Will Wiles: Die nachhaltige Pflege von Holzböden

Pedanterie versus Chaos

Was Loriot in seinem unsterblichen Sketch Das Bild hängt schief ein Wohnzimmer war, das ist für den namenlosen Erzähler in Will Wiles Die nachhaltige Pflege von Holzböden gleich eine ganze Wohnung.
Das Buch, das im Übrigen auch einen Preis für den skurrilsten Buchtitel verdient hätte, berichtet vom unabänderlichen Chaos, das mit dem Ich-Erzähler in der Wohnung seines Freundes Oskar Einzug hält.
Dieser möchte seine Scheidung in die Wege leiten und muss hierzu in die USA fliegen. Da das Wort Pedant für ihn geschaffen wurde, beauftragt er seinen Freund, den Erzähler des Buches, in der Zeit seiner Abwesenheit die Wohnung zu hüten und diese in dem Zustand zu halten, in dem Oskar sie verlassen hat. Wie das Cover bereits sehr schön suggeriert, kann damit dann das Chaos beginnen. Sehr subtil bricht das sich das Chaos dabei zunächst in der Anwesenheit des Erzähler Bahn.
Angefangen von einem kleinen Weinrand auf einem Tisch stellt sich ein infernalisches Crescendo der Verwüstung ein, an dessen Ende die Wohnung nicht mehr das sein wird, was sie einmal war.
Die Geschichte, die Will Wiles in seinem Debüt erzählt, ist dabei sehr vorhersehbar und weist die ein oder andere Länge auf. Den Humor, den der Klappentext vollmundig verspricht, muss man allerdings auch mit der Lupe suchen (und ich halte mir vor, durchaus viele möglichen Spielarten der Heiterkeit zu erkennen).
Zwar ringt Wiles seinem Text die ein oder andere Pointe ab, doch gerade was Loriot im Eingangs erwähnten Sketch gelingt, schafft Wiles nicht. „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ ist stellenweise zäh und hätte trotz der nur knapp 300 Seiten einiges an Kürzungen vertragen. Die Idee, die hinter dem Roman steht, ist zwar sehr nett, allerdings trägt sie die Erzählung nicht und der Spannungsbogen reißt schon etwa in der Mitte des Buchs.
So ist das Buch ein mögliches Geschenk für jeden befreundeten Innenarchitekten. Werallerdings temporeichen Humor und eine flott erzählte Geschichte sucht, der wird in Die nachhaltige Pflege von Holzböden nur teilweise fündig!

Mechtild Borrmann: Der Geiger

Verbrechen der Vergangenheit

Es ist eine der wohl düstersten Epochen der jüngeren Vergangenheit, in die Mechthild Borrmann die Leser ihres neuen Romans Der Geiger entführt. Im Mittelpunkt des Buches steht nämlich die unmenschliche Diktatur der Sowjetunion unter Stalin in den Jahren ab 1948.
Generell hat Mechthild Borrmann offensichtlich ein Faible für die düsteren Kapitel der Geschichtsschreibung, behandelte nicht zuletzt Wer das Schweigen bricht die Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Für diesen Roman heimste sie den Deutschen Krimipreis in der Kategorie National ein und durfte folglich nun ihr neues Buch auch als gebundenes Hardcover bei Droemer veröffentlichen.
Auf genau 300 Seiten erzählt Borrmann aus drei Perspektiven die Geschehnisse, die im Mai 1948 dazu führten, dass der begnadete und bejubelte Geiger Ilja Grenko seine kostbare Stradivari, seine Familie und seine Freiheit verlor. Sein Enkel Sascha wird im Köln des Jahres 2008 plötzlich mit den damaligen Geschehnissen konfrontiert, als er auf brisante Dokumente stößt, die das Verschwinden seines Großvaters erklären.
„Der Geiger“ verlangt dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab: 300 Seiten, 36 Kapitel, drei verschiedene Protagonisten und jede Menge russischer Namen und Ausdrücke. Dankenswerterweise ist am Ende des Buches ein Personenverzeichnis und ein Glossar der im Roman gebrauchten Begriffe angefügt, damit man sich schnell noch einmal einen Überblick verschaffen kann. Borrmann springt nämlich munter in den Zeiten und Perspektiven umher und ich hatte an manchen Stellen Mühe, die Beziehungen und Geschehnisse miteinander zu verknüpfen.
Dass die Autorin schreiben kann, steht außer Frage. Allerdings muss ich bemerken, dass mich der in der Gegenwart spielende Handlungsstrang von den drei Perspektiven am wenigsten überzeugen konnte.
Dagegen gelingt es der Krimipreisträgerin in den Episoden, die in der Sowjetunion spielen, hervorragend, den Leser mitleiden- und bangen zu lassen. Ähnlich wie in den Romanen von Tom Rob Smith zeigt sie plastisch die Terrorherrschaft des Stalinregimes auf, bei dem sich jeder Unschuldige von einem Tag auf den anderen in Gefangenschaft oder Verbannung wiederfinden konnte.
Mit kleinen Abstrichen eine wirklich fesselnde Lektüre und eine spannende Familiensaga, der es auf wenigen Seiten gelingt, wofür andere Autoren deutlich mehr Seiten benötigen: In ein fernes Land entführen, Atmosphäre und Spannung zu erzeugen und den Leser nachdenklich zu stimmen!

F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

Die Roaring Twenties

„Was wir nicht können ist irgendetwas wiederholen, kein Augenblick, kein Augenblick kann sich je wiederholen. Was wir nicht können, ist irgendetwas wiederholen – wir können nicht zurück – und warum sollten wir auch?“ (Bosse: Schönste Zeit)

Dies würde Jay Gatsby aus Der Große Gatsby naturgemäß etwas anders sehen. Doch warum das so ist und welches Geheimnis den schillernden Protagonisten aus dem wohl bekanntesten Roman F. Scott Fitzgerald umgibt, das erfährt der Leser erst später im Buch.
Das aus dem Jahr 1925 stammende Buch gilt bis heute als das beste und bekannteste Buch Fitzgeralds und entführt den Leser in die Roaring Twenties in Amerika.
Durch einen erzählerisch hervorragend gemachten Kniff betrachtet der Leser Jay Gatsby, sein Leben und sein Haus durch die Augen seines Nachbars Nick Carraway.
Dieser führt den Leser ins Leben auf Long Island ein und bringt den Leser in Kontakt mit dem Figurenensemble rund um den ebenso schillernden wie geheimnisvollen Jay Gatsby.
Man ist bei den rauschenden Festen im Hause Gatsby ebenso dabei wie man langsam hinter das Geheimnis der Strahlemannes kommt. Warum ist der reiche Hausbesitzer vom Gedanken besessen, Vergangenes zu wiederholen?
Das ist erzähltechnisch grandios gelöst, da die Erzählungen Carraways über Jay Gatsby immer den Anschein von Objektivität erwecken, doch im Grunde entlarven die Schilderungen den Nachbarn Gatsby in dem Maße, in dem man Neues über den Hausherren erfährt.
Ansonsten bietet das Buch in meinen Augen allerdings keine herausragende Komponente, die das Werk auch heute noch zur Pflichtlektüre machen würde. In sich stimmig ist der Roman leider auch bieder und bietet keinen richtigen Spannungsbogen, der den Leser durch die Zeilen ziehen würde.
Als selbst schon historisch gewordener Roman über die Roaring Twenties und die Lebenslust, die damals herrschte, ist das Buch wirklich gut zu lesen. Allerdings muss man auch erkennen, dass der Zahn der Zeit auch in nicht unerheblichem Maße an „Der große Gatsby“ genagt hat. Zu einer Neubeschäftigung mit dem Roman dürfte auch sicher die im Mai 2013 startende Neuverfilmung des Romans durch Baz Luhrman (Moulin Rouge, Australia) führen, allerdings würde ich diesen Roman mitnichten als heutige Pflichtlektüre deklarieren. Was die Filmausgabe, die im Diogenesverlag erschien, besonders macht, dürfte das profunde und interessante Nachwort von Paul Ingendaay sein, der noch einmal wichtige Punkte der Lektüre vertieft und über das Leben und Wirken Scott F. Fitzgeralds Auskunft gibt.

Matthew Quirk: Die 500

Die dunkle Seite der Macht

Politik – dröge und langweilig? Nicht unbedingt, wie Matthew Quirk in seinem Debüt „Die 500“ beweist. Mit diesem Buch ist ihm ein schneller und spannender Thriller gelungen, der gerade zum Ende hin aber auch die Grenzen zum Realismus recht schnell hinter sich lässt.
Der Grundgedanke des Romans ist bestechend und auch recht entlarvend für die heutige Zeit: Statt der Politik hat in Washington schon längst eine graue Eminenz die Macht übernommen. Henry Davies hat mit seiner Lobbyfirma die 500 mächtigsten Menschen durch umfangreiche Dossiers in der Hand. Der gutgläubige Mike Ford ahnt davon nichts, als er in der Firma anheuert. Doch schnell wird dem recht sympathischen Protagonisten mit einem kriminellen familiären Hintergrund klar, dass sein Arbeitgeber mitnichten so redlich zu sein scheint, wie er sich gibt.
Als Mike seine Finger nicht von brisantem Material lassen kann und seinen Chefs hinterherspioniert, wird er rasch in ein tödliches Spiel um Macht und Einfluss gesogen.
Die Idee von Matthew Quirk ist zwar nicht bahnbrechend neu (nicht umsonst wird das Buch fast durchgängig mit John Grishams „Die Firma“ verglichen), doch mit gefiel die Umsetzung eigentlich recht gut. Mike Ford ist ein Protagonist, der den Leser mit seiner (nach)lässigen und entspannten Grundhaltung für sich zu gewinnen weiß. Auch sind einige Actionszenen gut gelungen, bis etwa die Mitte des Buchs erreicht ist.
Danach nimmt das Realitätsmaß ebenso wie die Glaubwürdigkeit rapide ab. Von einer Actionszene hangelt sich Ford zur nächsten, ohne jemals große Probleme zu bekommen. Seine Talente werden im Laufe des Buchs immer mehr und auch der konstruierte Plot zum Ende war mir etwas zu unrealistisch, um fesseln zu können.
So wird das Buch zum Ende hin ein typisch amerikanischer Reißer, der dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Für den zweiten Teil dieser geplanten Serie ist es wünschenswert, dass Quirk ein bisschen mehr auf Inhalt statt auf Schauwerte setzt – ansonsten ein annehmbarer Thriller mit einem halbwegs originellen Setting, das mal ohne Serienmörder auskommt.          

Robert Hültner: Am Ende des Tages

Inspektor Kajetans Ende

„Am Ende des Tages“ ist der letzte Auftritt des großartigen Inspektor Kajetan. Von Robert Hültner ersonnen machte sich der ebenso unbequeme wie unangepasste Ermittler erstmals vor zwanzig Jahren im Roman „Walching“ auf die Suche nach der Wahrheit. In München und Münchner Umland forschend kämpfte Kajetan immer um die Wahrheit, um nun in „Am Ende des Tages“ sein letztes Rätsel zu lösen. Nebenbei zeichnete Hültner in den Bücher die schwierige Werdung Bayerns vom Ersten Weltkrieg beginnend durch die Räterepublik hindurch bis in die Zeit des erstarkenden Nationalsozialismus ohne dabei seine Krimis zu vernachlässigen.
Ein Abgesang auf den Protagonisten Kajetan ist das Buch dennoch nicht geworden, denn Hültner installiert parallel zu dem Münchner Kommissar den preußischen Versicherungsermittler Kull, der zeitgleich zu Kajetan den Absturz eines Flugzeugs in den Alpen untersuchen soll.
Kajetan verbeißt sich in München im Fall des im Zuchthaus einsetzenden Ignaz Rotter, der seine Frau auf einem abgelegenen Hof getötet haben soll, während sich bei Kull die Zeichen mehren, dass es bei dem Absturz in den Alpen mitnichten um einen einfachen Unfall ging.
Natürlich ahnt der Leser recht bald, dass die beiden Fälle der nicht gerade stromlinienförmig gebauten Ermittler irgendwie aneinander geknüpft sein müssen – doch wie sie das sind offenbart sich erst am Ende des Buchs.
Neben der wirklich gut konstruierten Handlung ist die Stärke Hültners auch sicherlich seine Fähigkeit glaubhafte Dialoge zu schreiben. Diese nehmen einen großen Teil des Romans ein und zeigen einen Autor, der dem Volk noch auf’s Maul schaut, um einen Allgemeinplatz zu gebrauchen. Bei Hültners Schreibe finden sich ebenso Anleihen vom traditionellen Bauerntheater wie auch von bayerischen Dramatikern vom Schlage eines Franz Xaver Kroetz. Mit einer spannenden und gut konstruierten Rahmenhandlung verknüpft wird so aus dem Buch wirklich ein ausnehmend guter Roman, an dessen Ende man es fast bedauert, dass dies Kajetans wahrscheinlich letzter Auftritt war.
Um es kurz zu machen: „Am Ende des Tages“ ist große Krimikunst. Handwerklich sauber geschrieben, von einer Fülle von zeitgeschichtlichen Informationen durchwirkt und nicht zuletzt Kajetan ein würdiges Ende bereitend. So ist der Roman leider höchstwahrscheinlich das letzte Glied in einer Kette von herausragenden Romanen, die weit über einen schieren Histo- oder Regio-Krimi hinausweisen. Dennoch: Packender kann man Zeitgeschichte nicht erzählen!