Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe

Digitale Liebe

Einen Liebesroman in Zeiten von Facebook, Twitter und Instagramm legt Scott Hutchins mit „Eine vorläufige Theorie der Liebe“ vor.
Angesiedelt im kalifornischen Silicon Valley erzählt der amerikanische Autor von Neill Bassett Jr.. Dieser arbeitet mit dem Programmierer Laham und seinem Boss Livorno an einem großen Unterfangen – er will den sogenannten Turing Test mit einem eigens entwickelten Computer bestehen. Dieser Test besagt, dass es ein semantischer Rechner schaffen muss, Tester bei einem Chat zu überzeugen, dass sie anstelle eines Computers einen Menschen vor sich sitzen haben, der mit ihnen kommuniziert.
Gelingen soll dieses Unterfangen mithilfe des circa 5000 seitigen Tagebuchs von Neill Bassetts Vater, mit dem sie den Computer füttern. So verfeinern die drei Tüftler den Computer immer mehr und versuchen ihm ein menschliches Antlitz zu verpassen, während Neill privat durch sein Leben trudelt und auf der Suche nach Liebe ist. Doch gibt es diese überhaupt oder was besagt die „Vorläufige Theorie der Liebe“?

Mit seinem Debütroman ist Scott Hutchins gelungen, das disparate Bild der Gesellschaft gegenüber der Liebe zu zeigen. Alte Modelle existieren weiterhin, doch die neue Unverbindlichkeit gegenüber Partnern und die eigene Definition von Liebe ist wohl so vielfältig wie noch nie. Hutchins stellt Neill Bassett in seiner ganzen Zerrissenheit seinen Vater in Form der Tagebücher gegenüber.
Die Stärke von Hutchins Roman besteht nun darin, dass er zu keinem großen Urteil kommt. Er lässt die Lebens- und Liebesentwürfe nebeneinander stehen und überlässt dem Leser die Interpretation beziehungsweise die Entscheidung.
Man beobachtet Neill, wie er von einer Liebesgeschichte in die nächste taumelt, bei sektenähnlichen Vereinen sein Glück zu finden, sich mit seinem Vater in Form des Computers zu versöhnen und nicht zuletzt einfach glücklich zu werden versucht. Ambivalent und sehr postmodern ist dieses Debüt – eine erzählerische Stimme, die man auf dem Zettel haben sollte!

André Georgi – Tribunal

Das Tribunal des Todes

Mehr als zwanzig Drehbücher zu Fernsehfilmen wie Bella Block oder dem Tatort stammen aus seiner Feder – und nun hat André Georgi mit „Tribunal“ seinen ersten Roman vorgelegt.
Wenn man den Roman so liest, glaubt man kaum, dass Georgi bisher eher konventionelle Krimikost abgeliefert hat. „Tribunal“ ist unglaublich hart, schnell und realitätsnah.
In seinem Debüt stellt der Autor das Den-Haager-Kriegsverbrecher-Tribunal in den Mittelpunkt seiner Erzählung, bei dem ehemaligen jugoslawischen Kriegsverbrechern der Prozess gemacht werden soll. Namen wie Karadzicic, Milosevic und Mladic tauchen immer wieder mal auf, die Massaker von Srebrenica hat man noch im Hinterkopf. Doch schon längst haben wir die Massaker, die sich auf unserem Kontinent vor gar nicht allzu langer Zeit ereignet haben, aus dem Bewusstsein verdrängt. Genau dahin, wo es weh tut, geht nun André Georgi.
Hochtourig erzählt er von den Massakern, die sich Serben und Kroaten gegenseitig angetan haben, von Schlächtern und Profiteuren und vom Versuch, die Massaker aufzuklären und die Täter ihrer Strafe zuzuführen.
Für mich besteht eben genau darin die Qualität von „Tribunal“ – es ist nicht nur ein extrem gewalttätiger Thriller, dies ist nur ein Aspekt des Buches. Georgi ruft uns ins Gedächtnis, wie gerne die Mächtigen damals die Augen geschlossen hielten und wie tief verwurzelt die Konflikte auch heute noch sind.

Ein beeindruckendes Buch, dem das klassische Leibwächter-Thema zugrunde liegt. Fehler müssen ausgebügelt werden, Zeugen müssen geschützt werden denn schließlich muss ja der Gerechtigkeit Genüge getan werden.
Eine der Überraschungen des Jahres – nicht nur weil er im selben Verlag erscheint, sind Vergleiche mit Don Winslow erlaubt. Harte Sprache, schnelle Schnitte, viel Action – doch so viel tiefgründiger als die dutzendfach auf den Markt geworfenen Bücher, die die Thriller-Tische bedecken!

Marcus H. Rosenmüller/Gerd Baumann – Wenn nicht wer du

Das Duo Infernale

Sie sind ein eingespieltes Duo: Er (Marcus H. Rosenmüller) führt Regie, und er (Gerd Baumann) liefert die passende Musik dazu. Die so entstandenen Werke genießen weit über Bayern hinaus einen guten Ruf, sei es die Komödie „Wer früher stirbt ist länger tot“, sei es die Inszenierung des alljährlichen Politiker-Derbleckens auf dem Nockherberg. Stets schaffen es die beiden Bayern, Witz, Ernsthaftigkeit und ein bisschen Bosheit geschickt zu vermengen.

Bei „Wenn nicht wer du – Gedichte, Lieder und Gedichte“ ist das nicht anders. Die beiden Kreativköpfe bieten in dem knapp 150 Seiten starken Büchlein eine Vielzahl an Ideen, Reimen und Pointen. Limericks finden sich neben Balladen, Zweizeiler neben feinen Wortspielen, ergänzt mit putzigen Zeichnungen.

Ein bunter Blumenstrauß an Reim- und Tonarten, dargebracht in einer höchst ansprechenden Verpackung. Ein Büchlein zum Schmunzeln, Verschenken und Immer-Wieder-Dran-Erfreuen!

Louise Welsh – Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar

Suspicious minds

Die Atmosphäre, die Louise Welsh bereits auf den ersten Seiten von Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar zu entfesseln weiß, ist ebenso beklemmend wie grandios. Mitten hinein ins Geschehen katapultiert die Engländerin den Leser und lässt ihn erst nach 275 Seiten wieder los.

Jane Logan hat eigentlich alles, was sie braucht: schwanger kommt sie mit ihrer Lebensgefährtin Petra nach Berlin, um sich dort niederzulassen. Die Stadt erscheint ihr sehr vielversprechen. Eigentlich könnte alles perfekt sein, wenn da nicht das unheimliche Wohnhaus wäre: Vom ersten Tag an fühlt sich Jane vom düsteren Hinterhaus angezogen, das einige Geheimnisse zu bergen scheint. Und auch die Nachbarn des Paares scheinen einige Geheimnisse zu hüten.

Der neben ihnen wohnende Mann scheint mit seiner Tochter zu schlafen, ein altes Ehepaar im Erdgeschoss erscheint nicht minder rätselhaft. So erwacht in Jane ihr Spürsinn. Sie versucht den Rätseln des Hinterhauses und der Bewohner auf die Spur zu kommen, ahnt aber nicht welche Konsequenzen ihre investigativen Eskapaden haben werden …

Suspense, Suspense und nochmals Suspense. Das wären die Worte zur Verschlagwortung dieses Buches. Der Leser ahnt schon auf den ersten Seiten, dass in der Berliner Immobilie, die Jane und Petra bewohnen, einiges im Argen zu liegen scheint. Geschickt schafft es Louise Welsh, dieses ungute Gefühl über ihrer Erzählung und dem Leser schweben zu lassen. Anklänge an den großen Suspense-Meister Hitchcock und sein „Fenster zum Hof“ tauchen auf – Kinoreife Spannung in Literatur gegossen, die im Gedächtnis haften bleibt.

Für ihr Geschick, Atmosphäre zwischen den Zeilen zu erzeugen muss man Louise Welsh Tribut zollen. Sie ist zweifelsohne eine der interessantesten Spannungsautorinnen von der Insel, was sie mit Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar erneut bestätigt.

Justin Go – Der stete Lauf der Stunden

Über die Berge und das Meer

Sie wollen mal wieder so richtig in einem Buch versinken, mit den Protagonisten um die Welt reisen und ganz in einer Geschichte versinken? Dann greifen Sie zum Debüt „Der stete Lauf der Stunden“ von Justin Go, dem Debüt des zweiunddreißigjährigen Amerikaners.
In zwei Erzählsträngen erzählt er parallel von einer großen Liebe, die in England vor dem Ersten Weltkrieg ihren Ausgang nimmt, und vom jungen Tristan. Dieser lebt in Kalifornien und macht sich, da eine erkleckliche Erbschaft lockt, auf die Suche nach seinen Wurzeln und Dokumente über seine Großmutter. Dabei reisen die Protagonisten und mit ihnen der Leser auf den Mount Everest, in den Ersten Weltkrieg, nach Schweden, Berlin und an viele weitere Orte.
„Der stete Lauf der Stunden“ ist ein bunter, ergreifender und vielschichtiger Bilderbogen, der nicht nur mit einer starken Story sondern auch mit schriftstellerischer Klasse aufwarten kann.
Man folgt dem Debütautor durch die Schützengräben an der Somme, ins Berghain und bis in die Weite Islands staunend ob des Talents und gefesselt von seiner Geschichte. Plastisch lässt Justin Go vor dem inneren Auge des Leser ganze Welten entstehen und erzeugt einen Roman, der keinen einzigen Durchhänger aufweist. Besonders das Ende – oftmals neuralgischer Punkt zahlloser Erzählungen – gelingt Go ausgezeichnet und so konstatiere ich: ein fabelhafter Schmöker und ein verheißungsvoller Autor, der noch von sich Reden machen wird!