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Ulrich Woelk – Hellere Tage

Bereits zum zweiten Mal begleitet Ulrich Woelk die Ethikprofessorin Ruth Lember auf einem kleinem Stück ihres Lebenswegs. Hellere Tage zeigt eine Frau in den größeren und kleineren Kämpfen des Lebens und stellt die Frage nach Radikalität im Leben.


Es gibt Bücher, die entwickeln in der Rückschau fast so etwas wie eine prophetische Gabe. Ulrich Woelks letztes Werk Mittsommertage kann man nun, drei Jahre nach seinem Erscheinen, getrost auch dieser Kategorie zuschlagen. Darin verschaffte er der Ethikprofessorin Ruth Lember einen ersten Auftritt. Diese lehrte an der Humboldt-Universität in Berlin und stand damals kurz vor der Berufung in den Ethikrat, ehe innerhalb weniger glutheißer Berliner Sommertage ihr Leben völlig aus den Fugen geriet. Die Aufdeckung einer Tat aus ihrer Jugend verunmöglichte den Ruf in das Expertengremium und sorgte für einen veritablen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit.

Als nun im vergangenen Sommer das Land erregt über die Berufung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf an das Bundesverfassungsgericht stritt — eigentlich eine eigentlich schon vorab geklärte Formsache, die durch eine Kampagne mit rechter Schlagseite dann bei konservativen Kräften verfing und die immer heißer lief, ehe die die Juristin auf eigenen Willen ihre Kandidatur für das Gericht zurückzog, um eine weitere Beschädigung von Amt und Person zu verhindern — da durfte man sich an Ulrich Woelks Werk erinnert fühlen. Mit seinen vorweggenommenen präzisen Beschreibungen der fiktiven Erregungskultur rund um die Causa Ruth Lember konnte man wenigstens ungefähr nachvollziehen, wie es privatim bei Frauke Brosius-Gersdorf ausgesehen haben mochte.

Die Gemüter in der damaligen Debatte wie auch in Woelks neuem Buch haben sich inzwischen wieder etwas beruhigt. Wie realiter bei Frauke Brosius-Gersdorf blieb auch Ruth Lember ihr Ruf in den Ethikrat versagte. Nach einigen Debatten und Erklärungen vor Kollegen an der Uni hat sich ihr Arbeitsleben wieder etwas gefestigt und auch in ihrem neuen Privatleben hat sie sich ganz passabel eingerichtet.
Doch schon zu Beginn des Romans warten neue Herausforderungen auf die Professorin.

Angekommen im neuen Leben nach der Debatte

Ulrich Woelk - Hellere Tage (Cover)

Ihr Mann Ben lebt in Trennung und hat einen Blick auf die gemeinsame, mit einem Darlehen von Ruths Vater finanzierte Wohnung geworfen. Ebenjener Vater von Ruth stirbt und hinterlässt ihr ein überraschendes Erbe. Damit führt Ulrich Woelk das Motiv der Kipppunkte und der wegbrechenden Gewissheiten auch in diesem Roman fort. Denn im Nachlass ihres Vaters entdeckt Ruth Briefe, die sie ihren Vater mit ganz neuen Augen sehen lassen. Wen liebte ihr Vater wirklich — und warum weiß man manchmal am allerwenigsten von den Leuten, die einen nahestehen und mit denen man sich umgibt?

Das muss Ruth auch feststellen, als sie dem unkonventionellen Nachbarn ihrer Tochter näherkommt, der eine Wohnung in einem besetzten Haus bewohnt. Hier kommt, ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung des Buchs vorwegnehmen zu wollen, erneut die Frage des Extremismus ins Spiel, die Woelk erkennbar auch schon in Mittsommertage umtrieb.

Auch wenn es an vielen Stellen im Roman nicht danach ausschauen mag, das Buch phasenweise vor sich hinplätschert und so manches Mal vielleicht sogar etwas nahe am Rande der Banalität bewegt, etwa wenn eine Kater zum Tierarzt gebracht werden muss oder der Kauf eines Koteletts im Supermarkt die problembewussten Studentin Jenny über Seiten hinweg beschäftig, so hat der Roman doch auch Unterströmungen, die sich erst zum Ende hin in ihrer ganzen Schlagkraft offenbaren.

Die Frage der Radikalität

Stand Woelks letzter Roman noch ganz im Zeichen der Klimaproteste, die sich in der Zwischenzeit völlig verflüchtigt zu haben scheinen und in Sachen öffentlicher und politischer Wahrnehmung selbst an eine Art Kipppunkt geraten sind, so blickt Woelk aber weiterhin auf den Preis, den Menschen für ihre Anliegen zu zahlen bereit sind. Diesmal ist die Frage von Radikalität und Extremismus noch etwas anders gelagert, die Hellere Tage aufgreift.

Immer wieder wird Ruth mit ihrem früheren Verhalten konfrontiert, gilt der Öffentlichkeit in Fragen des radikalen Protests seit der bekanntgewordenen Tat aus ihrer Jugend als Expertin und wird noch immer ein ums andere Mal darauf festgelegt.
Ausgelöst durch die Verhaftung und den Prozess gegen Daniela Klette, Teil der von der Öffentlichkeit schon wieder längst vergessenen 3. Generation der RAF, bewegt die Meldung auch Ruth und konfrontiert sie ein weiteres Mal mit ihrer Vergangenheit. Und auch persönlich wird sie mit diesem Thema in Berührung kommen, das lange Zeit so unterrepräsentiert war, wie es nun der Klimaprotest ist.

Was nach viel moralischer Verhandlungsarbeit und wenig Lesefreude klingen mag, entpuppt sich in Woelks Händen aber zu einem lesenswerten Text, der viele ethische Fragen stellt, unter anderem nach dem Preis, den wir für unsere Träume und Ideen zahlen — und der Frage, wann und wir uns im Leben anpassen oder gar unsere eigenen Wurzeln verleugnen.

Fazit

Das macht aus Hellere Tage eine spannende Lektüre, mit der Woelk sein Talent zur tiefen Einfühlung in Figuren und den Blick für die Reibungspunkte im Privaten wie auch im Öffentlichen einmal mehr ausstellt. Eine freie Fortsetzung, die das Niveau des Vorgängerbandes hält, obgleich es während der Lektüre nicht immer ganz danach aussehen mag.


  • Ulrich Woelk – Hellere Tage
  • ISBN 978-3-406-84341-9
  • 317 Seiten. Preis: 26,00 €

Gaea Schoeters – Trophäe

Menschenjagd in Afrika. In ihrem Roman Trophäe fragt sich die flämische Autorin Gaea Schoeters, was passiert, wenn sich ein Jäger bei seiner Jagd sprichwörtlich nicht mehr nur auf Tiere einschießt. Ein Roman mit einer spannenden Fragestellung, der auch die Leserinnen und Leser vor moralische Dilemma stellt und der gut in die Riege ethischer Grenzauslotungen in privilegierten Milieus á la Saltburn passt.


Hunter White. Gibt es einen besseren (wahlweise auch platteren) Namen, um einen Großwildjäger in eine Geschichte zu verpflanzen? Die Niederländerin Gaea Schoeters schickt den Jäger, der diesen Namen trägt, auf Großwildjagd in Afrika. Seine Biografie bleibt dabei ebenso nebulös wie sein Name funktionell. Außer Andeutung erfährt man wenig über ihn. Sein Job, die familiären Verhältnisse, alles schmückende Beiwerk bleibt hier recht schematisch auf das Nötigste reduziert – ebenso wie der Handlungsort irgendwo in Afrika, bei dem Schoeters ebenfalls auf eine genaue Verortung verzichtet. Vielmehr sind die Jagdgelüste des Mannes beziehungsweise die Motivation für sein Tun die beherrschenden Themen in ihrem Roman.

Seit zwei Jahren treibt diesen Hunter White schon der Plan des Abschusses eines Nashorns um. Viel Geld hat er berappt, um dort in Afrika endlich ein Exemplar vor seine Büchse zu bekommen. Und nun ist es endlich soweit. Zusammen mit dem Jagdleiter van Heeren und ein paar Spurensuchern macht er sich auf die Suche nach einem alten Nashornbullen, der von seiner Herde ausgestoßen wurde und dessen Existenz das Gleichgewicht der Nashornsippe bedroht (so zumindest die Argumentation, die den Abschuss des Tieres in der freien Wildbahn mit gutem Gewissen rechtfertigt).

Die Männer streifen im Busch umher und machen das Tier schnell aus – und nach einigen Verwicklungen und unvorhergesehenen Ereignissen ist das Tier dann auch erlegt. Bei einer reinen Beschreibung dieser Jagd und der argumentativen Stützung ihres Treibens dort belässt es Schoeters allerdings nicht. Denn etwa in der Mitte des Buchs legt van Heeren Hunter ein unmoralisches Angebot vor.

Die Grenzen der Jagd – und darüber hinaus

Warum sollte sich dieser nur auf den Abschuss eines Nashorns oder auf Löwen, also Teile der legendären Big Five beschränken? Warum das Ganze nicht um eine menschliche Komponente erweitern? Der Mensch als gefährlichstes Raubtier der Welt müsste ja genau genommen eigentlich auch Aufnahme in die Liste der tödlichsten Raubtiere der Welt finden und so würde aus den Big Five die Big Six. Warum diesen dann nicht auch einfach einmal jagen?

Gaea Schoeters - Trophäe (Cover)

Vor diese Frage stellt Gaea Schoeters Hunter White – und damit auch uns als Leserinnen und Leser. Denn Trophäe lotet die moralische Fragwürdigkeit der Jagd aus und blickt auch auf die letzten Konsequenzen des Tuns. Der Roman greift dabei auch in einigen Momenten Debatten auf, etwa die, die sich um den Abschuss des Löwen Cecil durch einen jagdnärrischen Zahnarzt aus den USA entspann.

Daraus bastelt Schoeters in ihrem von Lisa Mensing aus dem Niederländischen übertragenen Roman eine temporeiche Erzählung, der von der kolonialistischen Überlegenheit und weißem Suprematismus erzählt, der hier aber beständig mit Argumenten der Beteiligten schöngeredet und als notwendig dargestellt wird. Dies macht uns ein Stück weit auch zu Mittätern, die das Treiben dort in der Savanne und dem Buschland gespannt verfolgen.

Mit einem klareren Schwerpunkt auf Handlung denn auf psychologische Feinheiten erinnert das Ganze in Ansätzen an den Krimi Die letzte Jagd, in dem Jean-Christophe Grangé zuletzt eine solche Menschenjagd (beziehungsweise dort die Pirsch) im Milieu der Reichen und Schönen im Schwarzwald zwischen Frankreich und Deutschland inszenierte. Die Erhebung des einen Menschen über den anderen, die Rechtfertigung des Treibens und die Einbindung in die lokalen Bräuche, das sind Themen, die in Gaea Schoeters Trophäe im Mittelpunkt stehen.

Fazit

Es lässt sich hier mitfiebern und überlegen – auch wenn dem Roman noch ein wenig mehr an Tiefenschärfe in Sachen Figurenzeichnung gutgetan hätte, um wirklich in der letzten Konsequenz die Bitternis dieses Romans zu schmecken. So ist Trophäe ein interessantes, moralisch herausforderndes Buch, das vom Rausch der Jagd erzählt und das nach Afrika versetzt, auch wenn die genauen Umstände der Geschichte und Figuren im Dunkeln bleiben.


  • Gaea Schoeters – Trophäe
  • Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
  • ISBN 978-3-552-07388-3 (Zsolnay)
  • 256 Seiten. Preis: 24,00 €