Tag Archives: Liebe
Jo Nesbø – Blood on snow – Der Auftrag
Nesbøs Noir-Pulp
Jo Nesbø hat die Seiten gewechselt. Stand er bei seiner Harry-Hole-Reihe immer auf der Seite der Polizei, so hat er mit seinen anderen Romanen schon mal die Abweichung vom Pfad der Tugend gewagt. Nun ist er auf der komplett anderen Seite des rechtlichen Spektrums angekommen und widmet sich einem Killer.
Dieser heißt Olav und ist starker Analphabet. Er hat kein Problem damit, sich unterzuordnen und die zweite Geige zu spielen. Dies tut er allerdings mehr als gut, denn als Auftragskiller ist er in den 70er Jahren für den Osloer Drogendealer Hoffmann tätig und expediert in dessen Auftrag lästige Konkurrenz.
Nun bekommt es Olav allerdings mit einem folgenschweren Auftrag zu tun. Er soll die Frau seines Bosses liquidieren – allerdings entwickelt er Gefühle für sie. Stattdessen tötet ihr ihren Liebhaber, der sich als Hoffmanns Sohn entpuppt. Fortan steht Olav damit auf der Abschussliste von Hoffmann selbst. Kann ihn das Überlaufen zur Konkurrenz retten?
Die Story hinter Blood on snow – Der Auftrag ist wahrlich nicht sonderlich neu. Der pulpige Plot ist schon mehr als genug ausgewalzt worden. Was das Buch in meinen Augen allerdings von dem Durchschnitt abhebt, ist die Technik des unzuverlässigen Erzählers, bei dem man sich nicht sicher sein kann, was nun stimmt und was nun der Fantasie des Erzählenden entsprungen ist. Gerade nach dem Ende des Buches blieben für mich noch Fragen übrigen, die das Geschehen noch einmal neu überdenken und interpretieren lassen.
Die Schreibe Jo Nesbøs ist gewohnt knackig und präzise. Auch an der Übertragung von Günther Frauenlob ins Deutsche lässt sich nicht viel bekritteln. Das Buch mit seinen lediglich 186 Seiten ist gut gestaltet, der schwarze Buchschnitt passt sich gut in die gesamte Erscheinungsweise des Buchs ein.
Interessant bleibt auch, was Nesbø im zweiten Roman aus dem Blood-on-Snow-Universum zaubert. Dieses Buch soll im Februar 2016 unter dem Titel Blood on Snow – Das Versteck erscheinen und richtet seinen Fokus auf Ulf, der als Geldeintreiber für den Fischer arbeitet, der auch im vorliegenden Buch eine zentrale Rolle spielt.
Anthony Marra – Die niedrigen Himmel
Mein Lieblingsbuch des Jahres
Anthony Doerr – Alles Licht, das wir nicht sehen
Schönheit und Schrecken
Es gibt so Bücher, die finden zu einem, um den Leser dann lange nicht mehr loszulassen. Mit Anthony Doerrs Buch Alles Licht, das wir nicht sehen ging es mir genau so. Zufälligerweise in der Grabbelkiste eines Augsburger Buchhändlers entdeckte ich den Titel und schlug zu, da ich im Hinterkopf noch gespeichert hatte, dass dieses Buch vor Kurzem den Pulitzerpreis erhalten hatte. Einmal hatte ich mit einem Pulitzerpreis-gekrönten Buch bereits einen guten Fang gemacht, damals hieß das Buch Das geraubte Leben des Waisen Jun Do von Adam Johnson.
Nun also das Buch eines Autors, von dem ich bis Dato noch nichts gelesen hatte. Und von dem ich nach der Lektüre des Buchs postwendend viel mehr lesen wollte. Nun aber erst einmal zum Buch selbst.
Vom Ruhrgebiet und Paris bis nach Saint-Malo
Anthony Doerr erzählt parallel die Lebensgeschichte der Teenager Marie-Laure und Werner. Während Werner mit seiner Schwester Jutta als Waise in einem Kinderheim im Ruhrgebiet aufwächst, lebt Marie-Laure bei ihrem Vater, der im Pariser Natur-Historischen Museum als Schlosser arbeitet. Diese zwei Lebenschicksale würden sich normalerweise nicht berühren, wenn es nicht der Zweite Weltkrieg wäre und die Deutschen vor Paris stünden.
Werner wurde aufgrund seines technischen Geschicks zuerst auf eine Napola-Schule geschickt, um dann in einem Funker-Trupp an die Front versetzt zu werden.
Marie-Laure -inzwischen erblindet – flieht mit ihrem Vater in die Arme der Verwandtschaft in Saint-Malo. Dort in der Küstenstadt lebt sie bei ihrem kauzigen Onkel, der als begeisterter Funker schon bald beginnt, Nachrichten der Résistance zu senden. Die beiden Schicksale bewegen sich unaufhaltsam aufeinander zu, während ein deutscher Offizier dem bestgehüteten Geheimnis des Natur-Historischen Museums hinterherspioniert, dessen Spuren ebenfalls nach Saint-Malo weisen.
Glänzend montiert und geschrieben
Was an Alles Licht, das wir nicht sehen neben seinem Inhalt bei mir für Begeisterung sorgte, war die Montage und Sprache des Romans. Wie so viele Bücher beginnt Doerrs Erzählung mit einer kurzen Schilderung des Geschehens zu einem späteren Zeitpunkt, ehe er in der Chronologie zurückspringt und zu schildern beginnt, wie es zu den Ereignissen kam. Doch dabei belässt es der Amerikaner nicht. Immer wieder springt er zu jenen schicksalhaften Tagen in Saint-Malo, als sich Marie-Laure und Werner begegnen sollen. Virtuos beschreibt Doerr sein komplexes Erzählkonstrukt mit Leben und schafft es, den Leser durchgehend zu fesseln. In schnellen Kapiteln, die meist höchstens drei Seiten dauern, erzählt Doerr dialektisch von Werner und Marie-Laure. Er verdichtet einprägsame Szenen und Schlaglichter zu einer Prosa in intensivster Konzentration.
Außergewöhnlich, dass sich ein Amerikaner so ins das europäische Sujet eingearbeitet hat und dann als eigentlich Außenstehender dem doch schon häufig erzählten Topos des Kriegsromans neue Facetten abringen kann. Natürlich kann man Doerr einen Namen wie der des Nazi-Bösewichts „Reinhold von Rumpel“ vorhalten. Natürlich orientiert sich sein Erzählen manchmal auch an Hollywood-Klischees (man denke nur an die Résistance-Bewegung in Saint-Malo). Natürlich lässt sich noch anderes kritisieren. Dies alles verblasst in meinen Augen allerdings vor der Erhabenheit seiner Erzählung und der Schönheit seiner Sprache.
Fazit
Alles Licht, das wir nicht sehen ist einer der wenigen Romane, die es geschafft haben, mich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tränen zu rühren und ein Gefühl zu evozieren, wie es damals wohl gewesen sein muss. Von Werner Löcher-Lawrence gut ins Deutsche übertragen liest sich der Roman trotz alles Schreckens erhaben und weiß zu begeistern. Zu recht preisgekrönt ist diese Erzählung – auch schon für junge Leser und Leserinnen. Eines der besten Bücher des Jahres. Unbedingte Leseempfehlung!
- Anthony Doerr – Alles Licht, das wir nicht sehen
- Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
- ISBN 978-3-406-81534-8 (C. H. Beck)
- 519 Seiten. Preis: 25,00 €
Benjamin Lebert – Mitternachtsweg
Sylter Schauergeschichten
Benjamin Lebert wagt in Mitternachtsweg das Spiel mit mehreren Erzählebenen – und gewinnt. Er entführt den Leser auf den titelgebenden Weg, der in seiner Erzählung eine zentrale Rolle einnimmt. Auf Sylt existiert nämlich eine gefährlicher Tradition – bei Ebbe im Mondlicht beschreiten junge Liebende einen Weg aufs Meer hinaus, um sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern.Johannes Kielland, ein junger Mann, stößt bei Recherchen auch auf eine Geschichte rund um den Mitternachtsweg. Eine mysteriöse Frau soll diesen mit ihrem Geliebten genommen haben, doch kehrte nur sie vom Mitternachtsweg zurück. Bei seinen Recherchen muss der junge Mann allerdings feststellen, dass diese Legende lebendiger ist, als er es sich hätte vorstellen können.
Stück für Stück wird Kielland (und nicht weniger der Leser) immer mehr in die Geschichte hinein gesogen, wie mancher Liebende von der Strömung aufs Meer hinausgezogen wurde. Man weiß angesichts der verschiedenen Erzählebenen schon bald nicht mehr, was eigentlich Wahrheit ist und was der Phantasie entstammt. Geschickt verbrämt Lebert seine eigentliche Liebesgeschichte mit einer Schauergeschichte in bester hanseatischer Tradition.
So entsteht ein ungewöhnliches Buch, das mich persönlich stark an die Romane Carlos Ruiz Zafons erinnerte. Die Mischung aus Schauern und Liebe geht in Mitternachtsweg exzellent auf und macht dieses Buch zu einer echten Empfehlung in diesem Bücherherbst, wenn die Nächte länger werden und die Herbststürme über den Deich fegen!

