Whitney Scharer – Die Zeit des Lichts

Whitney Scharer schreibt in ihrem Debüt Die Zeit des Lichts ein klassisches Biopic über Lee Miller, die Geliebte Man Rays. Nicht weniger, leider aber auch nicht mehr.


Ausgangspunkt ist dabei Aufenthalt Lee Millers in Paris. In ihrer Heimat, den USA, war sie als gefragtes Model für Vogue und Co aktiv. Nun verbringt sie ihre Tage in den Bistros und auf den Partys rund um Montparnasse. Bei einer dieser Partys begegnet Lee Miller Man Ray. Der Fotograf hat sich mit seinen Porträtfotografien und Auftragsarbeiten einen Namen gemacht und betreibt ein Atelier, bei dem die Pariser Bohème ein und aus geht.

Die Fotografin Lee Miller

Mit Beharrlichkeit wird Lee Miller zunächst zu Rays Assistentin, später auch zu seiner Geliebten. Im brodelnden Paris der 20/30er Jahre reift Lee zur ernstzunehmenden Fotografin und Künstlerin heran und macht die Bekanntschaft von Personen wie Jean Cocteau, Ilse Bing oder André Breton. Doch nach und nach stellt Lee Miller fest, dass auch in Paris deutlich mehr Schein als Sein herrscht. So mancher strahlende Künstler stellt sich doch eher als trügerisch und falsch heraus. Auch Man Ray selbst hat seine Abgründe und ihre Liaison entpuppt sich als reichlich explosiv. Doch die Amerikanerin kämpft um ihre Selbstbestimmung und künstlerische Anerkennung. So ist Die Zeit des Lichts auch eine Geschichte des Kampfs gegen Konventionen und eine Geschichte einer Emanzipation.

Ein brodelndes und rauschhaftes Paris

Whitney Scharer entführt mit ihrem Debüt direkt hinein in ein pittoresk-brodelndes Paris voller Bistros, Kleinkunstbühnen und rauschhaften Partys. Künstlercliquen ziehen durch die Stadt, private Mäzene schmeißen Gatsby-ähnliche Partys. Sie inszeniert die Stadt und ihre Bewohner als großen Rausch, in dem sich Lee Miller zunehmend sicherer und souveräner bewegt.

Doch weder für die Schilderung der Kunst der Fotografie noch der von Paris findet Scharer neue Wege oder einen überzeugenden Zugriff. Genauso gut hätte der Roman in Berlin zur gleichen Zeit spielen können, Unterschiede wären nicht auszumachen. Und auch von der Faszination, die durch Bilder entstehen kann, konnte mir Whitney Scharer kaum etwas vermitteln. Das Problem, das ich schon bei William Boyds Die Fotografin hatte, kam auch bei Die Zeit des Lichts für mich zu tragen: die Übersetzung der Welt des Bildermachens in die der Sprache klappt nur bedingt. Eine eigene Möglichkeit, das Fotografieren und dessen Reize in Sprache zu übertragen, auch Whitney Scharer findet sie nicht.

Unkonventionelles Leben, konventioneller Roman

So unkonventionell das Leben Lee Millers auch gewesen sein mag, so konventionell ist leider das Buch gestaltet. Wir lernen zu Beginn Lee als Schatten ihrer selbst kennen. Als Kolumnistin für Kochkultur verdingt sie sich und bewirtet daheim große Tafelrunden. Sie ist dem Alkohol alles andere als abgeneigt und die Zeit war nicht gut zu ihr. Ihre Chefin stellt sie bei einer dieser Tafelrunden vor die Wahl: entweder beschreibt Miller ihre Lebensgeschichte, oder ihr Vertrag als Kolumnistin endet.

Mit diesem erzählerischen Kniff setzt dann die Rahmenhandlung ein, die die chronologisch die Paris-Phase aus Lee Millers Leben schildert. In diese geradlinig ablaufende Erzählung schneidet Whitney Scharer immer wieder kurze Episoden aus Millers Leben als Kriegsfotografin während des Zweiten Weltkriegs. Doch wie wurde aus Lee Miller diese Kriegsreporterin? Was passierte zwischen ihren Erlebnissen in Paris und im Zweiten Weltkrieg? Was geschah, bis wir Lee Miller im Prolog 1966 und Epilog 1974 wiedertreffen? All das erzählt Whitney Scharer zu meinem Bedauern nicht. Die Zeit des Lichts ist für mich voller Leerstellen, die ich gerne von der Autorin gefüllt bekommen hätte. Lee Millers Leben gäbe dies ja auf alle Fälle her. Aber stattdessen viel Weißraum in diesem Biopic, das von Nicolai von Schweder-Schreiner aus dem Englischen übertragen wurde. Leider für meinen Geschmack zu konventionell und zu brav, als dass es mich wirklich begeistert hätte.


Ein kleiner Tipp am Rande: wer neugierig geworden ist auf die Beziehung von Man Ray und Lee Miller, dem sei die unten angehängte Arte-Doku anempfohlen. Und ein Interview mit Whitney Scharer gibt es auch, und zwar unter folgendem Link.

Bücher des Jahres 2019

Dezember: Zeit der Jahresrückblicke. Auch ich mach hier auf dem Blog keine Ausnahme. Aber diesmal halte ich mich persönlich fürs erste zurück und lasse andere Leser*innen zu Wort kommen.

Ich habe verschiedenste Menschen innerhalb und außerhalb der Buchbranche gefragt, was für sie ihre Bücher des Jahres waren. Welches Buch hat sie 2019 am meisten begeistert? Warum haben sie die genannten Titel so berührt? Was leisten ihre Bücher für unsere Gesellschaft? Was empfehlen sie zur Weihnachtszeit? Über die vielen ganz unterschiedlichen Antworten habe ich mich sehr gefreut. Vielleicht ist für euch auch die ein oder andere Anregungen bei den Tipps mit dabei?

„Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel.

Schon vor der Buchpreis-Nominierung wurde mir das Buch von der Lektorin wärmstens ans Herz gelegt und ich kann diese Empfehlung nur genauso weitergeben.
Vier Menschen in einem Ferienhaus irgendwo auf dem Land. Es ist Winter. Still und starr ruht der See. Im Haus bricht das Leben aus den Fugen und hinterlässt nichts als Scherben.
Kintsugi fühlt sich beim Lesen an wie eine Kaschmirdecke, die einem schlussendlich aber das Herz bricht. Man sitzt weinend auf der Couch und freut sich über diesen Schmerz. Wie gut das doch tut.

Kühmel, Miku Sophie: Kintsugi. Erschienen bei S.-Fischer. ISBN: 978-3-10-397459-1, Preis: 21,00 Euro

Gespräch mit Freunden“ von Sally Rooney  

Warum ich es empfehle? Sally Rooney ist eine noch sehr junge, dafür aber schon hoch gelobte irische Schriftstellerin und, wenn ich ehrlich bin, bin ich immer etwas skeptisch, wenn Kritiker sich so überschlagen. Aber hier ist es wirklich anders: Von Beginn an hat mich ihre Sprache in den Bann gezogen. Die Charaktere sind derart filigran gezeichnet, dass von Beginn an eine ganz besondere Atmosphäre herrscht.  

Nur ganz kurz, um was es geht: Zwei junge Frauen lernen ein Künstlerehepaar kennen und verbringen mit ihnen und einen Urlaub. Die Beziehungsgefüge innerhalb dieser Gruppe sind fein verwoben, wirken ganz selbstverständlich, gar nicht konstruiert oder auf Effekt ausgelegt. Es werden viele unterschiedliche Themen besprochen, kaum etwas wird ausgelassen. Nichts ist aber besonders dominant, sondern alle haben scheinbar die gleiche Wertigkeit. Man wird des Lesens nicht überdrüssig, sondern verliert sich sehr schnell in den Seiten dieses sensiblen Romans. Einiges hat mich selbst direkt angesprochen und zum Nachdenken angeregt, daher hat sich für mich mit dem Titel Gespräch unter Freunden sozusagen der Kreis geschlossen.

Rooney, Sally: Gespräche mit Freunden. Übersetzt von Zoe Beck. Erschienen bei Luchterhand. ISBN: 978-3-63087541-5, Preis: 20,00 Euro

„Sand“ von Wolfgang Herrndorf / „Dschungel“ von Friedemann Karig

Es gibt wenig Öderes als Menschen, die laut darüber ächzen, dass sie ja „nur noch im Urlaub“ zum Bücherlesen kommen. Aber ich kann es doch auch nicht ändern. In der thailändischen Hängematte lief ich dieses Jahr aber zu Höchstform auf und las wie ein junger Schmökergott vor Erfindung von Pokemon Go. Bis die Hängematte nicht mehr schaukelte, sondern auf einem Stapel ausgelesener Bücher aufsaß. Absoluter Favorit: Sand von Wolfgang Herrndorf. Damit bin ich spät dran, schon klar. Aber what a ride! Und wie traurig ich war, als es nach fast 500 Seiten zu Ende ging.

Lobend, nein jubelnd, erwähnt werden muss auch Dschungel von meinem Freund Friedemann Karig: Ein Debütroman, bei dem ich das Vergnügen hatte, den Entstehungsprozess  beobachten zu dürfen, wenn auch aus der Berliner Ferne mal nach München mal nach Kambodscha. Die erste Version als Word-Datei gelesen, dann eine Zwischenstufe auf dem Kindle, in der noch auszutauschende Wörter gefettet waren (lustiger Moment, als ich das kapierte). Und am Ende ist es so ein wunderbarer Coming-of-Ageturner geworden über Freundschaft, Unterwegssein und das Erinnern. 

Für 2020 übrigens vorgenommen: Mehr Bücher von Frauen lesen, vielleicht sogar ausschließlich. Habe da beschämt ein Defizit festgestellt und Till Raether hat mich mit Muriel Spark schon so angefixt, dass allein damit schon ein oder zwei Hängemattenwochen zu bestreiten sein werden.

Herrndorf, Wolfgang: Sand. Erschienen bei Rowohlt. ISBN: 978-3-87134-734-4, Preis: 19,95 €

Karig, Friedemann: Dschungel. Erschienen bei Ullstein. ISBN 978-3-550-20013-7, Preis: 22,00 €

„Treideln“ von Juli Zeh

Treideln ist kein Roman. Es ist trotzdem (oder deshalb?) Juli Zehs bestes Buch. Im Jahr 2013 sollte sie die Frankfurter Poetikvorlesung halten – sprich: über ihr eigenes Schreiben Auskunft geben. In Treideln druckt sie einige höchst amüsante, unterhaltsame und geistreiche„Briefwechsel“ (im Grunde sind es aber nur ihre Briefe) zwischen sich und anderen Personen (im Wesentlichen ihrem Mann, ihrem Verleger, einem befreundeten Schriftsteller, einer befreundeten Lyrikerin) ab, in denen sie erklärt, warum sie die öffentliche Auskunft in Form der Poetikvorlesung ganz grundsätzlich ablehnt. In Form der Briefe tut sie es dann natürlich doch – denn sie schreibt genau über das, worum es einer Poetikvorlesung geht: über sich als Schriftstellerin. Das ist nicht nur unheimlich lustig (auch, wenn sie zwischen den Emails kurze Schreiben an die städtische Abfallbehörde abdruckt, in denen sie für eine weitere Papiermülltonne kämpft, oder von peinlichen Erinnerungslücken berichtet, die sie auf Podien ereilt haben, als ihr die Namen ihrer eigenen Romanfiguren nicht mehr einfielen), sondern auch sehr lehrreich: es wäscht all den Lesern gehörig den Kopf, die viel zu viel in Texte sowie in die privaten Verstrickungen von Schriftstellerin in ihre eigenen Texte hineininterpretieren.

Für alle, die Juli Zehs Romane mögen, ist Treideln ein absolutes Muss – und für alle, die Juli Zehs Bücher nicht mögen, erst recht. Warum? Nicht zuletzt um zu erkennen (wie auch ich es tat!), dass Schriftsteller auf keinen Fall nur an ihren Romanen zu messen sind. Meine literarisch begründeten Vorbehalte Juli Zeh gegenüber drohten durchaus auf die (mir natürlich völlig unbekannte) Person Juli Zeh durchzuschlagen – sie sind nach der Lektüre dieses Buches mehr als ausgeräumt. Juli Zeh hat hier so viel Wahres, Geistreiches, Abgründiges, vielzu selten von Schriftstellern Ausgesprochenes, über Literatur und vor allem die Menschen hinter der Literatur – die Schriftsteller und die Leser – zu Papier gebracht, dass ich ihre Romane zwar noch immer nicht gerne lese, Juli Zeh aber nun immerhin als Person jenseits ihrer Romane (die ich leider weiterhin natürlich nicht persönlich kenne) enorm zu schätzen begonnen habe.

Zeh, Juli: Treideln. Erschienen im Schöffling-Verlag, Taschenbuch im btb-Verlag. ISBN; 978-3-442-74814-3, Preis 8,99 €

„Eine unsterbliche Frau“ von Sibylle Knauss  

Warum: Besser spät als nie. Ich habe die 75-jährige Schriftstellerin erst durch dieses Buch entdeckt. Ein echtes „Erweckunserlebnis“, weil ich mir inzwischen auch einige ihrer älteren Romane besorgt habe und beim ersten Reinlesen genauso begeistert bin wie von der unsterblichen Frau. Die Unsterbliche, das ist eine Seherin, die Sibylle von Cumae, die durch die Jahrtausende wandert und unsere wechselnden Gesellschaften betrachtet. Das ist so klug und sanft ironisch bis bissig beschrieben, ein Stil, der mir außerordentlich gefällt. Immer wieder streut Sibylle Knauss in den Erzählfluss amüsante Bemerkungen ein, blitzen ihr trockener Humor und eine gewisse Scharfzüngigkeit durch.

Die Sibylle von Cumae: Eine unsterbliche Frau. Und nach diesem Roman auch eine unvergessliche Frau, eine ungewöhnliche Gestalt der Literatur.

Knaus, Sibylle: Eine unsterbliche Frau. Erschienen bei Klöpfer&Narr. ISBN: 978-3-7496-1003-7, Preis: 22,00 €

„Kritische Masse“ von Sara Paretsky

Die Privatdetektivin V.I. Warshawski sucht auf Anfrage einer Freundin eine Vermisste. Auf der Suche erfährt sie mehr zur Familie ihrer Auftraggeberin und gerät in ein aufsehenerregendes Stück Wissenschaftsgeschichte, zurück ins Wien der 1930er und 1940er Jahre. Eine jüdische Vorfahrin arbeitete als Physikerin am Institut für Radiumforschung. Ihre Spur verliert sich nach der Deportation und doch hat sie mit jenen Problemen zu tun, die V.I. Warshawski lösen muss.


Sara Paretsky verknüpft in ihrem Kriminalfall sehr elegant die Geschichte der frühen Forschung in der Kernphysik mit der Existenzneugründung jüdischer Forscher in den USA und zugleich der Geschichte der Frauen in der universitären Forschung. Selbst die brillantesten Forscherinnen blieben meist unbezahlt und bei Auszeichnungen gingen sie trotz ihrer fundamentalen Beiträge oft leer aus. Der Kriminalroman klärt darüber erzählerisch hervorragend auf und löst implizit die Frage aus, inwieweit sich die Gesellschaft seither bei der Beurteilung und Anerkennung von Leistung weiterentwickelt hat.

Paretsky, Sara: Kritische Masse. Übersetzt von Laudan & Szelinski. Erschienen im Argument Verlag, ISBN: 978-3-86754-236-4, Preis 24,00 €

„Querwege“ von Albertine Sarrazin / „Afrotopia“ von Felwine Sarr

Obwohl Sarrazin fast die Hälfte ihres Lebens im Gefängnis saß, bereits mit 29 Jahren bei einer Nierenoperation starb (1967) und deshalb nur drei Romane schreiben konnte, ist sie für mich eine der größten und wichtigsten Autorinnen, die ich kenne. 2019 ist ihr letzter Roman Querwege in einer neuen Übersetzung von Claudia Steinitz erschienen. Schrieb sie ihre ersten beiden Bücher (Astragalus und Der Ausbruch) noch heimlich hinter Gittern, ist Querwege ihr einziger Roman, an dem sie in Freiheit arbeiten konnte. Im Text wird die Hauptfigur, die denselben Namen wie die Autorin trägt, frisch aus dem Gefängnis entlassen und wartet darauf, dass ihr Ehemann ebenfalls freikommt. Dabei beschreibt Sarrazin auf einmalige Weise ein Leben zwischen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und der lähmenden Verzweiflung an der Welt, in der sie lebt. Diese Mischung zwischen einer gewaltigen und wunderschönen Sprache und den feinen Schilderungen des Innenlebens ihrer Protagonistin macht diesen Text zu meinem absoluten Highlight im letzten Jahr.

Felwine Sarr ist Ökonom und stammt aus dem Senegal. Bekannt wurde er einem breiteren Publikum durch seinen Bericht zur Rückgabe der afrikanischen Kulturgüter, den er Ende 2018 zusammen mit dem Historiker Bénédict Savoy veröffentlicht hat (Sarr-Savoy Bericht, auf dt. „Zurückgeben – Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter“). In Afrotopia, einem knapp 180 Seiten langen Essay, skizziert Sarr ganz grundlegend eine mögliche Zukunft für den afrikanischen Kontinent. Dabei ist auf jeder Seite die Wut über den Status Quo zu spüren, der durch die Gräueltaten der Europäer*innen bestimmt wurde, genau wie eine Hoffnung, dass es eine bessere Zukunft möglich ist. Dafür fordert Sarr, dass die Menschen Afrikas sich endlich von westlichen Maßstäben freimachen, was sowohl westliche Konzepte zur „Entwicklungshilfe“ betrifft (einen Begriff den er vollständig ablehnt), als auchgängige westliche Wohlstandsmaße wie das Bruttoinlandsprodukt. Vielmehr müssen sie sich ihrer Identität als Homo Africanus (statt des westlichen Homo Oeconomicus) bewusstwerden. Um zu verstehen, was der Westen den Menschen in Afrika angetan hat und wie eine selbstbestimmte Zukunft aussehen kann, gibt es kein besseres Buch als Afrotopia von Felwine Sarr.

Sarrazin, Albertine: Querwege. Neu übersetzt von Claudia Steinitz. Erschienen bei Ink-Press. ISBN: 978-3-906811-12-3, Preis: 25,00 €

Sarr, Felwine: Afrotopia. Übersetzt von Max Henninger. Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, ISBN: 978-3-95757-677-4, Preis: 20,00 €

„Fremde und Bürger“ von Joseph H. Carens

Eine schwangere Frau und ihr Mann sind auf der Flucht. Sie lassen alles zurück ­– Familie, Freunde, Beruf. Er ist Schreiner. Doch niemand nimmt sie auf. Alle Türen bleiben verschlossen. Schließlich finden sie Unterschlupf in einer Scheune. Das ist der Beginn der Weihnachtsgeschichte. Und deshalb ist dies mein Buchtipp zu Weihnachten: „Fremde und Bürger. Weshalb Grenzen offen sein sollten“ von Joseph H. Carens (Reclam, 64 Seiten, 6 Euro). Ein schmaler Text, dreißig Jahre alt, aber so aktuell wie nie. Mich hat seine Lektüre in diesem Jahr sehr beschäftigt und tut es immer noch. Er kann die Augen öffnen, Dein Weltbild ins Wanken bringen. Seine Kernidee ist revolutionär. Ein Text, über den man reden will, wenn man ihn gelesen hat. Und vielleicht sind die Weihnachtstage der ideale Zeitpunkt dafür.

Carens, Joseph H.: Fremde und Bürger. Weshalb Grenzen offen sein sollten. Erschienen bei Reclam, ISBN 978-3-15-019562-8, Preis: 6,00 €

„Die Mauer“ von John Lanchester

„Es ist kalt auf der Mauer.“ In der ewigen Hitliste der besten Buchanfänge ist John Lanchester mit diesem ersten Satz in seinem Roman Die Mauer ganz weit oben eingestiegen. Er führt mitten hinein in die Geschichte und nimmt die gesamte Stimmung des Romans vorweg. Bei vielen Dystopien spürt man bei der Lektüre ein wohliges Grauen, nicht so bei „Die Mauer“. Hier ist nichts wohlig, es läuft einem kalt den Rücken hinunter, denn die geschilderte Zukunft einer durch den Klimawandel vollkommen aus den Fugen geratenen Welt ist nur einen kleinen Schritt von uns entfernt. Und wir sind auf direktem Weg unterwegs in Richtung Wand. Mit Vollgas. Eigentlich gibt es zu „Die Mauer“ nur drei Wörter zu sagen: Lest. Dieses. Buch. 

Lanchester, John: Die Mauer. Übersetzt von Dorothee Merkel. Erschienen bei Klett-Cotta. ISBN: 978-3-608-96391-5 , Preis: 24,00 €

Bei allen Teilnehmenden meiner Rückschau möchte ich mich von Herzen fürs Mitmachen bedanken. Eine kleine subjektive Rückschau meines Blogger- und Literaturjahres 2019 folgt in den kommenden Tagen.

John Meade Falkner – Moonfleet

Der Dezember wird immer mehr zu meinem Klassikermonat. Nach di Lampedusas Der Leopard und Kästners Drei Männer im Schnee gibt es nun einen britischen Klassiker. John Meade Falkners Roman Moonfleet entführt in ein kleines Dorf an der südenglischen Küste. Darin beschwört er eine Zeit herauf, als noch Schoner und Schmuggler vor der Küste kreuzten. Ein Buch, das auch nach über 120 Jahren seit Erscheinen nichts an Tempo, Action und Abenteuer eingebüßt hat. Genau das Richtige für die Weihnachtsfeiertage, um sich auf eine nostalgische Reise ins 19. Jahrhundert zu begeben.


Ursprünglich erschien Falkners Buch im Jahr 1898. Es ist das mittlere von insgesamt drei Werken, die John Meade Falkner zeitlebens verfasste. Neben den zwei anderen Romanen schrieb er um die Jahrhundertwende auch Handbücher über die Landschaften in Oxfordshire und Berkshire sowie Gedichte, die posthum veröffentlicht wurden. Sein berühmtestes Buch ist aber zweifelsohne Moonfleet, das als Klassiker der Abenteuerliteratur gilt. Dass die Popularität und Faszination ungebrochen ist, das zeigt nicht zuletzt auch eine Verfilmung als Miniserie, die im Jahr 2013 ausgestrahlt wurde.

Im Deutschen existieren auch zahlreiche Ausgaben dieses Werks. Unter anderem erschien 1995 das Buch in der ungekürzten Neuübersetzung durch Oliver Koch in der Reihe Bibliothek der klassischen Abenteuerromane. Andere Autoren, die in dieser vergriffenen Bibliothek versammelt wurden, waren beispielsweise Wilkie Collins und Alexandre Dumas.

Auch der Münchner Kleinverlag Liebeskind nahm sich (zum Glück!) dieses Buchs an. In der Übersetzung von Michael Kleeberg erschien Moonfleet hier im Jahr 2016 und ist auch noch im Buchhandel lieferbar. Ein Glücksfall, wie ich finde, denn das Buch bietet jede Menge nostalgischer Unterhaltung, die an Klassiker des Genres wie etwa Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel erinnert.

Auf der Jagd nach Blackbeards Schatz

Ausgangspunkt der Geschichte ist das Dörfchen Moonfleet, in dem der junge John Trenchard lebt. Dieser erzählt uns als Leser*innen aus der Ich-Perspektive seine unglaubliche Geschichte.

Dort in Moonfleet wächst Trenchard bei seiner Tante auf, der er mit seinem verträumten Wesen ein Dorn im Auge ist. Am liebsten verbringt er die Tage mit dem Beobachten des Meeres. Doch nicht nur er interessiert sich sehr für das maritime Leben vor der Küste Dorsets. Auch der Großteil der übrigen Bevölkerung schaut genau hinaus auf Meer – denn Moonfleet ist ein Schmugglernest. Von der anderen Seite des Ärmelkanals bringen die Schmuggler in Nacht-und-Nebel-Aktionen Güter wie etwa Fässer voller Alkohol in die Verstecke auf der englischen Seite. Dabei ist sehr viel Vorsicht geboten – denn nicht nur die Obrigkeit versucht, die Schmuggler festzusetzen. Auch die Strömungen vor der Küste sind höchst tückisch. Immer wieder erleiden Schoner dort Schiffbruch und werden dann von der lokalen Bevölkerung geplündert.

Dabei ist dieses kriminelle Verhalten schon fast eingeschrieben in die DNA der Bevölkerung von Moonfleet. Denn einer der Vorfahren der lokalen Lehnsherren soll der legendäre Freibeuter Blackbeard gewesen sein. Jener Blackbeard versteckte vor seinem Ableben einen Diamanten irgendwo in der Gegend. Diese Legende beschäftigt nach wie vor die Einwohner*innen – allen voran natürlich John mit seiner lebhaften Fantasie. Er will den sagenumwobenen Diamanten unbedingt aufspüren. Dass auf dem Edelstein der Legende nach ein Fluch liegen soll, hindert den jungen Mann nicht.

Seine Suche nach dem Diamanten löst ein turbulentes Abenteuer aus, das zu einer gefahrenvollen Schatzsuche wird – Überfälle, Flucht, Verstecke etc. inklusive. Falkner bietet in seinem Buch alles auf und schickt John Trenchard und seinen Ziehvater, den Schmuggler Elzevir Block, auf eine ebenso temporeiche wie turbulente Reise.

Maritime Schatzsuche wie aus dem Bilderbuch

Ein Diamant, auf dem ein Fluch lastet. Ein Versteck, das noch niemand gefunden hat. Das gefährliche Schmugglerleben. Ein mit allen Wassern gewaschener Schmuggler, der John unter seine Fittiche nimmt. Verrauchte Dorfgasthäuser, in denen der Gin und die Legenden zirkulieren. All das sind natürlich Zutaten für eine Abenteuergeschichte wie aus dem Bilderbuch. Falkner erzählt sie in einem gelungenen Ton aus jugendlich-naiver Schilderung und Rückblenden eines erwachsenen Mannes. Die Kapitel tragen dabei sprechende Namen (Die Springflut, Die Flucht etc.).

Auch nach über 120 Jahren besitzt dieses Buch einen Drive und eine Erzählkraft, die zeitlos ist. Falkner treibt seine Handlung immer wieder voran, hält mit erzählerischen Kniffen das Tempo hoch und schildert plastisch das Treiben in Moonfleet. Dass dabei das Rollenbild natürlich auch ebenso historisch ist, sollte niemanden verwundern.

Frauen existieren in dieser Welt kaum, es sind im Buch eigentlich nur zwei relevante Figuren, die Johns Welt bevölkern. Die eine Frau ist seine Angebetete (und natürlich schutzbedürftig und dem Helden erlegen), die andere ein wahrer Hausdrachen, die als Ziehtante John mit frömmelnden Traktaten und Vorwürfen überzieht.

Die wirkliche Mutter findet er vielmehr in der Gestalt des Schmugglers Elzevir, der sich des Jungen annimmt. Diese Beziehung schildert Falkner auch sehr emotional und fürsorglich. Ein Kontrast zu der sonstigen Handlung, bei der John schon einmal in bester Rambo-Manier durch einen Fensterladen eines Hauses bricht.

Fazit

Insgesamt ist Moonfleet ein absolut stimmiges Buch, das einen in seine Kindheit zurückversetzt, in der man gerne noch Pirat war und mit Jim Hawkins und Konsorten durch Bücher wie die Schatzinsel jagte. Ein in meinen Augen zeitloser Klassiker, dessen Neuauflage im Liebeskind-Verlag auf alle Fälle sinnvoll ist. Hier ist ein echter Abenteuer-Klassiker (wieder) zu entdecken!

Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

#klassikerlesen

Es ist Winter, man hat Zeit. Was passt da besser, als einen echten Klassiker zu lesen? Das habe ich mir gedacht und mir endlich einmal Erich Kästners Roman Drei Männer im Schnee vorgenommen. Ein Buch, das viel Nostalgie versprüht und in einer neuen Ausgabe erstaunliche Entdeckungen bereithält.


Die Bearbeitungen des Stoffs von Drei Männer im Schnee ist vielfältig. So gibt es unter anderem österreichische, schwedische und deutsche Verfilmungen des Buchs. In letztem Fall existieren sogar zwei verschiedene Versionen. Eine Verfilmung stammt aus dem Jahr 1955, die andere aus dem Jahr 1974. In dieser wirkten Größen wie Ingrid Steeger, Elisabeth Volkmann und Thomas Fritsch mit.

Einen großen Erfolg feierte auch die Uraufführung der gleichnamigen Revueoperette am Gärtnerplatztheater in München im Januar diesen Jahres. Für das Theater wurde der Stoff vom Chansonnier Thomas Pigor vertont und in die Form einer Operette gegossen. Eine solche Umarbeitung des Stoffs hatte Erich Kästner immer vorgeschwebt. Doch zu einer Umsetzung sollte es zu Lebzeiten Kästners nicht kommen. Erst 45 Jahre später war es schließlich soweit. In Kästners letzter Heimatstadt kam das Werk zur Aufführung.

Kästner als Operette im Gärtnerplatztheater München

Dass eine Umarbeitung als Operette Sinn ergibt, das steht außer Frage. Denn Kästners Roman ist voll von Verwechslungen und Humor und bewahrt stets eine schmunzlige Leichtigkeit – eben all das, wofür auch die Operette bekannt ist (und wofür sie natürlich auch stets gescholten wird). Und ja – natürlich ist es die leichte Muse, der Kästner mit seinem Werk huldigt. Doch das Werk als eine reine Lustspielnummer abzutun, das täte dem Werk und seinem Schöpfer unrecht. Denn Kästner ist hier als ein hochinteressanter Autor zu entdecken, dessen Humor manchmal auch nur Fassade ist, der die darunterliegenden Schichten und Bedeutungsebenen verhüllt.

Diese Vielschichtigkeit im Werk Kästners wird durch die vorliegende neue Ausgabe des Atrium-Verlags wieder offenbar. Denn der Geschichte ist neben einem Nachwort auch die kurze Erzählung Inferno im Hotel beigefügt. Und diese zeigt eine ganz andere Version der Hotel-Komödie, als die, von der man zuvor 200 Seiten lang unterhalten wurde.

Zwei Seiten einer Geschichte

Vielleicht sollte man mit dieser beigefügten Geschichte beginnen. Denn sie erlaubt einen völlig anderen Blick auf den zuvor so heiter wirkenden Stoff. Unverhofft gewinnt ein Mann der Arbeiterklasse einen Aufenthalt in einem Hotel. Doch aufgrund seiner Klasse und seinen fehlenden sozialen Kompetenzen (Speisenverzehr mit Messer und Gabel, mangelnde Etikette, etc.) wird er von den anderen Gästen und dem Hotelpersonal systematisch drangsaliert und gemobbt. Obwohl Kästner selbst den dramatischen Ausgang dieser Erzählung einst noch abänderte, ist sie in der vorliegenden Ausgabe in ihrer ganzen Härte und Unbarmherzigkeit zu lesen. Diese Erzählung erinnert stark an die Phase des Naturalismus und zeigt einen ganz anderen Kästner, als man diesen landläufig kennt. Inferno im Hotel ist mehr Theodor Storms Doppelgänger oder Hauptmanns Bahnwärter Thiel, denn Emil und die Detektive.

Erich Kästner - Drei Männer im Schnee (Cover)

Dass aus diesem Lehrstück in Sachen Stigmatisierung und sozialer Determination dann ein komplett gegenläufiges Stück wurde, das nötigt mir Respekt ab. Denn Drei Männer im Schnee weist einen wirklich völlig konträren Tonfall auf. Statt als Kulisse für ein naturalistisches/soziales Drama zu dienen, wird der Hotelaufenthalt im Roman dann zum Auslöser einer wahren Revue an Verwechslungen und Chaos.

Diese nimmt im Wunsch des Millionärs Tobler ihren Anfang, einmal inkognito als armer Mann in ein Hotel zu reisen. Aufhänger ist ein Preisausschreiben seiner eigenen Putzblank-Werke, bei dem er unter Pseudonym den zweiten Platz belegt. Der Gewinn ist ein Aufenthalt in einem Grandhotel im alpinen Bruckbeuren. Doch nicht nur er reist ins Hotel, auch der Gewinner des Ausschreibens begibt sich dorthin. Bei ihm handelt es sich um einen arbeitslosen Werbefachmann mit dem Namen Dr. Fritz Hagedorn. Neben diesen beiden Männern reist auch noch Toblers Diener Johann an. Er soll seinem Chef Tobler zur Seite stehen. Als Tarnung mimt er einen reichen Reeder.

Eine klassische Verwechslungskomödie – und mehr

So viel zur Ausgangslage. Durch eine Verwechslung wird nun allerdings der arbeitslose Hagedorn vor Ort in Bruckbeuren für den verkleideten Millionär gehalten. Und umgekehrt. Ein Reigen aus Situationskomik, Chaos und – natürlich – auch der Liebe entspinnt sich, der manchmal wie eine leichte Hommage von Shakespeares Viel Lärm um Nichts erinnert. Da werden Maskenbälle gegeben, Toblers Diener muss einen Skikurs absolvieren und im Hotelgarten wird ein Schneemann namens Kasimir errichtet. All das wird in einem leicht antiquierten Ton erzählt, als man noch exaltiert Dinge wie „Ach du grüne Neune“ ausrief oder Person of Colors mit dem N*-Wort bezeichnete. Darüber kann man wahlweise schmunzeln oder irritiert sein. Das Alter merkt man Kästners Werk in sprachlicher Hinsicht natürlich an. Aber die Sprache ist es ja auch, die den nostalgischen Reiz des Buchs zu einem großen Teil ausmacht.

Man kann Kästners Buch als leichte winterliche Komödie der Irrungen und Wirrungen lesen. Man kann aber auch eine soziale Satire in dem Buch entdecken, die um die Frage kreist, welche sozialen Folgen die Kategorisierung als reicher oder als armer Mensch hat. So habe ich eine durchaus sozialkritische Note auch im aus dem Inferno im Hotel entstandenen Text entdeckt. Zudem bemerkenswert, dass diese Leichtigkeit dem tatsächlichen Entstehen entgegensteht. Denn Kästner konnte den Text nur unter Pseudonym 1934 veröffentlichen. Seit der Machtergreifung der Nazis und der Bücherverbrennung seiner Werke war der Autor mit Schreibverbot belegt und konnte nur heimlich publizieren. Dies tat er im vorliegenden Fall unter dem Pseudonym Robert Neuner.

Die sozialkritischen Untertöne und das schriftstellerische Vermögen, aus einer Ausgangssituation zwei völlig unterschiedliche Erzählungen zu kreieren, das nötigt mir wirklich Respekt ab. Mithilfe dieser neuen Ausgabe aus dem Atrium-Verlag ist ein Kästner zu entdecken, der bei aller Operettenseligkeit und Nostalgie fast zu verschwinden drohte. Schön, dass er sich hier wiederentdecken lässt. Ein lohnender Fall von #klassikerlesen.


  • Erich Kästner – Drei Männer im Schnee
  • ISBN 978-3-03882-016-1 (Atrium)
  • 240 Seiten. Preis: 12,00 €

Bildrechte Operette „Drei Männer im Schnee“: © Christian POGO Zach

Preti Taneja – Wir die wir jung sind

Von den Schwierigkeiten einer geordneten Firmenübergabe, von Familienkonflikten und vom neuen Indien – davon erzählt Preti Taneja in ihrem Roman Wir die wir jung sind. Ein Buch, das mitten hineinführt in die Verwerfungslinien, die die indische Gesellschaft und Familien durchziehen (übersetzt aus dem Englischen von Claudia Wenner).


Eigentlich hätte alles still und leise abgehen können: Devraj Bapuji hat den Mischkonzern The Company groß gemacht. Bis nach Kaschmir erstreckt sich sein Firmenimperium, das Schwerindustrie, Hotelkomplexe, Textilfabriken und dergleichen mehr umfasst. Nachdem er den Zenit der Schaffenskraft überschritten hat, soll die Macht an seine Töchter übergehen. Drei an der Zahl, die nun bedacht werden wollen. Und dann gibt es auch noch Ranjjit Singh, seinen Begleiter aus alten Tagen. Auch er hat zwei Söhne, die in der Nachfolgeregelung bedacht werden wollen.

Eine komplexe Gemengelage, bei der Konflikte vorprogrammiert sind. Denn schon die drei Töchter Devrajs sind mehr als unterschiedlich. Studienaufenthalte im Ausland, verschiedene Talente und Temperamente und eine Tochter, die vor ihrem Vater gleich zu Beginn des Buchs ins Ausland flieht. Und dann gibt es ja auch noch die beiden Söhne Singhs, die ebenfalls höchst unterschiedlich sind.

Sie alle eint die Situation der Nachfolge, die sie alle anders gestalten wollen. Für die einen ist die Nachfolge Bürde, für die andere Chance. Alle haben sie unter dem despotischen Devraj gelitten, alle sind sie andere Wege gegangen. All diese Wege führt Preti Taneja nun im Laufe ihres Buchs zusammen. Jedes der Kinder bzw. Stiefkinder wird in den sechs Großkapiteln des Buchs vorgestellt. Dazwischen flicht Taneja immer wieder Reflektion Devrajs ein, der über sein Schaffen, seine Töchter und die Kinder seines Begleiters Ranjit räsoniert.

König Lear reloaded

Die Folie, auf der Wir die wir jung sind erzählt wird, ist klar erkennbar. Shakespeares König Lear stand Pate für eine Neuinterpretation des Ganzen. Devraj als König Lear mit seinen drei Töchtern, Ranjit Singh als Graf Gloucester – die Anleihen sind deutlich. Auch die Handlung orientiert sich mit den Verbannungen, Intrigen und Machtkämpfen stark an Shakespeares Werk. Das geht soweit, dass sogar die in Shakespeares Stück grundierte Invasion Britanniens durch die Franzosen in Tanejas Buch aufscheint. Diesmal ist der Hintergrund allerdings der Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der im Buch durch einen Hotelbau in dieser Region immer wieder thematisiert wird.

Dabei ist die Idee eines König Lear reloaded gewissermaßen nicht vollkommen neu. Zuletzt hatte auch Edward St. Aubyn im Rahmen des Shakespeare-Hogarth-Projekts eine Interpretation des klassischen Stoffs veröffentlicht. Bei ihm wurde Shakespeares Ausgangsstück zu Dunbar und seine Töchter. Dabei ist der Titelheld ein Medienmogul, der ebenfalls die Macht übergeben möchte. Dies versucht er mit zwei seiner Töchter, die ihn dann in ein Sanatorium abschieben. So kann es gehen.

Zugegeben, die Idee einer Neuinterpretation von König Lear hat auch ihren Reiz. Dass sie auch gelingen kann, hat zuletzt ebenjener Edward St. Aubyn mit seinem Werk eindrücklich gezeigt. In Preti Tanejas Fall funktioniert das Ganze für meine Begriffe aber nicht optimal. Denn wenn Tanejas deutscher Verlag das Adjektiv „episch“ verwendet, um ihr Buch anzupreisen, dann sollte man das wirklich ernst nehmen. Mit über 620 Seiten hat das Buch einen enormen Umfang, die für meinen Geschmack deutlich zu lang ist. Das jung im Titel könnte auf alle Fälle durch „lang“ ersetzt werden.

Wir, die wir lang sind

So nimmt sich Preti Taneja ausführlichst Zeit, ihre einzelnen Charaktere vorzustellen. Beginnend bei Ranjit Singhs Sohn Jivan wirft sie die Leser*innen gleich in die Handlung hinein. Langsam erschließen sich die Familienbeziehungen und das enorme Personengefüge. Hier ist es alles andere als leicht, den Überblick zu behalten. Denn C. H. Beck hat es leider versäumt, dem Buch ein Dramatis personae zu spendieren. Man muss schon enorm aufpassen, bei Kritik Sahib, Jivan Singh genannt Jon Singh, Jeet Singh, Kashyap, Devraj Punj, Gargi, Bubu, Radha und dergleichen mehr den Überblick zu behalten.

Neben den ungewohnten indischen Namen sind es auch die ständigen Anreden, Floskeln und ganze Sätze, die teilweise unübersetzt im Text stehen. Zwar ist ein Register der Termini angefügt, allerdings wurde ich des Blätterns mit der Zeit auch überdrüssig. Ganze Dialoge auf Hindi machten es mir so manches mal schwer, dem dramatischen Geschehen zu folgen.

Das größere Problem, das bei mir zu Problemen mit dem Buch führte, war das Fehlen von Spannkraft und Sogwirkung. Will mich ein Buch in eine andere Kultur mit einem anderen Weltsicht entführen, braucht es mir auch Widerhaken, die mich in die Geschichte hineinziehen. Charaktere, deren Konflikte ich nachvollziehen kann. Das gelang zum Auftakt bei Jivan noch gut, mit dem Fortschreiten des Buchs kam mir das alles aber belangloser vor. Ich konnte keine große Bindung zu diesen Figuren aufbauen, bei denen ich die Namen immer wieder durcheinanderwürfelte und langsam den Überblick verlor.

Deutliche Straffungen und Kürzungen hätten dem Buch in dieser Hinsicht deutlich besser getan. Auch kommen mir bei allem privaten Hickhack und den Streitereien die zeitgenössisch-gesellschaftlichen Betrachtungen des heutigen Indien zu kurz. Zwar kreist Taneja immer wieder um die Frage, wie sich Frauen und Männer in der indischen Gesellschaft definieren. So ganz überzeugen konnte mich das Ganze leider nicht.

Viel Potential, wenig Überzeugendes

Literatur aus Indien habe ich ja nicht gerade auf meinem alltäglichen Lesemenü. Viel zu selten gibt es in den Buchprogrammen indische Stimmen – weshalb ich mich über solche Lesemöglichkeiten ja sehr freue. Leider gelingt es Preti Taneja in meinen Augen zu wenig, aus ihrem Ausgangsmaterial etwas zu machen. Mich hat da Jhumpa Lahiris Tiefland zuletzt deutlich mehr überzeugt, als das bei Wir die wir jung sind der Fall ist. Schade!