Es ist eine Geschichte, die man auch nach fünfundfünzig Jahren noch kennt: ein junges Mädchen verliebt sich in einen verheirateten älteren Mann – sie wird schwanger und muss nun alleine mit den Konsequenzen ihres Tuns leben. Im Falle von „Männer wie Männer, Frauen wie Frauen“ heißt das Mädchen Leena und der Mann, in den sie sich verliebt ist ein verheirateter Straßenarbeiter in Finnland. Gleich zu Beginn wird sie schwanger, verheimlicht zunächst noch das Kind, das in ihrem Inneren heranwächst, und flüchtet dann vor den Vorwürfen ihrer Familie zu einer anderen Familie, wo sie als Haushaltshilfe anheuert und gebärt ihr Kind.
So weit eigentlich eine recht lineare Geschichte, die der ein oder andere vielleicht sogar in abgewandelter Form aus Bekanntenkreisen kennt. Was „Männer wie Männer, Frauen wie Frauen“ von Marja-Liisa Vartio dann aber so besonders macht, das ist ihre Sprache und das Gefühl, dass diese Geschichte bei aller Antiquiertheit doch zeitlos ist. Da werden zwar noch Eilgespräche bestellt, es ist eine Katastrophe wenn der Büstenhalter in den Staub auf den Boden fällt, und die Mutter webt Bettwäsche mit Spitze, doch abseits von diesen Atavismen jedoch bleibt das Buch aktuell.
Vartios Prosa wirkt – obwohl 55 Jahre alt – doch frisch und unvergänglich und überzeugt durch einen ganz eigenen lyrischen Tonfall. Bereits 1961 im Alter von 41 Jahren gestorben, lohnt es sich, die finnische Autorin vielleicht im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, wo Finnland 2014 ja Gastland ist, neu zu entdecken und sich mit ihrem Schaffen zu befassen!
Das Topos des Arztes – es ist nicht unterzukriegen. Von gruseligen vorsintflutlichen Serien wie der Schwarzwaldklinik bis heute zieht sich der Halbgott in Weiß durch die Pop-Kultur. Von Konsalik bis Greys Anatomy – der Arzt bzw. die Ärztin als Motiv bietet reichlich Stoff für mediale Bearbeitungen.
Der Übersetzer und Autor Kristof Magnusson hat sich nun für seinen zweiten Roman nach dem großartigen Das war ich nicht nun ebenfalls einen Arztroman ausgedacht.
Eine Ärztin in Berlin
Kristof Magnusson begeht nicht den Fehler, einen Abklatsch der unzähligen Arztserien (von Emergency Room über Greys‘ Anatomy bis hin zu Doctor’s Diary) anzufertigen. Stattdessen entscheidet er sich bewusst für eine realistische Zeichnung des Arztberufs und des Lebens. Sein Rettungsärztin Anita Cornelius ist eben keine Halbgöttin in Weiß, sondern eine Frau mit viel Grau. Diese Ambivalenz macht den Reiz des Arztromans aus. Man muss Kristof Magnusson auch Respekt zollen, mit welcher Akribie er sich in die Welt der Ärzte und Rettungssanitäter eingearbeitet hat. Medizinische Eingriffe werden detailliert geschildert und nach der Lektüre hat man das Gefühl, selbst eine halbe Famulatur hinter sich zu haben.
Seine Heldin heißt Anita Cornelius und lebt und arbeitet in Berlin im Urban-Krankhaus. Zusammen mit ihrem Rettungssanitäter Maik versucht sie die Bevölkerung Berlins vor dem Ersticken, toxischen Schocks und ähnlichen Unglücken zu bewahren. Dies gelingt ihr auch ausnehmend gut und professionell. Im Privatleben hingegen sieht es desaströs aus. In Scheidung lebend mit einem halbwüchsigen Sohn versucht sie, zwischen Eifersucht, dem Wunsch nach Nähe und aufkeimenden Gefühlen wenigstens ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. Dies mag ihr allerdings kaum gelingen – zur Freude der Leser*innen.
Dies möchte ich aber nicht kritisch verstanden wissen. Im Gegenteil. Dieser Realismus tut dem Arztroman sehr gut. Geschickt schafft es Magnusson, dem Arztberuf in diesem Beruf den Nimbus zu nehmen und zu zeigen, dass das Bild der Halbgötter in Weiß kein Richtiges ist. Selten ist das Leben so interessant, wie wenn Kirstof Magnusson es schildert!
Schon der Titel von Joe R. Lansdales neuem, bei Tropen erschienenen Roman macht deutlich, dass es finster wird in dem Buch. Wie in den meisten seiner Bücher wird auch diese neue Geschichte aus den Augen eines Kindes erzählt, das im Laufe des Buches Bewährungsproben bestehen muss und heranreift. Der Erzähler von „Das Dickicht“ ist der junge Jack Parker, dem im Laufe des Buches fast alles genommen wird. Verliert er zunächst infolge einer Pocken-Epidemie seine Eltern, muss er dann auch noch mitansehen, wie bei einer Flussüberquerung sein Großvater erschossen und seine liebreizende Schwester Luna von Halunken entführt wird.
Doch Jack wäre kein Lansdale-Charakter, wenn er sein Schicksal nicht in die eigenen Hände nehmen würde. Kurzerhand klemmt er sich hinter die Spur der Entführer und bekommt im Lauf seiner Reise immer mehr (meist skurrile) Unterstützung – dazu zählen ein ausgewachsener Eber, ein farbiger Kopfgeldjäger und ein Lilliputaner.
Was sich auf dem Papier nach einer allzu hanebüchenen Mischung anhören mag, funktioniert bei Joe R. Lansdale wieder ausgezeichnet – auf 330 Seiten erzählt er eine spannende und sehr düstere Geschichte, die insgesamt zu den heftigeren Erzählungen aus Lansdales Feder zählt. Stellenweise liest sich „Im Dickicht“, als hätten sich Quentin Tarantino und Mark Twain zusammengetan, gerade wenn die Kopfgeldjäger wieder auf Opfer der Entführer von Jacks Schwester stoßen, geizt der texanische Autor nicht mit Details. Wer sich an diesen Einsprengseln nicht stört, bekommt wieder eine ganz typische Lansdale-Erzählung mit Spannung, Humor und tollen Szenen aus einem vergangenen Texas sowie einen Entwicklungsroman der etwas anderen Art.
Wer sich von der Aufmachung und dem Klappentext dieses Buch in die Irre führen lässt, könnte glatt glauben, mit „Der elfte Gast“ den elften Fall für die A-Gruppe aus der Feder Arne Dahls vor sich zu haben. Allen, die die Erwartung eines letzten, finalen und spannenden Falles haben, kann man nur empfehlen, die Finger schleunigst von diesem Buch zu lassen. „Der elfte Gast“ ist vielmehr eine Bonus-Geschichte und eine Art Brückenkopf zum neuen Quartett um die Europol-Gruppe, in dem noch einige Charaktere aus dem A-Team fortbestehen. Der Autor Arne Dahl treibt in seinem Buch ein doppeltes Spiel und schreibt eine Art Verbeugung vor Giovanni Boccaccios legendärem Decamerone-Zyklus. In Dahls Buch treffen sich die zehn Mitglieder, die der A-Gruppe angehörten, noch einmal zu einem finalen Abend in einem alten Herrenhaus. Ein mysteriöser Gastgeber hat zu diesem Mahl eingeladen, doch niemand kann sich einen Reim darauf machen, wer dieser elfte Mann sein sollte.
Bis die Identität dieses Gastgebers gelüftet ist, erzählen sich die Mitglieder einander zehn Geschichten, die allesamt auf irgendeine Art miteinander verbunden sind. Diese Geschichten variieren in ihrem Erzählduktus stark und machen so aus dem Roman ein Buch mit Episoden-Charakter. Dementsprechend würde ich dieses Buch auch nicht als Kriminalroman bezeichnen, vielmehr hat das Buch durch seine Fokussierung auf die zehn Geschichten und zehn Protagonisten der A-Gruppe den Charakter eines Kurzgeschichtenbandes, der allerdings in sich geschlossen ist.. Erst mit der Identität und der Erzählung des mysteriösen elften Gastes bekommt die literarische Konstruktion des Buchs Sinn und bildet einen Ringschluss. Dies ist literarisch großartig gemacht – erneut stellt Dahl seine schriftstellerischen Fähigkeiten unter Beweis. Die zehn Kurzgeschichten, die im Buch verbaut sind, künden vom Talent des Autors, Spannung mit anspruchsvoller Prosa zu verbinden. So ist das Buch ein aus dem Dekalog der A-Gruppen-Romane herausstehender Roman, der die bisherigen Bände abrundet und zugleich eine literarische Spielerei, die dem Leser vor Augen führt, welch ein großartiger Schriftsteller Arne Dahl doch ist.
Südafrika ist ja schon länger ein echter Tipp, wenn es um Spannungsliteratur geht. Autoren wie Roger Smith, Malla Nunn, Mike Nicol oder eben auch Deon Meyer haben das Land an der Südspitze Afrikas auf der Krimilandkarte bekannt gemacht.
Gerade letzterer ist ein Garant für starke Charaktere und Plots, was er mit Cobra nun wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt. Der neue Fall für Bennie Griessel, den trockenen Alkoholiker vom Kap, ist ein verzwickter, wendungsreicher und unheimlich schneller und mitreißender Thriller, der jedem Fan von Spannungsliteratur wärmstens ans Herz gelegt gehört.
Diesmal bekommt es Bennie Griessel mit einem unüberschaubaren Interessen- und Parteiengeflecht zu tun, dem er mit seinen loyalen Mitstreitern gegenübertreten muss. Auf einem südafrikanischen Weingut wurden zwei bestens ausgebildete Wachleute getötet und eine Person ist verschwunden. Die Identität des Verschwunden bleibt genauso mysteriös wie die des Schützen. Die einzige Spur Griessels sind die Patronenhülsen mit Cobra-Signatur, die am Tatort zurückgeblieben sind. Bei seinen Aufklärungen wird er vom Staatsschutz überwacht und in immer schneller werdenden Tempo nehmen die Ereignisse zu, sodass Griessel alles aufbieten muss, um den Fall zu lösen.
Schnell, schneller, „Cobra“
Selten habe ich in den letzten Monaten einen Roman gelesen, der mich so gefesselt und förmlich durch die Seiten geprügelt hat, wie Cobra von Deon Meyer. Das Tempo, das der südafrikanische Autor in seinem neuen Thriller vorlegt, ist im wahrsten Sinne des Wortes atemraubend. Er hetzt seine Protagonisten, allen voran Bennie Griessel und den farbigen Taschendieb Tyrone von Schauplatz zu Schauplatz, gejagt beziehungsweise verfolgt vom mysteriösen Killer mit der Cobra-Signatur. Bei allem Tempo schafft es Meyer, seine Protagonisten mit einer Wärme und Menschlichkeit zu zeichnen, die im zeitgenössischen Krimi ihresgleichen sucht.
So besticht Cobra mit Tempo, einem Plot, der immer unvorhergesehen plötzlich eine 90°-Kurve beschreibt und Protagonisten, die man so schnell nicht vergisst. Insgesamt ein Buch, das man gerne auf seinen Wunschzettel packen darf, wenn man gute Bücher mag.