Braun ist hier nicht nur der Grund der Weiher, in dem die Karpfen in Annegret Liepolds Roman Unter Grund gründeln. Der Autorin gelingt mit ihrem Debüt ein Roman, der vom verdeckten und offenen Rechtsradikalismus auf dem Land erzählt, und der erzählerisch das liefert, was der Titel schon verheißt. Eine Tiefenbohrung in Sachen Familie, Jugend und den Verstrickungen in rechtes Gedankengut.
Himmelsweiher, so werden die Teiche im Fränkischen genannt, die für Franka ein Stück Heimat sind. Tausende dieser für Fischzucht genutzten Teiche liegen in der Region Aischgrund in Mittelfranken zwischen Erlangen und Würzburg. Ihren Namen verdanken sie dem Umstand, dass sie an keine fließenden Gewässer angeschlossen sind, sondern nur durch Regenwasser befüllt werden.
Die Kontrolle der familieneigenen Teiche war einst Sache ihre Vaters, die er zusammen mit der jungen Franka an seiner Seite durchführte. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Der Vater ist tot, sie selbst inzwischen eine Referendarin in München, weit weg von den Himmelsweihern. Als sie nun Hals über Kopf zurückkehrt nach Franken, muss sie feststellen, dass sich vieles verändert hat. Die Teiche sind verkauft und auch das Haus ihrer „Fuchsin“ geheißenen Großmutter, der Fuchsbau, steht zum Verkauf. Für Franka, die nach ihrer überstürzten Flucht aus München sowieso schon höchst erregt ist, sind es Hiobsbotschaften, die dazu angetan sind, die Idylle ihrer Jugendjahre dort in der fränkischen Provinz endgültig zu zerstören.
Eine Flucht aus München in den Aischgrund
Dazu kommt es dann auch in diesem ebenso souverän erzählten wie geschickt montierten Roman, was allerdings weniger mit dem Abschied von familiären Besitztümern zu tun hat. Vielmehr sind es die Erinnerungen, die durch den Besuch des in München stattfindenden NSU-Prozess ausgelöst werden, den Franka mit ihrer Schulklasse besucht. Ein Wort dort lässt Franka nicht nur zurück aus München fliehen, sondern sie vor allem tief in die eigenen Erinnerungen eintauchen. Tiefer noch, als es jeder Himmelsweiher sein könnte.
„Hey“, sagt Hannah, „was ist denn los? Warum bist du weggerannt?“
Hannah wartet, aber Franka weiß nicht, was sie sagen soll.
Was sie weiß, ist: Sie hätte nie zum Prozess gehen dürfen.
„Jaros hat Zschäpe eine Nazischlampe genannt“, sagt sie stattdessen.
Hannah sieht sie verständnislos an. Franka sucht nach weiteren Worten, aber es fehlt ihr an allen. Jede Erklärung würde eine neue Erklärung verlangen. Wo soll sie anfangen, hier und jetzt an diesem zugigen U-Bahngleis, wo alle Fäden lose sind, und egal, an welchem sie zöge, immer nur ein weiterer einzelner Satz hervorkäme, der noch mehr Unverständnis bei Hannah hervorriefe.
„Und das findest du unangemessen?“
Franka schüttelt den Kopf. Wie sollte sie erklären, dass es nicht um Jaros oder Zschäpe geht. Am besten wäre, sie würde sagen: Lass uns Leben tauschen, ich nehme deine Vergangenheit und du meine. Nur dann könnte Hannah verstehen, was los ist.
Annegret Liepold – Unter Grund, S. 7f.
Unter Grund tut im Folgenden genau das, was Franka hier noch hypothetisch beschreibt. Annegret Liepold zieht an den Erinnerungsfäden und entwirrt diese Stück für Stück. Tieft taucht sie dabei in die Vergangenheit von Franka ein, die bis in die Gegenwart fortwirkt, wie das Wort der „Nazischlampe“ deutlich zeigt. Denn einst geriet die junge Frau in Kontakt mit rechtsradikalen Kreisen dort auf dem Land, wo sich die unter den schulterzuckenden bis goutierenden Blicken der restlichen Dorfbevölkerung die NPD zu Stammtischen im Dorfwirt traf.
Erstarkender Nationalismus – und erstarkender Rechtsradikalismus
Ähnlich wie bei Luca Kiesers Roman Pink Elephant ist es auch hier der WM-Sommer 2006, der den erzählerischen Hintergrund der Rückblenden bildet. Als plötzlich Deutschlandfahnen in Autoscheiben klemmten, Nationalfarben auf Rückspiegeln und in Gesichtern prangten und die Welt zu Gast bei Freunden sein sollte – da rollte sie durch Deutschland, eine neue Welle des Patriotismus.
Vielfach wurden erregte Diskurse geführt, wie dieser neue Nationalstolz einzuordnen sein. Ob man das einfach dürfe, stolz auf sein Land zu zeigen. Ob nach all der Zeit nicht gut sei, mit dem verdrucksten und verschämten Patriotismus und ob man das nicht zeigen dürfe. Eine gehisste Deutschlandfahne mache einen nicht gleich zu einem Nazi, so der Tenor vieler Debatten. Eine durchaus richtige Feststellung, auf die Annegret Liepold allerdings gar nicht zielt. Vielmehr blickt sie auf die Phänomene, die im Windschatten der Schland-Euphorie jenes Sommers wieder offen zutage traten.
Denn das Sommermärchen geheißene Event führte nicht nur zu einem Erstarken des Nationalismus – auch dem Rechtsextremismus und seinem völkischen Denken kam die nun wieder stolz gezeigte Zuneigung zum eigenen Land zupass. Sinnbildlich für das Spannungsfeld der damaligen Debatten steht Frankas linker Positionen zuneigende Jugendfreund Leon. Dieser wendet sich angesichts von Schlagzeilen wie „Ihr Deutschen seid schwarz-rot-geil“ und dem allgegenwärtigen Fahnenwahnsinn mit Grausen ab, während Franka kurz nach dem Abiball die Bekanntschaft mit Patrick macht.
Dieser ist ganz anders als Leon, der mit seinen Ansichten dort auf dem Land in der Minderheit ist. Patrick nimmt sie mit auf eine Tagung der NPD ins Wirtshaus und bringt sie in Kontakt mit Janna, die Franka von Beginn an fasziniert. Lagefeuerabende und Hauspartys folgen, bei denen sich die Gäste als textsicher erweisen, was Lieder von den Böhsen Onkelz bis zum Horst Wessels-Lied anbelangt. Zum Unverständnis von Leon versinkt Franka binnen kurzem immer tiefer in diesem braunen Sumpf- mit fatalen Folgen.
Das Abgleiten in den braunen Sumpf
Das schnelle Abgleiten in die rechtsextreme Szene und die Verankerung von deren Gedankengut auf dem Land zeichnet Liepold ebenso nach, wie sie auch familiäre Verstrickungen in die Nazizeit aufarbeitet. Zusammengesetzt aus Frankas gegenwärtigem Aufenthalt dort im Dorf und den Geschehnissen im Sommer 2006 fügt sich ein Bild zusammen, das vom Fortwirken des Nationalsozialismus erzählt.
Wenn Liepold nur mit kurzen Szenen die heute immer noch geführten Debatten um Schlussstriche, Reparationen, notwendigem Landesstolz und die Umbenennung von Straßen antippt, dann zeigt sich ein zutiefst beunruhigendes Bild von rechtem Denken, dass immer noch im Untergrund lauert und von dem man sich besonders auch Franken nicht wirklich frei machen konnte. Sinnbildlich hier der im Roman geschilderte Ausflug der Clique nach Gräfenberg, in dem noch 2008 ganze 18 Demonstrationen von Neonazis innerhalb eines Jahres stattfanden.
Überhaupt, der Untergrund, er gibt dem Buch nicht nur den Titel, sondern ist auch ein hervorragend eingebundenes Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht. Vom Beginn, in dem Franka getriggert vom Begriff der „Nazischlampe“ unter der Erde am U-Bahnhof sitzt, über die Teiche, in deren braunen Morast die Karpfen gründeln, bis hin zum gesellschaftlichen Erbe der Zeit des „Dritten Reichs“, das unter der Oberfläche brodelt. Mal verharrt es subkutan, mal tritt es offen zutage, etwa auch in der Namenswahl der Neonazis, so auch beim eingangs erwähnten Prozess um Beate Zschäpe, die sich ja als Teil des rechtsradikalen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ versteht.
Fazit
Unter Grund ist ein eminent politischer Roman, der der Verankerung des Rechtsradikalismus in Gesellschaft, auf dem Land und in Familien nachspürt und der Franka tief in den eigenen Erinnerungen versinken lässt. Und auch wenn die AFD zum damaligen Zeitpunkt noch kein Thema war, hat dieser Roman doch ein Gespür für Kontinuitäten und Entwicklungen, in deren Lichte das heutige Erstarken der extrem Rechten konsequent erscheint.
Dass der Roman dabei ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, literarisch hervorragend gearbeitet ist, Rückblenden und erzählte Gegenwart klug miteinander verschränkt und erst langsam die ganzen Facetten seiner Figuren und der Geschehnisse freischält, wobei das Buch stets wohltuend vielschichtig und genau beobachtend vorgeht, das steigert die Qualitäten von Unter Grund gleich noch mehr. Es lohnt sich, dieses Buch ebenso aufgrund seiner Literarizität als auch seiner politischen Botschaften zu lesen.
Man wünscht Annegret Liepolds Debüt in diesen oftmals so geschichtsvergessenen Zeiten viele LeserInnen. Besonders als Schullektüre könnte sich die Betrachtung des Buchs lohnen, ist Liepolds Debüt doch eng an seinen jugendlichen Figuren dran und weist eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz auf, die viele (schulischen) Diskussionen und eine breite Rezeption verdient – und das weit über Franken hinaus.
- Annegret Liepold – Unter Grund
- ISBN 978-3-89667-766-2 (Blessing)
- 255 Seiten. Preis: 24,00 €