John Lanchester: Kapital

Leider lässt sich der wunderbar zweideutige Titel Capital im Original nur ungenügend ins Deutsche übertragen. Dennoch trifft auch Kapital fast den Kern der Sache, auch wenn das Buch noch einen zweiten Hauptdarsteller kennt, nämlich die Finanzkapitale London.

Ein kapitaler Roman

John Lanchester - Kapital (Cover)

Diese bricht John Lanchester gekonnt auf die Pepys Road herunter, die Hauptdarsteller im Buch ist. In ihr lebt ein buntes Panoptikum an Londoner Bürgern an deren täglichen Leben und Sorgen Lanchester uns teilhaben lässt. Es wird geliebt, gestorben, getäuscht und gespielt. Der Autor berichtet von Bankern, Senioren, illegalen Immigranten und Fußballtalenten. Stets souverän erzählt ihr von ihren kleinen und großen Sorgen und entwickelt so einen höchst ansprechenden Episodenroman.

Kapital kann als literarische Antwort auf die Finanzkrise gelesen werden – spielt ja ein Banker mit großen Problemen eine der zentralen Rollen im Buch. Ebenso kann der Roman aber auch als Panorama unserer Zeit und unserer Probleme gelesen werden, will man nicht unbedingt die Verbindung zur akuten Finanzkrise herstellen.

Als subtiles Thema flicht John Lanchester den Erzählstrang von mysteriösen Briefen und Nachrichten ein, die verkünden „Wir wollen was ihr habt“. Mal droht diese Strang ganz zu verschwinden, dann mäandert er wieder in voller Breite durch das Buch, immer um zu zeigen, wie die Bewohner die Pepys Road verändert haben und wie die Pepys Road die Menschen geändert hat. Deshalb aber aus dem Buch einen Krimi stricken zu wollen, wäre verkehrt. Vielmehr zeigt Lanchester in diesem kurzen Stück Literatur gewordener Gegenwart auf, wie sich unsere Leben gegenseitig beeinflussen und welche Folgen manche Handlungen haben können. Besonders eindrücklich wird dies an den Stellen, an denen der Engländer von einer illegalen Immigrantin oder von einem unter Terrorismusverdacht geratenen muslimischen Bürger berichtet.

Ein fesselndes Buch, da es nicht mehr sein will als eine kurze Skizze unseres täglichen Lebens. Ein Buch über Einzelschicksale, London und über das Leben allgemein!


  • John Lanchester – Kapital
  • Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
  • ISBN 978-3-608-93985-9 (Klett Cotta)
  • 692 Seiten. Preis: 25,00 €

Robert M. Edsel: Monuments Men

Der etwas andere Kulturkampf

Robert M. Edsel hat mit „Monuments Men“ einer schon lange vergessenen Spezialtruppe des amerikanischen Militärs ein Denkmal gesetzt. Die Aufgabe dieser Monuments Men war es, im zweiten Weltkrieg beziehungsweise zu dessen Ende hin, die von den Nazis verschleppten und versteckten Kunstwerke aufzuspüren und wieder an ihre angestammten Plätze zurückzuführen.
Heute ist die Existenz dieser Gruppe nur noch eine Fußnote der Geschichte – Grund genug für Edsel seine langjährigen Recherchen in ein populärwissenschaftliches Sachbuch umzuwandeln. Zudem soll das Buch als Vorlage für einen Film mit George Clooney und Daniel Craig dienen. Der bald in den Kinos zu sehen wird. Und wenn man das Buch des amerikanischen Autors so liest, bekommt man schnell das Gefühl, dass eine Visualisierung der Historie durchaus für die große Leinwand geeignet sein dürfte.
Auch wenn „Monuments Men“ über 500 Seiten lang ist, ist die Geschichte, die der Historiker erzählt, durchaus spannend und fesselt über die Länge des Buchs. In den Mittelpunkt seines Werks stellt er die titelgebenden Monuments Men und deren individuelle Lebenswege im zweiten Weltkrieg sowie die Aufgaben, denen sie sich widmenten.
Auf Nebensächlichkeiten wie Fußnoten mit Fußzeile verzichtet Robert M. Edsel komplett, die Quellen muss man sich aus dem umfangreichen Anmerkungsapparat erschließen.
Auch sonst ist Edsels Werk eher eine romanhaftes Sachbuch als eine sachliche wissenschaftliche Quelle, denn der Amerikaner lässt seine Figuren denken und leiden, wenngleich dies auch an manchen Stellen unverbürgt ist. So entsteht definitiv ein Gefühl der Nähe zu seinen Protagonisten, auf der anderen Seite stellten sich mir manchmal, durch die wissenschaftliche Brille betrachtet, die Nackenhaare auf.
Wer aber keine Forschungsliteratur will, sondern sich für die Hintergründe des größten Kunstraubs der Geschichte und dessen Rückführung interessiert, der wird mit den „Monuments Men“ definitiv glücklich!         

Jordi Puntí: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

Vater Morgana

Davon könnte sich sogar Boris Becker eine Scheibe abschneiden: Der titelgebende Spediteur Gabriel Delacruz hat persönlich den europäischen Gedanken „Alle Menschen werden Brüder“ verstanden und selbst hart an der multilateralen Verständigung gearbeitet:
In vier verschiedenen Ländern hat er vier verschiedene Söhne, die alle auf den Namen Christof hören: In Deutschland hat er einen Christof, in Frankreich einen Christophe, in England einen Christopher und in Spanien schließlich einen Cristòfol gezeugt.
Erst mit dem Verschwinden des Vaters erhalten die vier Brüder Kenntniss voneinander und treffen zusammen, um die Geheimnisse ihrer Mütter und ihres Vaters zu lüften. Dies ist zugleich der Ausgangspunkt dieses Romans von Jordi Punti.
Eine bestechende Grundidee und ein Plot, der in den Händen Jordi Puntis zu einem dicken Buch geworden ist: Mit über 600 Seiten ist ein Roman entstanden, der ein überbordendes Familienporträt ist. In diesem Buch spannt Jordi Punti fabulierfreudig einen großen Bogen um die Vita des verschwundenen Vaters und seiner vier Söhne. Der Roman ist eine mäandernde Biografie um eine Vater Morgana, die sich manchmal in Anekdoten zu verirren droht, stets aber wieder auf den Pfad der Haupterzählung einschwenken kann.
Manchmal erinnert der Roman an eine geschwätzige spanische Marktfrau, die sich mit Vergnügen dem aktuellen Klatsch hingibt, manchmal changiert die Erzählung in den Tonfall der „Fabelhaften Welt der Amelie“. Dies offenbart an einigen Stellen auch die Schwäche des Textes – der durchaus auch ein paar Seiten weniger vertragen hätte. So sind einige Längen vorhanden, die zwar für die Erzählökonomie nicht gerade vorteilhaft sind, dafür aber das Panorama des Gabriel Delacruz und seiner Söhne noch etwas bunter machen.
Wer etwas Zeit in einen Roman investieren möchte, der deutlich mehr über eine einfache Biographie oder Familiengeschichte hinausgeht, der dürfte bei „Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ fündig werden. Wer lieber schlanke Plots schätzt dürfte dieses Buch als überladen empfinden – es unterhält aber auf jeden Fall!

Sara Gran: Das Ende der Welt

Abseits vom Krimi-Mainstream

Sie suchen einen spannenden Krimi, bei dem ein Mörder gesucht wird und eine Ermittlerin unbeirrt zur Wahrheit durchkämpft? Dann lassen Sie Ihre Finger bloß von diesem Buch!
Selten wurde in einem Buch ein verquerer Plot gelöst, so viel gekokst und so wenig zielführend ermittelt. Wie im mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Vorgängerbuch „Die Stadt der Toten“ ermittelt auch im zweiten Band wieder Claire DeWitt, die beste Detektivin der Welt. Und dies tut die charismatische Ermittlerin erneut auf die wohl unorthodoxeste Art und Weise, die momentan in einem Roman zu bestaunen ist.
Wie in einem Stream of Consciousnesslässt sie sich diesmal durch die verschiedenen Viertel San Franciscos treiben und versucht, dem Tod ihres Ex-Freunds Paul auf die Spur zu kommen. Dieser, ein halbwegs bekannter Gitarrist, wurde in seinem Haus erschossen und nicht nur fünf verschwundene Gitarren lassen Fragen aufkommen.
Claire DeWitt versucht nun dank ihrer eigenwilligen Ermittlungsmethoden, den Mörder Pauls dingfest zu machen. Zudem ermittelt sie im Fall verstorbener Minipferde und muss sich mit weiteren Nebenkriegsschauplätzen auseinander setzen.
Zudem konfrontiert Sara Gran den Leser erneut, wie in „Die Stadt der Toten“, in Rückblenden mit einem Fall aus Claires Jugendjahren. Das ist insgesamt alles andere als übersichtlich, trägt aber auch zur Faszination des Buches bei.
In der momentanen Krimilandschaft dürfte es kaum eine Person geben, die in ihrer Spleenigkeit und ihrer Radikalität an Claire DeWitt heranreicht. Wer, wie eingangs erwähnt, konventionelle Krimis sucht, die im täglichen Leben geerdet sind, der sollte einen möglichst großen Bogen um die Claire-DeWitt-Reihe machen. Alle anderen, die innovative, bunte und überbordende Romane lieben und auch den Gerichtsmediziner Doktor Siri aus der Feder von Colin Cotterill schätzen könnten ruhig einmal in dieses Buch hineinschnuppern. Krimikost abseits des Mainstreams – mir gefällt’s!

Martin Suter: Der Teufel von Mailand

Schweizer Synästhesie

Martin Suter zählt zu den wohl bekanntesten Schweizer Bestsellerautoren. Der Teufel von Mailand ist hierbei wohl nicht das kreativste seiner Werke, allerdings auch kein wirklich schlechtes Buch. Alles beginnt mit einem LSD-Trip, der die gerade frisch von ihrem Mann getrennte Sonia völlig aus der Bahn wirft. Synästhesie lautet die Diagnose – fehlgekoppelte Sinneseindrücke.

Sonia schmeckt plötzlich Farben, hört Geschmacksrichtungen und ist wie vor den Kopf gestoßen. Sie beschließt, eine berufliche Chance wahrzunehmen und in einem Hotel in den Schweizer Bergen als Physiotherapeutin einen Neuanfang zu wagen.

Doch die Idylle in dem mysteriösen Hotel und dem dazugehörigen Dorf währt nicht lange. Schon bald nimmt eine Kette von gefährlichen Vorgängen ihren Lauf, die mit dem geheimnisumwitterten Teufel von Mailand in Verbindung zu stehen scheint.

Es wabert die Gefahr

Stets wabert über dem ganzen Plot in Suters Buch die Gefahr wie der omnipräsente Nebel in den Schweizer Bergen. Das mysteriöse Hotel mit seinen Gästen und den nicht minder geheimnisvollen Dorfbewohnern, von denen letztere für mein Empfinden im Buch etwas zu viel Raum einnahmen, erinnert etwas an den Film „Shining“. Da geraten die Ereignisse im Hotel, so unscheinbar sie auch daherkommen mögen, unversehen zu einem echten Psychothriller für die Nerven.

Martin Suter - Der Teufel von Mailand (Cover)

Für seine elegante Prosa und Begriffe wie rauchfarbene Perlerinen kann man diesen Autor nur schätzen. Stets wohlformulierend kleidet Suter seine Erzählung in ein Gewand, das nicht zu leicht oder zu schwer daherkommt. Der Plot changiert gekonnt zwischen Alpenroman, Volkssage, Psychothriller und Dorfchronik.

Obwohl ich nach der Lektüre des Klappentextes noch dachte, dass Der Teufel von Mailand eine glatte Kopie des großartigen Suter-Romans Die dunkle Seite des Mondes sein könnte, bewies das Buch dann schnell seine Eigenständigkeit.

Natürlich sind Themen wie Identität und Sinnkrise immer wiederkehrende Motive in Suters Schaffen, doch Der Teufel von Mailand ist ein höchst lesenswertes und spannendes Buch. Zwar ist die Auflösung des Ganzen dann etwas unspektakulär, passt sich aber gut in das Gesamtkonzept des Romans ein und rundet den Roman ab.