithin unbekannten Literaten Tito Sella handelt es sich weniger um einen Literaten, als primär um einen Terroristen, der lange Zeit im Gefängnis saß, wie Marcello bei ersten Recherchen feststellen muss. Zudem ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sella nicht weit gediehen, sodass Marcello nun zum ersten Mal wirklich arbeiten muss — oder es besser sollte.

Die Pause ist vorbei ist eine ganz hervorragende Satire auf den akademischen Betrieb, in dem viel zu oft Eitelkeiten und die Zitate der „richtigen“ Wissenschaftlern in Fußnoten statt echte Kompetenz und Erkenntnis zu beruflichem Erfolg führen.
Die privaten Kleinkriege, die Professoren führen und dabei ihre Student*innen instrumentalisieren, die Frage ob der Einladung der richtigen Personen für einen Kongress oder die Wichtigkeit der korrekten Zitation, die dem ahnungslosen Marcello von seinen strebsamen Akademikerfreunden nahegebracht werden: Dario Ferrari versteht es, mit Augenzwinkern und Überzeichnung aus Perspektive von Marcello auf den aus einen Augen ein ums andere Mal absurd erscheinenden akademischen Betrieb zu blicken.

Gleichzeitig ist sein Roman auch das bestechende Porträt eines Mannes, der erst langsam in eine andere Gangart fernab des bequemen Trabs durch das Leben findet. Nicht umsonst lässt Dario Ferrari seinen Helden mit Urvater alle Slacker, Tagediebe und Bummelstudenten beschäftigen, nämlich Gontscharows Held Oblomow.

Marcello Gori wirkt wie dessen Wiedergänger aus der Toskana, dessen Tun und Treiben man ausnehmend gerne folgt und dabei sogar Einblick in die Jahre erhält, als die Roten Brigaden und andere Terrororganisationen das Land mit Schrecken überzogen. Clever eingebaut verschafft dieser historische Rückgriff Ferraris Buch damit eine zweite Ebene und lässt somit eines gar nicht aufkommen, das in Marcello Goris Leben selbst zuhauf existiert, nämlich Langeweile.

Fazit

Die Pause ist vorbei ist ein großartiges, höchst unterhaltsames und humorvolles Werk, das unter Beweis stellt, wie lustig der akademische Betrieb sein kann, wenn man aus dem richtigen Augenwinkel darauf blickt. Ein wunderbares Buch auch für Nicht-Akademiker und solche, die es wieder werden wollen!


  • Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei
  • Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-8031-3384-7 (Wagenbach)
  • 352 Seiten. Preis: 26,00 €
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