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Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen

Mit Von Göttern und Menschen wandelt Sarah Iles Johnston auf den Spuren von Gustav Schwab und Co. und liefert das, was der Untertitel des Buchs schon verheißt. Sie erzählt bekannte Mythen in leicht verdaulicher Form für die Gegenwart nach und schlägt dabei den Bogen von der Erschaffung der göttlichen Welt bis hin zur Odyssee.


Wenn es eine Form der Erzählung gibt, die nie aus der Mode zu kommen scheint, dann sind es Mythen und Sagen. Schon seit antiken Zeiten erfreuen sie sich größter Beliebtheit, wurden immer wieder umgeformt und neu interpretiert. Auch Sarah Iles Johnston weist in ihrem Buch Von Göttern und Menschen schon im Vorwort auf die Unvergänglichkeit dieses mythologischen Schatzes hin.

Was fasziniert uns – und früher die Griechen – so an diesen Geschichten? Ein Grund ist sicher ihre bedeutende kulturelle und soziale Leistung. Mythen erklären und bestätigen die Ursprünge wichtiger Institutionen wie etwa das Rechtssystems in Athen. Sie helfen, Verhaltensregeln zu vermitteln, etwa die, dass sich Gastgeber und Gäste mit gegenseitiger Ehrerbietung behandeln. König Lykaon hielt sich nicht an diese Regel und wurde prompt von Zeus in einen Wolf verwandelt.

Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen, S. 17

Von Göttern, Sterblichen und Helden

Sarah Iles Johnston - Von Göttern und Menschen (Cover)

Ihren Überlegungen zur Bedeutung der Mythen und Sagen lässt sie dann nach dem ausführlichen Vorwort tatsächlich jede Menge dieser Mythen folgen.

Eingeteilt in drei Hauptkapitel widmet sich Johnston zunächst der Welt der Götter, in der sie die mythologische Schaffung der Erde, das Mit- und vielmehr Gegeneinander der einzelnen Götter, Giganten, Erinnyen, Nereiden und Co beschreibt, ehe sie sich dem Spannungsfeld zwischen Göttern und Sterblichen widmet. Den letzten und umfassendsten Teil des Buchs bilden dann die Erzählungen der Helden. Neben bekannten Namen wie Herakles, Theseus oder Ödipus sind es die großen Linien von Krieg und Vertreibung, die Sarah Iles Johnston im dritten Teil nachzeichnet.
So beschreibt die Professorin für klassische Philologie als eines der letzten Großkapitel den Trojanischen Krieg, der dann in die Odyssee übergeht, die den Schluss des Buchs bildet.

Eingeteilt in kleinere Erzählportionen fächert sie so das komplizierte Gefüge von Helden und Göttern auf, die immer wieder ins Geschehen eingreifen, etwa wenn der Meeresgott Poseidon Odysseus die Rückkehr in seine geliebte Heimat verwehrt oder der Wettstreit der Göttinnen den Trojanischen Krieg auslöst.

Es sind kurze Kapitel, die fast durchgängig einen Umfang von vier bis fünf Seiten aufweisen und die dadurch trotz der manchmal recht unübersichtlichen Personenkonstruktionen gut zu konsumieren sind. In den insgesamt 140 Kapiteln finden sich bekannte Motive wie Iason und das Goldene Vlies, die Prüfungen Ödipus‘, Phaeton und sein Sonnenwagen oder der Minotaurus in seinem Labyrinth.
Ebenso lässt sich in Von Göttern und Menschen aber auch viel Neues und Unbekanntes entdecken, wie etwa die Jagd nach dem Kalydonischen Eber durch Meleagros oder die Geschichte der Argonautin Atalante oder die Geschichte der Äpfel der Hesperiden.

Namen wie der von Iphigenie, Orion oder Herakles erhalten hier eine Geschichte, die über die bloße Kenntnis ihrer Namen hinausreicht. Mustergültig listet das beigefügte Register in der Folge auch über dreiundzwanzig Seiten hinweg alle Figuren auf, die in den Geschichten Erwähnung gefunden haben und verweist auf alle Kapitel, in denen sie ihren Auftritt haben Übersetzung aus dem Englischen Heike Schlatterer).

Sagen mit Sinn für Action, Timing und Kontext

Mit Sinn für Action und Timing erzählt Johnston mit einem heutigen Blick von der einstigen Welt, wobei sie eng am philologischen Urmaterial bleibt, was auch die umfangreichen Quellen und Erläuterungen im Anhang des Buchs belegen.
Die Professorin erlaubt sich aber auch einen kritischen Blick auf Themen wie Vergewaltigung oder Misogynie, die untrennbarerer Teil vieler Sagen sind, die von ihr kontextualisiert, aber nicht ausgespart werden.

Gegenwärtig ist auch der Erzählton, der viele Erzählungen rafft oder auf ihren Kern reduziert. Da schreien Figuren schon einmal mit Panik in der Stimme, sind kurz weg oder es findet sich durchaus das ein oder andere Splatterelement in der Neuerzählung.

Überhaupt, manche der von Sarah Iles Johnston nacherzählten Sagen wirken wie Vorläufer zu modernen Action- oder gar Horrorfilmen, etwa die Prüfungen des Theseus, bei der er sich mit wirklich monsterhaften Gegnern herumschlagen muss, die ihn in schon einmal in ihr Zuhause einladen mit dem Plan, diesen während seines Schlafs in einem Bett auf passende Größe zurechtzusägen. Dennoch ist das Ganze nicht krampfhaft in die Jetztzeit geholt, sondern modernisiert das jahrhundertealte Erzählgut auf vorsichtige Art und Weise.

Neben der den Geschichten eingeschriebenen Gewalt und Racheorgien ist aber vor allem die kulturelle Prägekraft der Geschichten stupend. Wie kam das Rote Meer zu seinem Namen, wie ergründen sich die Namen einiger Sternbilder? Liest man die Nacherzählung der Sagen, dann wird klar, wie uns in unseren Vorstellungen auch heute noch diese Sagen prägen.

Fazit

So modernisiert Von Göttern und Menschen den ewig strahlenden Sagenschatz unserer Kultur und blickt zugleich auf die Urmythen, die von Auguste Lechner über Gustav Schwab bis hin zu den TikTok-kompatiblen Nacherzählungen der Mythen, etwa von Madeline Miller oder Referenzen zu diesen wie Game of Thrones nicht aus der Mode kommen und es wohl auch nicht werden, viel zu einflussreich ist die ihnen innewohnende Kraft. Das führt Sarah Iles Johnstons Buch deutlich vor Augen.


  • Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen. Die griechischen Mythen neu erzählt
  • Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
  • ISBN 978-3-406-82709-9 (C. H. Beck)
  • 558 Seiten. Preis: 36,00 €

Hari Kunzru – Götter ohne Menschen

Ein Roman, so unergründlich wie die Wüste, in der er spielt: Hari Kunzrus Roman Götter ohne Menschen über verschwundene Kinder, kriselnde Beziehungen und Außerirdische.


Geht es um scheinbar Übersinnliches, das in den vernünftigen, geordneten Alltag einbricht, dann ist der Brite Hari Kunzru ein ausgemachter Fachmann. Das bewies er schon in seiner Vintage-Musik/Geisterstory White Tears, in der zwei Musiknerds mithilfe eines Blues-Fragments auf die Spur eines geisterhaften Musikers gelangten, die in den Süden der USA führte.

Nun liegt in der deutschen Übertragung durch Nicolai von Schweder-Schreiner Kunzrus Roman Götter ohne Menschen aus dem Jahr 2011 vor. Ein Buch, das durch seine Vielschichtigkeit und Vielstimmigkeit eine einfache inhaltliche Zusammenfassung kaum möglich macht.

Vielmehr kommt man der komplexen Erzählung Kunzrus am besten mit dem Vergleich eines Baumes nahe. Den Hauptstamm jenes Baums bildet die Geschichte des Paars Matharu. Er, Jaz, ein indischer Einwanderer, zerrissen zwischen dem Wunsch nach Teilhabe an der amerikanischen Aufstiegsgesellschaft und seinen familiären Wurzeln. Sie, Lisa, Mutter von Raj, dem gemeinsamen Sohn, der unter einer Autismus-Spektrums-Störung leidet. Die Ehe kriselt, die beiden Partner leiden unter ganz eigenen Problemen, zudem belastet beide die Situation mit ihrem Kind zusehends. Ein gemeinsamer Ausflug soll Abhilfe schaffen. Bei diesem Trip in Richtung Mojave-Wüste verschwindet Raj dann allerdings spurlos. Wilde Spekulationen über das Paar setzen ein und die Öffentlichkeit nimmt rege Anteil am Schicksal des verschwundenen Jungen.

Geschichten aus drei Jahrhunderten

Um diesen Erzählungsstamm ranken sich diverse Episoden, die Kunzru im 18. Jahrhundert beginnen lässt und die sich bis in die Gegenwart erstrecken. Da gibt es den Bericht eines spanischen Missionars, Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis hinein in die Flower-Power-Jahre. Inhaltlich vielstimmig sind diese Erzählungen mal an die mündliche Erzähltradition der Indianer angelegt, mal eine wilder Cowboy-Räuberpistole, mal eine höchst aktuelle Erzählung einer aus dem Irak stammenden Geflüchteten. Allen gemein ist, dass sie zu einem Zeitpunkt ihres Lebens in die Nähe einer sagenumwobenen Gesteinsformation in der Wüste kamen.

Hari Kunzru - Götter ohne Menschen (Cover)

Wie ein fein verästeltest Geflecht umgeben diese Geschichte die Haupterzählung. Verschiedene Figuren aus den Episoden tauchen in anderen Geschichten wieder auf. Leitmotive wie die Wüste, das Verschwinden von Kindern oder der Kontakt mit Außerirdischen sind Themen, die in verschiedenen Manifestationen immer wieder hervorscheinen und so ein Netz aus Bezügen herstellen. Diese Verästelungen sind manchmal ganz zart, dann auch wieder offensichtlicher. Alle Suchenden, die Lektüre auch als Schnitzeljagd begreifen, dürften hier ihre große Stunde erleben. Denn hinter Götter ohne Menschen steckt wirklich ein raffiniertes Konzept.

Zu den Kunstfertigkeiten diesen Romans zählt auch, dass Kunzru Themen zusammenbringt, die eigentlich nicht nicht zusammenpassen wollen. So schafft er es, aus der Alienbegeisterung, der Sinnsuche und dem Wunsch nach spiritueller Erfahrung in der Wüste ein Thema zu machen, das in unterschiedlichsten Facetten immer wieder im Buch auftaucht. Die Hinwendung zu einer übersinnlichen Kraft, die schon im Buchtitel thematisiert wird, setzt sich im Buch fort. Und dass, ohne dass das Buch in eine unangenehme theosophische oder esoterische Stoßrichtung kippt. Vielmehr zeigt Kunzru den Wunsch nach Spiritualität, der über alle Zeit hinweg in allen Menschen wurzelt.

Götter ohne Menschen, aber mit literarischer Vielfalt

Eine weitere Stärke dieses grandiosen Frühjahrstitels ist auch seine literarische Vielfalt. Sobald Schriftsteller*innen das Mittel der Multiperspektive für ihre Erzählung wählen, besteht eine ganz große Gefahr: die schriftstellerischen Mittel der Erzählenden sind dergestalt limitiert, dass alle Figuren gleich denken und gleich klingen (wie etwa zuletzt in Simone Lapperts Der Sprung). Obwohl sich der Name der erzählenden Figur ändert, klingt sie genauso wie die anderen Figuren zuvor, mit der wir die Handlung erlebt haben.

Für solche Fehler oder erzählerischen Limitation ist Hari Kunzru viel zu versiert. Mit welcher Akribie er sich in die unterschiedlichen Milieus einarbeitet und deren Welten auf wenigen Seiten glaubhaft zum Leben erweckt, ist meisterhaft. Wie fühlt sich eine Ehe mit einem an Autismus leidenden Kind an? Wie hat ein spanischer Eroberer im 18. Jahrhundert seine Berichte formuliert? Wie fühlt sich ein sinnentleerter britischer Rockstar, der die Flucht in ein anonymes Motel angetreten hat? All diesen höchst heterogenen Figuren verpasst der britische Schriftsteller eine eigene Sprache (toll von Nicolai von Schweder-Schreiner übersetzt) und einen eigenen Blick auf die Welt.

Es macht große Freude, immer wieder in neue Zeiten und neue Lebensgeschichten einzutauchen, die trotzdem miteinander verbunden sind. Ähnlich wie bei David Mitchells Wolkenatlas steht auch hier am Ende ein zeitenüberspannendes Netzt aus Figuren und Geschichten. In meinen Augen große Schrifstellerkunst.

Fein geschrieben, raffiniert komponiert, mit interessanten Motiven und Ideen durchzogen: Götter ohne Menschen ist ein wirkliches literarisches Ereignis, das Hari Kunzrus Ruf als einem der interessantesten britischen Schriftstellern der Gegenwart zementiert.

  • Hari Kunzru: Götter ohne Menschen
  • Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schrein
  • 416 Seiten, € 24,00 Gebunden mit Schutzumschlag
  • ISBN 978-3-95438-117-3 (Liebeskind-Verlag)