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Elspeth Barker – O Caledonia

Die Wiederentdeckung eines britischen Klassikers. Dank der Übersetzerin Verena von Koskull und dem herausgebenden Piper-Verlag lässt sich nun auch hierzulande Elspeths Barkers einziger Roman O Caledonia wieder oder ganz neu kennenlernen.
Dieser hat in der vorliegenden Ausgabe sogar ein Vorwort der irisch-britischen Autorin Maggie O’Farrell erhalten, die sich darin zu ihrer Verehrung von Werk und Autorin bekennt und preisgibt, sich mit jemandem alleine aufgrund von der Nennung von O Caledonia als dessen Lieblingsbuch Freundschaft geschlossen zu haben. Das macht neugierig…


O Caledonia ist der seltene Fall eines Werks, das das einzige einer Autorin bleiben sollte. Keine nachgelassenen Frühwerke, Korrespondenzen oder Essays, mit denen Verlage manchmal das Oeuvre von Autor*innen zu strecken versuchen, stattdessen wirklich nur ein Roman und das war es.

So fällt die Werkbilanz der hierzulande völlig unbekannten Schottin Elspeth Barker aus, die eigentlich als Journalistin wirkte und deren Roman O Caledonia im Jahr 1991 erschien und in der Folge vier Literaturpreise gewann. Vor fünf Jahren folgte eine Neuauflage des Buchs passend zum 30. Jahrestag seit Erscheinen dieses „modernen schottischen Klassikers“, wie es die Literaturkritikerin Melanie Reid in ihrem Artikel anlässlich des Jubiläums ausdrückte.

Die Autorin Maggie O’Farrell, die wenige Jahre später mit ihrem Buch Judith und Hamnet die Vorlage für den in diesem Jahr für mehrere Oscars nominierten Film Hamnet von Chloe Zhao liefern sollte, steuerte damals ein Vorwort zur Neuauflage bei, das auch der deutschen Ausgabe vorangesetzt ist.

Wiederauflage eines Klassikers

Darin stellt sie die Autorin und ihre persönliche Bindung zu ihr vor und spart nicht mit Lobesworten für das Werk, für das sie auch die Verlegerin Alexandra Pringle zitiert. Diese kaufte das Buch einst auf der Basis weniger Probeseiten ein und stellte fest, dass sie von Elspeth Barker ein perfektes Werk bekommen hatte, das gar keiner Überarbeitung durch ein Lektorat mehr bedurfte.

O Caledonia ist Barkers einziger je veröffentlichter Roman. „Dieses strahlende Wunder geschrieben zu haben“, sagt Pringle, „ist genug für ein ganzes Leben.“
Zwar haben wir das umfassende Werk ihres jahrelangen journalistischen Schaffens, doch dieses Buch ist ihr einziges gedrucktes Stück Prosaliteratur. Ein literarischer Phönix sozusagen: kostbar, hinreißend, einzigartig. Bitte behalten Sie das im Kopf, wenn Sie es lesen.

Maggie O’Farrell in ihrem Vorwort zu: Elspeth Barker – O Caledonia, S. 10 f.

Tatsächlich schillert Barkers Roman in so vielen dunklen Farben wie das Gefieder einer Dohle, die in O Caledonia eine zentrale Rolle spielen soll.
Alles beginnt dabei mit dem Tod der Heldin Janet, die dahingestreckt in der Eingangshalle des Familienanwesens, eines Schlosses im Nirgendwo namens Auchnasaugh aufgefunden wird.

Wieso das junge Mädchen zu Tode kam und warum sich in der Dorfgemeinschaft die Meinung hält, das Mädchen sei alleine selbst schuld an ihrem Tod, das beleuchtet Elspeth Barker im Folgenden, wobei der Roman alles andere als ein Krimi ist. O Caledonia ist vielmehr ein zeitgenössischer Roman in der Tradition des Gothic Novel, wie ihn zuletzt auch Anjet Daanje mit Das Lied von Storch und Dromedar vorlegte.

Vom Pfarrhaus ins heruntergekommene Schloss

Elspeth Barker - O Caledonia (Cover)

Schauplatz des Ganzen ist zunächst noch klassischerweise ein schottisches Pfarrhaus, in dem Janet zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Auch wenn ihr Vater im Krieg ist, bleibt die Welt dort draußen ausgesperrt. Der Großvater wirkt als Priester, die Mutter zieht Janet und die ihr nachfolgenden Geschwister auf — und wenig später geht es dann nach dem Kriegsende mitsamt dem zurückgekehrten Vater in das heruntergekommene Schloss nach Auchnasaugh.

Dort kündet nicht nur der auf dem Fenster des Treppenhauses abgebildete sterbende Kakadu von Exzentrik, sondern er nimmt bereits das Ende vorweg, das Janet erwarten wird.

Der Wind umheult das Haus, das in seinem bröckelnden Charme an das Hotel Majestic aus James Gordon Farrells Troubles erinnert.
Als eine Variation des für das Genre typische Motiv des mad woman in the attic haust eine nicht minder exzentrische Cousine im Haus, die wiederum für Janet zum Vorbild wird. Denn schnell stellt sich heraus, dass auch Janet eine eigensinnige junge Frau ist, die über eine blühende Fantasie und eine Geschick zur Manipulation ihres Umfelds verfügt. Egal ob Mitschüler oder die Kinder einer anderen Familie, die Janet kurzerhand in den wuchernden, giftigen Bärenklau außerhalb des Hauses stößt – Janet fügt sich ein in die Riege der großen, unangepassten Frauenfiguren, die die Literatur bereichern.

Barker mengt hier klassische Elemente des Gothic Novel, grotesken Humor, einen kindlichen Blick und Elemente des Coming of Age sowie Themen von Familie, patriarchalen Strukturen und gesellschaftlicher Mechanismen, denen sich Janet entgegensetzt, zu einem furiosen und sprachlich höchst eindringlichen Werk.

Eine großartige Übersetzungsleistung Verena von Koskulls

Die Übersetzerin Verena von Koskull hat sich nach der deutschen Erstübersetzung durch Elfie Knoll-Stemeseder aus dem Jahr 1995 das Ganze noch einmal vorgenommen und das Buch in ein ebenso schillerndes wie funkelndes Deutsch übertragen. Es ist ein gewandtes und stimmiges Deutsch, das Barkers Auge fürs Detail und ihre Sprachmacht aufs Schönste für uns erlebbar beziehungsweise erlesbar macht.

Danach sprachen nur doch die Spökenkiekerinnen, die Fischweiber, die Hebammen, die Tratschmäuler über sie und ergingen sich in endlosen Schuldzuweisungen: irgendjemand musste schließlich schuld sein, und dem Mörder konnte gewiss niemand die Schuld geben. Sie knatschten und tuschelten, gehässig wie der grauplige Wind, der ihnen die Kopftücher ins Gesicht peitschte, wenn sie sich an der Bushaltestelle des Dorfes drängten, trist wie der Wind, der Hagel durch den Schornstein spuckte, wenn sie in den kalten Stuben ihrer einsamen Katen zum Sonntagnachmittagstee beisammensaßen, eine aufgeschlagene Bibel neben der tickenden Uhr und süße, vom boshaften Funkeln verkohlter Rosinen gesprenkelte Sodabrötchen auf schneeweißen Zierdeckchen.

Elspeth Barker – O Caledonia, S. 17 f.

So kann man hier ganz tief eintauchen in die schottisch-schaurige Welt, die auch das Großwerden als große Grässlichkeit begreift, gegen die sich Janet mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel wehrt und sich so in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat.

Schön, dass man das nun auch hierzulande nachvollziehen und diesen Genre-Widerborst kennenlernen kann — es lohnt sich, ebenso wie die Kritik Julia Rosches auf dem Übersetzungs-Blog Tralalit.
Darin befasst sie sich eingehender mit den Qualitäten von Verena von Koskulls Übertragung und den Unterschieden zur ersten deutschen Fassung. Ein bereichernder Blick auf die Arbeit von Übersetzer*innen und deren viel zu oft unsichtbare Arbeit, die hier dankenswerterweise in den Fokus gerückt wird.


  • Elspeth Barker – O Caledonia
  • Aus dem Englischen von Verena von Koskull
  • ISBN 978-3-8270-1511-2
  • 237 Seiten. Preis: 24,00 €

Heinrich Mann – Der Untertan

Er ist wohl DER Urtyp für den Menschenschlag „Radfahrer“ – nach oben buckeln und nach unten treten. Die Rede ist von Diederich Heßling, den Mann in seinem wohl bekanntesten Werk Der Untertan ersann. Nun lässt er sich gleich in zwei Fassungen aus dem Reclam-Verlag noch einmal neu entdecken.


Da wäre zum Einen die neugestaltete Ausgabe in der Reihe der Reclam-Klassiker, die mit ansprechenden Design daherkommt und Lust auf eine erneute Lektüre macht. Darin begegnet man dem schon auf dem Cover großartig vorweggenommenen dumpfen Untertanengeist, sturer Mentalität und preußischer Militärbegeisterung, die in Diederich Heßling geweckt wird, als er dem Kaiser Wilhelm bei einer Parade in Berlin Unter den Linden begegnet (stets wird er ihn in der Folge als „originellen Denker“ und „persönliche Persönlichkeit“ rühmen und preis).

Ein Untertan macht Karriere

Mit seiner eigenen Militärkarriere hingegen ist es nicht weit her, schon nach ein paar Tagen bei der Truppe scheidet er ausgemustert wieder aus. Fortan wird diese Episode ein Makel in Heßlings Biografie sein, den er mit einer umso eifrigeren Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung auszugleichen versucht. Er agitiert, schneidet auf, übernimmt die Papierfabrik seines Vaters, poltert und tobt durch das fiktive Städtchen Netzig, macht unterschiedlichen Frauen den Hof und ist sich bei allem stets der nächste.

Heinrich Mann - Der Untertan (Cover)

Die sozialdemokratischen Umtriebe im Städtchen und in seiner eigenen Fabrik beobachtet er mit Abscheu, ist sich später aber nicht zu schade, um für die Durchsetzung der eigenen Interessen mit seinem verhassten Arbeiter Napoleon Fischer zu paktieren.

Lustvoll beschreibt Heinrich Mann diesen einerseits duckmäuserischen, andereseits an ein Rumpelstilzchen erinnernden Heßling, der der Obrigkeit gegenüber höchst devot ist und seine Kaisertreue stets laut herausposaunt. Das führt zu großartigen Szenen wie einem aufsehenerregenden Prozess um die Niederschießung eines revolutionär gestimmten Arbeiters, der von einem alten Richter geleitet wird, der Heßling an einen wurmigen Adler erinnert und in dessen Verlauf es im Gerichtssaal turbulent hergeht.

Überhaupt, die hochkomische Beschreibungskraft bierdunstgesättigter nächtlicher Sitzungen in Kaschemmen, die bei Heinrich Mann Brüllwettbewerben auf einem Pavianhügel gleichen. Oder der Besuch des heißgeliebten Kaisers in Rom, der hier zu einer Art Hase und Igel-Spiel zwischen dem Monarchen und Diederich Heßling wird, der seinem Kaiser stets nachrennt und nachreist.

Der Untertan als Taschenbuch und als illustrierter Roman

Der Untertan ist von einer ebenso großartigen Komik wie von einer zeitdiagnostischen Schärfe, die in Heßlings Untertanengeist, seinem Berserkertum und seiner Verehrung der politischen Führung später ja in die Katastrophe zweier Weltkriege mündete. Wie er sich anbiedert, sein ganzes Denken und seine Verehrung nach dem Kaiser ausrichtet und wie er diesem in seinem Gehorsam blind folgt, das zeigt Heßling als Teil jener Masse, die bis heute immer wieder Diktaturen und populistische Führungsfiguren ermöglichte, indem sie sich beständig nach Stärke und Führung sehnte und ihrem Obrigkeitsgehorsam

Heinrich Mann - Der Untertan (Cover)

In der eleganten Neugestaltung des Taschenbuchs (wie überhaupt das ganze Reihe von Klassikerneuausgaben, die gerade bei Reclam erscheinen) lässt sich all das vielfach facettiert nachlesen und erleben. Auch 108 Jahre nach Erscheinen überzeugt das Buch durch einen genauen psychologischen Blick Manns auf seinen Anti-Helden.

Aber auch in der zweiten Variante aus dem Reclam-Verlag wird diese Qualität offenbar, hier wird sie zusätzlich noch durch die graphische Gestaltung gestützt und angereichert.

Für diese Gestaltung zeichnet sich Arne Jysch kenntlich. Der 1973 geborene Illustrator bewies sein Talent für die Adaption von literarischen Vorlagen mit seiner Umsetzung des Bestsellers Der nasse Fisch von Volker Kutscher im Carlsen-Verlag.

Mit seinen Illustrationen lässt er das Tun und Treiben in Netzig lebendig werden, hier etwa die Szene zur Einweihung des kaiserlichen Reiterstandbilds, für das sich Heßling eingesetzt hat, dessen Enthüllung aber im Fiasko enden wird. Daneben dann Szenen einer Ehe zwischen Guste Daimchen und ihrem Mann Diederich:

Bildquelle: Reclam-Verlag

In seinen Schwarz-Weiß-Zeichnung werden die Figuren in ihrer Abgefeimtheit und manchmal auch recht platten Denkweise lebendig. Zudem ist der Mitteleinsatz von Arne Jysch reduziert und drängt die eigentliche Lektüre nicht in den Hintergrund, sondern unterstützt diese mit seinen pointierten Zeichnungen. Immer wieder tauchen Illustrationen aus Heßlings Leben auf, allerdings schön über das Buch verteilt und nicht omnipräsent.

Gerade auch für eine Schullektüre wäre diese Variante reizvoll, kann der Schulstoff doch auf den reinen Text reduziert für den einen oder die andere LeserIn schnell dröge werden und sich der Humor Manns nicht wirklich vermitteln. In der graphischen Adaption gewinnt das Buch aber deutlich und drängt auch die eigene Lesefantasie nicht allzu weit zurück, sodass für eine eigene Interpretation der Szenen auch immer noch Platz bleibt und Raum für Diskussionen ermöglicht (wenn der Preis für Schulklassen nicht doch etwas arg exorbitant wäre).

Fazit

So sind zwei neue Zugänge zu Heinrich Manns Der Untertan geschaffen, die zu einer Lektüre einladen und die in den jeweiligen Versionen mit Zeittafeln und weiterführenden Infos die Lektüre ergänzen. Es lohnt sich, Diederich Heßlings Leben noch einmal eine Chance zu geben, selbst wenn man zu Schulzeiten wenig mit diesem Werk anfangen konnte, ist es doch zurecht ein Klassiker, der über seinen eigentlichen Bezugsrahmen weit hinaus weist und bei aller Abscheu über den Opportunisten Heßling auch die Komik nicht vergisst.


  • Thomas Mann – Der Untertan
  • Textausgabe:
  • ISBN 978-3-15-020665-2 (Reclam)
  • 470 Seiten. Preis: 10,00 €
  • Illustrierte Ausgabe:
  • 978-3-15-011326-4 (Reclam)
  • 494 Seiten. Preis: 36,00 €