Tag Archives: Delhi

Tomer Gardi – Liefern

Sie heißen Foodiesya, Ratzfatz, Go Go, Şipşak oder IndieGo – und ihr Siegeszug ist ein globaler. In Liefern erzählt Tomer Gardi von der neuen Welt der Lieferdienste, die Speisen und Einkäufe bis vor die Wohnungstür bringen – und den Menschen, die diese Arbeit verrichten und damit den Komfort anderer Menschen ermöglichen.


Wenn es ein deutschsprachiges Buch in diesem Frühjahr gibt, dass den Anspruch eines globalen Romans einlöst, dann ist es Tomer Gardis neues Buch.
Kenia, Brasilien und Berlin, Neu-Delhi und Istanbul sind die Schauplätze, an denen sein neuer Roman spielt, der wie schon der zuvor erschienene und mit dem Preis der Leipziger Messe ausgezeichnete Roman Eine runde Sache wieder eine Besonderheit aufweist. Denn abermals findet sich hineingepflanzt in den Text des in Israel geborenen Gardi ein Romanteil, der abweichend zum restlichen auf Deutsch geschriebenen Textkorpus auf Hebräisch verfasst wurde.

Diesen Teil hat Anne Birkenhauer ins Deutsche übertragen hat, die hier erneut mit Tomer Gardi zusammenarbeitet, wie sie auch schon den hebräischen Buchteil in Eine runde Sache übersetzte und so an der Entstehung des Buchs mitwirkte.

Lieferdienste weltweit

Tomer Gardi - Liefern (Cover)

Möchte man sich dem Roman auf inhaltlicher Ebene annähern, so fällt eine konzise Zusammenfassung nicht ganz leicht. Denn Gardi springt nicht nur auf der Landkarte munter umher, auch bringt jeder Ort wieder neue Figuren mit sich, die sich später zum Teil sogar begegnen und so einen losen Reigen ergeben.

Den Ausgang nimmt alles mit Filmon, einem aus Eritrea geflohenen Mann, der seine Frau und die Tochter Israel sicher in Berlin weiß. Er hingegen muss noch an jenem Ort verharren, nach dem sie aus Dankbarkeit über die gelungene Flucht ins gelobte Land auch ihre Tochter benannt haben.

Mit dem Ziel eines Nachzugs zu seiner Familie hat er schon in einem Restaurant in Tel Aviv gejobbt, doch nach dem Ende des Ladens wird er zu einem sogenannten Rider. Unter falschem Namen und mit dem „kubischen Globus“ auf dem Rücken heuert er beim Lieferdienst IndieGo an, um hungrigen Menschen unter permanentem Zeit- und Leistungsdruck ihr Essen auf dem Fahrrad auszuliefern.

Auch an anderen Schauplätzen, die Gardi im Folgenden besucht (und an denen er nach Verlagsangaben selbst über sechs Jahre recherchierte) bleibt der Leistungsdruck hoch. Angestellt von erpresserischen Zwischenhändlern müssen die Boten in Delhi oder Istanbul immer gegen die Zeit fahren. Auch in Berlin ähnelt sich das Tätigkeitsbild, wo die zumeist Männer auf gemieteten Rädern durch die Stadt hasten und Mineralwasserflaschen, Döner oder Klopapier auch mal bis in den dritten Stock hinauftragen.

Ein moderner Atlas mit Gepäcktasche statt Globus auf dem Rücken

Stets mit einem Auge auf den Algorithmus, der Beschwerden oder Untätigkeit sofort bestraft und eine Herabstufung und damit auch geringere Bezahlung veranlasst, gleichen die Männer dem modernen Atlas, niedergedrückt diesmal nicht von einer Weltkugel, sondern den quadratischen Gepäcktaschen, die sie auf dem Rücken transportieren.

Alle Riders wussten, welches die gefährlichen Orte waren, und keiner wollte dorthin. Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache, eine Art Russisch Roulette. Technisch war es möglich, eine Lieferung abzulehnen, und ab und zu tat Sachin das auch, wenn sie die Gefahr manchmal nicht ertragen konnte oder wenn sie spürte, dass Vivaan an dem Tag besonders verletzlich war und sie ihn nicht in noch größere Ängste stürzen wollte. Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punkteabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue. Und wenn du auf Blue warst, musstest du sehr, sehr viel schneller liefern, um genug Geld für dein Leben zu verdienen.

Tomer Gardi – Liefern, S. 99

Gardi begleitet sie auf ihrem Weg, zeigt ihre Ausgegrenztheit und den Leistungsdruck, der in Verkehrsunfälle und schlimmstenfalls den Tod münden kann, ohne dass die Menschen auf der anderen Seite der App den Preis kennen, den ihre Bequemlichkeit für andere Menschen bedeutet.

Unvorhersehbare erzählerische Wege

Die erzählerischen Wege, die Tomer Gardi dabei einschlägt, sind manchmal so unvorhersehbar wie der nächste Auftrag der Rider und die Schleichwege, die sie dabei nehmen, immer im Kampf gegen die Uhr.

So spielt der von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzte Teil Mimesis in Istanbul, wo Gardi zwei Männer auf dem Weg zu einer Haartransplantation zeigt. Erst später wird sich die Verbindung zum Thema der Lieferdienste zeigen, dazu webt Gardi auch das Schicksal des zur Nazizeit aus Deutschland ins Istanbuler Exil geflohenen Kulturphilosophen Erich Auerbach ein, der dort sein dem Kapitel seinen Titel gebende Hauptwerk Mimesis verfasst.

Gardi führt die Kulturphilosophie Auerbachs selbst ein Stück weiter, indem er die globale Beschleunigung und Entwicklung zeigt, die beispielsweise darin mündet, dass die Wohnung dieses Denkers nun zur seelenlosen AirBnB-Wohnung geworden ist, die wiederum von einem Rider mit Essen beliefert wird. Der immense Kulturwandel wird in solchen kurzen Blicklichtern eindeutig.

Auswüchse des Kapitalismus, Auswüchse unserer Bequemlichkeit

Liefern zeigt die globalen Auswüchse unserer Zeit im Streben nach mehr Bequemlichkeit und Komfort und zeigt der Folgen dessen. Die Haartransplantation in der Türkei, deren Gesundheitssystem wegen der vielen privaten OPs zusehends in Schieflage gerät. Die Anonymität der Lieferdienste, die der Ausbeutung von Menschen Tür und Tor öffnet. Oder die Rosenzucht in Kenia unter permanenten Leistungsdruck, die durch den Takt der weltweiten Feiertage vorgegeben wird:

Doch noch während sie in diesen Sekundenbruchteilen verweilte, sagte Sarah, Mädchen, du hast nicht den ganzen Tag, um vor so einem Strauch zu stehen. Ich muss bis Ende des Tages achthundert Stiele ernten. Bereite dich darauf vor, dass du hier schnell arbeiten muss. Nächste Woche beginnt die Ernte für Valentine’s Day. Dann wird du alleine zweitausend Stiele pro Tag schneiden müssen. Und nach Valentine’s kommt Muttertag in England. Und drei Wochen später auch Eid Al-Fitr.

Tomer Gardi – Liefern, S. 293

All das thematisiert Tomer Gardi in diesem wilden und globalen Buch, das mal von Verfolgungsjagden, mal von Einsamkeit und immer vom Leistungsdruck und dem Wunsch nach Ankommen erzählt. Nah dran an der Gegenwart und mit dem Blick auf eine neue Kaste von Menschen, die unsere Bequemlichkeit bezahlt ist Liefern ein eindrückliches Buch, mit dem Tomer Gardi wirklich abgeliefert hat.


  • Tomer Gardi – Liefern
  • In Teilen aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer
  • ISBN 978-3-608-50263-3 (Tropen)
  • 320 Seiten. Preis: 25,00 €

Rahul Raina – Bekenntnisse eines Betrügers

Bildung, sie ist ein hehres Ideal, kann aber auch zur tödlichen Bedrohung werden, wie Ramesh Kumar in Bekenntnisse eines Betrügers am eigenen Leib erfahren muss. Denn seine Tätigkeit als „Bildungsberater“ bringt ihn in Rahul Rainas Roman erheblich in die Bredouille und sorgt für entführte Menschen und abgetrennte Fingerglieder. Ein unterhaltsames Buch voller Kidnapping, versehen mit Krimielementen und Gesellschaftskritik.


Ramesh Kumar – Bildungsberater. So steht es auf meiner Visitenkarte.

Sie wollen, dass Ihr kleiner Liebling 99,4 Prozent der Prüfungsfragen richtig beantwortet, ein Absolvent des Indian Institu[t]e of Technology wird und über den Rest von uns herrscht? Dann kommen Sie zu mir. Sie wollen, dass Ihr kleiner Racker bis an die Spitze der staatlichen Verwaltung aufsteigt, einen Durchmarsch in ein Eckbüro an der Wall Street oder in London antritt, oder, wenn alles schiefläuft, Gott behüte, wenigstens in Bangalore? Ich bin Ihr Mann. Jede Prüfung, jedes Fach in nur vier Wochen. Oder Sie kriegen Ihr Geld zurück. Und genau darauf haben sie es alle abgesehen, jeder Einzelne von ihnen.

Rahul Raina – Bekenntnisse eines Betrügers, S. 14 f.

So beschreibt Ramesh Kupar selbst sein Geschäft, mit dem er sich eine einigermaßen erträglicher Business in einer Nische erschaffen hat. Für faule Kinder aus den obersten Kasten Delhis schreibt er die Tests, arbeitet sich in Wissensfelder ein und übernimmt so die intellektuelle Arbeit für die ihn seine Arbeitgeber meist recht schlecht bezahlen.

Der Bildungsberater übernimmt

Rudraksh Saxena nimmt sich aus dieser Reihe nicht aus. Der verzogene und privilegierte Rudraksh, genannt Rudi, frequentiert lieber Cola, WhatsApp-Chats und einschlägige Filme, als seine Vorbereitungen auf die All India-Auswahltests voranzutreiben. Und so kommt Ramesh ins Spiel, der sich einen Monat lang in alle Bildungsfelder einarbeitet, um an Rudis Stelle statt die mehrtägigen Auswahltests zu schreiben.

Rahul Raina - Bekenntnisse eines Betrügers (Cover)

Als Sohn eines Teehändlers nahm sich einst eine Nonne seiner an und trieb die Bildung des Jungen voran, der seine überragenden Fähigkeiten nun auch bei den aktuellen All India-Tests wieder einsetzt – und als Rudi überraschend den zweiten Platz belegt, was größtes nationales Interesse hervorruft, da Rudraksh der beste indische Teilnehmer der Tests ist und so ein Run auf den Jungen einsetzt.

Durch geschickte Erpressung und Nötigung der Eltern, die Ramesh seinen Lohn eigentlich vorenthalten und ihn aus der Erfolgsgeschichte ihres Sohnes tilgen wollten, mausert sich dieser zum „Manager“ von Rudi, was tatsächlich eine Rundum-Betreuung des Hochstaplers und Blenders bedeutet.

Als ein Fernsehsender eine Quizshow mit Rudi ins Programm nehmen möchte, muss Ramesh all sein Talent zur Organisation und fürs Babysitten aufbringen, um Rudi für den Job vorzubereiten. Doch der Erfolg bringt auch Neider mit sich, die auch vor Entführungen und eindringlichen Drohbotschaften nicht zurückschrecken…

Gesellschaftskritik und Spannung im heutigen Indien

Bekenntnisse eines Betrügers ist ein Roman mit Spannungselementen und viel Gesellschaftskritik, auch wenn man es angesichts der mitunter flapsig-derben Sprache und des misslungenen Covers so nicht meinen möchte.

Zusammengesetzt aus Rückblenden und Schilderungen, wie Rudi und Ramesh in die Entführung schlitterten, die den Ausgangspunkt des Buches bildet, erzeugt Rahul Raina das Bild eines modernen Indien, in dem mehr Sein als Schein herrscht. Die Gesellschaft innerhalb des Kastensystems setzt auf bequeme Täuschungen des Status Quo und gibt sich lieber mit arglistigen Täuschungen zufrieden, als wirklichen Wettbewerb und Aufstieg aus anderen Gesellschaftsschichten zuzulassen.

Delhi ist der zentrale Handlungsort des Romans, der Rahul Raina als chaotische Stadt voller Widersprüche, Armut und wenig eingelöster Aufstiegsversprechen zeichnet, in der so manches Mal nur ein Kidnapping zum erwünschten Erfolg führt.

Dabei gelingen ihm in ihrer Doppeldeutigkeit schöne Szenen, die immer wieder über die Handlung hinaus auf gesellschaftliche Probleme und Missstände verweisen, etwa wenn der durch die Quizshow zum Fernsehstar und Schwiegermutter-Liebling avancierte Rudraksh als Frau verkleidet mit der U-Bahn durch Delhi reisen muss und sich dabei ständig sexueller Avancen und Übergriffigkeiten erwehren muss.

Hier zeigt Raina klar Missstände auf, genauso wie er durch seinen „Bildungsberater“ die Fixierung der indischen Gesellschaft auf leicht zu manipulierende Auswahltests und geschlossene Machtzirkel hinweist und so im Gewand eines zeitgenössischen Romans auch die Klassenfrage verhandelt.

Fazit

In diesem Sinne ist Bekenntnisse eines Betrügers ein unterhaltsames, in flapsiger Sprache und mit Krimielementen garnierter Roman, der ungeschönt auf die Probleme der indischen Gesellschaft blickt und die Aufstiegsversprechen derselben ad absurdum führt. Auch wenn man es angesichts des Covers und den parodistischen Zügen nicht gleich vermuten würde – aber hier steckt wirklich etwas im Buch, das der Lektüre lohnt!


  • Rahul Raina – Bekenntnisse eines Betrügers
  • Aus dem Englischen von Alexander Wagner
  • ISBN 978-3-0369-5868-2 (Kein & Aber)
  • 400 Seiten. Preis: 25,00 €