Monthly Archives: April 2013

Geschmackssichere Cover

Der steigende Absatz von E-Book Readern jeglicher Couleur hat auch ein anderes Phänomen mit sich gebraucht: Nachdem nun Bücher vom EPUB- bis hin zum PDF-Format auf Readern gelesen werden können, kann nun auch jeder halbwegs im Umgang mit einem Textverarbeitungsprogramm geschulte Laie zum Autoren werden. Ein Blick in die Verkaufscharts einschlägiger Onlineportale offenbart hierbei Grausiges:
Neben Titeln wie „In Liebe, dein Mörder“, „Und alles nur wegen Uschi“ oder „Zum Glück ein Pörßenel-Trainer“ stechen vor allem manche Cover der Werke ins Auge.
Egal ob grellbunt, Titelbilder mit Comic-Sans-Font oder Bilder, die wirken als hätten die Sprößlinge der Autoren diese mit Fingermalfarben oder Paint die Cover erstellt. Ästhetisch wertvoll ist meist kaum eines dieser Bücher und dürfte folglich auch von der Stiftung Buchkunst ignoriert werden.
Wer gerne einmal ein Panorama von selbsterstellten E-Book-Covern aus Übersee betrachten möchte, dem sei diese Webseite ans Herz gelegt. Der Blog sammel akribisch die schönsten (bzw. eigentlich eher abschreckendsten) Beispiele für das, was ambitionierte Hobbyautoren unter einem guten Cover verstehen.
Egal ob selbstgemalte Elfen im nonchalanten Lila-Grün Mix, kindliche Schrifttypen mit Neon-Hintergrundbeleuchtung oder wild zusammengestückelte Bildelemente, die nicht wirklich zusammenpassen.
Akribisch dokumentiert der Blog ein Kaleidoskop des visuellen Schreckens, bei dem man nicht weiß, ob es einen eher vor den Autoren oder den Leser solcher Machwerke gruselt. Unten angefügt findet sich eine kleiner Appetizer für solche lousy bookcovers, die zumindest mir keine Lust auf mehr machen!

Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte

Die Dialektik des Verbrechens

Für diesen Roman hätte Keigo Higashino ziemlich sicher einen Rüffel von S.S. Van Dine, jenes legendären Autor des Golden Age des Detektivromans, einstecken müssen. Denn mit „Verdächtige Geliebte“ verstößt der japanische Autor gegen ziemlich viele Regeln, die van Dine damals unter dem Titel „Twenty Rules for writing detective stories“ postulierte.
Ein Showdown zwischen zwei brillanten Köpfen, eine Liebesgeschichte als subtiler Hauptstrang, eine Mörderin und eine Leiche, die bereits zu Beginn des Romans feststehen? Als das wäre dem strengen Van Dine damals wahrscheinlich nicht untergekommen – doch Keigo Higashino zeigt, wie kreativ und befreiend Kriminalliteratur sein kann, wenn man sie aus einem starren Korsett der Regeln und Konventionen befreit.

Ein großes Duell

Er konzipiert „Verdächtige Geliebte“ als großes Duell: Die Liebe versus die Vernunft, Vertuschung einer Tat versus Deduktion, Physikprofessor versus Mathegenie. Dieses Buch der Antipoden ist dabei vielleicht nicht immer spannend, dafür fasziniert es ungemein.
Nach einer Kurzschlussreaktion steht Yasuko mit der Leiche ihres Ex-Manns in ihrer Wohnung da. Ihr Nachbar, der Mathematiklehrer Higashimi, hilft ihr nach der Tat aus Liebe bei der Vertuschung der Tat und entwickelt einen strategischen Plan, um den Verdacht von Yasuko zu lenken. Dieser Plan entfaltet sich sukzessive mit dem Fortschreiten des Buchs und sorgt für die subtile Spannung. Doch leider hat Higashimi bei seinem Plan nicht mit einem gerechnet – seinem alten Freund Yukawa, mit dem er zusammen in die Welt der Mathematik eintauchte, ehe sich dieser der konkreten Welt der Physik zuwendete. Sein Alter Freund unterstützt die Polizei bei deren Ermittlungen und versucht, die von Ishigami ausgestreuten falschen Spuren und Finten zu durchschauen, um den Mord zu sühnen.
Dies gestaltet sich manchmal äußerst handlungsarm, da die wahre Leistung in „Verdächtige Geliebte“ nicht physisch sondern eher mental erbracht wird. Dennoch ist der Roman Keigo Higashinos ein Faszinosum, da er fesselt obwohl er auf alle herkömmlichen Suspense-Mittel verzichtet. Nach 320 Seiten ist das Vergnügen auch bereits wieder am Ende, nicht ohne eine überraschende Schlusspointe und ein Ende, das wirklich auf den Punkt gesetzt ist.
So mag Verdächtige Geliebte zwar gegen ebenso etablierte wie mit der Zeit auch überkommene Regeln verstoßen, dies rechtfertigt die Lektüre allerdings durch einen innovativen Plot, der ganz auf’s Köpfchen setzt!

Hier geht’s zur Webpräsenz des Buchs

Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Im Reich des Geliebten Führers

Der Roman von Adam Johnson könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen: Die Welt schaut auf Nordkorea, das Land das hermetisch abgeschottet vom Geliebten Führer Kim Jong Un regiert wird und dessen außenpolitischen Drohungen die Nachbarstaaten alarmieren.
Während sich die Politik im Zaudern verliert hat Adam Johnson den Versuch unternommen, sich dem Land auf literarischer Ebene zu nähern – und wurde prompt mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Sein Werk, im Original schlicht mit dem Titel „The Orphan Master’s Son“ versehen, wurde für den deutschen Buchmarkt von Suhrkamp Nova als „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ veröffentlicht. Ebenso sperrig wie der Titel ist auch die Gesamtstruktur und seine Länge von über 680 Seiten – ein Wagnis, das in meinen Augen geglückt ist.
Der in meinen Augen ebenso falschen wie überflüssigen Unterscheidung zwischen E und U verweigert sich „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ konsequent und erlaubt es sich, einen brutalen Konflikt literarisch aufzulösen und sogar manchmal zum Stilmittel des Humors zu greifen.

Der Roman von Adam Johnson lässt sich vortrefflich mit einem Zitat aus dem Buch beschreiben:
Es gibt kein Wort dafür […] Es gibt kein Wort, weil es noch nie jemand getan hat.“ (S. 384).
 In „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ entwirft der amerikanische Autor zugleich die Charakterstudie eines nordkoreanischen Bürgers und die der nordkoreanischen Republik. Nicht von ungefähr erinnert der Name des Protagonisten Jun Do lautmalerisch stark an das amerikanische Wort für unbekannte Leichen – John Doe. Im Buch gerät der höchst durchschnittliche Genosse Jun Do in unterschiedlichste Verwicklungen und erfährt die Abgründe des menschenverachtenden totalitären Regimes um den Geliebten Führer.
Das Buch basiert auf eigenen Eindrücken des Autoren, der für den Roman extra nach Nordkorea reiste um seine Erzählung auf eigenen Beobachtungen aufbaute. Dies gibt dem Buch eine zusätzlich ernüchternde Note, wenn Johnson in Interviews zu seinem Roman bemerkt, dass er für das Buch die schwarzen Seiten Nordkoreas noch aufhellen musste. So rückt der Autor nämlich wieder in den Fokus, was wir bei allen medialen-politischen Berichterstattungen gerne vergessen: Es geht beim Nordkorea-Konflikt noch immer um die Menschen, deren Leid vom totalitären Regime einfach hingenommen wird.
Insgesamt ist „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ nämlich deprimierend durch und durch. Immer wieder muss Jun Do Gewalt ertragen, Verluste hinnehmen und sich an neue Situationen anpassen. Dies wäre an sich noch nicht unbedingt neu oder besonders literarisch – das Neue an dem Buch besteht in meinen Augen in seiner sperrigen Konstruktion. In zwei Teile aufgeteilt erzählt Adam Johnson manchmal etwas komplizierter als vielleicht nötig von der Entwicklung Jun Dos. Er flicht Rückblenden, parallele Stränge und kurze Propagandatext-Splitter zu einem großen Epos, der aufmerksame Leser verlangt. Ein Buch, das keine Zerstreuung, dafür aber Erkenntnis bietet.

Marjorie Celona: Hier könnte ich zur Welt kommen

Ydentität

 

„Mit sechzehn ist mir klar, was ich bin und was ich nicht bin. Ich werde kein Supermodel sein – [man erzählt] dass meine Mutter nur einen Meter zweiundfünfzig maß und ihre Schultern fast doppelt so breit waren wie ihre Hüften, was ihr die Statur eines Linebackers im Miniformat verlieh. Und das wird auch meine Statur sein. Außerdem ist inzwischen klar, dass ich auf dem linken Auge vollständig blind bin.“ (Marjorie Celona: Hier könnte ich zur Welt kommen, S. 144)

So beschreibt sich Shannon, vor einem YMCA ausgesetztes Findelkind, schonungslos selbst und offenbart dabei gleich das Dilemma, das „Hier könnte ich zur Welt kommen“ von Marjorie Celona im Kern bestimmt. Shannon kennt weder ihre Herkunft noch ihren leiblichen Vater oder ihre Mutter.

Das im Original schlicht mit dem Titel „Y“ übertitelte Werk erzählt anschaulich und eindringlich von der Suche nach Shannons Identität und ihren Eltern.

Nach einer Odyssee durch verschiedene Familien und damit auch verbundene Namenswechsel endet Shannon, wie sie von nun an heißen soll, bei der alleinerziehenden Miranda und ihrer Tochter Lydia-Rose. Themen wie innerfamiliäre Kämpfe, Auflehnung, Selbstfindung und der Wunsch nach den Hintergründen von Shannons Identität dominieren in der Folge die Familie der drei Frauen.

Celona schildert all dies eindringlich und handwerklich äußerst geschickt, indem sie zwei Erzählstränge miteinander verknüpft. Sie streut immer wieder Teile über Shannons Familie und die Zeit vor ihrer Geburt ein, den Löwenanteil macht aber die Ich-Perspektive Shannons aus. Hier wählt Marjorie einen geschickten erzählerischen Kniff, indem sie die Ich-Perspektive mit einem auktorialen, also allwissenden Erzähler, verknüpft. So referiert Shannon schon über den Moment ihrer Aussetzung bis hin in ihre Sturm-und-Drang Zeit. Eine solch konsequente Erzählhaltung habe ich zumindest noch nicht oft gelesen – und diese macht in meinen Augen auch den Reiz des Buches aus. Eindringlich verfolgt man Shannons schwierigen Werdegang und kann sich leicht mit der Heldin identifizieren, da man die Welt durch ihre Augen betrachtet.

En passant reißt Celona große Fragen an und bringt den Leser zur Selbstreflektion: Was bedeutet uns Identität, was prägt uns, wonach sehnen wir uns im Leben? Es spricht für die Debütautorin, dass sie keine starren Antworten auf diese Fragen gibt, sondern sie dem Leser überlässt.

Ein kluges und eindringlich Buch, dass die Y-Dentität in den Mittelpunkt stellt.

Auf das könnt ihr euch freuen!

Hier nun schon einmal einige Bücher, die in nächster Zeit in diesen feuilletonistischen Eck besprochen werden:

  • „Das geheime Leben des Waisen Jun Do“ (Suhrkamp) – Adam Johnson

  • „Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ (KiWi) – Jordi Punti

  • „Das Ende der Welt“ (Droemer-Knaur) – Sara Gran

  • „Silo“ (Piper) – Hugh Howey

  • „Milano Criminale“ (Ullstein) – Paolo Roversi

Welche Bücher stehen bei Euch als nächstes auf dem Leseliste?