Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Eros und Thanatos fallen hier mustergültig zusammen. Arthur Schnitzler erzählt in seiner Traumnovelle von der Macht des Begehrens und einem fast somnambulen Erlebnis, das dem Arzt Fridolin zuteilwird. Auch hundert Jahre nach ihrem Erscheinen schimmert diese Novelle noch nachtschwarz und höchst modern…


Wenn in einer Stadt im 20. Jahrhundert an der Moderne gearbeitet wurde, dann war das fraglos Wien.
Neben Berlin bildete die Großstadt an der Wien den zentralen Kulminationspunkt, in dem verschiedenste Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler um 1900 zusammenfanden und mit ihren Theorien und Werken über alle Disziplinen hinweg sprichwörtlich eine neue Epoche begründeten.

Ernst Mach und Erwin Schrödinger auf dem Feld der Naturwissenschaften, Adolf Loos in der Architektur, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder Richard Gerstl in der Malerei, Edmund Husserl und Ludwig Wittgenstein auf dem Feld der Philosophie, Friedrich von Hayek oder Joseph Schumpeter in Sachen Ökonomie oder Viktor Adler und Sigmund Freud auf dem Feld der Psychoanalyse, sie alle sorgten mit ihren Theorien und radikal neuen Schulen in Sachen Kunst und Denken für eine Weiterentwicklung der Kunst und Wissenschaft auf unzählig vielen Feldern.

Die Wiener Moderne um 1900

Arthur Schnitzler - Traumnovelle (Cover)

Auch die Literatur blieb von diesen Entwicklungen nicht ausgenommen. Das Genre der Kaffeehausliteratur etablierte sich, Figuren wie Friedrich Torberg prägten diese neue Gattung, während Autoren wie Robert Musil oder Georg Trakl mit ihrer Dichtung neue, zuvor nicht gekanntes ästhetisches Terrain betraten und sich mit ihrer Dichtung von etablierten Erzählformen und Genres lossagten.

Auch Arthur Schnitzler zählte zu jenen Autor*innen, die sich mit ihrem Erzählen auf neue Wege begaben.
Als Mitglied des engstens Kreises des sogenannten Jung-Wien hatte er entscheidenden Anteil, mit seinem Werk jenen Epochenbruch nachzuzeichnen, bei dem man sich verstärkt dem ästhetischen Erleben und den Innenwelt zuwandte.

Während die Väter noch nach den Regeln des alten Großbürgertums lebten, so suchten deren Söhne nach einer neuen, „modernen“ Lebensweise, die sie im eigenen Inneren fanden. Mit den Äußerlichkeiten des liberalen Bürgertums wollte man nichts mehr zu tun haben und folgte damit dem alten Leitsatz von Augustinus, dass man in sich selbst zurückkehren sollte.
Dieser Blick nach innen, entscheidend beeinflusst auch von den psychoanalytischen Erkenntnissen der Wiener Schule um Sigmund Freud und dessen Traumdeutung, übte besonders auf Arthur Schnitzler eine große Faszination aus.

Nächtliche Geständnisse und Beichten

Besonders augenfällig ist dies in seiner Traumnovelle, die vor genau hundert Jahren als Buchveröffentlichung das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Darin lässt er schon zu Beginn Fridolin und Albertine gegenseitig in ihr Innerstes blicken, sich eines Abends gegenseitig ihre Sehnsüchte und Begehren offenbaren.

„Albertine – so gibt es etwas, was du mir verschwiegen hast?“
Sie nickte und blickte mit einem sonderbaren Lächeln vor sich hin.
Unfassbare, unsinnige Zweifel wachten in ihm auf.
„Ich verstehe nicht recht“, sagte er. „Du warst kaum siebzehn, als wir uns verlobten.“
„Sechzehn vorbei, ja, Fridolin. Und doch“ – sie sah ihm hell in die Augen – „lag es nicht an mir, dass ich noch jungfräulich deine Gattin wurde.“
„Albertine –!“
Und sie erzählte.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 13

Dieser Blick in die tiefsten seelischen Verfasstheiten und Fantasien als Bruch mit allen Regeln der Diskretion und des Schweigens wird von Schnitzler dann fortgeführt, indem er Fridolin erst einmal aus der Wohnung des jungen Paares in die Nacht hinausführt. Fridolin, der als Arzt praktiziert, wird an das Krankenbett eines Hofrats gerufen, wo er nur noch den Tod des Patienten feststellen kann und auf dessen Tochter Marianne trifft.

Vom Totenbett ins Bordell zu einer Privatfeier

Die junge Frau, die Fridolin seit Kindesbeinen kennt, löst bei ihm zunächst kein allzu großes Begehren aus, lässt ihn aber dennoch über den Besuch in der Wohnung des Toten nicht los, sodass er noch die nächtlichen Gassen Wiens durchstreift.

Er fand sich, mit einem Male, schon über sein Ziel hinaus in einer engen Gasse, durch die nur ein paar armselige Dirnen auf Männerfang umherstrichen. Gespenstisch, dachte er. Und auch die Studenten mit den blauen Kappen wurden ihm plötzlich gespenstisch in der Erinnerung, ebenso Marianne, ihr Verlobter, Onkel und Tante, die er such nun alle, Hand in Hand, um das Totenbett des alten Hofrats gereiht vorstellt; auch Albertine, die ihm nun im Geist als tief Schlafende, die Arme unter dem Nacken verschränkt, vorschwebte – sogar sein Kind, das jetzt zusammengerollt in dem schmalen weißen Messingbettchen lag, und das rotbäckige Fräulein mit dem Muttermal an der linken Schläfe –, sie alle waren ihm völlig ins Gespenstische entrückt. Und in dieser Empfindung, obzwar sie ihn ein wenig schaudern machte, war zugleich etwas Beruhigendes, das ihn von aller Verantwortung befreite, ja aus jeder menschlichen Beziehung zu lösen schien.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 27

So treibt Fridolin nun wie in einer Zwischenwelt jenseits von Zeit und Ort durch die Nacht. Er sucht erst eine Prostituierte und dann bezeichnenderweise ein Kaffeehaus „niederen Ranges“ auf, wo er auf einen alten Bekannten namens Nachtigall trifft.
Dieser erzählt ihm von einer geheimnisvollen Feier in einem Privathaus, wo er später in der Nacht als Pianist tätig sein wird. Zudem verrät er Fridolin passenderweise auch noch die Parole, die ihm Zutritt zu dieser exklusiven und höchst geheimnisvollen Feier verschaffen soll.

Tatsächlich sucht Fridolin diese Feier auf, bei der sich die rätselhaft-schwebende Atmosphäre der Nacht noch weiter fortsetzt.

Eros und Thanatos, Tod und Begehren

Ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen, wird am Ende der Nacht eine Todesnachricht stehen, die nur das herausragendste Beispiel dafür sein wird, wie eng Tod und Begehren, Eros und Thanatos in Schnitzlers Erzählung beieinanderliegen.

Manchmal mit leicht expressionistischen Anklängen, dann wieder luzid und fast somnambul wirkt die Stimmung, die die Traumnovelle durchzieht. Hier wird eine Seele und das Begehren erkundet, während sich Fridolin durch die Nacht treiben lässt, was auch hundert Jahre später nichts von seiner Faszination verloren hat.

Zeitlos und eben unerhört modern wirkt sein Erzählen, das der Salzburger Jung und Jung-Verlag zum hundertsten Geburtstag noch einmal in einer Neuauflage auf den Markt bringt.

Ein allzu sperriges Nachwort

An die Seite gestellt hat man Schnitzlers gut hundert Seiten langen Erzählung einen Aufsatz von W. G. Sebald, der in Das Schrecknis der Liebe einen eigenen Blick auf die Erzählung des Österreichers wirft.

Ursprünglich war dieser Essay im Februar 1985 in der geisteswissenschaftlichen Zeitschrift Merkur erschienen, nun hat er hier wieder einen Auftritt – und wirkt in seiner allzu akademischen und sperrigen Machart wie der Gegenentwurf zu Schnitzlers Erzählen, das doch durch seinen kunstfertigem und deutungsoffenem Charakter besticht.

Es finden sich darin jede Menge verquasteter Sätze wie der Folgende:

In der Episode von der Hofrathstochter aus der Schreyvogelgasse wird Hysterie von einem ähnlichen Standpunkt aus beschrieben wie in den Studien Freuds. Und doch hat Schnitzlers erzählerische Präsentation, aus der sich eine Reihe von Aufschlüssen ergibt über die hysterische Disposition einbeschriebene soziale Dynamik, den Freud’schen Analysen einiges voraus, nicht zuletzt einen höheren Grad an Empathie mit dem psychischen Zustand der von einer abstrakten Norm aus derangiert erscheinenden Frau. Das kann vor allem an den Idealbildern der Männlichkeit abgelesen werden, die Schnitzler als die Zufluchtspunkte weiblicher Sehnsucht in seine Frauenporträts wie zitatweise eingraviert.

W. G. Sebald – Das Schrecknis der Liebe in Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 121 f.

Nur um hier Missverständnissen vorzubeugen: ein akademischer Blick auf Arthur Schnitzlers Erzählen aus germanistischer oder philosophischer Sicht, der das Gelesene kontextualisiert oder weiterdenkt, ist mir nicht nur bei einem solchen Klassiker immer gerne willkommen.

Ein beflügelndes Weiterdenken der Traumnovelle ist Sebalds Text allerdings an keiner Stelle, vielmehr ist der Text, der es selbst auf ein Drittel von Schnitzlers Novelle bringt, eine Herausforderung, die statt Inspiration und Denkanstößen sehr viel Lesearbeit bedeutet.

Dabei hätte die Hektode dieses so zeitlosen Werks doch eingeladen zu einem Blick aus der Gegenwart zurück auf hundert Jahre Wirkungsgeschichte in Sachen Traumnovelle. Warum nicht ein Aufsatz, der aus heutiger Sicht auf Schnitzlers Werk blickt, der gegenwärtige philosophische oder psychoanalytische Erkenntnisse mit Schnitzlers Schreiben vereint?

Oder der Blick eines Historikers oder Germanisten, der den Verbindungen in Arthur Schnitzlers Werk und Leben mit der Wiener Moderne leichtfüßig nachspürt oder ein theatraler Blick auf das Ganze, der Adaptionen der Novelle im Theater und Film bis hin zu Stanley Kubricks Adaption Eyes Wide Shut nachzeichnet? All das hätte ich begeisternder und auch lohnenswerter gefunden als das, was Schnitzlers Novelle hier tatsächlich beigegeben wurde.

Fazit

Von solchen Einwänden abgesehen ist die Traumnovelle auch genau hundert Jahre nach ihrem Erscheinen in ihrer radikalen Hinwendung zur Innerlichkeit, zum tabufreien Blick auf Begehren und Tod höchst modern. Schnitzlers Erzählung zeigt eindrücklich, wie er mit seinem Schreiben entscheidend an der Wiener Moderne mitwirkte und mit seinem Schreiben wichtige Türen für eine schambefreitere Literatur öffnete, die furchtlos auf Begehren und erotische Verlockung wie auch die tiefen der eigenen Seele blickt.


  • Arthur Schnitzler – Traumnovelle
  • ISBN 978-3-99027-448-4 (Jung und Jung)
  • 146 Seiten. Preis: 24,00 €
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