Outlaws der Liebe. In seinem Western Das Herz im Winter lässt der Ire Kevin Barry zwei Verliebte in Montana gemeinsam durchbrennen. Einen richtigen Plan haben sie dafür aber nicht…
Es ist eine schöne Klammer, die sich um die zweijährige Absenz des Liebeskind-Verlags auf dem deutschen Buchmarkt schließt. Denn vor zwei Jahren schickte man mit dem Western Letztes Gefecht am Saber River von Elmore Leonard das Lesepublikum in eine Publikationspause.
Das passte zu dem Verlags, der sich mit Autoren wie James Carlos Blake, Bruce Holbert oder Thomas Willmann wie kein anderer um den zeitgenössischen Western verdient gemacht hat. Die kontinuierliche Pflege und Weitung des Westerngenres beherrscht man bei Liebeskind, weswegen dieser letzte Ritt in den Sonnenuntergang mit Leonards Western da nur konsequent war.
Und nun reitet wieder eine mit Cowboyhut bekleidete Gestalt auf einem Pferd, sowohl auf dem Cover des neuen Verlagsprogramms von Liebeskind als auch auf dem Äußeren von Kevin Barrys neuem Roman, mit dem er nach Stationen bei Klett-Cotta und Rowohlt nun hoffentlich zu einem neuen Zugpferd im Verlagsstall von Liebeskind wird, so ist es zumindest zu hoffen.
Montana 1891
Die neue Heimat bei Liebeskind passt gut, denn mit seinem historischen Western fügt sich der 1969 im irischen Limerick geborene Autor aufs Beste ins Portfolio des Verlags ein.
In Das Herz im Winter nimmt er uns mit ins kleine Städtchen Butte in Montana, durch das der Taugenichts Tom Rourke im Jahr 1891 taumelt. Zwar prosperiert das Städtchen aufgrund der Kupfervorkommen, die dort gefördert werden, aber auch das Laster floriert.
Tom treibt ohne richtigen Job durch die Tage, verfasst gegen Bezahlung kleine Formen wie Briefe für seine irischen Landsleute, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind. Hauptsächlich aber gibt er sich den Drogen hin und bedröhnt sich, auch um die nagenden Schulden zu vergessen, die er in allen Saloons von Butte schon aufgehäuft hat und die bei jedem Gang durch die Stadt auf ihn lauern.
Auf seine Weise war er ein ganz schlechter Kunde. Dem falschen Himmlischen Bud McIntyre schuldete er Kohle für Dope; auch den echten Himmlischen war er Geld für Dope schuldig; im Board of Trade, im Southern Hotel, im Open-All-Night, im Pay Day und in der Alley Cate hatte er offene Rechnungen, wie auch in seinem Zimmer im Zagreb Boarding House, mit eindrucksvollen Zahlungsrückständen.
Kevin Barry – Das Herz im Winter, S. 22
Tom und Polly auf der Flucht
Doch als er nun bei einem seiner Hilfsjobs in einem Fotoatelier der jungen Polly Gillespie ansichtig wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Denn obgleich diese eigentlich zur Anfertigung von Fotos zusammen mit ihrem jüngst geehelichten Mann, einem Minenaufseher, im Studio ist, ist auch Toms Interesse an der jungen Frau geweckt. Ein Interesse, das wechselseitig ist.
Denn die begonnene Affäre in Butte ist den beiden nicht genug. Sie beschließen, gemeinsam aus dem Bergarbeiterstädtchen zu fliehen. Zwar reißen sie nicht alle Brücken hinter sich ab, dafür wird noch ein Haus in Brand gesteckt, ehe es losgeht mit ihrer Flucht. Mit einem Pferd, 600 Dollar und ein wenig Proviant in den Satteltaschen geht es los auf ihrer Flucht, für die sie eigentlich keinen richtigen Plan haben, wie sich schnell zeigen soll.
So irren sie durch die Wälder Montanas, begegnen anderen Outlaws und Métis dort im Grenzland zwischen den USA und Kanada – doch auch der gehörnte Ehemann will Rache und schickt Männer hinter dem flüchtigen Liebespaar her…
Großes (Western)Kino
Das Herz im Winter ist ein auf den Punkt reduzierter Western, der die raue Natur dort in Montana ebenso gelungen einfängt, wie er die Jagd zwischen den liebenden Outlaws und ihren Jägern. Auf gerade einmal 215 Seiten stellt Kevin Barry unter Beweis, dass auch jenseits des Atlantiks ganz großes (Western)Kino geschrieben wird.
Immer wieder wechselt der Ire die Perspektive, blickt aus Sicht von Polly und Tom auf ihr Miteinander, lässt die Jäger reüssieren und die beiden dem Schicksal dann doch wieder ein Schnippchen schlagen. Stets hat Das Herz im Winter Tempo und verfügt über hervorragendes Timing, was die Flucht und die Jagd nach den beiden anbelangt, ohne dabei den dramatischen Bogen zu überspannen oder zu viel Seiten für Nebensächliches zu verschwenden.
Es erinnert bisweilen an den ebenfalls großartigen Roman Dusk des Tasaniers Robbie Arnott oder an die vielen anderen hervorragenden Western aus dem Hause Liebeskind.
Rau, ungeschönt und explizit, aber auf hoffnungsfroh und dramatisch, all das trifft auf Das Herz im Winter von Kevin Barry zu, der sein Outlaw-Pärchen auf eine Reise ins Ungewisse schickt.
Fazit
Nach der Lektüre bleibt zu konstatieren, dass Kevin Barry mit diesem von Thomas Überhoff aus dem Englischen übersetzten Buch ein Einstand nach Maß in seinem neuen Verlag gelingt. Und auch dem Liebeskind-Verlag beschert Das Herz im Winter ein stimmiges Comeback, das zudem das Verlags-Portfolio in Sachen moderner Western gelungen ausbaut. So darf es weitergehen!
- Kevin Barry – Das Herz im Winter
- Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
- ISBN 978-3-95438-182-1 (Liebeskind)
- 216 Seiten. Preis: 23,00 €
