Şeyda Kurt – Zeit der Monster

Gibt es eine Verbindung zwischen Köln und Assyrien? Şeyda Kurt geht dem in ihrem Debütroman Zeit der Monster nach und erzählt von einer Endzeit-Prophezeiung, einem Silberbecher mit rätselhafter Gravur und einem der Sumpf geheißene Viertel im Schatten eins Chemiebergs, das an Erinnerungen an Köln-Kalk weckt. Daraus wird eine Lektüre, die nicht nur dezent überfordert.


Es sind viele kulturelle Felder, auf denen sich Şeyda Kurt umtut. Sie veröffentlichte einen Podcast, der sich mit den Nachwirkungen des Attentats von Hanau beschäftigte, legte Essays zu den Themen Hass und der politischen Dimension von Zärtlichkeit vor, arbeitete für das Goethe-Institut und das Literarische Colloquium in Berlin und schrieb Theatertexte.

Nun gesellt sich das Tätigkeitsfeld des Romanverfassens zum vielfältigen Portfolio der 1992 geborenen Kurt. Denn Zeit der Monster ist das erzählerische Erstlingswerk, mit dem sie im Münchner Hanser-Verlag debütiert.
Das Buch besticht durch seine Unkonventionalität, denn eine klare Einordnung des Gelesenen fällt nicht leicht.

Hinein ins Veedel

Schauplatz des Romans ist ein Viertel einer nicht näher benannten Stadt, bei der sich doch die Anzeichen mehren, dass es sich um Kurts Geburtsort Köln handeln könnte, vielleicht sogar ihr Heimatviertel (beziehungsweise, so wie es auch im Buch heißt: Veedel) Köln-Kalk.
Sowohl in Kurts literarischer Fiktion als auch in der Realität gibt es dort eine Sieverstraße. Immer wieder blitzt der Kölsche Dialekt nicht nur in Sachen Viertelbezeichnung, sondern auch etwa in zitierten Kölsch-Songs oder Ausrufen auf. Auch wird im Viertel traditionell ein Nubbel verbrannt, wie es bis heute dort am Aschermittwoch Tradition ist.

Wie unser Viertel heißt? Das spielt keine Rolle. Wir nennen es: Sumpf. Unser Glück ist, dass Sümpfe mit hohem Torfgehalt konservierende Eigenschaften haben. Ein sauerstoffarmes und nasses Milieu verhindert die Zersetzung durch Bakterien und verlangsamt den Abbau organischer Materialien. So kann es geschehen, dass man in unserem Viertel noch nach Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden Dinge findet: Geschenke, Erinnerungen und Abfall, Träume und Namen.

Şeyda Kurt – Zeit der Monster, S. 40

Dort im Sumpf treffen bei Kurt höchst unterschiedliche Figuren aufeinander, die allesamt mehr oder minder im Bann einer apokalyptischen Endzeit-Prophezeiung stehen, die es sogar in die Tagesschau geschafft hat.

Leben im Angesicht des Endes

Seyda Kurt - Zeit der Monster (Cover)

Ihren Ausgang auf der Social Media-Plattform TikTok nehmend hat die Prophezeiung über das bevorstehende Ende der Welt und eine anstehende Katastrophe für viel Aufmerksamkeit und Beunruhigung gesorgt, mit der Kurts Figuren ganz unterschiedlich umgehen.

Sanya durchstreift das Viertel und arbeitet in der Kneipe Roter Löwe, ihr Gast ist Köbes, der sich zwar regelmäßig dem Alkohol hingibt, den aber als „Bürgermeister“ des Veedels auch die Sorge um seine Mitmenschen umtreibt. Khady schuftet im Fitnessstudio Muskelpalast McBurn, die „Brigade Karl Küpper“ marschiert in ihren roten Kampfanzügen durch das Viertel und Pfarrer Angelo, der Priester der Kirche St. Joseph, hat es täglich mit vielen Geflüchteten in seinem Haus zu tun und hadert regelmäßig mit Gott.

Sie alle beobachtet Şeyda Kurt und beschreibt, wie die Endzeitstimmung, die nebelgleich über dem Viertel liegt, sich ganz unterschiedlich auf die Figuren auswirkt. Es kommt zu Mord, zu Bränden, zum Auftauchen neuer Figuren dort im Sumpf – der auch selbst immer wieder Dinge preisgibt.

Unvorhersehbar und undurchdringlich wie der Sumpf

Dabei ist Zeit der Monster selbst so unergründlich und unvorhersehbar, wie der Sumpf selbst. Schon der Stil des Texts ist von einer großen Heterogenität geprägt. Immer wieder wechselt Kurt die Perspektive, streut geschichtliche Exkurse, Songzitate, Betrachtungen über die seltsamen Blüten der Gegenwart, politische Diskussionsthemen wie das Verhältnis des Westens zu Ländern des Nahen Ostens ein, schiebt scheinbar Willkürliches wie eine plötzlich auftauchende Fernsehdokumentation über Ziegen ins Bild oder flicht Verse in freier Form in den Text, die diesen dann weiterführen.

Dazu gibt es Figuren, die allesamt rätselhaft bleiben und deren Funktionsweise sich nicht immer schlüssig erklärt. Manchmal kippt das Ganze gar ins Parodistische, etwa wenn die Kanzlerin auftritt, die mit Perlenkette und strengem blonden Pferdeschwanz absurde Reden schwingt. Auch taucht plötzlich ein Journalisten im Text auf, der auf den Namen „Maurice von Schusslar“ hört, in dem man ohne viel Mühe den früheren Reporter und heutigen Förster Moritz von Uslar erkennen soll.

Dazu gibt es Figuren wie drei „Boys“ mit Undercut, die durch die Handlung geistern wie weiland Shakespeares drei Hexen, nur dass die Jungen Lachgas aus Ballons atmen und über Eissorten diskutieren. Was das soll? Es bleibt zu oft bei Andeutungen oder Ideen, die nicht schlüssig zu Ende geführt werden.

Auch entwickelt das Buch keinen durch- oder wenigstens eingängigen Rhythmus. Vielmehr setzt Zeit der Monster auf permanente erzählerische Standbeinverlagerung und springt am Ende sogar ganz weit ab, nämlich in die Wüste Assyriens, deren mögliche Verbindung zum Veedel nicht nur ein Silberbecher mit eigenartiger Gravur herstellt, sondern auch die Namen mancher von Kurts Figuren und die schon erwähnten Ziegen, die dort dann wieder ihren Auftritt haben.

Sich gegenseitig blockierende Ideen

Es ist eine wahrlich wilde Welt, in die uns Şeyda Kurt stürzt und die es einem alles andere als leichtmacht – ebenso wenig wie der Autorin selbst, die laut Selbstauskunft im Nachwort ihrem Text auch die Stirn bieten musste.

In Zeiten, in denen Teile des Buchmarkts immer passgenauer auf die Erwartungen der Leserschaft zugeschnitten werden, in dem Bücher von Teilen der Leserschaft gezielt nach Tropes, als Handlungsmuster und Motiven gekauft werden und damit jeglicher Überraschung und Unkonventionalität zuwiderlaufen, ist Zeit der Monster das glatte Gegenteil dieser Erwartbarkeit.

Leider blockiert sich das Buch dann aber auch streckenweise selbst mit zu vielen Einfällen und Ideen, die den Eindruck von inszenatorischem Chaos und Überfrachtung hinterlassen. Wo will das Buch hin, was will es außer Überwältigung wirklich erzählen? Diese Fragen tauchten zumindest bei mir nach der Lektüre wieder auf, ganz wie die Dinge aus dem Sumpf, die von diesem immer wieder ausgespuckt werden.


  • Şeyda Kurt – Zeit der Monster
  • ISBN 978-3-446-28460-9 (Hanser)
  • 281 Seiten. Preis: 23,00 €

George Moore – Albert Nobbs

Dieser Butler hat ein Geheimnis. Der Pendragon-Verlag und Übersetzer Stefan Weidle machen mit George Moores Albert Nobbs eine Novelle aus dem Jahr 1918, die eindrucksvoll zeigt, dass wir als Gesellschaft schon einmal weiter waren, als es heutige Diskurse um Geschlecht und Identität manchmal nahelegen.


Ein Floh ist schuld. Ohne diesen wäre Albert Nobbs größtes Geheimnis nie ans Tageslicht gelangt, so erzählt es uns George Moore in seiner Novelle aus dem Jahr 1918. Denn eigentlich ist Albert ein Etagenkellner von höchster Reputation, der seinen Dienst in einem Dubliner Hotel versieht. Doch nun soll er eines Tages – oder besser Abends – sein Bett mit einem Handwerker teilen, da sich kein freies Bett mehr im Hotel findet.

Höchst ungern gibt er sein Bett für den Handwerker frei, denn Albert hütet ein Geheimnis. Als er nun aufgrund eines Flohs, den sein Schlafgast in die Kammer importiert hat, wachgehalten wird, erkennt der Handwerker plötzlich Alberts großes Geheimnis: er ist nämlich eine Frau, wie er dem Handwerker gestehen muss.

„Sieben Jahre“, wiederholte Page erneut, „sieben Jahre weder als Mann noch Frau, nur ein Dazwischen.“
Er hatte die Worte mehr zu sich selbst gesprochen als zu Albert, da er aber nun spürte, dass er sich unvorsichtig ausgedrückt hatte, hob er den Blick und las in Alberts Gesicht, wie tief er sie getroffen hatte, als spüre diese Ausgestoßene beider Geschlechter ihre Einsamkeit vielleicht noch tiefer als je zuvor.
Während Hubert noch darüber nachdachte, welche Worte er finden konnte, um Albert mit ihrem Schicksal zu versöhnen, murmelte diese: „Weder Mann noch Frau; doch bis zu meinem Tod hätte niemand je Verdacht geschöpft, hätten Sie nicht diesen Floh eingeschleppt.“

George Moore – Albert Nobbs, S. 31

Doch was an sich als höchst ungewöhnlich gälte, steigert George Moore noch durch eine schöne Pointe. Der Handwerker ist nämlich ebenfalls eine Frau, die sich für ein besseres gesellschaftliches Auskommen auch als Mann ausgibt. Es sind zwei Figuren, die sich einer klaren geschlechtlichen Einordnung entziehen und doch ihren Weg gehen.

Keine Problematisierung, sondern gute Unterhaltung

George Moore - Albert Nobbs (Cover)

Das Tolle an George Moores Novelle ist, dass er die Geschlechterscharade gar nicht weiter problematisiert, sondern sich vielmehr auf die Entwicklung seiner Figur konzentriert. Nach der unfreiwilligen Enthüllung bekommt Albert einfach das Personalpronomen „sie“ zugewiesen und weiter gehts in der Geschichte, die ja noch viel Spannenderes zu erzählen hat, als sich nur auf den geschlechtlichen Registerwechsel zu konzentrieren.

Denn dieser Albert Nobbs hat auch Wünsche und sieht sich nach einer Partnerin um, die ihm zu seinem Glück fehlt. Doch statt die passende Frau an seiner Seite entdeckt er plötzlich den Geiz in sich. Eifrig spekuliert er auf Trinkgeld und hortet es in seinem Zimmer, um damit Träume zu erfüllen, die immer weiter in die Ferne rücken.

Möchte man es kurz fassen, dann ist Albert Nobbs eine leichte Erzählung gegen allzu starre geschlechtliche Binarität, die manche Parteien dieser Tage wieder einfordern. Der Ire George Moore, der 1852 geboren wurde und der zeitweise in Paris lebte, wo er künstlerischen Umgang mit den Größen seiner Zeit pflegte, präsentiert mit Albert Nobbs eine Figur, die sich nicht nur in geschlechtlicher Hinsicht einer klaren Wertung entzieht, was seine Novelle umso interessanter macht.

Der Geschlechterwechsel ist frei von billiger Travestie-Komik oder überschwerer Metaphorik, stattdessen erzählt er sich einfach durch Alberts Leben und sein Vermächtnis, was Übersetzer und Entdecker Stefan Weidle in seinem Nachwort dann weiter einordnet.
Weidle, der mit Mary Shelleys Mathilda schon einmal sein Gespür für die Entdeckung vergessener Werke der englischen Literaturgeschichte unter Beweis gestellt hat, liefert eine frische Übersetzung der Novelle von 1918 und geht auf die spärlichen literarischen Spuren ein, die George Moore insbesondere hierzulande hinterlassen hat.

Am bekanntesten dürfte noch die Verfilmung des Buchs mit Glenn Close als Albert Nobbs aus dem Jahr 2011 sein, die den 1933 verstorbenen Künstler dadurch etwas dem Vergessen entriss. Mit der vorliegenden Ausgabe leisten der Pendragon-Verlag und Stefan Weidle einen entscheidenden Beitrag, um das Oeuvre des zeitweise Malers, Lyrikers, Kunstkritikers und Autors weiter in Erinnerung zu halten. Denn das da noch Einiges seiner Entdeckung harrt, auch das stellt Weidles Nachwort klar.

Fazit

Gerade dieser Tage ist die Lektüre von Albert Nobbs erhellend, zeigt sie neben aller Unterhaltung doch auch, dass Geschlecht mehr als nur Biologie und starre Kategorien sein kann. Sein Albert beweist mit seinem Leben jenseits fester Geschlechtergrenzen, wie locker und unverkrampft man sich nicht nur literarisch dieser Thematik nähern kann. Man sollte die Erkenntnisse dieser über hundert Jahre alten Erzählung nicht gering achten – auch unserer Gesellschaft würden Moores Erkenntnisse in so manch überhitzter Debatte guttun!


  • George Moore – Albert Nobbs
  • Aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Stefan Weidle
  • ISBN 978-3-86532-967-7 (Pendragon)
  • 100 Seiten. Preis: 20,00 €

Kerstin Specht – Mittelberge

Das Aufwachsen eines jungen Mädchens in den 1930er-Jahren bis hinein in die Zeit der Wirtschaftswunderjahre beschreibt Kerstin Specht in ihrem Debüt Mittelberge. Was auf den ersten Blick nach einem schon dutzendfach verhandelten Plot klingt, wird bei Specht nicht nur sprachlich zu einem ein Ereignis!


Sie hat sich wahrlich Zeit gelassen. Denn auch wenn es sich eigentlich nicht geziemt, das Alter einer Dame zu nennen, so ist doch festzuhalten, das sich Kerstin Specht sechs Jahrzehnte Zeit gelassen hat, um nun pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag mit Mittelberge als Romanautorin zu debütieren. Endlich, so muss man nach der Lektüre des Buchs konstatieren, denn ihr Buch ist durchsättigt von literarischer, philosophischer und menschlicher Erfahrung, die aus jeder Seite des Buchs spricht.

Bislang war die Autorin als preisgekrönte Dramatikerin in Erscheinung getreten, schrieb vor allem Ende der 80er bis in die 1990er Jahre hinein Theaterstücke, die sich großen Erfolgs erfreuten. Sogar international wurden ihre Stücke gespielt, darunter von niemand geringerem als der Royal Shakespeare Company.
Es waren Stücke, die in der Tradition Marieluise Fleißers standen, in denen sie auf das kleinbürgerliche Milieu und ihre Heimat Oberfranken blickte.

Eine Dramatikerin wird zur Romanautorin

In ihrem Debütroman bleibt sie diesen Themen treu. Mittelberge spielt im Landstrich Nordoberfrankens zwischen Kronach und dem Ochsenkopf, wo die junge Sophie aufwächst. Bittere Armut, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Sadismus in der Schule sind Merkmale ihrer Lebenswelt, zu der sich bald auch die Auswirkungen der „Machtergreifung“ Hitlers gesellen.
Junge Menschen müssen in den Krieg ziehen und kehren nur selten oder stark versehrt zurück in ihre ländliche Heimat.

Hunger, junge Gefallene und die zunehmende Fanatismus sind auch dort im abgelegenen Landstrich kurz vor der thüringischen Grenze zu spüren. Und so erlebt Sophie mit eigenen Augen mit, wie das Dorf kurz vor dem Einmarsch der US-Alliierten den Hals aus der Schlinge ziehen und die ideologische Wende vollziehen will, indem die weißen Bettlaken nun Hochkonjunktur haben und ein ganzer Berg an weggeworfenen Hitlerporträts im Stauwehr der Kronach strudelt.

Der Stucker war gestern noch der größte Nazi. Jetzt ist er eine Kühlerfigur. Die Amis setzen ihn vorn auf ihren Jeep. Eine aufgespießte schwarze Spinne. Sie fahren ihn am hellen Tag durchs Dorf in den Wald, und man weiß nicht, was sie da mit ihm machen werden. Aber der Schmied, der zweitgrößte Nazi, der wird von ihnen gebraucht, um ihren Panzer zu schweißen. Dem werfen sie grüne Riesennetze vor die Tür, voll mit Dosenfleisch, Dosenananas, Dosenkaffee und Schokolade.
Dem Textilgeschäft Schober in Kronach haben die GIs aus Spaß in die Blumenkästen geschossen. Da hat es die Kästen aus den Halterungen gerissen. Es hat Erde geregnet und hundert Hakenkreuzanstecker, die man darin vergraben hat. Die GIs heften sie sich an die Brust. Panzern ihre Uniform mit Parteiabzeichen. Und freuen sich wie Kinder.

Kerstin Specht – Mittelberge, S. 112 f,

Die literarische Erschließung Nordoberfrankens

Kerstin Specht - Mittelberge (Cover)

Die Zeit mit den amerikanischen Besatzern spielt ebenso eine Rolle wie die dann beginnende Zeit des Wirtschaftswunders, die für Sophie auch mit ihrem eigenen Erwachsenenwerden zusammenfällt.

Mittelberge erscheint in einer Zeit, in der auch Franken literarisch wieder eingehender erschlossen wird. Die Titel von Martin Oswald, Annegret Liepold oder Nadine Schneider stehen für diese Entwicklung, zu der sich nun auch Kerstin Specht mit ihrem Roman gesellt.

Ähnlich wie Tommie Goerz‘ Roman Im Schnee ist auch Mittelberge die Beschau einer Lebenswelt, die heute allenfalls in Spurenelementen noch sichtbar ist. Die bittere Armut, die Abgeschiedenheit, die Rituale wie Hausschlachtungen oder die Hochzeit im schwarzen Kleid, die körperliche Arbeit im Steinbruch, die Fortbewegung allein per pedes oder die Zeit der Kinderverschickung während des Zweiten Weltkriegs – die von Kerstin Specht beschriebene Lebenswelt tritt in ihrem Roman noch einmal plastisch vor Augen, auch wenn sie schon wieder Geschichte ist.

Ein sprachlich ganz eigener Ton

Im Gegensatz zu Tommie Goerz Roman weist Mittelberge allerdings einen sprachlich raueren, einprägsameren und eigenen Ton auf. Eingebettet in das Erzählen, das mit seinen rhythmischen kurzen Sätzen und der wohldosierten Erzählökonomie besticht, ist der Text auch immer wieder von kurzen Gedichten und lyrischen Skizzen durchbrochen, die den Erzählraum weiter öffnen.
Zudem wendet Kerstin Specht neben stellenweise eingeflochtenen Zitaten aus der Literatur auch einen leichten Dialekt an, der ihr Erzählen noch anschaulicher und glaubhafter macht.

Der Mond ist aufgegangen. über allen Wipfeln ist Ruh. Im Haus beginnt die Unruhe. Sophie sucht ihre Schuhe und ihre Jacke. Der Vater wuchtet schon den Zentnersack Getreide auf die Schubkarre. Das eiserne Rad rumpelt über die Steine im Hof. Es soll lautlos vor sich gehen. Es geht nicht. Die Nachbarn dürfen nichts hören. Sie hören alles.
Sophie und ihr Vater laufen den Wiesenweg, dann den Waldweg hinauf. Erst leuchten die Kieselsteine weiß im Mondlicht wie bei Hänsel und Gretel. Die Krähen schlucken nur Luft und schreien nicht. Dann kommt der dumpfe dunkle Waldweg mit aufspringenden Wurzeln und quer liegenden Ästen. Dann ein See mit sumpfiger Umrandung, da hacken die Krähen in den Weg.
Der Vater verläuft sich. Die Adern auf seinen Armen werde immer dicker und die Beine des Kindes müde.
Endlich ein Schimmer Licht. Unten am Wasser liegt die Mühle. Der Vater klopft an die eichene Tür. Schlurfende Schritte. Der Müller schiebt sein Gesicht zur Tür heraus.

Kerstin Specht – Mittelberge, S. 88

Diese Sprache hebt den Plot um das Erwachsenwerden eines Mädchens im 20. Jahrhundert dann vollends über das Gros thematisch ähnlich gelagerter Romane hinaus. Die kurzen Kapitel funktionieren sowohl für sich als erzählerische Miniaturen, wie auch in ihrer Abfolge, die das Erwachsenwerden des Mädchens unter schwierigen Bedingungen nachzeichnen.

So wird aus diesem Roman ein eindringlich Leseerlebnis, ein Sprachfest, die Feier weiblicher Widerstandskraft und die logische Fortführung eines künstlerischen Werks, das Oberfranken und den Herausforderungen, denen sich die Landbevölkerung in vielfacher Hinsicht gegenübersah, nun in Form dieses Romans ein Denkmal setzt!

Fazit

Es ist ein Glücksfall, dass sich Kerstin Specht zu dieser gelungenen Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte entschieden hat (gewidmet ist Mittelberge ihrer eigenen Mutter, deren Foto auch das Cover ziert) – und dass das Buch beim unabhängigen Verlag Stroux Edition ein Zuhause gefunden hat, auf dass man nun tief in diese exemplarische Lebensgeschichte eintauchen und sich an der Sprachmacht seiner Autorin erfreuen darf!


  • Kerstin Specht – Mittelberge
  • ISBN 978-3-948065-50-8 (Stroux Edition)
  • 244 Seiten. Preis: 26,00 €

Patrick Ryan – Buckeye

Kuss und Krieg. In seinem Great American Novel Buckeye erzählt Patrick Ryan vom komplexen Miteinander zweier unterschiedlicher Paare in einer Kleinstadt in Ohio, das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs seinen Ausgang nimmt und das zeigt, wie sehr das Leben der Menschen immer wieder von Kriegen beeinflusst wurde.


Es ist nur ein kurzer Moment, der die Leben von Cal Jenkins und Margaret Salt aneinanderkettet. So sucht Margaret Cal, der im Werkzeugladen seines Vaters arbeitet, in der Hoffnung auf, dass der Laden über ein funktionstüchtiges Radio verfügt. Denn über das Radio verkündet US-Präsident Truman die Kapitulation Nazi-Deutschlands und damit das bevorstehende Ende der Kriegshandlungen, was Margaret in einer Art Übersprunghandlung zu einem Kuss verleitet.

Dieser Kuss steht am Anfang des Buchs und wird nicht nur Cal und Margaret, sondern auch ihre jeweiligen Partner*innen in ein Personengefüge spannen, das sich als erstaunlich tragfähig für einen über 650 Seiten langen Roman erweist.
Während Margaret das Kriegsende herbeisehnt, da ihr Mann Felix als Teil der Kriegsmarine in den Krieg involviert ist, wäre Cal gerne Teil jener Kriegsmaschinerie, in der er aufgrund eines verkürzten Beins keinen Dienst tun darf.

Ein Kuss zum Kriegsende

Patrick Ryan - Buckeye (Cover)

Stattdessen arbeitet er für seinen Schwiegervater im Werkzeugladen und vertreibt sich die Zeit mit Comics. Und dann ist da auch noch Becky, Cals Frau. Diese ist ein Medium, die immer wieder Botschaften aus dem Jenseits erhält, was sie zu einer gefragten Gesprächspartnerin in Bonhomie macht, insbesondere, da sie ihre Dienste gratis von zuhause aus anbietet.

Nicht nur verzweifelte Witwer und Hinterbliebene suchen sie auf, sondern auch dubiose Geschäftsmänner, was Cal immer wieder in ein Spannungsverhältnis zu seiner Frau bringt, die ihn nach einer letzten Eskapade nun auf die Couch verbannt hat. Und so ist der Nährboden bereitet für jenen initialen Kuss und die daraus folgende Affäre, die dramatische Folgen für die Beteiligten haben wird.

Buckeye ist ein clever komponierter Roman, der den Lebenswegen seiner vier zentralen Figuren und deren Kindern folgt. Neben allen zwischenmenschlichen Problematiken wie Eifersucht, Affären und versteckter Homosexualität ist es auch die Frage nach dem Zufall des Schicksals, der Patrick Ryans Roman nachgeht.

Der Mai kam. Er sortierte Scharniere und Schrankgriffe. Sortierte Unterlegscheiben. Nebenbei fragte er sich hin und wieder, wie sich sein Leben wohl gestaltet hätte, wenn er mit gleichlangen Gliedmaßen auf die Welt gekommen wäre und mit einer Mutter und Geschwistern, die noch lebten; und bisweilen – allein bei der Arbeit – fragte er sich, wie es wohl gelaufen wäre, wenn er nicht das erstbeste Mädchen geheiratet hätte, mit dem er ausgegangen war. Das konnte man natürlich nicht wissen, und allein schon beim Gedanken daran fühlte er sich furchtbar. Aber die Frage stellte er sich doch.

Patrick Ryan – Buckeye

Aber – oder vor allem – ist es auch die Allgegenwart des Krieges und seiner Folgen, die Buckeye gekonnt illustriert.

Die Allgegenwart des Krieges

Während Cal unbedingt in den Krieg ziehen möchte und seinen Beitrag leisten möchte, aber ausgemustert zuhause bleiben muss, ist sein Vater, ein Veteran, der immer wieder eigenwillige Briefe an die höchsten Ebenen der Politik adressiert, darüber mehr als froh.
Felix hingegen erlebt den Krieg in seiner ganzen Brutalität mit, als sein Kriegsschiff von einem Torpedo getroffen wird und den Zusammenhalt der Männer auf eine harte Belastungsprobe stellt.

Und auch die nachfolgende Generation wird vom Krieg nicht verschont. Hier wiederholt sich die Geschichte nicht als Farce, sondern als Tragödie und zeigt, wie die USA im Grunde bis heute immer wieder in Kampfhandlungen verwickelt sind, deren Opfer die Zivilbevölkerung bringen und ertragen muss…

Patrick Ryan setzt diese Linie nicht bis in die Gegenwart mit Irak- und Irankrieg fort, sondern lässt seinen dickleibigen Roman schon im Vietnamkrieg enden. Er muss aber auch gar nicht bis in die Gegenwart vordringen, um diese Belastung durch den Krieg selbst in den letzten Winkeln der USA, wie in seinem Falle dem ländlichen Idaho, zu illustrieren.

Buckeye ist ein starker Roman, der vor dem Hintergrund dieser zwei prägenden Kriege auf höchst unterschiedliche Schicksale blickt, die sich durch einen kleinen Moment der Euphorie verbinden und nie wieder lösen lassen. Ihm gelingt ein unterhaltsamer Gesellschaftsroman, der bis auf wenige übersetzerische Unsauberkeiten (beispielweise verzehrte „Bärenklauen“ anstelle von gebackenen „Bärentatzen“) oder Anachronismen wie der „Griff nach der Barschaft“ auch im Deutschen zu überzeugen weiß.

Fazit

Wie das Schicksal zuschlagen kann, wie sich höchst verschiedene Leben doch zusammenfügen können, das illustriert Patrick Ryan mit Buckeye gekonnt. Sein Debüt wandelt auf den Spuren anderer amerikanischer Erzähler wie Nathan Hill oder Eric Puchner und unterhält dabei aufs Beste.


  • Patrick Ryan – Buckeye
  • Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
  • ISBN 978-3-98816-083-6 (park x ullstein)
  • 656 Seiten. Preis: 26,00 €

Eva Menasse – Alleinruhelage

Hinaus in die Wälder Brandenburgs begibt sich der neue Roman von Eva Menasse. Darin erzählt sie von einer Österreicherin in der ostdeutschen Waldeinsamkeit – und der Alleinruhelage, in der sich die Frau persönlich wie auch ihr Zuhause befinden.


Der deutsche Leser mag unverständig auf den Titel blicken, der einem von Eva Menasses neuem Roman entgegenscheint. Alleinruhelage, es ist einer dieser Austriazismen, die uns hierzulande völlig fehlen und die man in unserem Nachbarland besonders im Kontext von Immobilienanzeigen antrifft. Menasse selbst beschreibt den Begriff wie folgt:

Wir waren stolz auf den Preis, weil alle weiter weg lebenden Freunde uns gratuliert hatten. Für Menschen im Süden und Westen des Landes, auch für die südöstlichen Österreicher klang der Preis fast unglaublich, ein massives, unterkellertes Haus an einem See und mit einem großen Garten, dazu in Alleinruhelage – wie man in Österreich sagt, wo es auch sprachlich immer ein bisschen mehr sein darf.

Eva Menasse – Alleinruhelage, S. 33

Dieses abgeschiedene Haus, das sich die Erzählerin zusammen mit ihrem Mann einst in der Nachwendezeit auf ehemaligem DDR-Gebiet sicherte, es hat die gewachsene Familie lange Zeit beherbergt. Früher war das Haus eine sogenannte Waldschänke, deren Umwidmung in ein Wohnhaus sich lange Zeit hinzog und vor diversen juristischen Hürden stand. Und doch wagte sich die namenlose Erzählerin mit ihrem Mann an den Umbau des Hauses und damit einen Start auf unbekannten Terrain, und das mit Erfolg. Denn für lange Zeit sollte das Haus einem Zuhause für ihre Familie werden.

Das Aufwachsen ihrer Kinder, die jährlichen Besuche von Freunden, das Miteinander mit den von ihr Sch’tis geheißenen Einwohner des kleinen Städtchens Vogelsang, die einen so anderen Dialekt sprechen, wie auch ihr Temperament dem der Erzählerin denkbar fern ist, das alles steht vor dem Satz, mit dem das Buch beginnt: Haus, ich verkaufe dich.

Rückblick auf ein Zuhause in Alleinruhelage

Eva Menasse - Alleinruhelage (Cover)

Fern sind nun die Zeiten, die sie sich im Lauf des Buchs noch einmal vor Augen ruft. Denn ihr Haus, das mit seiner Alleinruhelage für lange Zeit ein Rückzugsort war, sie will es verkaufen. Eine Trennung, der Wegzug der Kinder – vieles ist in eine neue Lebensphase getreten. Bevor diese mit der Veräußerung des Hauses auch sichtbar abgeschlossen ist, nimmt uns Menasses Erzählerin noch einmal mit zurück in alle Phasen, deren Zeuge das Haus in der ostdeutschen Provinz wurde.

Große Feiern mit Freundinnen, die den Widerwillen der anderen Datschenbesitzer hervorriefen, die beherzte Untertanmachung des nahegelegenen Sees mit einem Rückschnitt von Wasserpflanzen und Schilfrohr, pädagogische Herausforderungen durch ihre Kinder. All das besieht sie im Rückblick, wobei eine große Qualität von Alleinruhelage darin besteht, dass das ohne Larmoyanz, aber einen Wissen um die Endlichkeit der Stadien eines Lebens abgeht.

Menasses Buch ist von einer klarsichtigen Nostalgie durchzogen, die die Lektüre des Buchs zu einer kurzweiligen Angelegenheit und einer großen Freude macht. Die Perspektive der Zugezogenen auf einen Landstrich, der ihr sich nicht immer erschließt, ihr aber doch auch zu einem Herzensort wird, das arbeitet der Roman gelungen heraus.
Auch ist der Titel vortrefflich gewählt, weil diese Alleinruhelage in der Abgeschiedenheit nicht nur für das Haus gilt, sondern auch für die Erzählerin, die sich neu sortieren muss, nachdem sich so viele Bindungen gelöst haben, die sie Jahre lang eingesponnen hatten.

Fazit

Versetzt mit Zitaten aus Werken wie Meir Shalevs Mein Wildgarten oder Philip Roths Empörung entsteht ein kompakter, aber gedanken- und vor allem lebensreicher Text, mit dem die Erzählerin Abschied nimmt von einem Zuhause, vor allem aber einem Lebensabschnitt und eine Ort, der sich ihr nicht immer erschloss, der aber in ihr bleiben wird.

Deutlich knapper und leichter als ihr fast schon inkommensurables Magnus Opus Dunkelblum, mit dem sie zuletzt vor fünf Jahren literarisch von sich hören ließ, aber nicht weniger empfehlenswert ist dieser Ausflug in die österreichisch-ostdeutschen Beziehungen, die sich hier in Vogelsang vollziehen.


  • Eva Menasse – Alleinruhelage
  • ISBN 978-3-462-00262-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 224 Seiten. Preis: 23,00 €