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Andrew O’Hagan – Maifliegen

Oh, bittersüße Nostalgie. In Maifliegen blickt der schottische Journalist und Autor Andrew O’Hagan zurück auf eine Jugend in Schottland und fragt sich, was von jener Zeit bleibt…


Morrissey und seine The Smiths, Orchestral Manoeuvres in the Dark oder die Specials : es ist eine ganze Playlist des Britpops und -rocks der 80er Jahre, die einem wieder im Ohr klingt, wenn man sich an die Lektüre von Andrew O’Hagans Roman Maifliegen macht (Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).

Ein Wochenende in Manchester

Andrew O'Hagan - Maifliegen (Cover)

Ausgangspunkt des Ganzen sind die Erinnerungen von James, der sich noch einmal seine Jugendzeit vor Augen führt. Aufgewachsen in einer schottischen Kleinstadt verband ihn schon immer eine Freundschaft mit Tully Dawson, die zusammen einige Freunde um sich scharten, mit denen sie ihre Liebe zum Fußball und zur Musik teilten.

Prägend und zentraler Teil dieser Jugenderinnerungen war eine Reise, die die Tully und Dawson zusammen mit einem Freund nach Manchester unternahmen. Für ein Wochenende wollten sie die Stadt unsicher machen, junge Frauen kennenlernen, trinken, feiern und viel Musik hören. In Kaschemmen, Musikclubs und Plattenläden erlebten die Teenager eine Art Initiation fürs Erwachsenenleben, ehe sie der Alltag in Schottland wieder einholen sollte.

Bis hierhin lässt sich Andrew O’Hagan Roman wie ein rückblickender, nostalgiegeschwängerter Jugendromans an, den auch Benedict Wells oder Joey Goebel in leicht abgewandelter Form hätten schreiben können. Was Maifliegen aber über diese Beschau einer britischen beziehungsweise schottischen Jugend hinaushebt, ist der Cut in der Mitte des Buchs.

Dreißig Jahre später

Denn Andrew O’Hagan bricht diese Feier von Musik und Freiheitsdrang ab, um den zweiten Teil des Romans dreißig Jahre später anzusetzen. Im Jahr 2017 lernen wir den Ich-Erzähler James als Erwachsenen kennen, dem nicht viel von seiner rebellischen Adoleszenz geblieben ist. Eines Abends bekommt er eine Nachricht von Tully, den ihn aus seiner mittlerweile so eingeübten Routine reißt.

In der U-Bahn waren die Scheiben beschlagen. Ich saß in einem leeren Abteil, und vor meinem inneren Auge erschien die rote Leuchtreklame des Hotels Britannia, damals, vor vielen Jahren, zusammen mit Tully. Zuhause legte ich die Krawatte ab und goss mir einen Whisky ein. Tully arbeitete inzwischen als Lehrer. Fachleiter für Englisch. Vor vielen langen Wintern hatte er die Abendschule besucht, ganz wie beschlossen. Und jetzt unterrichtete er im East End von Glasgow, und die Schüler liebten ihn. Ich hatte eine Weile nichts von ihm gehört, und seine Nachricht beunruhigte mich. Ich versuchte, mir einen Fluss in den Highlands vorzustellen oder ein loderndes Torffeuer, als das Display aufleuchtete. „Tullygarwan, Townland von Ulster“, sagte ich. „Was liegt an?“
„Ach, Noodles.“
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
„Lass dir Zeit.“
„Ich bin am Marsch, Mann, total im Arsch. Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen.“

Andrew O’Hagan – Maifliegen, S. 168

Die Nachricht, die Tully seinem Jugendfreund dann übermittelt, zieht James dann wirklich den Boden unter den Füßen weg. Aber nachdem die beiden ja schon in Jugendzeiten unter Beweis gestellt haben, dass ihre Freundschaft tragfähig ist, will James auch Tullys letzten Wünsche noch übermitteln und beginnt so, für seinen Freund entscheidende Dinge in die Wege zu leiten.

Was bedeutet Freundschaft?

Maifliegen ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben, das viel zu schnell wieder vorbei ist. Mit der zweiten Hälfte des Romans verschafft Andrew O’Hagan dem Text eine Tiefe, die der erste Teil für sich alleine nicht einlösen kann. Denn dann gesellt sich zur Nostalgie auch die Frage von dem, was von uns und unseren Bindungen bleibt, was dem Text eine ganz eigene Dramatik verleiht.

Dieser Roman ist indes bereits der zweite Auftritt von Andrew O’Hagan auf dem deutschen Literaturmarkt. Vor zwei Jahren gelang ihm und dem herausgebenden Ullstein-Verlag mit Caledonian Road ein wirklich großer Gesellschaftsroman der britischen Gegenwart, der sämtliche sozialen Schichten ausleuchtete und mit dem im Mittelpunkt stehenden – oder besser taumelnden — Intellektuellen Campbell Flynn auch sein humoristisches Potenzial entfaltete.

Ganz neu ist Maifliegen nun aber nicht, vielmehr erschien das Werk als Mayflies im Original bereits im Jahr 2020 und liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Den gesellschaftlichen Anspruch von Caledonian Road hat dieses Buch nicht und will ihn auch gar nicht haben. Vielmehr ist O’Hagans Buch der konzentrierte Blick auf eine Freundschaft zwischen Jugend und Alter und die Frage, was Freundschaft trägt und was sie bestenfalls aushalten kann.

Das macht aus dem Buch eine kleine Preziose, der hoffentlich auch etwas der Aufmerksamkeit vergönnt ist, die Andrew O’Hagans Caledonian Road bereits beschieden war.


  • Andrew O’Hagan – Maifliegen
  • Aus dem Englischen Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
  • ISBN 978-3-550-20447-0 (Ullstein)
  • 334 Seiten. Preis: 24,00 €

Christoph Poschenrieder – Mauersegler

In Würde altern

„Die Frage ist nicht, wie alt man wird, sondern wie man alt wird.“

Dieses Zitat ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt von Christoph Poschenrieders Roman Mauersegler.

Nachdem sich der Münchner Autor in seinen ersten drei Romanen eher mit geschichtlichen Themen befasste, wendet er sich nun einem Thema unserer Gesellschaft zu, das immer größeren Platz einnimmt – nämlich in Würde altern.
Die Gesellschaft vergreist langsam, doch noch immer werden Themen wie Demenz, mögliche Verluste von Lebensqualität oder gar Sterbehilfe verdrängt oder tabuisiert.

Die fünf Herren aus Christoph Poschenrieders Roman wollen da alles ganz anders machen. Als gut situierte und distinguierte Herren haben sie eigentlich alles erreicht. Da sie schon seit der Kindheit als Clique zusammengeschweißt sind, beschließen sie eines schönen Abends, eine Alten-WG zu eröffnen. Nach einer Standortsuche wird diese am idyllischen Ufer des Starnberger Sees gefunden, Geld spielt bei allen Entscheidungen keine Rolle, haben es die Herren doch meistens gar nicht so schnell ausgeben können, wie es hereinkam. Vom Theaterregisseur über den IT-Mogul bis hin zum Kultur-Schreiberling (der als Ich-Erzähler auch von der Entwicklung der Alten-WG berichtet) ist ein buntes Panoptikum an schrulligen Charakteren vertreten.

Behutsam schildert Poschenrieder die WG, die von einer Schnapsidee zum privilegierten Vorzeigeobjekt reift, ehe erste Schwierigkeiten auftreten. Denn der Autor glorifiziert nicht, auch wenn seine WG kaum ein Modell für weite Teile der monetär nicht so gut betuchten Gesellschaft darstellen dürfte. Als schließlich das Todesengel-Programm ins Leben gerufen wird, da der erste der fünf Senioren nicht mehr weiter leben möchte, bekommt die Erzählung dann eine neue dunklere Tonalität. Doch Poschenrieder spart nichts aus, gehört doch das Sterben genauso zum Leben.

Die Probleme der Alten-WG, in einem Presseartikel auch einmal WGaga genannt, regen manchmal zum Schmunzeln an, manchmal lassen sie aber auch daran denken, wie es mit einem selbst einmal kommen wird. Gelungen beschreibt Poschenrieder den Verfall über Jahre – während in der Bundesrepublik die Kanzler wechseln und die Mark verschwindet, sieht und hört der Ich-Erzähler Carl immer weniger und die Gedanken (genauso wie seine Erzählung) schweifen immer einmal wieder ab.

Mit in den Textkorpus eingewobenen Fetzen von Programmiertext reichert Poschenrieder seine Geschichte an und vergisst bei allem Ernst über die Fragen des Alterns und Sterbehilfe auch nicht den Humor, der an einigen Stellen hervorzutreten weiß und dem Mauersegler viel Schwere nimmt.

So macht er aus seinem Stück ein in dunklen und hellen Farben funkelndes Stück Literatur, das mit einer angenehm gewählten Sprache zu überzeugen und am Ende mit einer netten Pointe aufzuwarten weiß. Ein Buch, das man Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott zur Seite stellen möchte!