Tag Archives: Skandal

Gabriel Astruc – Meine Skandale

Divenhafte Ballettstars, ein Publikum in Rage, Furor im Feuilleton und auf den Rängen: man könnte nicht sagen, dass die von Gabriel Astruc initiierten Konzerterlebnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris einhellige Begeisterung hervorriefen. Dafür lesen sich seine Erinnerung Meine Skandale wie ein Who’s Who der kulturellen Moderne und legen auf amüsante Weise Zeugnis ab, wie die Programme von Musiktheatern in früheren Zeiten noch das Zeug dazu hatten, die Massen zu mobilisieren und Skandale sowie alle Formen von Emotionen hervorzurufen.


Mit dem Publikum und der Kunst ist es so eine Sache. Nicht nur einmal blieb die wahre Größe eines Kunstwerks dem Publikum zunächst verborgen oder traf auf Ablehnung, worauf Gabriel Astruc in seinem Vorwort zu seinen Erinnerungen unter dem schönen Titel Meine Skandale hinweist. Die Uraufführung von Bizets Carmen? Ein Reinfall, der sich erst zehn Jahre nach der Premiere ins Gegenteil verkehren sollte, ehe die Oper ins weltweite Opernrepertoire fand. Puccini erging es mit seiner Madame Butterfly zunächst ähnlich, ebenso wie Mozart mit seinem Don Giovanni oder der Frankreich-Premiere von Wagners Thannhäuser.

Ignorantes Publikum, visionärer Impresario

Nicht immer erkannte das Publikum die Qualitäten und die Innovationen, die den Stücken innewohnte, sodass sich Astruc in guter Gesellschaft wähnt, wenn er in seinen Erinnerungen zurückblickt auf veritable Theaterskandale und Vorkommnisse, die sein Wirken in Paris hervorrief:

Wenn ich im Folgenden einige Skandale beschwöre, so habe ich dabei einfach an die hauptsächlichen künstlerischen Auseinandersetzungen gedacht, die ich während einer wahrhaft erfüllten Karriere ausgefochten habe, veritable Schlachten übrigens, die wichtigste Marksteine dieser Laufbahn gewesen sind. Ich möchte von der ersten französischen Aufführung der Salome von Richard Strauss nach Oscar Wilde erzählen, der Vorpremiere des Martyriums des Heiligen Sebastian von Debussy nach Gabriele D’Annunzio, von dem Ballett, dass Nijinsky nach Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune schuf und schließlich von der Uraufführung des Sacre du Printemps von Strawinsky in Nijinskys Inszenierung im Théatre des Champs-Élysée. Diese heute berühmten Werke haben damals in der Presse und beim Publikum ungeheuerliche Reaktionen ausgelöst und gehören damit zur — wie man sagen könnte — Sittengeschichte und Musik.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 28

Und tatsächlich liefert Astruc in diesem in der vorliegenden Form erst 2003 zusammengefügten Text die versprochenen Skandale, erzählt von Publikumsreaktionen, von Fehden zwischen Kritik und Künstlern und vergisst dabei zu keinem Zeitpunkt die wichtigste Aufgabe eines Impresarios, nämlich das Publikum zu unterhalten.

Gabriel Astrucs Gespür für Effekt und Wirkung

So zeigt sich in den Erinnerungen des 1864 in Bordeaux geborene Astruc dessen Gespür für Effekt und Außenwirkung ebenso wie sublimer Humor, der immer wieder zutage tritt. Egal ob öffentlichkeitsversessene Ballerina, die doch eigentlich nur hätte kurz tanzen und dann wieder in den Kulissen verschwinden sollen, oder das berühmt-berüchtigte Chaos, das die Erstaufführung von Strawinskys Frühlingsopfer hervorrief. Immer ist Astruc ganz vorne mit dabei und liefert seinem Publikum Unterhaltsames und Erhellendes:

Als Augenzeuge (naturgemäß) dieser denkwürdigen Vorstellung, welche den legendären „Skandal“ des Sacre du Printemps abgab, kann ich den Bericht von Pierre Lalo noch mit einigen Details würzen, deren pikante Schärfe er vielleicht den feierlichen Lesern des Temps nicht vorzusetzen wagte.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 95

Auch scheint von Anbeginn des Titels an durch den Text hindurch auch so etwas wie Besitzerstolz auf die von ihm verursachten Skandale durch. Mit viel Vergnügen blickt er zurück auf seine Tätigkeit, die oftmals der eines Jongleurs glich. Der Bau und Betrieb des von ihm initiierten Théatre des Champs-Élysée, die Abstimmung mit Sponsoren und anderen Bühnen, die Pflege der Künstleregos und das Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Liest man Meine Skandale, so wird bewusst, welche immensen Impulse für das Kulturleben im Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts und weit darüber hinaus dieser heute so gut wie vergessene Mann lieferte.

Und hier setzte unversehens das Drama ein, das DRAMA.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 74

Eine fein gestaltete Kulturschatzkiste

Gabriel Astruc - Meine Skandale (Cover)

Mit zwei Vorworten zur Entstehungsgeschichte der vorliegenden Erinnerungen und dem Wirken Gabriel Astrucs durch den Archivar Olivier Corpet sowie die Musikwissenschaftlerin Myriam Chimènes versehen ist dieses Büchlein wieder einmal eine fein gestaltete Kulturschatzkiste, die der Berenberg-Verlag und sein Übersetzer Joachim Kalka da gehoben haben.

Zudem lässt das Buch auch nostalgisch zurückblicken, als das Geschehen in Theatern und Opernhäuser noch für veritable Skandale sorgen konnte. Wie fern wirken heute die von Astruc beschriebenen Zeiten, in denen ein von einer Tänzerin geküsste abgeschlagene Haupt auf offener Bühne zum Skandal taugte. Liest man Meine Skandale fällt auf, wie skandalmüde wir geworden sind, wenn das Theaterspektakel einer Florentina Holzinger nur noch müdes Schulterzucken oder die Tötung eines Tieres im Rahmen einer Inszenierung allenfalls Kritik von Seiten der Tierschützer hervorruft.

Hier zeigt sich, wie die Gewöhnung an das Außergewöhnliche seit Astrucs Zeiten eingesetzt hat. Das kann man bedauern, sich aber auch einfach mit Wonne noch einmal hineinbegeben in die Zeit, als der Maler Paul Favé in den Tumult um die Aufführung von Strawinskys heute gefeierten Musik die schlichte, aber nicht ganz invektivfreie Ermahnung hineinrief: „Maul halten, Saupack!“

Fazit

Zwischen der kompositorischen Avantgarde und konservativen Publikumsschichten, zwischen kompromisslosen Künstlern und selbstverliebten Balletttänzern tanzte Impressario Gabriel Astruc seinen ganz eigenen Tanz. Und was macht es für einen Spaß, ihm beim Tanzen zuzusehen! Wunderbar, dass der Berenberg-Verlag uns diese Erinnerungen zugänglich gemacht hat. Diese Erinnerungen sind alles andere als ein Skandal, sondern ein Glücksfall!


  • Gabriel Astruc – Meine Skandale. Strauss, Debussy, Strawinsky
  • Mit Vorworten von Olivier Corpet und Myriam Chimènes
  • Aus dem Französischen von Joachim Kalka
  • ISBN 978-3-937834-84-9 (Berenberg Verlag)
  • 128 Seiten. Preis: 22,00 €

Josephine Tey – Nur der Mond war Zeuge

Ein verschlafenes Nest irgendwo in England kurz nach dem Zweiten Weltkrieg- und eine ungeheure Anschuldigung, die nicht nur den lokalen Anwalt Robert Blair aufrüttelt. Josephine Tey erzählt in ihrem ursprünglich 1948 erschienenen Krimi Nur der Mond war Zeuge von der Suche nach Wahrheit zwischen Beschuldigten und Beschuldigerin – und der Sensationsgier der Boulevardpresse.


Es war doch seltsam, dachte Robert, als er in die Runde blickte, dass der Anlass zu dieser so fröhlichen, so warmherzigen, so geborgenen Familienfeier die große Not zweiter hilfloser Frauen sein sollte, die in diesem dunklen, stillen Haus zwischen den endlosen Feldern lebten.

Josephine Tey – Nur der Mond war Zeuge, S. 294

Anrufe, die einen kurz vor Feierabend erreichen, sollte man besser nicht annehmen. Meistens bringen sie nur Arbeit und vergällen einem den ruhigen Feierabend. Das ist eine Erkenntnis, die auch der Anwalt Robert Blair machen muss. Bei ihm ist es ein solcher nachmittäglicher Anruf, der ihn kurz vor seinem Aufbruch aus der Kanzlei erreicht. Versunken in der Behaglichkeit seines Daseins als Anwalt, bei dem nur die Keksauswahl etwas Abwechslung verspricht, macht er sich gerade auf, um die Dorfstraße von Milford hinabzupromenieren, als ihn der Anruf von Marion Sharpe erreicht, die ihn um anwaltlichen Beistand ersucht.

Ihrer Mutter und ihr wird nämlich ein ungeheures Verbrechen zur Last gelegt, was Blair nach seiner widerwilligen Annahme des Mandats direkt bei der Ankunft am einsam gelegenen Häuschen der Sharpes offenbart wird. Scotland Yard ist in Form von Inspektor Grant anwesend (der hier im Gegensatz zu den anderen Krimis der Reihe nur eine kleine Nebenrolle spielt) und die Zeichen stehen auf Sturm. Denn es ist der Vorwurf der Entführung und Misshandlung, der die Polizeibehörden auf den Plan gerufen hat, weswegen nun anwaltlicher Beistand für Mutter und Tochter Sharpe notwendig ist.

Im Gespräch kristallisieren sich rasch die Hintergründe für den Aufruhr heraus. So wurde ein junges Mädchen aufgegriffen, das schwere Anschuldigungen gegen die Sharpes erhebt. Es sei von Mutter und Tochter entführt und im „Franchise“ genannten Haus der beiden gefangen gehalten worden. Misshandlung und Zwangsarbeit seien an der Tagesordnung gewesen, ehe sich das Mädchen aus der Gewalt seiner Peinigerinnen befreien konnte.

Wer spricht hier die Wahrheit?

Josephine Tey - Nur der Mond war Zeuge (Cover)

Schwere Anschuldigungen, die die beiden Frauen weit von sich weisen und sich die Hilfe Roberts ausbedungen haben. Komplizierter wird der Fall dann auch noch, als das Mädchen bei einer Gegenüberstellung sämtliche Details aus dem Inneren des Hauses nennen kann, womit sich der Vorwurf der Entführung und Misshandlung erhärtet.

Obwohl zunächst noch widerwillig, verbeißt sich Robert schon bald in den Fall, der nicht nur in Milford für Aufsehen sorgt. Wer spricht die Wahrheit? Seine beiden Klientinnen oder das junge Mädchen, das sogar die Bespannung der Koffer im Schrank der Sharpes benennen kann? Da ja tatsächlich nur der Mond Zeuge der potentiellen Ereignissen gewesen zu sein scheint, steht es zunächst noch nach Aussage gegen Aussage. Scotland Yard sieht keinen Grund für weitere Untersuchungen, doch dann tritt die Presse auf den Plan. So wird der Fall durch eine Thematisierung in der Boulevardpresse rasch zu einer überregionalen Causa.

Das Ack-Emma genannte Revolverblatt setzt den Fall mit einer Inszenierung des jugendlichen Opfers auf die Titelseite – was für eine erhebliche Beschleunigung und Dynamisierung des Geschehens rund um die Sharpes sorgt. Leserbriefe werden geschrieben, sensationslüsterne Scharen von Besuchern wollen das „Franchise“ sehen, wo sich das Verbrechen mutmaßlich zugetragen hat – und je mehr der Boulevard spekuliert, umso aufgeheizter wird die Stimmung. Dabei sind die Steine, die gegen die Fensterscheiben der Sharpes fliegen, nur der Anfang….

Viel Wirbel in der Kleinstadt

Nur der Mond war Zeuge erzählt von den Kreisen, die eine Anschuldigung ziehen kann. So ist der Anruf, der Blair aus seiner Ruhe reißt, nur ein kleiner Dominostein in einer Kette immer dramatischer werdenden Ereignisse. Vor der Kulisse des kleinen Dorfs zeigt Tey, wie sich die Stimmung durch die skandalisierende Berichterstattung immer weiter aufheizt und wie die eh schon nicht so gut gelittenen Sharpes durch die Anschuldigungen zu Parias werden.

Josephine Tey erzählt mit einem genauen Gespür für die psychologischen und sozialen Mechanismen des Dorfs Milford. Während sich Robert Blair nach dem anfänglichen Hadern mit der Situation immer mehr im Fall verbeißt und selbst vom Anwalt zum Detektiv mutiert, wachsen auch die Zweifel an den unterschiedlichen Versionen der Geschichte. Wie kann es dem Mädchen möglich sein, die Beschaffenheit der Böden und die Anordnung des Dachfensters in der Kammer beschreiben, wenn es nie in dem Zimmer anwesend war? Immer stärker werden die Indizien, die Mutter und Tochter Sharpe und damit auch Robert Blair in die Bredouille nehmen.

Hellsichtig und gut beobachtet

Dabei ist dieser Roman eine genaue Studie des Dorfs, wie er auch die Dynamiken der öffentlichen Meinung in den Blick nimmt. Zwar mag man manche Meinung oder Äußerung eines Dorfbewohners und Polizisten heute mit Verwunderung zu Kenntnis nehmen (generell haben sich doch viele Ansichten deutlich überlebt) und nicht alles im Roman ist plausibel und sauber motiviert. Im Kern aber ist Nur der Mond war Zeuge aber ein sehr hellsichtiges und gut beobachtetes Buch, das auch nach über 75 Jahren immer noch wirklich lesenswert ist.

Nicht nur als ruhiger Kleinstadtkrimi, sondern vor allem als Beobachtung dieser beschriebenen Dynamiken funktioniert Nur der Mond war Zeuge ausgezeichnet, auch wenn man über manche Unplausibilitäten gnädig hinwegsehen sollte.

Schön, dass mit diesem Buch die schottische Autorin wieder neu entdeckt werden kann – ihr Werk ist es wert, Josephine Tey auch heute wieder oder erst recht zu lesen, auch wenn man den in der neuen Version titelgebenden Mond hier wirklich suchen muss. Mit einer passenderen Übertragung des Originaltitels „The Franchise Affair“ als der eher generisch wirkenden Titelwahl hätte man den Kern des Buchs besser getroffen – aber sei’s drum!


  • Josephine Tey – Nur der Mond war Zeuge
  • Aus dem Englischen von Manfred Allié
  • Mit einem Vorwort von Louise Penny
  • Produktnummer 173832 (Büchergilde Gutenberg)
  • 432 Seiten. Preis: 22,00 €