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Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)

Ein Muttersöhnchen der ganz besonderen Sorte steht im Mittelpunkt von Rabih Alameddines höchst unterhaltsamen Roman Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), der nebenbei auch viele Erkenntnisse zur Geschichte und Alltag des Libanons liefert.


Dieser Tage steht der Libanon wieder verstärkt im Zentrum der Aufmerksamkeit, da Israel das Nachbarland unter Beschuss nimmt, um die Hisbollah-Miliz zu dezimieren. Die Angriffe, die inzwischen mehr als dreitausendvierhundert Tote gefordert haben, sind nur die jüngste Spitze in der Geschichte des Landes, die immer wieder von Gewalt und Krieg geprägt war.

Das wird deutlich, wenn man den neuen Roman des Sohns libanesischer Drusen liest. Denn in Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) schwingt immer die Erfahrung des (Bürger)Kriegs und der Verlusterfahrungen mit, die sich in das Land wie auch seine Bewohner*innen eingeschrieben haben.

Verluste kennt auch Radscha, der seine Tage als Philosophielehrer in Beirut verbringt und am liebsten seine Ruhe vor allzu großem Chaos oder Unwägbarkeiten hat. Mit der Ruhe ist es allerdings nicht weit her, denn seit geraumer Zeit hat er eine weitere Mitbewohnerin in seiner eigentlich viel zu kleinen Wohnung in der libanesischen Hauptstadt, die sich bei ihm einquartiert hat. Bei ihr handelt es sich um seine eigene Mutter, die nach einigen Volten nun bei ihrem Sohn eingezogen ist und Radscha seitdem auf Trab hält.

Eine höchst originelle Frauenfigur

Rabih Alameddine - Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) (Cover)

Wie schon in seinem deutschen Debüt Eine überflüssige Frau ist Rabih Alameddine mit dieser wieder eine höchst originelle Frauenfigur gelungen, die mit Unangepasstheit und Eigensinn überzeugt. Mit ihrer Exzentrik stiehlt sie ihrem Sohn, dem Ich-Erzähler des Buchs, so manches Mal die Show.
Denn nicht nur, dass sie ihren gutgläubigen Sohn für Haarefärben wie auch finanzielle Zuwendungen oder gar die Bezahlung eines Lifting-Eingriffs einzuspannen weiß, auch ihrer Leidenschaft für psychotrope Substanzen lebt die betagte Dame ganz ungeniert aus.

Irgendwann, nachdem Nahed und ihre Mutter in unsere unangemessene Bleibe gezogen waren, hatte meine Mutter Dope entdeckt. Wenn sie high war, bekam sie einen Heißhunger, aber nicht auf irgendwelche kindischen Snacks. Sie aß dann, was der Kühlschrank hergab, kochte zwei verschiedene Eintöpfe gleichzeitig und stopfte in sich hinein, was hineinging. Nahm aber nicht zu.
„Hol die Drogen raus“, sagte meine Mutter. „Lass uns über die Stränge schlagen.“
Sie hatte vor, eine neue Stimmung in unserer Wohnung zu schaffen.

Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), S. 20

Mit der Exzentrik seiner Mutter hat sich Radscha schon längst arrangiert, wie er auch das Stigma als einziger Homosexueller des Viertels erträgt — das aber eigentlich schon großflächiger Akzeptanz Radschas gewichen ist.

Eine Einladung nach Virginia

Eigentlich könnte alles seinen geruhsamen Gang gehen, wenn da nicht diese eine Mail wäre, die ihn zu einem Literaturfestival in Virginia einlädt. Drei Monate Aufenthalt auf einer Farm im ländlichen Virginia, Kost und Logis inklusive, nur damit er weiter an seinem literarischen Oeuvre arbeiten könne. Dabei gibt es aber nur einen kleinen Haken.

Das Einzige, was mich zögern ließ, als ich die E-Mail las, war, dass ich gerade an nichts arbeitete, schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht und auch nicht vorhatte, es je wieder zu tun. Vor diesen fünfundzwanzig Jahren hatte ich ein Buch geschrieben, ja. Aber ich bin kein Schriftsteller, nicht wirklich. Ich hatte ein Buch geschrieben, doch das war es auch. Es war ein Ausreißer.

Nein, die Lüge war nicht, dass ich ein Angebot als Schriftsteller bekommen hatte, aber keiner war. Ich hatte es nie behauptet. Ich war Lehrer für Französisch und Philosophie, war einundsechzig Jahre alt, als das verdammte Angebot kam, und unterrichtete bereits seit sechsunddreißig Jahren den immer gleichen Stoff an ein und derselben Schule in Beirut.

Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), S. 28

Ein Leben im Angesicht der Katastrophen

Diese Einladung, die offenkundig auf Radschas einziger literarischen Publikation basiert (die er noch dazu auf Japanisch verfasste), sie bildet so etwas wie die erzählerische Klammer des Romans. Warum ausgerechnet er diese Einladung erhalten hat, es wird sich erst spät im Roman klären, auch wenn Radscha als Erzähler zwischendurch immer wieder auf die initiale Mail verweist.

Dazwischen gibt es Rückblenden aus dem Leben Radschas, deren Titel die Katastrophen bilden, die Radscha und sein Land ertragen mussten. Das reicht von der Covid-Pandemie der jüngsten Vergangenheit bis hin zum libanesischen Bürgerkrieg im Jahr 1975, während dem Radscha Einschneidendes erleben muss, wovon eine Rückblende anschaulich erzählt.

Höchst unterhaltsam und kurzweilig sind die Schilderungen, die langsam nicht nur ein Bild Radschas und der Beziehung zu seiner Mutter ergeben, sondern eben auch viel Geschichte und libanesischen Alltag transportieren, vom Einfluss der Dieselgeneratorenmafia bis hin zur katastrophalen Explosion im Hafen von Beirut vor sechs Jahren, die nicht nur Beirut erschütterte.

Fazit

Gelungen hält Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) die Waage zwischen Drama und Komödie, Privatem und Allgemeinen. Rabi Alameddines Buch unterhält hervorragend, hat mit Mutter und Sohn ein mehr als ungewöhnliches wie zugkräftiges Duo im Mittelpunkt und verleiht uns ähnlich wie die Werke des deutschen Autoren Pierre Jarawan Einblicke in den Alltag im Libanon auch fernab sensationsheischender Schlagzeilen.


  • Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-406-84335-8 (C. H. Beck)
  • 351 Seiten. Preis: 26,00 €

Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

Pierre Jarawan kannte man bisher als feste Größe in der Poetry-Slam-Szene des Landes. 2012 konnte er sogar den Titel des deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisters mit nach Hause nehmen. Mehrmals durfte ich Jarawan schon live lauschen, wobei er es stets schaffte, mit seinem subtilen Witz und poetischen Gedanken im Teilnehmerfeld der Slams herauszuragen. Nun hat er den Wechsel von der Kurz- zur Langform gewagt und mit Am Ende bleiben die Zedern seinen ersten Roman vorgelegt, der zu keinem anderen Zeitpunkt als in diesen Tagen hätte erscheinen dürfen.

ZedernEr erzählt in seinem Debüt von Samir, einem Flüchtlingskind, der mit seinen Eltern aus dem Libanon nach Deutschland flüchtete. Als Kind macht er mit seiner Familie die typischen Stationen einer Flucht durch (Erstaufnahme in einer Turnhalle, Bürokratie, Bangen um den Bleibebescheid, Unterkunft in einer Sozialwohnung, etc.), die sich auch in den 80ern nicht von unseren heutigen Verhältnissen unterschied. Das Glück der kleinen Familie könnte dann eigentlich perfekt sein, doch da verschwindet eines Tages plötzlich der Vater ohne Vorwarnung. Samir und dessen Schwestern erschüttert dieser Verlust und sorgt für Traumata, denen sie ganz unterschiedlich begegnen. Da Samir schon immer eine tiefe Verbundenheit mit dem Libanon spürte, beschließt er sich in das von Kriegen gebeutelte Land aufzumachen, um dort seinem Vater nachzuspüren. Welche Schritte trieben seinen Vater zu seinem plötzlichen Verschwinden und welche Geheimnisse gibt es, die Samir als Kind verborgen blieben?

Jarawans Buch setzt sich aus der Spurensuche Samirs im Zedernland Libanon und Rückblicken zu seinem Familienleben in Deutschland zusammen. Stück für Stück puzzelt der Ich-Erzähler die Geheimnisse und die Vergangenheit seines Vaters zusammen und erhält sukzessive ein völlig anderes Bild seines Vaters, als er es für möglich hielt. Aufgeteilt ist Am Ende bleiben die Zedern in drei Teile, von denen der Mittelteil den größten Raum einnimmt. Dieser behandelt die Spurensuche im Libanon sowie die Rückblicke zu Samirs Leben in Deutschland nach dem Verschwinden seines Vaters.

Bildquelle: Flickr / (c) Frode Ramone

Bildquelle: Flickr / (c) Frode Ramone

Pierre Jarawans Debüt ist nicht nur die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der zerrissen zwischen den Kulturen lebt, sondern auch ein Ausflug in die wechselvolle und von Gewalt gezeichnete Geschichte des Libanons und des Nahen Ostens. Jarawan führt vor Augen, dass die heutigen Auswirkungen der Flüchtlingskrise und damit auch des syrischen Bürgerkriegs tiefer wurzeln, als man es sich so vor Augen hält. Immer wieder geht er auf die Beziehung des so pluralistisch-heterogenen Libanon zu seinen Nachbarstaaten ein und sensibilisiert damit für die Hintergründe der aktuell schwelenden Konflikte. Auch wenn sich diese Exkurse manchmal etwas trocken ausnehmen, so sind sie doch wichtig und schaffen Wissen, das in der heutigen Flüchtlingsdebatte vonnöten ist.

Doch nicht nur die Verknüpfung von Politik, Landesgeschichte und aktuellen Bezügen macht diesen Roman so lesenswert, auch die in einer klaren Sprache geschilderte Lebensgeschichte Samirs weiß zu überzeugen. Seine Spurensuche und die Auswirkungen, die der Verlust seines Vaters in ihm hinterlassen hat, sind plausibel beschrieben. Jarawan stellt in seinem Buch die universelle Frage nach Identität und Herkunft und verhandelt diese höchst lesenswert. Das Buch der Stunde, Chapeau Pierre Jarawan!