Peter Heller – Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Big Hig ist Legende

Hätten sich Daniel Dafoe und Cormac McCarthy zusammengeschlossen, um eine Dystopie zu schreiben, wäre wohl so etwas wie „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ von Peter Heller dabei herausgekommen.

Das Setting des Romans ist in den Grundzügen schon wohlbekannt und erinnert ein wenig an „Ich bin eine Legende“ von Richard Matheson. Nach einer Epedemie in den Vereinigten Staaten ist die Bevölkerung dezimiert worden und das Land liegt brach. Big Hig lebt zusammen mit dem Hund Jasper und seinem Nachbarn, dem Waffennarren Bangley, auf einem verlassenen Flughafengelände.
Seine Tage verbringt Big Hig mit dem Anpflanzen von Gemüse, Angeln und überwiegend mit Patrouillenflügen mit seiner alten Cessna. Dabei leistet ihm der betagte Hund Jasper Gesellschaft.

Aus diesem dystopischen Grundsetting baut Peter Heller eine Geschichte, die die Erwartungen des Covers ins Leere laufen lässt. Statt schöner Bilder zeigt der Survivalexperte ein ungeschöntes Bild vom Leben und Sterben und vom Kampf um die eigene Existenz. Der Tod ist ein festes Element in „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ und kommt brutal und plötzlich daher. Trotzdem gelingt es Peter Heller auch einfühlsame Momente zu schildern, die den Glauben an das Gute im Menschen wahren. So gerät der Roman zu einem versöhnlichen Stück Literatur, das den Blick immer nach vorne richtet und Optimismus verstrahlt.

Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Diese Dinge geschehen nicht einfach so ist das Debüt der Amerikanerin Taiye Selasi in der literarischen Disziplin des Romans. Bisher ist sie eher mit Aufsätzen und Erzählungen in Erscheinung getreten, um jetzt mit ihrem Romanerstling die Kritik auf sich aufmerksam zu machen.

Der Roman erzählt von der wahrlich kosmopolitischen Familie, die der Bostoner Chirurg Kwaku und seine Frau Fola gegründet haben. Ausgehend vom Tod des Familienoberhaupts erzählt Selasi von seinen Söhnen und Töchtern und seiner Frau Fola, die auf allen Erdteilen verstreut leben. Erst der Tod Kwakus führt die Familie wieder zusammen und es wird klar, was sie im Innersten zusammenhält.

Ebenso bunt wie das Cover kommt auch die Handlung und Familie von Diese Dinge geschehen nicht einfach so daher. Taiye Selasi schert sich nicht um Konventionen und erzählt ihren Roman sprunghaft und in Episodenform, wild durcheinander geschnitten. Leser, die einen linearen Aufbau nach altbekanntem Muster erwarten, dürften von diesem im S. Fischer-Verlag erschienen Buch enttäuscht werden. Selasi erweitert mit ihrem Sprachsensorium die Grenzen des für mein Empfinden oftmals recht altbacken daherkommenden Familienroman gewaltig.

Mühelos gelingt ihr der Spagat zwischen den verschiedenen Personen, dem Beziehungsgeflecht und den höchst unterschiedlichen Viten, die, obwohl der Roman insgesamt nur 400 Seiten zählt, allesamt hervorragend verknüpft sind. Themen wie die Suche nach Identität und das Verbindende von Familien sind das Hauptmotiv in diesem Roman, der diese elegant einkreist und in den Mittelpunkt stellt.

Wer das Schicksal einer etwas anderen Familie beobachten möchte und Literatur sucht, die abseits ausgetretener Pfade wandelt, dürfte mit Diese Dinge geschehen nicht einfach so richtig beraten sein!

Matthias Sachau – Hauptsache, es knallt

Schlimmer als im Auftaktkapitel zu „Hauptsache, es knallt“ von Matthias Sachau kann es kaum kommen. Jeder der schon einmal auf einer Hochzeit war oder wenigstens halbwegs die Vorstellung einer Hochzeit in Weiß bewahrt hat, wird die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen angesichts des geballten Chaos in Sachaus neuem Buch.
Doch wie es zu diesem Hochzeitsdesaster kam, klärt der Autor erst langsam und lässt den Wahnsinn, der über die Hochzeitsgesellschaft rund im Janina (Traumfrau Typ Eiche) und Markus hereinbricht, langsam beginnen. Doch das Desaster nimmt unaufhörlich seinen Lauf und im Stile der 24-Serie droht der schönste Tag im Leben der beiden zu einer Tour de Force zu geraten, die man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht.
Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive von Tim, der als enger Freund des Brautpaares versucht, den schönsten Tag der beiden auch mit höchstem körperlichen Einsatz noch halbwegs glimpflich zu gestalten. Doch dass das nix wird weiß der Leser schon seit den ersten Seiten – und amüsiert sich köstlich dabei.
Sachau lässt sich nicht lumpen und fährt ein Monstrositätenkabinett der Hochzeitsgäste auf: Vom Hobbyrennfahrer im Rollstuhl, genannt Turbo-Erich, bis hin zum ekelhaft jovalen kölschen Füllkrug. Wer solche Gäste auf seiner Gästeliste hat sollte sich das mit dem Trauen noch einmal überlegen.
Ein großer Spaß mit vielen Pointen, den man zukünftigen Brautpaaren erst besser nach der Hochzeit schenken sollte … 

Adrian McKinty – Der katholische Bulle

Das Herz der Finsternis

Es gibt schönere Orte auf Erden als Carrickfergus, an denen man als Polizist seinen Dienst versehen kann,.
Der Ort Carrickfergus ist ein Vorort der nordirischen Hauptstadt Belfasts und das Jahr ist 1981. Noch prekärer wird die Lage, wenn man zum Höhepunkt des Nordirlandkonflikts dort als katholischer Bulle seinen Dienst versieht.
Denn zwischen den verschiedenen Parteien und Religionen brennt die Luft, wenn man sich zur falschen Zeit auf der falschen Seite aufhält, kann dies durchaus tödlich enden.
Mit diesen (und weiteren)  Probleme hat Sean Duffy zu kämpfen, als er als Jungspund ins Polizeirevier nach Carrickfergus abgeordnet wird und sofort zur Zielscheibe des Hasses der IRA wird. Und als immerhin sehr belesener – Grünschnabel wird Duffy gleich auf seinen ersten Fall angesetzt, der es in sich hat. Wie es den Anschein hat, scheint Nordirland vom ersten Serienkiller in der Geschichte des Landes heimgesucht zu werden, der sich unter den Homosexuellen Belfasts seine Opfer sucht. Duffy muss seine Ermittlungen aufnehmen und sich seiner Haut erwehren.

Harter Tobak

Es ist wahrlich harter Tobak, den Adrian McKinty im Auftakt zu seiner Sean-Duffy-Reihe (Teil zwei erschien Anfang des Jahres in Amerika) kredenzt. Belfast gerät bei ihm zu einem einzigen Moloch aus Hass, Gewalt und Fanatismus – ein einziges Herz der Finsternis.
Mit Sean Duffy setzt er dem ganzen brutalen Inferno einen höchst sympathischen Ermittler entgegen, der zwar noch grün hinter den Ohren ist, seine Sache dennoch ausgezeichnet macht.
Er kämpft sich durch ein undurchdringliches Dickicht aus alten Rivalitäten und Feindschaften, die sowohl zwischen den einzelnen Charakteren als auch zwischen den verfeindeten irischen Splittergruppen herrschen. Dass dies auch für den Leser nicht immer leicht ist soll folgendes Zitat zeigen (S. 242):

„All das hier, der neue Job, das neue Büro, und die DUP ein Stockwerk tiefer. Seawright ist von der UVF, richtig? Seawright ist UVF, Billy White ist UDA, und Sie sind der neue Kopf der FRU und neuer Verbindungsmann zwischen den loyalistischen Paras und der IRA“ stellte ich fest.

Eine großartige Melange für Kenner

Wer „Der katholische Bulle“ richtige verstehen und genießen will, sollte einiges an Vorwissen bzw. den Willen sich nebenbei ein Bild der Geschehnisse zu machen, mitbringen. Adrian McKinty gibt keine großen Einführungskurse, ehe er die Handlung beginnen lässt.
Ähnlich wie Sean Duffy wird man ins kalte Wasser der nordirischen Feindschaften geworfen und muss sich aus dem Geflecht befreien. Wer eines der anderen vorzüglichen Bücher McKintys gelesen hat, weiß, was einen erwartet: Ein Thriller durchsetzt mit großartigen Anspielungen und einem hohen intellektuellen Niveau (wer sonst könnte Max Weber, Novalis und die Stones so vorzüglich verquicken?) und einigen brutalen Passagen. Zart behafteten Lesern würde ich raten, die Finger von diesem Buch zu lassen – allen anderen, die gerne etwas aus guten Büchern lernen und Krimis nicht alleine der Spannung wegen konsumieren. Eines der besten Bücher des Jahres 2013!          

Paolo Roversi – Milano Criminale

Milano Criminale stammt vom jungen Mailänder Krimiautoren Paolo Roversi, von dem bislang zwei Krimis um den gewieften Hacker Enrico Radeschi im List-Verlag veröffentlicht wurden (Die linke Hand des Teufels und Tödliches Requiem). Nett zu lesen waren beide Krimis, doch nun entschied sich der Ullstein-Verlag, ein anderes Werk des Italieners zu publizieren

Die rote Stadt

Milano Criminale ist die Lebensgeschichte zweier Rivalen und ein Bild der chaotischen 68-Jahre in Mailand, die als Ligera in die Annalen der Geschichte eingehen werden. Antonio und Roberto sind Weggefährten im Mailand der 60er Jahre, aufgewachsen in den Straßen und Gassen der Arbeiterstadt – doch schon bald bewegen sich ihre Viten diametral auseinander.
Während sich Roberto der Unterwelt Mailands andient beschließt Antonio sein Leben in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen. Er wird Mitglieder Polizei Mailands und macht fortan Jagd auf die Verbrecher der Stadt – und schon bald wird sich sein Lebensweg wieder mit dem von Roberto kreuzen …

Es ist eine klassische Ausgangslage, die Paolo Roversi in Milano Criminale zum Aufhänger seines Buches benutzt. Zwei Männer auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Das wäre so eine klassische Idee, doch das Buch gewinnt seinen Reiz aus der Tatsache, dass der Kampf der beiden Charaktere Teil eines noch viel größeren Plots ist.

Roversi erzählt von verschiedenen Verbrechern und Polizisten, von Studentenprotesten, die den deutschen 68er-Revolten gar nicht so unähnlich sind, und vom Weg in den zielgerichteten Terror, der den Studentenaufständen erwuchs. Dies packt der italienische Autor in 460 kurz getaktete Kapitel, die durch das verwendete Präsens vorwärtspreschen und dem Leser ein umfassendes Bild der chaotischen Jahre in der roten Stadt Mailand vermitteln.

Leser, die an dem Film Carlos – der Schakal oder den Büchern James Ellroys Gefallen gefunden haben, dürfte auch Milano Criminale zusagen.

Ein starkes Stück Kriminalliteratur, dass sein Finale auch wirklich erst auf den letzten Seiten erlebt und das den Leser teilhaben lässt an den tödlichen Geschehnissen in der roten Stadt Mailand – sehr lesenswert!