Category Archives: Kriminalroman

Rahul Raina – Bekenntnisse eines Betrügers

Bildung, sie ist ein hehres Ideal, kann aber auch zur tödlichen Bedrohung werden, wie Ramesh Kumar in Bekenntnisse eines Betrügers am eigenen Leib erfahren muss. Denn seine Tätigkeit als „Bildungsberater“ bringt ihn in Rahul Rainas Roman erheblich in die Bredouille und sorgt für entführte Menschen und abgetrennte Fingerglieder. Ein unterhaltsames Buch voller Kidnapping, versehen mit Krimielementen und Gesellschaftskritik.


Ramesh Kumar – Bildungsberater. So steht es auf meiner Visitenkarte.

Sie wollen, dass Ihr kleiner Liebling 99,4 Prozent der Prüfungsfragen richtig beantwortet, ein Absolvent des Indian Institu[t]e of Technology wird und über den Rest von uns herrscht? Dann kommen Sie zu mir. Sie wollen, dass Ihr kleiner Racker bis an die Spitze der staatlichen Verwaltung aufsteigt, einen Durchmarsch in ein Eckbüro an der Wall Street oder in London antritt, oder, wenn alles schiefläuft, Gott behüte, wenigstens in Bangalore? Ich bin Ihr Mann. Jede Prüfung, jedes Fach in nur vier Wochen. Oder Sie kriegen Ihr Geld zurück. Und genau darauf haben sie es alle abgesehen, jeder Einzelne von ihnen.

Rahul Raina – Bekenntnisse eines Betrügers, S. 14 f.

So beschreibt Ramesh Kupar selbst sein Geschäft, mit dem er sich eine einigermaßen erträglicher Business in einer Nische erschaffen hat. Für faule Kinder aus den obersten Kasten Delhis schreibt er die Tests, arbeitet sich in Wissensfelder ein und übernimmt so die intellektuelle Arbeit für die ihn seine Arbeitgeber meist recht schlecht bezahlen.

Der Bildungsberater übernimmt

Rudraksh Saxena nimmt sich aus dieser Reihe nicht aus. Der verzogene und privilegierte Rudraksh, genannt Rudi, frequentiert lieber Cola, WhatsApp-Chats und einschlägige Filme, als seine Vorbereitungen auf die All India-Auswahltests voranzutreiben. Und so kommt Ramesh ins Spiel, der sich einen Monat lang in alle Bildungsfelder einarbeitet, um an Rudis Stelle statt die mehrtägigen Auswahltests zu schreiben.

Rahul Raina - Bekenntnisse eines Betrügers (Cover)

Als Sohn eines Teehändlers nahm sich einst eine Nonne seiner an und trieb die Bildung des Jungen voran, der seine überragenden Fähigkeiten nun auch bei den aktuellen All India-Tests wieder einsetzt – und als Rudi überraschend den zweiten Platz belegt, was größtes nationales Interesse hervorruft, da Rudraksh der beste indische Teilnehmer der Tests ist und so ein Run auf den Jungen einsetzt.

Durch geschickte Erpressung und Nötigung der Eltern, die Ramesh seinen Lohn eigentlich vorenthalten und ihn aus der Erfolgsgeschichte ihres Sohnes tilgen wollten, mausert sich dieser zum „Manager“ von Rudi, was tatsächlich eine Rundum-Betreuung des Hochstaplers und Blenders bedeutet.

Als ein Fernsehsender eine Quizshow mit Rudi ins Programm nehmen möchte, muss Ramesh all sein Talent zur Organisation und fürs Babysitten aufbringen, um Rudi für den Job vorzubereiten. Doch der Erfolg bringt auch Neider mit sich, die auch vor Entführungen und eindringlichen Drohbotschaften nicht zurückschrecken…

Gesellschaftskritik und Spannung im heutigen Indien

Bekenntnisse eines Betrügers ist ein Roman mit Spannungselementen und viel Gesellschaftskritik, auch wenn man es angesichts der mitunter flapsig-derben Sprache und des misslungenen Covers so nicht meinen möchte.

Zusammengesetzt aus Rückblenden und Schilderungen, wie Rudi und Ramesh in die Entführung schlitterten, die den Ausgangspunkt des Buches bildet, erzeugt Rahul Raina das Bild eines modernen Indien, in dem mehr Sein als Schein herrscht. Die Gesellschaft innerhalb des Kastensystems setzt auf bequeme Täuschungen des Status Quo und gibt sich lieber mit arglistigen Täuschungen zufrieden, als wirklichen Wettbewerb und Aufstieg aus anderen Gesellschaftsschichten zuzulassen.

Delhi ist der zentrale Handlungsort des Romans, der Rahul Raina als chaotische Stadt voller Widersprüche, Armut und wenig eingelöster Aufstiegsversprechen zeichnet, in der so manches Mal nur ein Kidnapping zum erwünschten Erfolg führt.

Dabei gelingen ihm in ihrer Doppeldeutigkeit schöne Szenen, die immer wieder über die Handlung hinaus auf gesellschaftliche Probleme und Missstände verweisen, etwa wenn der durch die Quizshow zum Fernsehstar und Schwiegermutter-Liebling avancierte Rudraksh als Frau verkleidet mit der U-Bahn durch Delhi reisen muss und sich dabei ständig sexueller Avancen und Übergriffigkeiten erwehren muss.

Hier zeigt Raina klar Missstände auf, genauso wie er durch seinen „Bildungsberater“ die Fixierung der indischen Gesellschaft auf leicht zu manipulierende Auswahltests und geschlossene Machtzirkel hinweist und so im Gewand eines zeitgenössischen Romans auch die Klassenfrage verhandelt.

Fazit

In diesem Sinne ist Bekenntnisse eines Betrügers ein unterhaltsames, in flapsiger Sprache und mit Krimielementen garnierter Roman, der ungeschönt auf die Probleme der indischen Gesellschaft blickt und die Aufstiegsversprechen derselben ad absurdum führt. Auch wenn man es angesichts des Covers und den parodistischen Zügen nicht gleich vermuten würde – aber hier steckt wirklich etwas im Buch, das der Lektüre lohnt!


  • Rahul Raina – Bekenntnisse eines Betrügers
  • Aus dem Englischen von Alexander Wagner
  • ISBN 978-3-0369-5868-2 (Kein & Aber)
  • 400 Seiten. Preis: 25,00 €

Naomi Krupitsky – Die Familie

Wenn Elena Ferrante auf Dennis Lehane trifft. In ihrem Debüt Die Familie erzählt Naomi Krupitsky von zwei Frauen, die im Umfeld der Mafia von New York aufwachsen und vor schwierigen Entscheidungen stehen. Lektüre, die leider nicht so wirklich mitreißt und die das Gefühl zurücklässt, dass man aus dem Plot deutlich mehr hätte herausholen können.


Hat man das Typografie-Gewitter mit sage und schreibe fünf unterschiedlichen Schriftarten auf dem Cover überstanden, so findet man sich zu Beginn des Buchs wieder auf den Docks von New York im Jahr 1948. Dort wird ein Schuss abgefeuert. Wer geschossen hat, wer getroffen wurde und wie es zu der Tat kam, das wird sich erst spät im Buch auflösen.

Bis es soweit ist, startet Naomi Krupitsky ihre chronologisch sortierte Erzählung im Jahr 1928, in dem sie die Lebensgeschichte der Freundinnen Sofia und Antonia schildert, die im Red Hook Viertel von Brooklyn aufwachsen:

Sofia und Antonia

Sofia Colicchio ist ein wildes Wesen mit dunklen Augen. Sie läuft schnell und spricht laut und ist die beste Freundin von Antonia Russo, die nebenan wohnt.

Die beiden leben in Brooklyn, in einem Viertel, das Red Hook heißt und an das Viertel grenzt, aus dem Carroll Gardens und Cobble Hill werden wird. Red Hook ist neuer als Lower Manhattan, aber älter als Canarsie und Harlem, diesen gefährlichen Außenposten, wo fast alles erlaubt ist. Viele der Gebäude sind niedrige Holzschuppen nah am Fluss, aber weiter vom Wasser entfernt, in Richtung der immer noch niedrigen, aber beständigeren Stadthäuser, wachsen die Dächer höher. Und alles ist dunkelgrau vom Wind und Regen und vom Ruß in der Luft.

Naomi Krupitsky – Die Familie, S. 11

Noch in der Kindheit muss Antonia den Verlust ihres Vaters verkraften, da dieser seinen Arbeitgeber, den Mafiaboss Tommy Fianzo, um Einnahmen geprellt hat. Sofias Vater hingegen bewährt sich in der Mafiahierachie und sorgt mit kriminellen und gewalttätigen Geschäften für das Auskommen der Familie.

Diffus nehmen die beiden Mädchen schon in der Kindheit wahr, was um sie herum passiert. Je älter sie werden, umso klarer steht ihnen der Charakter der „Familie“ vor Augen, deren Teil auch sie sind.

Beide werden sich verlieben, heiraten und Kinder bekommen – ehe sie sich vor Entscheidungen gestellt sehen, die schon ihre Eltern treffen mussten und die schon einmal tödliche Konsequenzen hatten.

Dem Kreislauf der Familie entgeht man nicht

Naomi Krupitsky - Die Familie (Cover)

Die Familie ist ein Doppelporträt zweier Freundinnen, die in einem tödlichen Umfeld aufwachsen, das ihre Eltern trotzdem so gut es geht vor ihnen fernhalten, ehe man die Gewalt nicht mehr fernhalten kann und diese in den Familienalltag einsickert.

Über die Kindheit und die Jugendzeit bis hinein ins Erwachsenenalter zeigt Krupitsky das Aufwachsen der beiden Frauen – und wie schwer es ist, sie von der Familie zu lösen, in die sich beide auf unterschiedliche Art und Weise wieder einfügen.

So heiratet Sofia einen jüdischen Adlatus, Antonia hingegen ehelicht einen italienischstämmigen Mann. Beide finden auf unterschiedliche Art und Weise in ihre Rollen als Ehefrauen und Mütter hinein – und doch werden die intergenerationalen Traumata und Schrecken auch in der nächsten Generation wieder mal indirekt und mal auch ganz direkt auftreten. Dem Kreislauf der Familie entgeht man eben leider nicht ganz so. Das ist von der Erzählabsicht her ganz gut gemacht und handwerklich lässt sich Naomi Krupitsky nichts vorwefen.

Fast mustergültig beginnt das Buch mit der Spannung eines Schusses, ehe die Situation aufgelöst wird, der Fokus auf die beiden Freundinnen ist stets da – und doch bleibt der Eindruck, dass das Buch über die offensichtlichen Schau- und Erzählwerte hinaus nicht wirklich viel zu bieten hat.

Wo bleibt der USP?

Die Handlung kennt man aus dutzenden Mafiafilmen und Romanen, von Mario Puzo bis hin zu Dennis Lehane, die Beziehung zweier italienischstämmiger Freundinnen und das Aufwachsen inklusive aller Widerstände und Entwicklungen hat Elena Ferrante in ihrem Neapolitanischen Quartett deutlich nuancierter und tiefgreifender erfasst. Das Versprechen eines feministischen Blicks auf die amerikanische Mafiawelt in der ersten Hälfte 20. Jahrhundert, das ich mir nach Aufmachung und Klappentext erhoffte, es blieb leider uneingelöst.

Und so bleibt für mich die Frage, ob es die Lektüre des Buchs braucht, wenn doch andere Bücher in unterschiedlichen Belangen gezeigt haben, dass auch tieferschürfendes Erzählen und Ausleuchten möglich ist, verbunden mit mehr Spannung und Ausdeutung der Figuren. Einen USP, einen Unique Selling Point, also ein Alleinstellungsmerkmal konnte ich zumindest in Krupitskys Debüt nicht ausmachen.

Fazit

Gewiss, Die Familie ist gut gemacht und gut erzählt. Aber gerade im Vergleich zu anderen Titeln fällt es dann eben doch auf, dass Krupitsky etwas an der Oberfläche bleibt und nicht wirklich tiefer in die Strukturen der Familie und der Verfassung ihrer Heldinnen einsteigt. Da helfen nicht einmal die fünf unterschiedlichen Schriftarten auf dem Buchcover.


  • Naomi Krupitsky – Die Familie
  • Aus dem Englischen von Ursula Wulfenkamp
  • ISBN 978-3-423-29025-8 (dtv)
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €

Cay Rademacher – Die Passage nach Maskat

Wenn es ein Motiv in der Kriminalliteratur gibt, das nicht aus der Mode zu kommen scheint, dann ist es wohl das des Mords auf einem Schiff. Agatha Christie popularisierte es mit ihrem Tod auf dem Nil (immer wieder verfilmt, etwa jüngst von Kenneth Branagh), Sebastian Fitzek gelang mit Passagier 23 ein (ebenfalls verfilmter) Bestseller, im letzten Jahr war es Stuart Turton, der die hermetische Enge des Schiffs für einen historischen Krimi nutzte. Und nun hat auch Cay Rademacher das Schiff als Schauplatz eines Krimis für sich entdeckt. In Die Passage nach Maskat schickt er Ende der 20er Jahre einen Pressefotografen an Bord eines Ozeanliners auf die Suche nach seiner eigenen Frau.


Rademacher, der bislang mit historischen Stücken (Der Trümmermörder) und Frankreich-Krimis (Gefährliche Côte Bleu) in Erscheinung trat und damit gleich zwei boomende Themen im Kriminalroman besetzte, spendiert nun im Jahr 1929 dem für die Berliner Illustrirte arbeitenden Pressefotografen Theodor Jung eine Reise an Bord des Ozeanliners Champollion.

Von Marseille bis Maskat

Cay Rademacher - Die Passage nach Maskat (Cover)

Von Marseille aus soll die Reise über den Suezkanal bis nach Maskat, die Hauptstadt des Oman, führen. Doch Jung reist nicht alleine. Ihn begleitet seine Frau Dora – wobei man eigentlich eher davon sprechen müsste, dass Jung seine Frau Dora begleiten darf. Denn diese entstammt der reichen Gewürzhandelsdynastie Rosterg, die in Form des Patriarchen Hugo Rosterg, dessen Gattin und Sohn sowie des Prokuristen Lüttgen mit an Bord ist. Im Oman hofft man auf ertragbringende Geschäfte für das Gewürzhaus – und Lüttgen auf das Ende der Beziehung von Dora und Theodor, möchte er doch selbst in der Familie aufsteigen und die Tochter des Patriarchen ehelichen.

Und so schippert man vom Hafen von Marseille aus über Port Said, parliert an Bord, während Theodor Fotos von seiner Reise knipst – schließlich hofft die Berliner Illustrirte auch auf exotische Fotos aus Afrika, die bei der Reise abfallen sollen. Doch plötzlich bekommt die Reise eine unerwartete Wendung. Eines Abends fehlt ein Stuhl am Tisch der Familie Rosterg – und Dora ist verschwunden. Als jeder der Familie behauptet, dass Dora nie an Bord gewesen sei, beginnt Jung an seinem Verstand zu verzweifeln. Nirgendwo auf dem Schiff finden sich Spuren seiner Frau – hat er sich alles nur eingebildet? Oder treibt die Familie ein doppeltes Spiel mit ihm, um Geheimnisse zu kaschieren?

Das Schiff als nimmermüdes Kriegsmotiv

Das Schiff als Schauplatz, es hat seine Vorzüge, was es für Krimis zum immer wieder beliebten Motiv werden lässt. Ein abgeschlossener Raum auf dem Meer, keine Fluchtmöglichkeiten, ein überschaubares Personenensemble und damit auch viele Möglichkeiten für die Leserinnen und Leser, mitzuraten. Wer ist verdächtig? Was könnte hinter dem Verschwinden von Dora stecken? Stellvertretend für uns Leser*innen tappt Theodor über das Schiff, an seiner Seite die Stwardess Fanny, die dem durch seine Erlebnisse als U-Boot Besatzungsmitglied im Ersten Weltkrieg traumatisierten Fotografen beisteht. Zusammen ermitteln sie sich durch das Schiff, begegnen gefallenen Tanzstars, kriminellen Schlägern und der (scheinbar) feinen Gesellschaft an Bord der Champollion.

Dabei braucht Cay Rademachers Schiff dann allerdings einige Zeit, ehe es in kriminellen Gefilde kommt. Die ersten hundert Seiten vergehen doch eher wie auf dem Traumschiff, statt durch atemlose Spannung zu bestechen. So gibt es zwar eine Drohung durch den Prokuristen der Familie Rosterg, die gegen Jung ausgesprochen wird. Aber bis der versprochene Krimi wirklich losgeht, dauert es einige Zeit.

Man schlendert durch Marseille, Theodor Jungs traumatisierende U-Boot-Erfahrungen und sein Job bei der Berliner Illustrirten wird vorgestellt, das Personenensemble an Bord gemächlich eingeführt (dass dann aber größtenteils doch blass und rein funktional bleibt).

Häufig ist auch viel Kulissenschieberei dabei, etwa wenn man extra zu den Ausgrabungen von Howard Carter in der Wüste Ägyptens aufbricht, um so die zur selben Zeit staffindenden historischen Ausgrabungen auf dem Schauplatzzettel abhaken zu können. Oftmals kaschieren diese Schauwerte den geringen kriminalliterarischen Gehalt des Buchs. Das ist doch alles recht brav und bieder gehalten und weiß weder als Krimi noch als historischer Roman so recht zu überzeugen. Etwas mehr Schwung und neue Ideen fernab der bekannten Ermittlungstropen und Motive, das hätte hier Not getan.

Fazit

So ist Cay Rademachers Buch in meinen Augen dann bisweilen dann doch eher kriminalliterarisches Traumschiff als wirklich mitreißend erzähltes Spannungswerk, das auch mit seiner Auflösung nicht ganz überzeuen kann. Als solide Spannungsware ohne viel Gemetzel oder Blutfontänen taugt Die Passage nach Maskat allemal, aber leider verzichtet das Buch auf Überraschendes oder wirklich mitreißende Spannungsmomente.


  • Cay Rademacher – Die Passage nach Maskat
  • ISBN 978-3-8321-8197-0 (DuMont)
  • 368 Seiten. Preis: 22,00 €

S. A. Cosby – Blacktop Wasteland

Dieser Thriller nimmt sein verhandeltes Thema ernst. Schon ab den ersten Seiten presst einen S. A. Cosby mit seinem Roman um einen eigentlich ausgestiegenen Fluchtwagenfahrer in den Sitz. Rasante Unterhaltung mit einem leider etwas überzogenen Gewaltanteil. Blacktop Wasteland.


Alles beginnt mit einem geheimen Rennen im Dinwiddie County, mitten im Nirgendwo von Virginia. Beauregard, genannt Bug, ist auf Vermittlung seines Cousins Kelvin angetreten, um mit seinem hochmotorisierten Duster ein Rennen zu fahren. Als Preisgeld locken einige hundert Dollar. Geld, das Bug gut gebrauchen kann, befindet er sich doch knöcheltief im Dispo. Seine Autowerkstatt wirft aufgrund von billiger Konkurrenz vor Ort kaum mehr etwas ab. Seine Kinder brauchen Geld für die Schule, die Kreditkarten sind ausgereizt. Und so versucht er dieser prekären Situation mithilfe eins Autorennens zu entkommen. Doch das Rennen geht schief und Beauregard steht ähnlich klamm wie zuvor da.

Da wird Bug rückfällig und dient sich lokalen Gangstern noch einmal als Fluchtwagenfahrer an. Zusammen mit zwei wenig intellektuellen Amateurgangstern will er einen Juwelier überfallen, um sich so seine Schulden vom Hals zu schaffen und seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch wie es zumeist bei solchen Geschichten der Fall ist: auch hier geht einiges schief und Bug macht sich mit dem Überfall gehörig Feinde.

Ein klassischer Krimi mit klassischen Motiven

S. A. Cosby - Blacktop Wasteland (Cover)

Behauptet der Grandseigneur Walter Mosley in seinem Lob des Buchs auch, S. A. Cosby erfände hier den amerikanischen Kriminalroman neu, würde ich konstatieren, dass hier genau das Gegenteil der Fall ist. Blacktop Wasteland ist ein klassischer, in manchen Momenten fast wie aus der Zeit gefallener Thriller. Das Motiv ist altbekannt: ein Fluchtwagenfahrer, der eigentlich ausgestiegen ist, nun aber noch einmal einen letzten Coup drehen möchte, um alle Altlasten hinter sich lassen (James Sallis lässt grüßen).

Auch der Überfall selbst wirkt schon fast antiquiert: in Zeiten von Hacking, dem Verschwinden des Bargelds und digitalen Geldströmen wirkt so ein Überfall auf einen Juwelier direkt nostalgisch. Dass die tölpelhaften Gangster den Coup dann natürlich verstolpern, in ihrer Großmäuligkeit zu Fehlern neigen und dann von weitaus gefährlicheren Gangstern ins Visier genommen werden, das kennt man doch eigentlich schon zur Genüge. Von einer Neuerfindung des Krimis würde ich deshalb hier keinesfalls sprechen.

Ein Thriller mit Beschleunigungsfaktor und mit Gewalt

Doch auch wenn S. A. Cosby hier nichts neu erfindet, so spielt der doch gekonnt mit den Themen und Motiven. Man nimmt ihn seinen Helden, den herzensguten Fahrer, der eigentlich nur seine Familie zusammenhalten will, durchaus ab. Auch ist das Buch in seinen Fluchtwagenszenen, den Rennen und der permanent lauernden Gefahr gelungen und presst übertragen gesprochen in den Sitz. Bei der Laufzeit des Romans ist keine Seite zuviel, das Tempo durchgehend hoch und wird zum Ende hin sogar noch beschleunigt.

Das alles wäre ein Ereignis, ein Meisterwerk, wenn da nur diese überzogene Gewalt nicht wäre. Das beginnt schon in der Eingangsszene und setzt sich im Lauf des Buchs inkremental fort.

Warren setzte gerade an, sich umzudrehen, als Beauregard den Schraubenschlüssel auf seinen Trapezmuskel krachen ließ. Beauregard hörte ein feuchtes Knacken, wie früher, wenn sein Großvater am Esstisch Hähnchenflügel gebrochen hatte. Warren ging zu Boden, und sein Urin spritzte über die Karosserie des Oldsmobile.

Er rollte sich auf die Seite, und Beauregard verpasste ihm einen weiteren Schlag auf die Rippen. Warren wälzte sich auf den Rücken. Blut tropfte aus seinem Mund un über sein Kinn. Beauregard kniete sich neben ihn, nahm den Schraubenschlüssel und legte ihn wie einen Knebel quer über Warrens Mund. Er packte beide Enden und legte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf. Warrens Zunge krümmte sich wie ein dicker rosa Wurm um den Schaft des Werkzeugs. Blut und Speichel strömten aus seinen Mundwinkeln über seine Wangen.

S. A. Cosby – Blacktop Wasteland, S. 23

Fazit

Das war mir seiner Brutalität und der Explizität der Schilderungen dann doch etwas zu heftig, als dass ich dieses Buch vorbehaltlos weiterempfehlen könnte. Das ist schade, weil Blacktop Wasteland ansonsten eigentlich ein rundum gelungener, schneller und mitreißender Thriller aus der amerikanischen Einöde ist. Nur der Punkt der schon fast splatterhaften Gewalt, er störte mich doch erheblich, vor allem wenn gegen Ende alles in einem Gemetzel versinkt (ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen). Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen – was S. A. Cosby dann hoffentlich im dieser Tage erscheinenden neuen Thriller Die Rache der Väter dann beherzigt. Dann könnte er wirklich in die Premiumliga der amerikanischen Spannungsautor*innen aufsteigen!


  • S. A. Cosby – Blacktop Wasteland
  • Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
  • ISBN 978-3-7472-0220-3 (Ars Vivendi)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €

Don Winslow – City on fire

Ist das noch Troja oder schon Dogtown, dass da brennt? Zum (angeblich) letzten Mal beglückt uns Don Winslow mit einer Trilogie um Rache, Verrat, Mobster, Gewalt und Liebe. City on fire ist eine klassischen Tragödie im Gewand eines Mafiathrillers, der den Auftakt zu einer Reihe um Danny Ryan bildet. Dieser findet sich in einem verzehrenden Kampf zwischen italienischer und irischer Mafia wieder. Nicht ganz so voluminös wie Winslows Zyklus um den DEA-Agenten Art Keller und dessen Kampf gegen das mexikanische Kartell, aber auf dem erfreulich hohem Niveau, das er zuletzt nach den Tiefschlägen mit seinem Kurzgeschichtenband Broken wieder erreichte.


In letzter Zeit machte Don Winslow eher auf dem Feld der Social-Media-Kommunikation denn literarisch von sich reden. Mit seinen Kurzfilmen griff er in den US-Wahlkampf ein, twitterte und positionierte sich lautstark gegen die Politik Donald Trumps. Auch in seinem letzten, 2019 erschienenen Teil der Art-Keller-Trilogie ließ er Trump, dessen Schwiegersohn Jared Kushner und den Rest des damaligen republikanischen Regierungsapparat kaum verfremdet auftreten und zog dabei mächtig vom Leder, um die Bigotterie und Korruption im System mithilfe des fiktionalen Thrillers aufzuzeigen.

Seine politische Positionierung und klaren Ansichten etwa der amerikanischen Einwanderungspolitik an der Grenze zu Mexiko führte er auch in seinem zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichtenband Broken fort. Und auch künftig gedenkt Winslow dieses politische Engagement nicht ruhen zu lassen, vielmehr will er seine schriftstellerische Karriere zugunsten der Verhinderung einer Wiederwahl Donald Trumps aufgeben, wie jüngsten Pressemeldungen zu entnehmen war.

Der Auftakt zu Winslows letzter Trilogie

Bis es nun aber soweit ist, gibt es mit City on fire den Auftakt seiner vielleicht letzten Trilogie zu lesen, die sich wieder etwas von der politischen Agenda Winslows entfernt. Denn anstelle von der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft zu erzählen, begibt sich der Autor fast vierzig Jahre zurück, nämlich ins Jahr 1986, genauer gesagt in den August jenes Jahres.

Don Winslow - City on fire (Cover)

Alles beginnt mit einem Clambake, also einem Zusammentreffen beim italienischen Padrone Pasco Ferri am Goshen Beach in Rhode Island. Wenn Ferri einlädt, dann kommen sie alle, egal ob irische oder italienische Mobster. Man trifft sich bei gegrillten Meeresfrüchten und Bier, badet und parliert am Strand.

Es sind friedliche Treffen, genauso wie es eigentlich friedliche Zeiten im kriminellen Milieu sind. Iren und Italiener haben sich miteinander arrangiert, es herrscht der Zustand einer friedliche Co-Existenz. Die Iren kontrollieren die Gewerkschaften und den Hafen, die Italiener Drogen und Glücksspiel. Alles könnte eigentlich in bester Ordnung sein. Doch Ferris Einladung zu seinem Clambake ist neben den jeweiligen Sprösslingen der Anführer auch Pam gefolgt, die neue Freundin von Paulie Moretti. Sie verdreht mit ihrem Sexappeal und Aussehen sämtlichen Männern und Frauen am Goshen Beach den Kopf.

Danny Ryan sieht die Frau dem Wasser entsteigen, sie taucht auf wie ein Bild aus seinem Traum vom Meer, wie eine Vision. Nur dass sie real ist und es wegen ihr Ärger geben wird.

Wie meistens mit schönen Frauen.

Danny weiß das; nur ahnt er nicht, was für einen Wahnsinnsärger diese hier lostreten wird. Wüsste er, was passieren wird, würde er vielleicht zu ihr in die Wellen waten und ihren Kopf unter Wasser drücken, bis sie sich nicht mehr rührt.

Aber er weiß es nicht.

Don Winslow, City on fire, S. 11

Eigentlich ist Pam, die hier Botticelli-gleich den Fluten entsteigt, die Freundin von Paulie Moretti, dem Sohn des italienischen Paten. Doch auch bei Liam Murphy, dem Sohn des irischen Paten, weckt Pam Begehrlichkeiten. Er spannt Paulie Moretti seine Freundin aus – und setzt damit eine blutige Dominokette in Gang. Denn den Verlust seiner Freundin kann und will Moretti nicht hinnehmen, und so entspinnt sich ein tödlicher Kampf, in dem Autobomben und Drive-by-Shootings, viele Tote und noch mehr Leid zu beklagen sind.

Klassischer Tragödienstoff

Es ist ein klassischer Tragödien-Stoff, den Winslow hier verarbeitet. Der Kampf zweier Männer um eine Frau, der anschließende Krieg, Täuschungsmanöver und Verrat mit sich bringt und ganze Reiche in den Abgrund reißt. Die Themen sind die immergleichen, egal ob Trojanischer Krieg oder der Kampf um Dogtown in Rhode Island. Mögen sich auch die Mittel und Worte unterscheiden, die Konflikte, sie bleiben doch gleich. Und so setzt Winslow seinen verschiedenen Kapiteln auch Zitate etwa von Homers Ilias oder Virgils Aeneis voran, um das Klassische seines Stoffs hervorzuheben. Das ist zwar in seiner Überdeutlichkeit nicht besonders subtil, für die ganz feinen Zwischentöne sollte man aber eh zu anderen Autor*innen denn Winslow greifen.

Wo bei Homer das Versmaß und die Abgewogenheit in Form und Inhalt herrschte, so geht Winslow literarisch durchaus rustikaler zu Werke. In der für ihn so typischen atemlos hetzenden Prosa (abermals von der verdienten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragen) beschreibt er die eskalierende Gewalt in Rhode Island, reißt kurz, aber wirkungsvoll die Hintergrundgeschichten seiner Figuren an, lässt seine Figuren und damit die Leser*innen kaum zur Ruhe kommen und kegelt seine Figuren schnell wieder vom literarischen Spielbrett, nachdem er sie zu Beginn sorgsam platziert hat.

Das hat einen enormen Drive, ist mitreißend geschildert und lässt durch den gut gesetzten Cliffhanger am Ende des ersten Buchs schnell auf das zweite Buch namens City of Dreams hoffen, dessen in Kalifornien spielender Beginn schon als Leseprobe dem ersten Teil beigefügt ist. Geht es auf diesem Niveau weiter, wäre der Entschluss Winslows zum Ende als Schriftsteller zugunsten seines politischen Engagements wirklich bedauerlich. Hier schreibt ein echter Könner, der die Welt der amerikanischen Mobster eindrücklich zu schildern weiß und dessen Ideen der Überführung eines antiken Tragödienstoffs ins Mafiamilieu der 80er Jahre plausibel aufgeht.


  • Don Winslow – City on Fire
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-7499-0320-7
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €