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Lauren Groff – Licht und Zorn

Was weiß man in einer Ehe wirklich über den Partner? Wer ist eigentlich diese Person gegenüber, der man die ewige Treue geschworen hat, in guten wie in schlechten Zeiten und was kennt man von ihr? Wenn es nach Lauren Groff in Licht und Zorn geht, gar nicht einmal so viel. Denn sie zeigt in ihrem Roman eindringlich, dass man zwar eine Ehe leben kann, dahinter allerdings zwei völlig unterschiedliche Leben stecken können, die nicht immer viel gemeinsam haben.

So etwa wie die beiden Leben von Lancelot, genannt Lotto, Satterwhite und Mathilde Yorden. Lotto, ein Draufgänger und Weiberheld, entflammt auf einer Wohnheim-Party auf dem Campus in unsterblicher Liebe zu Mathilde, die gerade durch die Tür den Raum betritt. In einem impulsiven Überschwang der Gefühle macht er Mathilde den Antrag und wenige Wochen später wird tatsächlich geheiratet. Dinge wie Kennenlernen oder gar eine Verlobungsphase gibt es bei Mathilde und Lotto nicht. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten übersteht die Ehe die Zeit. Die beiden jungen Studenten wachsen zusammen, ergänzen sich, Lotto steigt zum erfolgreichen und vielgespielten Dramatiker auf, während Mathilde ihm den Rücken freihält und ihn erdet. Die beiden Menschen sind das Musterbeispiel einer Symbiose – das Eheversprechen scheint für sie wie gemacht.

So erleben wir dies zumindest im ersten mit Licht überschriebenen Teil des glänzend geschrieben und komponierten Romans. Lotto als Mittelpunkt der Erzählung zeigt sich als narzisstischer, verletzlicher und auch widersprüchlicher Mensch, der immer neu um schöpferische Eingebung ringt und dessen von ihm ersonnenen Stücke und Opern sich auch in Ausschnitten in der Geschichte wiederfinden. Immer wieder zeigt Lauren Groff Lotto als Suchenden, der sich manchmal in Strudeln zu verlieren droht, wenn da nicht Mathilde wäre, die seinen Anker und Ruhepol bildet. Über Jahre hinweg begleitet sie Lotto und sein Umfeld und betrachtet seine Entwicklungsschritte hin zum gefeierten Autor.

Nach dramatischen Ereignissen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, springt Lauren Groff anschließend in Zorn zu Mathilde und erzählt nun ihr Leben und ihre Sicht der Ehe. Hier zeigt sich langsam die vollständige Klasse dieses Romans, denn Mathildes Blickpunkt macht aus diesem bis dahin bereits großartigen Roman endgültig ein Meisterwerk. Der Gegenblick auf alle Ereignisse, das was man dem Partner verschweigt und Überraschungen, die einen selbst ereilen – all das ist wunderbar und glaubwürdig gelungen. Immer wieder fragt man sich, ob man gerade wirklich von jener Ehe liest, die Lotto zuvor geschildert hat.

Die Blitzhochzeit, das Davor und Danach – Lauren Groff zeigt sich als Meisterin der Montage und des Erzählens. Ihr gelingt es, Mathilde genauso plastisch und glaubwürdig wie Lotto zu zeichnen. Durch diesen zweiten Teil wird das Buch erst abgerundet und ergänzt – wobei sich Groff bis zum Schluss Enthüllungen und Kniffe vorbehält. Das lässt den Roman zu keiner Sekunde langweilig werden, im Gegenteil. Obwohl man annehmen könnte, dass es nichts Öderes und Konventionelleres als die Schilderung einer Ehe gibt – ein packenderes Leseerlebnis habe ich in letzter Zeit kaum erlebt.

Beständig schwankt man in der Bewertung dieser Ehe und ihrer ProtagonistInnen. Soll man Lotto und Mathilde bewundern für ihren Wagemut und ihre Hingabe – oder ist vielmehr das Gegenteil angebracht und die beiden verdienen Mitleid oder gar Verachtung? Wunderbar ambivalent erzählt Lauren Groff diesen ausgefuchsten Plot, vieles bleibt in der Schwebe und am Ende dem Leser selbst überlassen. Dies macht für mich die Klasse dieses Buchs aus, obwohl natürlich noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Wie oben schon angedeutet, ist ein weiterer Faktor auch die Bauart des Romans. Neben der konsequenten Zweiteilung in Lottos und Mathildes Sicht ist die Montagetechnik Groffs wunderbar – ganze Zeitabschnitte werden von ihr gerafft, dann springt sie wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das sorgt für Abwechslung im Lesefluss und fordert den Leser. Auch die Sprache von Lauren Groff ist poetisch, präzise, immer angemessen – und natürlich muss an dieser Stelle dann auch die Übersetzerin Stefanie Jacobs genannt werden. Eine großartige Leistung, wie sie den sprachmächtigen Plot ins Deutsche überführt.

Selten begegneten mir bislang derart plastische Figuren, die weit über das Buchende bei mir blieben. Die Strahlkraft dieses Romans ist genauso enorm wie sein erzählerischer Sog. Ein Buch, das zum Wiederlesen einlädt oder dies sogar implizit einfordert. Definitiv ein Kandidat für meine ewige Top 10. Ich gebe für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung ab – besonders auch dann, wenn man vor der Entscheidung steht, den Bund fürs Leben einzugehen.

 

vielschichtig

Petra Morsbach – Opernroman

Neustadt – eine Stadt in der Provinz wie jede andere auch: man wäre gerne größer als man ist. Folglich übt man sich in der Disziplin „Mehr Schein als Sein“. Das macht auch vor dem städtischen Theater nicht halt, in dem sich der größte Teil dieses Opernromans abspielt. Und Opern gibt es mehrfach in diesem Buch, auch im übertragenen Sinn: das Grundgerüst für den Roman bilden die Opern einer Spielzeit, die im Neustädter Theater auf dem Spielplan stehen. Diese sind die Klassiker Tristan und Isolde, Figaros Hochzeit, Fidelio, Die Fledermaus und das Requiem.

Opernroman von Petra Morsbach

Opernroman von Petra Morsbach

Um diese Einstudierungen herum gruppiert Petra Morsbach ihre Charaktere vor und hinter die Bühne und lässt sie nicht nur musikalische Dramen spielen und erleben. Egal ob Inspizienten, Orchestermusiker oder Heldentenöre – die Opern machen vor niemandem Halt. Gerne würde man glamouröser erscheinen oder den Sprung zu den großen Bühnen der Welt schaffen, doch dann heißt das Endergebnis aller Bemühungen doch nur Neustadt.

Eine wirklich durchgängige Romanhandlung weist der Opernroman nicht auf, dafür tauchen viele der unzähligen Charakteren immer einmal wieder im Laufe der Spielzeit auf. In den verschiedenen Produktionen haben sie  ihre Auftritte, kämpfen um Anerkennung oder mit ihren Leistungen und wecken mal mehr und mal weniger die Sympathien des Lesers. Dies ist klug gemacht und hat den Charakter eines Episodenromans und nimmt auch Anleihen bei der Operette (deren Charakter Petra Morsbach in dem Abschnitt Die Fledermaus ja auch seziert). Immer wieder kommt es zu Auf- und Abtritten, während GMD und Intendant um ihren Ruf fürchten und das Orchester auch gerne mehr als nur einmal intrigiert.

Der Opernroman ist ein bunter Reigen an Musik, Liebe, Begehren, Neid und Schein, der sich allerdings auch an einigen Stellen ein wenig akademisch ausnimmt.  Auch ist das Buch nicht frei von Längen und überschreitet mit aller Akribie und Sachkenntnis (die Morsbach unbestritten besitzt) von Zeit zu Zeit auch die Grenze zum Sachbuch. Abgesehen davon aber ein mehr als abwechslungsreicher Roman, der die Leser mit hinter die Kulissen der Theater und damit auf die Bretter, die die Welt bedeuten, nimmt. Genau das richtige Buch für Musik- und Opernliebhaber!