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Constantin Lieb – Wildboden

Das Ende des Künstlers Ernst Ludwig Kirchner erzählt Constantin Lieb in seinem Debütroman Wildboden. Dabei taucht er vor der Schweizer Bergkulisse tief ein in die Seele des Malers – und die seiner Partnerin Erna Schilling.


Die Biografie des Malers Ernst Ludwig Kirchner hält einige spannende Volten bereit. Der 1880 in Aschaffenburg geborene Kirchner hatte eigentlich schon sein Architekturstudium erfolgreich abgeschlossen, als er beschloss, sich lieber als Maler verdingen zu wollen. Der malende Autodidakt war einer der Gründungsmitglieder der Künstlervereinigung Brücke, die er 1905 zusammen mit Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl und Erich Heckel ins Leben rief.

„Warum eigentlich Brücke?“ fragt eine der Aufpasserdamen.
Kirchner und Heckel antworten im selben Augenblick „Nietzsche“, die Köpfe mühsam über Wasser haltend.
„Ach.“
„Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist“, ruft Heckel und spuckt etwas Wasser aus, kurz bevor sie das Ufer erreichen.

Constantin Lieb – Wildboden, S. 28

Doch der künstlerische Erfolg war nicht ohne Schattenseiten. 1937 verdammten die Nazis Kirchners Kunst wie auch die Heckels und die seiner anderen Kollegen der Brücke als „entartet“ und ließen sie aus den Museen entfernen, teilweise sogar in Berlin verbrennen.

Ernst Ludwig Kirchners Schaffensrausch in Davos

Constantin Lieb - Wildboden (Cover)

Dort lebte Kirchner aber schon lange nicht mehr, er war 1917 bereits nach Davos übergesiedelt, genauer gesagt in den Davoser Ortsteil Frauenkirch/Wildboden. Er verbrachte er seine Zeit in einem fiebrigen Schaffensrausch, unterstützt von seiner Partnerin Erna Schilling, als Constantin Liebs Roman einsetzt.

Längst hat sich Erna mit dem schwierigen Kirchner arrangiert. Während sie auf eine Hochzeit mit ihrem Mann hofft, sich um den Haushalt kümmert und sogar für nächtliche Diktate zur Verfügung steht, wenn Kirchner seine Korrespondenzen pflegen muss, gibt sich dieser ganz seiner Kunst hin. Für die örtliche Schule soll er ein Portal gestalten, wie im Wahn malt er teilweise, verfällt in manische Zustände und giert nach der nächsten Dosis Eukodal, heute besser bekannt unter dem Namen Oxycodon.

Nicht nur künstlerisch ist dieser Ernst Ludwig Kirchner ein Getriebener. Auch die Idylle der Schweiz ist längst der neuen Realität gewichen, da die Nationalsozialisten sich auch von der erklärten Neutralität der Schweiz nicht abschrecken lassen.
Der Mord am SA-Agitator Wilhelm Gustloff, der den Nazis auch in der Eidgenossenschaft den Boden bereiten wollte, lässt den eh schon auf dem Rand der Manie balancierenden Kirchner vollends die Facon verlieren.

Dunkle Wolken über Davos

Je näher die Nazis an die Grenze heranrücken, umso mehr dunkle Wolken ziehen auch über Kirchner auf, was schließlich zu seinem dramatischem Freitod im Juni 1938 führen wird.

Porträt Ernst Ludwig Kirchners von Erna Schilling

Constantin Lieb konzentriert sich in Wildboden ganz auf jene letzten Monate Kirchners, in denen sich die Getriebenheit des Künstlers noch einmal bis hin zum tragischen finale furioso steigerte. Der künstlerische Rausch, die Kompromisslosigkeit des Künstlers, mit der er auch seine Partnerin behandelte, die bei der Erschaffung des großen Ganzes, seiner Kunst mitzuwirken hatte, Lieb schildert es sowohl direkt aus der Perspektive des Künstlers wie auch der Erna Schillings, die mit den Kapriolen ihres Mannes wie auch ihrer Akzeptanz dort in Wildboden kämpft.

In mehrere Teil aufgeteilt zeichnet Lieb den Weg vom Schaffensrausch bis hin zum Freitod nach und blickt über diese Zäsur hinaus. Denn Wildboden erzählt in seiner Mischung aus Dokumentation und Fiktion auch noch vom Nachleben der Kunst Kirchners, an der Erna Schilling als seine umsichtige Managerin entscheidenden Anteil hatte. Denn wenn Wildboden neben dem Ende Ernst Ludwig Kirchners eines zeigt, dann das: die Kunst steht eigentlich nie für sich alleine. Es braucht Menschen, die sie fördern, unterstützen und mit ihrer Zuwendung überhaupt erst ermöglichen.

Kirchners Werk und Schillings Beitrag

In diesem Sinne setzt der Künstlerroman auch Erna Schilling und ihrem Opfer für die Kunst ein Denkmal und begreift die Kunst Kirchners als Werk zweier unterschiedlicher Seelen. Erst deren Zusammenwirken ermöglichte diese Kunst, die auch heute noch in vielen Museen der Welt zu sehen ist und die ihre Faszination nicht verloren hat.

Schön auch, dass sich Constantin Lieb in seinem Debüt dafür entschieden hat, besonders in den kurzen Zwischenspielen, die den drei Teilen vorangestellt sind, auch etwas in der Kunst der Malerei mit Worten zu versuchen, indem er einen zeitlich nachgeordneten Besuch im Wildbodenhaus des Künstlers unternimmt, frei von einer allzu konkreten Verortung.

Der Fuß rutscht auf der untersten Sprosse ab, schnell umgreifen. Alles ist Farbe, schwungvoll auf die Flächen gestrichen und noch nicht getrocknet. Die Hand greift die nächste dunkle, feuchte Sprosse und die nächste, langsam zieht man sich nach oben, und verschwindet so im Bild der Situation, bis man sich mit einem Mal von außen sieht, die Wände links und rechts verzerrt, Bildachsen krümmen sich, Perspektiven fächern sich auf, während unten im Dorf ide Kirchturmglocke zehn Mal zur vollen Stunde schlägt.

Constantin Lieb – Wildboden, S. 172

So trifft das Buch manchmal fast einen zarten expressionistischen Ton, der zwar nicht ganz so radikal ist, wie es beispielsweise Mariam Kühsel-Hussaini in ihrem Kunstroman Tschudi vorgemacht hat, der aber die Geschichte in all ihren Schattierungen hervorragend auskleidet.

Fazit

Mit Wildboden ist Constantin Lieb ein Einstand nach Maß gelungen. Der bislang eher als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Lieb hat sich mit dem Freitod Ernst Ludwig Kirchners ein persönliches, zeithistorisch und auch kunstgeschichtlich interessantes Sujet ausgesucht, dass durch die kluge Wahl der Perspektiven und eine überlegte Fokussierung besticht.

Sein Buch trifft gekonnt den Sweetspot zwischen Gefälligkeit, Anspruch, Schwere, Geschichtsstunde und Unterhaltung, sodass dem Werk ein großer Erfolg beschieden sein könnte, der auch die Kunst Ernst Ludwig Kirchners, vor allem aber auch den Anteil Erna Schillings an dieser Kunst wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken könnte.


  • Constantin Lieb – Wildboden
  • ISBN 978-3-458-64627-3 (Insel Verlag)
  • 240 Seiten. Preis: 25,00 €

Quelle Titelbild: Städel Museum, Frankfurt am Main