Anna Grue – Die guten Frauen von Christianssund

Der kahlköpfige Detektiv

Der dänische Krimi scheint in diesem Herbst Hochkonjunktur zu haben: Das neue Werk von Jussi Adler-Olsen erschien, Jesper Stein startete mit seinem Ermittler eine neue Krimireihe und auch Anna Grue lässt einen Ermittler auf das kleine Land los (übersetzt von Ulrich Sonnenberg).

In der von ihr ersonnenen Stadt Christianssund lebt und arbeitet der kahlköpfige Kreative Dan in einer Werbefirma. In eine depressiven Phase, die er gerade durchlebt, platzt die Info eines Leichenfundes just in Dans Firma. Als Insider hilft er seinem guten Freund, dem Kommissar Flemming Torp, bei den Ermittlungen und wird so zum Detektiv wider Willen.

Obwohl die Erzählung von Anna Grue nicht mit unangenehmen Details geizt, gelingt es der Autorin, das Flair einer hellen und typisch skandinavischen IKEA/Midsommmer-Atmosphäre über ihren Roman zu legen. In Die guten Frauen von Christianssund erzählt sie in der Tradition der skandinavischen Krimiliteratur nicht nur vom Verbrechen, sondern verknüpft das Ganze mit einer großen Prise Sozialkritik.

Mit Dan Sommerdahl steht ein Ermittler im Mittelpunkt, der trotz seiner Depression eigentlich durch das Raster des typischen skandinavischen Ermittlers rasselt: intaktes Sozialleben, attraktives Aussehen und eine Portion Humor – eher ungewöhnlich in einer Welt voller geschiedener und alkoholabhängiger Ermittler. Und so ist Die guten Frauen von Christianssund der Auftakt einer mehrbändigen Reihe (der zweite Band Der Judaskuss erscheint schon bald), der auch für Leser von Donna Leon oder Martin Walker geeignet sein dürfte!

Jo Nesbo – Koma

Er ist wieder da

Immer noch ein bisschen sprachlos sitze ich hier – hinter mir liegt ein Lesemarathon. Innerhalb von zwei Tagen habe ich das neue Buch „Koma“ von Jo Nesbo ausgelesen und bin noch etwas geplättet.
Wohl auf kein Buch habe ich mich dieses Jahr so gefreut wie auf dieses – nachdem ich in der Vorschau las, dass es mit Harry Hole weitergehen würde (was ja – ohne hier zu viel verraten zu wollen – am Ende von „Die Larve“, dem Vorgängerbuch, durchaus fraglich war).
Es ist schwierig, über dieses Buch zu schreiben und dabei Spoiler zu vermeiden. Die Handlung schlägt Volten, geschickt spielt Nesbo mit den Erwartungen des Lesers, führt ihn in Sackgassen und legt falsche Fährten.
In Oslo sterben an Schauplätzen ungelöster Verbrechen Polizisten, die damals mit der Aufklärung der Morde beauftragt waren. An den Tatorten gibt es keinerlei Hinweise und die Polizei tappt im Dunkeln.
Der Mann, der helfen könnte wäre der legendäre Harry Hole, der einzige norwegische Kommissar mit der Erfahrung bei der Ermittlung von Serientätern. Doch dieser ist nach den Ereignissen aus „Die Larve“ von der Bildfläche verschwunden.
Währenddessen liegt im Krankenhaus in Oslo auf der Intensivstation bewacht und abgeschottet ein Mann, der mit seinem Wissen den Mächtigen belasten könnte.
Man muss nicht zwingend die Vorgängerbücher aus der Feder Jo Nesbos gelesen haben, allerdings potenziert sich das Lesevergnügen, wenn man wenigstens „Die Larve“ vorher gelesen hat. Zahlreiche Fäden aus diesem Buch werden in „Koma“ wieder aufgegriffen, verknüpft und weiterentwickelt.
Das Buch ist ein großes Knäuel an Spuren und Personen, die dem Polizistenmörder auf die Spur kommen wollen. Sinnvoll ist deshalb auch das angehängte Personenverzeichnis, das einen Überblick über die wichtigsten Protagonisten aus dem Harry-Hole-Kosmos gibt.
Meisterlich, wie Nesbo an mehreren Stellen dem Leser im Dunkeln tappen lässt, die Spekulationen des Lesers zerschlägt und unerbittlich an der Spannungsschraube dreht.
Für schwache Mägen ist „Koma“ allerdings auch nichts: Nesbo geizt nicht mit expliziten Szenen und verlangt dem Leser stellenweise einiges ab. Dennoch ein derart fesselndes Buch, das man darüber gerne hinwegschauen mag!
Nach „Koma“ habe ich nur einen Wunsch: Bitte zeitig mehr davon!
Hier zur besseren Übersicht noch einmal alle Fälle Harry Holes in chronologischer Reihenfolge:
  1. Der Fledermausmann
  2. Kakerlaken
  3. Rotkehlchen
  4. Die Fährte
  5. Das fünfte Zeichen
  6. Der Erlöser
  7. Der Schneemann
  8. Der Leopard
  9. Die Larve
  10. Koma

Marisha Pessl – Die amerikanische Nacht

Gefangen im Dunkel der Nacht

Zugegeben – vor diesem phantastischen Roman war mir der Begriff Marisha Pessl noch nicht untergekommen. Nach der Lektüre dieses Romans hat sich der Name der jungen Autorin aber nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt.

Mit Die amerikanische Nacht ist ihr ein vielschichtiger, spannender und unheimlicher Roman gelungen, der den Leser erst nach über 780 Seiten freigibt und ihn stellenweise an seinem eigenen Verstand zweifeln lässt. Geschickt vermengt die Autorin fiktionale Dokumente, die sie in den Text einbaut, mit einer Handlung, die sich liest, als hätten sich Hitchcock, Luis Bunuel, Jorge Luis Borges und E.T.A. Hoffmann zusammengetan, um Pessls Ich-Erzähler, den Reporter Scott McGrath, in den Wahnsinn zu treiben.
Dieser war einst ein gefeierter Reporter mit einem legendären Gespür, ehe er über einen Bericht über den legendären Filmemacher Stanislas Cordova stolperte und nach einem Prozess seine Reputation verlor. Offenbar wurde er damals auf eine falsche Fährte gelockt, damit er nicht weiter im Umfeld des geheimnisumwitterten Starregisseurs schnüffeln konnte.
Doch als Cordovas junge Tochter Ashley tot im Aufzugsschacht eines verlassenen Gebäudes gefunden wird, erwacht der Spürsinn des Reporters erneut. Diesmal will er sich nicht von seinen Nachforschungen über Ashley und ihren berühmten Vater abbringen lassen und beginnt den Spuren des Cordova-Clans nachzuspüren. Doch McGraths Suche wird zu einem Trip, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen und an deren Ende nicht nur McGrath an seinem Verstand zweifeln wird.

Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so in seinen Bann gezogen und förmlich in die Geschichte hineinstürzen lassen. Wer einen simplen Krimi erwartet, in dem der Tod der jungen Tochter Cordovas aufgeklärt wird, sieht sich schon bald heillos überfordert. Blogeinträge, erfundene Filme, diverse Metaebenen und noch viel mehr mixt Marisha Pessl zu einem Cocktail in den düstersten Farben. Wie der Titel des Originals Night Films bereits suggeriert, widmet sich der Roman mit Vorliebe dem düsteren Schaffen des legendären (und sehr überzeugend erfundenen) Stanislas Cordova und schafft es, ein wild wucherndes Referenzgeflecht zu kreieren, in dem man sich heillos verfangen kann. Was stimmt nun, was ist Einbildung?
Für mich liegt genau darin die große Stärke des Romans, da man am Ende nicht definitiv sagen kann, was nun erträumt und was real gewesen ist. Pessl zieht den Leser in einen Strudel des Ungewissen, der zumindest mich auch noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigte.

Auf jeden Fall eines der stärksten, faszinierendsten und dunkelsten Bücher dieses Jahres – wenn nicht das Beste 2013!

William Shaw – Abbey Road Murder Song

Twist and Shoot

Mit „Abbey Road Murder Song“ macht William Shaw eigentlich alles richtig: Der Roman atmet den Esprit des Jahres 68 und ist zudem einfach ein richtig guter Krimi.
Angesiedelt im Herzen des Mutterlandes des Pop, genauer gesagt in der Abbey Road, nimmt William Shaw den Leser mit auf einen Trip in das Jahr 68, als die Koteletten noch wucherten, die Beatles von den Mädchen vergöttert wurden und als der latente Rassismus in der englischen Gesellschaft noch offen zutage trat.
Bei einem Spaziergang mit ihrem Schutzbefohlenen stolpert eine Nanny über die Leiche eines jungen Mädchens. Der Fundort der Leiche gibt schon bald die Ermittlungsrichtung vor, schließlich liegt das legendäre Abbey-Road-Studio, in dem die Beatles aufnehmen und das von Frauen belagert wird, nur einen Steinwurf entfernt. Mit den Ermittlungen wird der junge Paddy Breene betraut, der zudem in seiner Polizeiarbeit kein hohes Ansehen genießt, weil er einen Kollegen bei einem Einsatz im Stich ließ. Zudem bekommt er an seine Seite die junge Kollegin Tozer gestellt, die noch grün hinter den Ohren aber dafür sehr forsch ist. Dieses Team muss sich zusammenraufen um den Tathergang des Mordes zu klären und wandelt dabei auf den Spuren der berühmten Fab Four.
„Abbey Road Murder Songs“ ist ein Buch, das den Sound der vergangen Tage transportiert, mit einer spannenden Krimihandlung aufwartet und insgesamt einfach ein stimmiges Gesamtkunstwerk ergibt. Vielleicht ist es auch der bunten Vita des Autoren geschuldet, dass der Roman so viele unterschiedliche Facetten aufweist und dennoch richtig kombiniert ist. Verschiedene, schon fast klassische Versatzstücke kombiniert Shaw zu einem tollen Trip in ein vergangenes Jahrzehnt. Verfolgungsjagden, die Betrachtung verschiedener Milieus und ein Showdown sind in diesem Buch einfach gut komponiert.
Shaw erfindet mit seinem Roman zwar das Rad nicht neu, dafür passt einfach alles! Ein tolles Krimi-Kleinod, das auf weitere Fälle des Doppels Breene/Tozer hoffen lässt!

Ian McEwan – Honig

Die Spionin mit der Lizenz zum Lesen

Honig (im Englischen Original als Sweet Tooth erschienen, übersetzt von Werner Schmitz) ist der neue Roman des gefeierten englischen Romanciers Ian McEwan, der mit Abbitte einen modernen Klassiker vorgelegt hat. Honig schafft es leider nicht, die Qualität von Abbitte zu erreichen, bietet aber genauso gute Unterhaltung und geschliffene Sprache.

Nachdem er in Solar einen Unsympathen in das Zentrum seiner Erzählung stellte, lässt McEwan nun in Honig wieder eine Frau die Hauptrolle spielen. Serena Frome heißt seine neue Heldin, 22 Jahre jung und Agentin im Dienste des MI5. Man muss die junge Frau nicht zur Gänze sympathisch finden oder mit ihr mitfühlen – denn dazu ist McEwan zu schlau.

Er lässt den Leser Position beziehen, während er die Erzählung durch Serenas Augen schildert. Er berichtet von ihrer Karriere im Geheimdienst, der im Gegensatz zu Film und Fernsehen deutlich weniger glamourös verläuft. Als passionierte Leserin wird sie für eine höchst subtile Mission angeworben und findet sich schon bald in jede Menge amouröse Fallstricke verstrickt.

Man betrachtet Serena, während sie von einem unbedarften Mädchen zu einer kühl kalkulierenden Frau reift und bekommt darüber hinaus noch einen Einblick in die Welt der 70er Jahre. Ian McEwan reichert seinen Honig mit einigen kürzeren Erzählungen seiner Akteure an, die ins Buch hineingeschnitten werden und vermengt das Ganze so zu einer Geschichte, die viel Raum für Interpretationen und Auslegungen lässt.

Die Klasse und kompositorische Finesse von Abbitte hat dieses Buch zu keinem Zeitpunkt, dennoch ein toller literarischer Roman im besten Sinne für den Herbst!