Wolfgang Schorlau – Am zwölften Tag

Die Fleischmafia

Er hat es wieder getan: in seinem neuen Krimi Am zwölften Tag legt Wolfgang Schorlau einmal mehr den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Diesmal schickt er seinen Privatdetektiv Georg Dengler auf eine persönliche Mission. Sein Sohn Jakob ist verschwunden. Offensichtlich hatte sich dieser in Angelegenheiten der fleischverarbeitenden Industrie herumgeschnüffelt. Nun liegt es an Dengler, seinen Sohn wieder zu finden und die Geheimnisse der Fleischindustrie zu ergründen.

Wolfgang Schorlau - Am zwölften Tag

Die Krimihandlung von Am zwölften Tag mag etwas an den Haaren herbei gezogen sein, beziehungsweise wenig Neues bieten.

Dennoch funktioniert das Buch hervorragend, da die Stärke des Buches in meinen Augen weniger auf dem Krimi als in seiner Verbindung mit dem brisanten Thema des Fleischkonsums und der Fleischherstellung steht. Schorlau schaut dahin, wo wie lieber unsere Augen abwenden: Wollen wir wirklich wissen, wie das Schnitzel zu dem wurde, als das es nun in der Kühltheke liegt? Wollen wir wirklich wissen, wer unser täglich Fleisch herstellt und wie die Arbeitsbedingungen der Menschen aussehen, die täglich in Schlachtereien ihren Dienst versehen? Der teure Preis unseres billigen Fleischs, er ist es, den Schorlau hier aufzeigt. Ein Thema, das in seiner drastischen Darstellung erschüttert, bei dem sich aber trotz aller Skandale bislang nichts geändert hat.

Zwar ragt in einigen Passagen der moralische Zeigefinger Schorlaus etwas überhöht auf, dennoch schmälert das die Qualität des Buchs keineswegs. Am zwölften Tag regt zum Nachdenken an und lässt uns unsere Ernährungsgewohnheiten hinterfragen. Müssen wir wirklich sieben Tage in der Woche Fleisch verzehren, das im Laden zu obszön billigen Preisen angeboten wird? Ein Krimi, der auch ein Debattenbuch ist. Und ein Buch, das uns wieder klar macht, wie teuer der Preis unseres Konsums eigentlich ist.

Annelie Wendeberg: Teufelsgrinsen

Sherlock und Anna

In den letzten Jahren erfuhr Sherlock Holmes ein Comeback wie es nur wenigen literarischen Figuren zuteil wird: in Kinofilmen mit Robert Downey Jr., in mehreren neuen Erzählungen (u. a. „Das Geheimnis des weißen Bands“ von Anthony Horowitz) und einer Fernsehserie der BBC.
Nun bereichert auch Annelie Wendeberg den Sherlock-Holmes-Kosmos mit einer weiteren Erzählung, die der Detektiv aus der Baker Street bevölkert.
Das Ungewöhnliche an „Teufelsgrinsen“ ist, dass Annelie Wendeberg – eine deutsche Umweltmikrobiologin – dieses Buch auf Englisch schrieb und als E-Book publizierte, ehe es vom Kiepenheuer&Witsch-Verlag auf Deutsch herausgebracht wurde.
Der Roman dreht sich um die Forscherin Anna Kronenberg, die als Mann verkleidet praktizieren muss, da es Frauen im Viktorianischen Zeitalter nicht gestattet war, an Universitäten zu forschen.
Dies klappt auch erstaunlich gut, bis ein gewisser Sherlock Holmes ihren Weg kreuzt. Er erkennt ihr Geheimnis doch behält es für sich, da er Annas Verstand und ihr Wissen für einen besonderen Fall benötigt. Im Wasserwerk, das London mit Wasser versorgt, wurde ein Cholera.Opfer gefunden. Doch wie es scheint handelt es sich um einen Mordanschlag. Kronenberg und Holmes müssen versuchen, den Hintermännern das Handwerk zu legen …
Das Bild, das Annelie Wendeberg in „Teufelsgrinsen“ von Sherlock Holmes zeichnet, dürfte eingefleischten Holmesianer wohl wenig gefallen: der legendäre Detektiv flirtet mit Anna Kronenberg, duzt seine Mitmenschen und weicht auch ansonsten vom gewohnten Bild ab. Puristen, die das Werk Arthur Conan Doyles verehren, dürfte „Teufelsgrinsen“ somit weniger gefallen. Allen, die Interesse an einer unkonventionellen Holmes-Episode haben, die Charakterisierung des britischen Detektivs nicht so ernst nehmen und sich gerne in das viktorianische England zurückversetzen lassen möchten, könnten trotzdem ihre Freude an diesem Titel finden
So ist „Teufelsgrinsen“ ein Roman über Sherlock Holmes, der sich eher an Medizin- und Medizingeschichtlich interessierte Menschen wendet, darüber hinaus aber auch ein solider Krimi.

Don Winslow – Vergeltung

Ein Mann sieht rot

Dave Collins hat alles verloren, das ihm je etwas bedeutet hat: Seine Frau und sein Sohn kamen bei einem Flugzeugunfall ums Leben. Doch plötzlich ändert sich alles, als er erfährt, dass der Tod seiner Familie durch einen Terroranschlag verursacht wurde.
Kurzerhand stellt Collins eine eigene Söldnertruppe zusammen um den Drahtziehern des Terroranschlags das Handwerk zu legen. Nun kommt sie – die Zeit der Vergeltung.

Vergeltung ist ein Rachethriller alter Schule. Ein Mann nimmt es mit den gefährlichsten Terroristen überhaupt auf und zieht solange gegen sie zu Felde, bis sie vernichtet sind. Das mag jetzt nicht sonderlich komplex oder tiefschürfend sein, in den bewährten Händen von Don Winslow wird aus diesem Thema dennoch ein weitestgehend packender Roman, der nicht lange fackelt.

Kaum wurde Dave Collins aus seiner Lethargie nach dem Tod seiner Familie gerissen, geht es gleich hochtourig zur Sache.
Zwar verliert sich Winslow manchmal in allzu akribischen Schilderungen des Waffenarsenals seiner Söldnertruppe, dennoch begeht er nie den Fehler wie beispielsweise Tom Clancy, seine Leser mit seitenlangen Exkursen über bestimmtes Equipment, das wie aus der Gebrauchsanleitung abgeschrieben klingt, zu langweilen. Er begleitet die Söldner auf Schritt und Tritt und zeigt, wie eine internationale Söldnertruppe jagt. Zugleich bekommt man eine Vorstellung davon, wie wohl die Ermordung Osama Bin Ladens im Jahr 2011 in Pakistan abgelaufen sein muss.

Winslow zeichnet zugleich ein ungeschöntes Bild vom Krieg des neuen Jahrtausends. Die Schlachten werden künftig an den Computern gewonnen und gelernt, nicht mehr das Können auf dem Schlachtfeld entscheidet über Sieg und Niederlage sondern die technische Ausrüstung.

All diese Reflexionen und die schriftstellerische Klasse heben „Vergeltung“ hoch über das Gros der modernen Techno- und Rachethriller und zeigen erneut die literarische Vielfalt, die Don Winslow beherrscht!

Susanne Staun – Blutfrost

Die irre Rechtsmedizinerin

Sie ist wieder da – Maria Krause, die durchgeknallte und labile Psychiaterin aus Odense in Dänemark. Und diesmal besser als im Vorgängerbuch „Totenzimmer“, in dem die Rechtsmedizinerin debütierte.

Auch dieses Mal wird es wieder persönlich für die Gerichtsmedizinerin. Nachdem sie bereits ihr Kind verloren hat knüpft sie sich diesmal ihren Bruder vor. Sie übertritt sämtlich Grenzen, um die Schuld ihres Bruders am Tod seines eigenen Säuglings nachzuweisen. Auch vor Selbstversuchen schreckt sie nicht zurück und beweist so die Eigenwilligkeit des Charakters, den Susanne Staun erschaffen hat.
Die dänische Autorin verwebt die Ermittlungen von Marie Krause mit dem Fall einer anonymen Briefeschreiberin, die die Rechtsmedizinerin an einer anderen Front fordert. Das Ganze liest sich sehr schnell, was auch in der Kürze des Buchs begründet liegt. Auch mit großzügigem Satz kommt das Buch gerade einmal auf 290 Seiten.

Das macht aber gar nichts, da die Autorin in ihrer gedrängten Darstellung einige interessante Punkte aufwirft und diese näher beleuchtet. So erfährt der Leser einiges über Gewalt in Familien, gegenüber Kindern und das Phänomen Münchenhausen by proxy.
Mit „Blutfrost“ ist Susanne Staun ein spannendes, informatives Buch gelungen, dessen Reiz auch in seiner Protagonistin Maria Krause begründet liegt. Wer sich mit diesem schwierigen und ungewöhnlichen Charakter arrangieren kann, bekommt einen packenden Roman serviert!

Eyre Price – Roadkill

Blutige Musik-Schnitzeljagd

Wenn man die Orte betrachtet, durch die Daniel Erickson hetzt, wird sich selbst musikalisch eher unbewanderten Zeitgenossen klar, woher in Road Kill der Wind weht: New Orleans, Nashville, Detroit, Memphis sind Stationen, die der Protagonist in Eyre Price´ Roman im Laufe seiner Schnitzeljagd besucht. Und das kommt so:

Nachdem er sich in der Glücksspielstadt Las Vegas verzockt hat, hat sich Daniel bei einem russischen Gangster Geld geliehen. Eine schlechte Idee, wie sich herausstellt, denn der Russe will wieder an sein Geld und deshalb schickt er ihm ein ungleiches Killer-Duo auf den Hals. Und zu allem Übermaß muss Daniel Erickson feststellen, dass sein ganzes Vermögen aus seinem privaten Tresor verschwunden ist. Keine gute Sache, wenn man einen gereizten russischen Gangster auszahlen möchte. Das einzige, was ihm geblieben ist, ist eine CD mit Bluessongs, die offenbar die Hinweise zu einer Schnitzeljagd darstellen.

Durchgeknallt, durchgeknallter – Road Kill

Eyre Price ist ein Roman gelungen, der als Thriller zwar nicht sonderlich gut funktioniert, als niedergeschriebenes Stück Musikhistorie aber erstaunlich gut klappt. Mit deftigen Splatterelementen und überzogenen Figuren versetzt serviert er dem Leser eine blutige Musik-Schnitzeljagd, bei der er niemanden schont. Das psychotische Gangsterpärchen metzelt sich fröhlich durch die USA, während Daniel von Hinweis zu Hinweis hetzt und versucht, die Songs, die ihm an den einzelnen Stationen hinterlassen werden, zu entschlüsseln.

Die Gestalten, die den Roman von Price bevölkern, sind zwar durchgängig Pappkameraden, aber als Hommage an den Blues und seine Spielarten ist Road Kill durchaus lesens- bzw. hörenswert.

Denn per QR-Code lassen sich die Songs, die Daniel im Buch den Weg weisen, zusätzlich anhören und sind somit die Bonustracks des Buches.