Kommt ein Mann in eine Bar. Was meist als Auftakt zu einem schale Witz dient, wird bei der argentinischen Autorin Mariana Travacio zum Ausgangspunkt eines Western, bei dem die Luft zu flirren scheint. Denn der, der bei ihr zu Beginn des Romans die Bar betritt, er ist kein Geringerer als Ein Mann namens Loprete.
Hätte dieses Buch einen Soundtrack, so müsste es der Klang eines düsteren und energisch flirrenden Tremolos einer Gitarre sein, der über allem liegt, wovon Mariana Travacio auf den 120 Seiten ihres Romans erzählt, der von Kirsten Brandt aus dem argentinischen Spanisch übersetzt wurde.
Dieses Tremolo wäre das, was der vibrierenden und staubig-unbehausten Grundstimmung ihres Romans klanglich am nächsten käme. Denn Ein Mann namens Loprete ist eine Neo-Western, der zugleich auch der Zeit enthoben scheint. Das beginnt schon bei der klassischen Ausgangssituation, des Mannes, der in eine Bar kommt, was bei Travacio allerdings in keinen Barwitz, sondern eine Bluttat mündet.
Ein Mann namens Loprete auf der Suche nach Pepa
Auf der Suche nach Pepa kommt ein Mann namens Loprete in die Bar von El Tano, in der sich neben dem Besitzer noch Juancho und der Erzähler Manoel befinden. Die Gesuchte findet Loprete nicht, dafür allerdings ziemlich schnell den Tod, wovon Manoel fast schon schulterzuckend berichtet:
El Tano wollte helfen: Bleib bei uns. Wenn die Hitze nachlässt, machen wir uns alle auf die Suche nach ihr. Aber Loprete lehnte ab: Ich kann nicht warten. Wenn ich noch länger warte, ist Pepa endgültig verschwunden. El Tano widersprach: Hier gibt es nichts als Wüste, Amigo. Beruhig dich, wir gehen schon los. Und ich weiß nicht, ob es am Gin lag oder an etwas, das El Tano sagte, aber noch bevor einer von uns aufspringen konnte, hielt Loprete plötzlich ein Messer in der Hand. Er ging El Tano an die Kehle, und es wurde sehr schnell sehr hässlich. Die Hitze machte reizbar, und wenn der Nordwind wehte, kam so was bei uns schon mal vor.
Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 8
Nun ist Loprete tot und die drei Männer beschließen, den Suchenden kurzerhand zu begraben und vereinbaren Stillschweigen über den Mord respektive Unfall. Doch damit geht es in Travacios Roman erst los, denn plötzlich tauchen drei Männer hoch zu Ross auf, die auf der Suche nach Loprete Halt gemacht haben an El Tanos Bar.
Männer suchen Rache
Es handelt sich um die Brüder von Loprete, drei der insgesamt neun, die nun wissen wollen, was mit ihrem Bruder passiert ist. Und obschon El Tano nichts vom Tod des Mannes verrät, gelangen die Reiter doch an die Kenntnis, dass Juancho, El Tano und Manoel etwas mit dem Tod ihres Bruders zu tun haben.
Nachdem die Brüder unmissverständlich klar gemacht haben, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, treten El Tano und Manoel gemeinsam die Flucht vor den Männern an.
Als sich in Manoel aber die Erkenntnis verfestigt, dass die Lopretes auch mit dem Verschwinden seiner Eltern zu tun haben, kehrt sich die Flucht ins Gegenteil. Manoel will Rache und die Brüder auf ihrem Gut zur Rechenschaft ziehen für die Schmerzen, die sie ihm und seinem Umfeld durch ihr Handeln immer wieder beschert haben. Das Tremolo der Gitarre erklingt und man reitet zum Showdown, der nicht lange auf sich warten lässt.
Eine neue spannende Stimme aus Argentinien
Der unabhängige Pendragon-Verlag aus Bielefeld beweist mit Mariana Travacio einmal mehr sein Gespür für besondere Erzählstimmen aus Südamerika. Nach Nicolás Ferraros Ambár folgt nun ein Western, der aber auch viele Elemente eines Rachethrillers aufweist und der durch seinen Verzicht auf eine allzu konkrete Verhaftung in Zeit und Ort schon fast etwas Allgemeingültiges besitzt.
Dabei ist es die Kunst des Romans, dass Travacio viele eigentlich abgenutzten Motive des Westerns präsentiert, sie sich in der Anlage dieses Rachekonzentrats aber nicht störend ausnehmen, sondern organisch in den Roman einpassen.
Im Morgengrauen machten wir uns auf den Weg zu Miranda, wo die zehn Männer mit den Pferden und dem versprochenen Karren schon auf uns warteten. El Tano vergewisserte sich, dass nichts fehlte, dann ging er zu Miranda, um sich zu verabschieden. Gestern Abend haben wir deinen Wein getrunken, sagte er. Miranda klopfte ihm auf die Schulter, dann blieb er stehen und sah uns nach, wie wir sein Dorf verließen, um uns auf den Weg zu unserem zu machen.
El Tano, Mario und ich ritten vorneweg, gefolgt von Oliverio und seinen Männern. Bevor wir allzu weit entfernt waren, drehten wir uns auf El Tanos Geheiß um, alle 13 Mann, um Miranda, der immer noch vor seinem Zaun stand, ein letzte Mal zu grüßen. Einige hoben die Hand, andere nickten, El Tano hob seinen Sombrero. Dann wandten wir uns in Richtung Norden und sagen nicht mehr zurück.
Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 53
Mariana Travacios Western als Äquivalent zur Minimal Music
Das dreckige Dutzend plus eins hoch zu Ross, der Abschied, der Dialog der Männer über Nebensächliches, die Stille, die über allem liegt. Man kennt es schon eigentlich zur Genüge, es passt aber eben doch, dieses Geschehen irgendwo in der kargen Wüstengegend, in der sich die — im besten Sinne — karg gestalteten Figuren Travacios bewegen.
Manchmal klingt es fast wie ein Drehbuch, wenn die Figuren miteinander ins Gespräch kommen, Kurze Dialoge, eine überschaubare Handlung, im guten Sinne einfache Figuren und ein auf den Kern des Konflikts zwischen den Lopretes und Manoel heruntergebrochener Roman – fast könnte man den Eindruck bekommen, dass die argentinische Autorin hier das Äquivalent von Minimal Music als Minimal Western präsentiert. Dass die Kapitel ebenfalls recht kurz sind (ganze 62 Kapitel auf 120 Seiten, die so manches nur zur Hälfte beschrieben sind), es passt ins Konzept.
Fazit
Mit Ein Mann namens Loprete hat Mariana Travacio einen auf das Wichtigste reduzierten Western geschrieben, der sich einer allzu konkreten Verhaftung gekonnt entzieht und der zwar an die Werke andere wie Autoren wie beispielsweise Elmore Leonard erinnert, der aber trotz des munteren Gebrauchs bekannter Motive und Erzählmittel doch auch etwas eigenes schafft.
Ergänzt um ein Nachwort von Jochen König ist hier eine neue Erzählstimme aus Argentinien zu entdecken, die sich neben anderen argentinischen Stimmen wie Claudia Piñeiro oder Nicolás Ambar wunderbar einpasst und die sich mit ihrer reduzierten Erzählweise eine ganz eigene Nische schafft.
Wieder einmal beweist der Pendragon-Verlag mit ihr sein Gespür für Erzähltalente abseits des Mainstreams und man darf gespannt sein, was hier noch folgt!
- Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete
- Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt
- Mit einem Nachwort von Jochen König
- ISBN 978-3-86532-910-3
- 126 Seiten. Preis: 22,00 €
