Klüpfel/Kobr: Herzblut

Mit mehr Herzblut als die Vorgänger geschrieben

Wenn Kluftinger ein Tatort-Team wäre, wäre er am ehesten mit den Ermittlern Boerne und Thiel aus Münster zu vergleichen – ein reiner Krimi ist ein Roman des Autorenduos Klüpfel und Kobr nämlich niemals. Zugunsten der schon fast karikaturesk anmutenden Figur des Kommissar Kluftingers mit all seinen Marotten und Hilflosigkeiten tritt die Rahmenhandlung des Krimis oftmals in den Hintergrund.
Bei den Vorgängerromanen hatte man da mehrmals den Eindruck, dass der Krimi mehr oder minder eine lästiges Gerüst ist, das nur als Steilvorlage für die Comedy-Episoden des meist sehr grenzdebil agierenden Kluftinger dient (abgesehen von der Realitätsferne – keine Polizei der Welt würde solch einen Kommissar ermitteln lassen …). Doch bei „Herzblut“ sind diese Eskapaden der Allgäuer Spürnase dankenswerterweise wieder etwas in den Hintergrund getreten, wenngleich immer noch für mein Empfinden mit zu viel Platz ausgestattet. Die Krimihandlung wird – sehr auf Mainstream gebürstet – von der Suche nach einem Serienmörder getragen. Die Auflösung des Ganzen ist dann aber sehr dilettantisch geraten (ich persönlich wusste nach Seite 270 von 400, wer der Mörder war und worin sein Motiv bestand) – insgesamt aber ansprechender als die beiden mehr als schwachen Vorgänger „Schutzpatron“ und „Rauhnacht“. Würde man den Krimi als reinen Krimi bewerten, käme er sicher nicht mehr über ein sehr durchschnittliches Ergebnis.
Da die Episoden des Kommissars inklusive den Auseinandersetzungen mit seinem Intimfeind Dr. Langhammer allerdings durchaus an manchen Stellen sehr lustig sind und dem Ganzen so einige Pointen schenken, werten sie den Gesamteindruck von „Herzblut“ auf.
Insgesamt ist das neue Buch des Allgäuer Autorenduos Klüpfel und Kobr ein Werk, das irgendwo zwischen derbem Bauerntheater und Regiokrimi oszilliert und dennoch ein zumindest fast stimmiges Etwas bildet. Wer die Bücher der Beiden bisher schätzte, wird auch mit diesem Werk nicht enttäuscht!       

Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Ulysses an der Highschool

Joey Goebel zählt zu den interessantesten jungen amerikanischen Autoren der Gegenwart. Sein neuestes Werk „Ich gegen Osborne“ macht da keine Ausnahme – ganz in der Tradition eines John Dos Passos oder James Joyce beschreibt er in diesem Buch einen einzigen Tag im Leben des Zwölftklässlers James Weinbach.

Dieser Ich-Erzähler nimmt es im Roman mit Osborne auf – seiner Highschool, der er mehr als kritisch gegenübersteht. Von dem anfänglichen Versuch, eine Freundin zu fragen, ob sie ihn zum Abschlussball begleite, ausgehend entwickelt Goebel schnell das Porträt eines Tages, nach dem im Leben James‘ Weinbach nichts mehr so ist, wie es war.
Mit „Ich gegen Osborne“ hat Joey Goebel einen Roman vorgelegt, der der amerikanischen (Schul-) Gesellschaft den Spiegel vorhält. Lustvoll seziert James Weinbach, der sich an seiner Highschool als Primus inter Pares versteht, seine Mitschüler und deren Leben.
Vor seinem gnadenlosen Augen findet niemand Gnade, grimmig nimmt er seinen Kampf gegen seine bestenfalls mittelmäßigen Mitschüler auf und versucht auch in puncto Abschlussball ein für ihn bequeme Lösung zu finden.
Das liest sich größtenteils sehr humorvoll – „Ich gegen Osborne“ strotzt nur so vor zitierwürdigen Passagen:

„Die Person im Wagen neben meinem ließ das Fenster ein wenig herunter, und da wurde mir klar, dass ich mit einem Song beschallt wurde, der vermutlich den Titel „Make ‚em say Uhh“ trug, ein Lieblingslied – eine regelrechte Hymne – meiner Mitschüler. Mir war dieser Sonh so verhasst, dass ich das Leben verabscheute, wenn ich ihn nur hörte. Der Refrain bestand hauptsächlich aus Grunzgeräuschen, bei denen man unwillkürlich an Lust und/oder Verdauungsprobleme dachte. Der schlechte Geschmack von Menschen meines Alters erschütterte mich, und die Jugendkultur generell bewirkte, dass ich mir am liebsten in die Hände gekotzt hätte.“ (S. 16)

Hier spricht ein vom Leben und seinen Altersgenossen angeekelter junger Mann, der sich durch seinen Highschooltag schleppt (und an manchen Stellen leider auch der Roman) – und der durch Abgrenzung wieder Originalität erhält. Man sieht den jungen Schüler förmlich vor sich, wie er sich durch die Gänge seiner Highschool schleppt, gewandet in einen Anzug seines verstorbenen Vaters.
Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag
Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Kennzeichnend, wenn James einmal äußert: „Satan, dein Name ist Pubertät.“ – wohl jeder kann den Schüler verstehen und an der ein oder anderen Stelle dürfte sich wohl jeder in diesem Roman wiederfinden.

Ein epischer Tag an der Highschool ganz wie meine eigenen Erfahrungen der Schule – lustig, nachdenklich und manchmal auch ein bisschen zäh. Aber am Ende hat man garantiert etwas gelernt!

Malla Nunn: Ein schöner Ort zu Sterben

Hochspannende Geschichtsstunde

Ein schöner Ort zu Sterben von Malla Nunn ist ein packendes, faszinierendes und überaus vielschichtiges Buch, bei dem ich mich richtig ärgere, es erst so spät zur Hand genommen zu haben.

Bereits vor einem Jahr erworben, fristete es lange ein Dasein in den unteren Bereichen meiner Bücherstapel, ehe ich es mir nun zur Hand nahm, um das Buch endlich auch einmal zu lesen. Und schon wenige Kapitel später ärgerte ich mich schon über mich selbst und fragte mich, warum ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe – denn es ist wirklich großartig.

Nicht erst seit der WM 2010 erfährt Südafrika einen großen Boom, der sich besonders in der Kriminalliteratur niederschlägt. Deon Meyer, Roger Smith und Mike Nicol stehen für extraordinäre Kriminalliteratur, die sich besonders durch ihre Härte und ihre Schnelligkeit auszeichnet. Malla Nunn geht hier andere Wege. Beinahe bedächtig lässt sie den englischstämmigen Constable Emmanuel Cooper in Jacob’s Rest, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Mosambik ermitteln. Der örtliche Dorfpolizist wurde erschossen und treibt tot in einer Furt – und das im Jahr 1952, in dem die menschenfeindliche Apartheid-Politik gerade in Kraft tritt. Unbeirrt vertritt Cooper seine Auffassung von Gerechtigkeit und nimmt mit seinen Kollegen die Ermittlungen auf. Dabei muss er nicht nur zwischen der schwarzen und weißen Lebenswelt hin- und herwechseln, sondern kommt mit seiner Spurensuche schon bald dem mächtigen südafrikanischen Geheimdienst, genannt Security Branch, in die Quere.

Die Narben der Vergangenheit Südafrika

Malla Nunn hat mit Ein schöner Ort zu Sterben ein Buch geschrieben, das noch lange über das Ende hinaus nachdenklich macht und den Leser fesselt. Gelungen gibt sie Einblick in eine Zeit und in ein rassistisch motiviertes Denken, dass wir uns heute weder vorstellen wollen, noch können. Dennoch schafft sie es, weder die Krimihandlung, noch ihre Protagonisten oder die geschichtliche Rahmenhandlung zu kurz geraten zu lassen. Man meint förmlich die aufgeladene Stimmung in Jacob’s Rest zu spüren, wenn Cooper die Dorfgemeinschaft aufmischt und dann auch noch die sadistischen Schergen des Geheimdienstes die Südafrikaner quälen.

Für mich kommen bei diesem Buch zwei wichtige Aspekte zum Tragen: Zum einen schafft es Malla Nunn wirklich hervorragend, die Geschichte Südafrikas und seine wechselvollen Perioden und Einwohner glaubhaft zu schildern, und zum anderen ist dieses Buch ein ausgezeichneter Kriminalroman, der spannend ist, ohne je die Glaubwürdigkeit zu verlieren und der seine Spannung bis zum großartigen Finale halten kann. Müßig ist es zu erwähnen, dass die Autorin mit Emmanuel Cooper einen tollen Ermittler geschaffen hat, der mich in seiner unbeirrbaren Haltung zwecks Wahrheitsfindung stark an Leo Demidow aus den Büchern Tom Rob Smiths erinnert.

Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach Lektüre für den Kopf und für spannende Stunden seid, greift zu diesem Buch – intelligenter kann man Geschichte und Literatur nicht zusammenbringen!

Arne Dahl: Bußestunde

Eye in the sky

Mit „Bußestunde“ beschließt Arne Dahl nun seine zehnbändige Reihe um die A-Gruppe der schwedischen Polizei. Sein abschließendes Werk vereint noch einmal mehr oder minder alle Ermittler, die jemals in der A-Gruppe mitgewirkt haben und liest sich streckenweise wie ein kleines Best-Of seiner anderen neun Romane. Deshalb gleich zu Beginn ein kleiner Hinweis: Man muss zwar nicht alle neun Romane des Schweden vorher gelesen haben, allerdings ist „Bußestunde“ so voller Anspielungen und kleinerer Spoiler, dass sich der optimale Lesegenuss erst entfaltet, wenn man wenigstens den ein oder anderen Vorgängerband gelesen hat.
Inhaltlich fährt Arne Dahl noch einmal alles auf, was sein Dezett auszeichnet: Vertrackte, komplexe Plots, verschiedene Erzählstränge und die besten aller Ermittler, die in der A-Gruppe gemeinsam ermitteln. Diesmal geht es vorgeblich zunächst um den Überfall auf einen Videoladen, der schon bald zum Aufhänger für eine viel größere Reihe von Verbrechen wird. Und dann wäre da noch Paul Hjelm, der in der Tradition eines Spions das Verschwinden eines Geheimdienstchefs auf eigene Faust aufklären muss.
Wie gewohnt verknüpft Arne Dahl seine diversen Plots in „Bußestunde“ immer mehr und webt diverse Subthemen in seinen Roman ein. Anorexie, der Überwachungsstaat, Bachs h-Moll-Messe und die Arbeit von Geheimdiensten in unserer Zeit sind Nebenschauplätze, die der Autor vortrefflich zu bedienen weiß. Einzig zu kritisieren habe ich nur die Veröffentlichungspolitik des Piper-Verlags.
Da zwischen dem vorletzten Band „Opferzahl“ (2006) und dem finalen Roman „Bußestunde“ (2007) bereits die beiden Bände des OPCOP-Quartetts („Zorn“ und „Gier“ (2011/12)) erschienen sind, wird „Bußestunde“ schon deutlich die Spannung genommen, da man aus den beiden anderen Bänden weiß, wie es mit allen Protagonisten weitergeht. Hier hätte ich eine chronologische Veröffentlichung, sprich zunächst das A-Gruppen-Dezett und dann das OPCOP-Quartett, befürwortet. So sind beide Reihen etwas auseinandergerissen – an der Qualität der „Bußestunde“ ändert dies allerdings nichts!
Hier zur besseren Übersicht noch einmal die Reihenfolge der zehn Bände:
  1. Misterioso
  2. Böses Blut
  3. Falsche Opfer
  4. Tiefer Schmerz
  5. Rosenrot
  6. Ungeschoren
  7. Totenmesse
  8. Dunkelziffer
  9. Opferzahl
  10. Bußestunde

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

Was für ein Debüt

Was für ein Debüt: Mit „Adams Erbe“ hat Astrid Rosenfeld einen Roman vorgelegt, der sofort Anklang bei den Kritikern und Lesern fand. Sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises hat die junge deutsche Autorin es geschafft. Und um es vorwegzunehmen: Auch mich hat dieses im Diogenes-Verlag erschienene Buch mehr als begeistert.
Geschickt verknüpft Astrid Rosenfeld die Lebensgeschichten von Eddy Cohen, einen Teenager unserer Tage, der mit seiner Mutter und deren Freund herumvagabundiert. Sein Leben erhält eine Wendung, als ihm Dokumente seines verschwundenen Großonkels Adam in die Hände fallen.
Dieser lebte in Deutschland zusammen mit Adams Familie in Deutschland im Dritten Reich, ehe sich die Wege der Familie und Adams trennten.
Man kann die Autorin nur für ihre Prosa bewundern. Wie dahingetupft, mit feinem Humor durchzogen schildert sie zwei Lebensgeschichten ihrer beiden Protagonisten. Mit „Adams Erbe“ zeigt sie auf, wie man auch über die Schicksale von Menschen im Dritten Reich schreiben kann – das Leben im Warschauer Ghetto gerät bei Astrid Rosenfeld zu einem tragikomischen und melancholischen Stück Geschichte, das neu mit Leben füllt, was vielen nur noch als Text aus dem Geschichtsbuch bekannt sein dürfte.
Höchst verblüffend und beeindruckend, wie es Astrid Rosenfeld gelingt, stets souverän die Waage zwischen Ernsthaftigkeit und Humor zu halten und nie an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Mit einem klugen Aufbau versehen ist „Adams Erbe“ zurecht zu einem höchstgelobten Roman geworden, der viele Leser verdient. Nicht nur seine Geschichte unterhält, auch die Dialoge und die teils schrulligen Protagonisten sind hervorragend gestalten und machen „Adams Erbe“ zu einem runden Gesamtkunstwerk. Der Roman unterhält auf großartige Weise und ist zu keinem Zeitpunkt belanglos. Eines der stärksten Debüts der letzten Jahre und ein Buch, das man ruhigen Herzens weiterempfehlen kann!