Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten

Es ist ein Titel, der auch abschrecken könnte. Aber statt einer historischen Saga über „starke Frauen“ und Kaffeeröstung liefert Nicola Denis mit ihrem Roman Wo die Kaffeekirschen leuchten das Porträt einer Auswanderehe mit zusätzlicher Reflexionsebene.


Es sind Orte mit viel Klang, die im ein oder anderen auch Fernweh auszulösen vermögen: Maracaibo, Santo Domingo, Barranquilla, das Hochland Kolumbiens. Sie alle finden Erwähnung im zweiten Roman der Übersetzerin und Autorin Nicola Denis, die sich darin mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, so zumindest lassen es das Nachwort von Wo die Kaffeekirschen leuchten wie auch einige biografische Wegmarken vermuten.

Schon einmal blickte sie auf ein familiäres Gefüge zur Wirtschaftswunderzeit, nämlich in ihrem literarischen Debüt Die Tanten. Nun, vier Jahre später, bleibt sie dieser Zeit treu. Sie erzählt vom jungen Ehepaar Hannelore Zimmerle und ihrem Mann, die den Start in ihre Ehe nicht im heimischen Ludwigshafen wagen wollen, sondern die es hinauszieht in die wirklich weite Welt.

Aus der Pfalz nach Kolumbien

Nicola Denis - Wo die Kaffeekirschen leuchten (Cover)

Die Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Jahr 1952 noch immer recht prekär, da verheißt Hannelores Mann eine Anstellung als Geologe an der Columbianischen Pädagogischen Akademie in Tunja in Kolumbien ein gesichertes Einkommen, noch dazu in einem exotischen Land. Die junge Frau lässt die Sicherheit der Heimat hinter sich, ein Studium mit dem Konzertfach Geige schließt sie nicht ab, sondern wagt mit ihrem Mann an der Seite den Aufbruch nach Kolumbien.

Diesem Abenteuer spürt siebzig Jahre später ihre Tochter nach, die sich mithilfe der fein säuberlich sortierten Leitzordner mit Luftpost aus der kolumbianischen Periode ihrer Eltern daran macht, diese Lebensphase ihrer damals noch kinderlosen Eltern zu rekonstruieren. Tief fühlt sie sich dabei in die Zeit und Erlebnisse ihrer Eltern ein, was insbesondere immer durch kursiv zitierte Passagen aus der Überseepost passiert, die immer wieder in den schön gesetzten Text einfließen.

Erst in jüngster Zeit fiel mir ein anderes Vermächtnis in die Hand, das schon seit einer Weile unbeachtet in einem Schrank mit Familiendokumenten lagerte: zwölf Pappschnellhefter von Leitz, in verblichenem Rot, Gelb, Blau und Grün, von meiner Großmutter mütterlicherseits mit Jahreszahlen beschriftet. Seite um Seite des dünnen Luftpostpapiers hatte sie säuberlich gelocht und abgeheftet. Zeitungsartikel, ausgeschnitten und Programmhefte dazwischengeschoben, als dächte sie schon an die künftige Leserin. Ob sie die Briefe ihrer Tochter selbst noch einmal überflog, zumindest beim Abheften? Und wann hatte sie all diese Seiten so umsichtig angeordnet; sobald sie eingetroffen, vorgelesen und herumgezeigt worden waren, oder doch erst später? Die Hefter reichen vom Aufbruch meiner Eltern nach Kolumbien bis lange nach meiner Geburt im Jahr 1972.

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten, S. 13 f.

Mit dem Blick von heute erkundet sie das Leben und die Prägung ihrer Eltern, bei der sogar im fernen Kolumbien die Nachwehen der Nazizeit im Denken und Handeln von einigen anderen Emigranten zu spüren waren. Migranten, die dem Weltbild der Nazis auch eine halbe Weltreise später noch nachhingen, KZ-Überlebende und mittendrin die Eltern der Erzählerin. Sie alle erstehen durch die Beschau der Post aus Übersee wieder vor unseren Augen auf.

Das Abenteuer Neuanfang

Das Abenteuer Neuanfang nach einer langen Überfahrt, rührige Akteure der deutschen Expat-Gemeinde wie ein Missionspriester, dazu das Schwanken zwischen dem Reiz des Unbekannten und der Sehnsucht nach der vertrauten Heimat, das alles arbeitet die Erzählerin und Familienforscherin in Wo die Kaffeekirschen leuchten fein heraus.

So geben die privaten Briefe reichlich Einblicke in Bräuche und den Versuch, sich etwas Normalität und Form auf über 2.800 Meter über Normalnull zu bewahren.

Die Feier von Weihnachten in Kolumbien mit Wiener Würstchen und Kartoffelsalat, die Anspannungen im Land, die nach der Ermordung des kolumbianischen Politikers Gaitan immer stärker zutage traten, die Exotik eines Landes, in dem nicht nur der Kaffee so anders riecht und schmeckt, als man es aus dem Pfälzischen kennt, das alles vermitteln die Briefe und Erlebnisse des jungen Ehepaars, die sich mit dem Blick von heute auf die eigenen Eltern und die damalige Zeit wirklich lesenswert überlagern und überschichten.

Einziger Schwachpunkt ist der Titel. Denn Nicola Denis‘ Roman ist deutlich vielschichtiger und reflektierter, als es der etwas pilchernde Titel vermuten lässt. Das ambivalente Verhältnis zu anderen Auswandern, die Nachwehen der Nazizeit im fernen Kolumbien und Themen wie Raubkunst und Rasseideologie lässt der Roman nicht aus, sondern spiegelt alle Themen durch die differenziert auf ihre Eltern blickende Erzählerin. Somit vermeidet der Roman alle Auswanderer-Rührseligkeit und die Verklärung jener Epoche an der Schwelle zur Wirtschaftswunderzeit und ergänz so unseren eurozentristischen Blick auf jene Zeit durch eine deutlich globalere Perspektive.


  • Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten
  • ISBN 978-3-7518-8048-0
  • 340 Seiten. Preis: 26,00 €

Robbie Arnott – Dusk

Das Hochland Tasmaniens ist eine Gegend, in die es die meisten von uns wahrscheinlich selten verschlagen dürfte. Robbie Arnott nimmt uns mit in seinem Roman Dusk mit dorthin und erzählt von der Jagd auf die gleichnamige Pumadame.


Floyd und Iris Renshaw sind als Kinder eines Outlaw-Paars gesellschaftliche Parias. Überall, wo sie hinkommen, hat man den Namen schon vernommen und meidet die beiden.

Ihre Namen lauteten Iris und Floyd Renshaw, und sie waren siebenunddreißig Jahre alt. Sie waren beide klein, aber nicht auffällig klein, und beiden hatten sie dickes, schwarzes Haar und grobe, gebräunte Gesichter, die Art von Haar und Gesichtern — steif, wettergegerbt, ausgedörrt —, die typisch sind für Menschen, die in Gegenden mit starken, salzigen Winden leben, obwohl kaum jemand wusste, woher sie kamen. Überhaupt wusste man wenig über sie, höchstens, was sie so machten, aber auch darüber herrschte Uneinigkeit. Je nachdem, wen man fragte, waren sie Tagelöhner, Jäger, Diebe oder Schlimmeres. Oder bloß Landstreicher. Immer waren sie irgendwo auf der Durchreise, und nie blieben sie irgendwo länger.

Robbie Arnott – Dusk, S. 11

Sie leben von der Hand in den Mund, ziehen mit ihren Zelten umher und machen halb Tasmanien unsicher. Als sie nun Kenntnis vom Treiben einer Pumadame namens Dusk erlangen, verheißt diese Nachricht einen Ausweg aus ihrem prekären Dasein.

Auf der Jagd nach Dusk

Robbie Arnott - Dusk (Cover)

Da der Puma nicht nur Tiere reißt, sondern auch schon Menschen auf dem Gewissen hat, haben die Züchter dort in den Highlands eine Prämie ausgelobt. Und da Floyd und Iris wenig zu verlieren haben, machen sie sich auf, um das Tier zu erlegen. Große Kenntnisse in der Jagd haben sie ebenso wenig wie durchschlagkräftige Waffen, dafür aber den Mut der Verzweiflung.

Und so durchstreifen die Geschwister die unwirtliche Landschaft der Lowlands und Highlands und kommen Dusk immer näher. Doch schnell zeigt sich bei ihrer Jagd, dass nicht nur Tiere dort in den Highlands ein gefährlicher Gegner sein können…

Robbie Arnotts zweiter, von Nikolaus Hansen ins Deutsche übertragene Streich ist eine archaische Geschichte, die die Jagd nach der Pumadame in den Mittelpunkt stellt, darüber hinaus aber auch von familiären Zusammenhalt, von Täuschung und Enttäuschungen erzählt.

In der wilden Natur Tasmaniens

Wieder einmal erweist sich der 1989 geborene Autor als ebenso versiert, was die Schilderung der wilden Natur Tasmaniens als auch die zwischenmenschlichen Aspekte seines Romans anbelangt. Brodelnde Flüsse wie auch geisterhaft emporstakende Gerippe gibt es bei ihm, die die Geschwister passieren. Das Stechen von Torf schildert Arnott ebenso plastisch, wie er die immer weiter intensivierende Spannung der Natur im Jagdgebiet von Dusk inszeniert.

Sie ritten nicht durch Regenwald, sondern hinein in dichtes Gehölz aus blassen, knorrigen Bäumen, ähnlich denen, die sie am Vortag lose verteilt auf MacLavertys Weiden gesehen hatten, nur, dass sie hier in Hainen und Wäldchen dicht gedrängt beieinander standen. Die größten trugen ähnliche staubig-blaue Blätterbüschel. Die Stämme der kleineren Exemplare waren von grünem und weinrotem und braunem Blattwerk umrahmt. Bei anderen sprossen trockene grüne Nadeln direkt aus Holzwucherungen, die ein fantasiebegabtes Auge als Fäuste hätte deuten können.
Alle Bäumen schienen uralt, kräftig, unvorstellbar ausgedörrt. Auch still, wären da nicht die Vogelschwärme in ihrem Geäst gewesen.

Robbie Arnott – Dusk, S. 64

Zudem überzeugt der Roman mit seiner Montage, die einen clever eingebauten erzählerischen Kniff im letzten Drittel auch buchgestalterisch gut einbindet. Das ist fantasievoll geschildert, besitzt ein gutes Timing und zieht beim Lesen immer weiter voran, bis hin zum offenen Ende,

Fazit

Action, Drama und Natur verbindet Arnott hier zu einem stimmigen Leseerlebnis, das mit den Geschwistern auf der Jagd nach der Pumadame durch die abgelegene Flora Tasmaniens streifen lässt. Erneut zeigt sich bei Dusk Arnotts Erzähltalent auf mitreißende Art und Weise und lässt hoffen, dass der tasmanische Autor auch künftig weiter seinen eigenen literarischen Weg sucht, auf dem man ihm sehr gerne folgen sollte!


  • Robbie Arnott – Dusk
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1529-7 (Berlin Verlag)
  • 283 Seiten. Preis: 24,00 €

Robert Seethaler – Die Straße

Pointillismus á la Seethaler. In seinem neuen Roman Die Straße betrachtet der österreichische Romancier Robert Seethaler das vielfältige Treiben an und auf jenem Ort, blickt in Häuser und die Seelen ihrer Bewohner. Dabei meint er es allerdings mit der Reduktion ein wenig zu gut.


Die Heidestraße ist eine Straße, wie es sie in Deutschland oder Österreich vielfach geben dürfte. Mietshäuser, ein Altenheim, Läden, eine Statue, die als einzige bauliche Sehenswürdigkeit oder zumindest als Besonderheit gezählt werden könnte, dazu eine rühriger Ortsvorstand, der jährlich ein Straßenfest organisiert.

So weit so normal. Robert Seethaler nimmt nun seine Heidestraße und blickt durch die Augen ihrer Anwohner auf das Treiben dort – und das über mehrere Jahre hinweg. Daraus entsteht ein Reigen, der vom Sterben, vom Tod, vom langsamen Abschied, aber auch vom Neuanfang erzählt.

Aus dem Innersten seiner Figuren blickt er auf das, was sie umtreibt, was sie sich wünschen und wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Da ist beispielsweise ein junger Mann, der einen Leerstand in der Heidestraße in ein Antiquariat umwidmen möchte und dabei feststellt, dass das Geschäft mit alten Büchern alles andere als rentabel ist.
Die Leiterin des Altenheims wacht streng über die Einhaltung der Regeln in ihrer Einrichtung, Geflüchtete werden von den ansässigen Anwohnern misstrauisch beäugt, es kommt zu einem Todesfall vor Ort, das Straßenfest eskaliert, darüber hinaus gibt es noch viele weitere Volten, die das Leben hier so schlägt.

Ein Chor der Stimmen

Das Besondere an Seethalers Roman ist nun die Erzählweise. Denn das gefällige Erzählen seines letzten Bestsellers Das Café ohne Namen hat Seethaler hinter sich gelassen und kehrt zu jenem Erzählen zurück, das er schon in Das Feld kultivierte. Statt einer durchgehenden Erzählinstanz gibt es hier nun wieder einen Chor der Stimmen, der durcheinander spricht, sich widerspricht und der dem Lesenden selbst die Aufgabe gibt, aus den kurzen Dialogen oder Gedanken, versetzt mit bürokratischen Schreiben, Hausordnungen und weiteren kleinen Einsprengseln.

Heiliger Jolander, bitt für mich, denn ich denke an Marija Malyntschyna. Wir wohnen Tür an Tür und ich frage mich, was sie macht, während ich in meinem Bett liege und der Stille lausche oder in meinem Zimmer herumlaufe wie ein gefangener Wolf. Seit sie bei uns eingezogen ist, sind meine Nächte voll Unruhe. Manchmal wache ich auf und glaube ihre Bettgeräusche zu hören, ich bilde mir sogar ein, die Wärme ihres Körpers zu fühlen, aber das ist natürlich Unsinn, die Wände sind dick und ich weiß ja nicht einmal, ob ihr Schlafzimmer an meines grenzt. Und doch… obwohl ich sie erst zweimal im Treppenhaus gesehen habe, glaube ich sie zu kennen. Nein, ich bin mir sicher! Ich kenne sie und weiß nichts von ihr und denke an sie, heute und morgen und an jedem anderen Tag…

Robert Seethaler – Die Straße, S. 41

Damals war es ein Friedhof, dessen Bewohner den erzählenden Chor bildeten, aus deren Stimmen sich die Leser*innen das Geschehen selbst ein Stück weit zusammenreimen mussten, nun ist es eben die Straße, die den erzählerischen Rahmen bildet. Die Idee der Straße als erzählerischem Mikrokosmos ist dabei allerdings nicht ganz neu.

Das Motiv der Straße als erzählerischer Dauerbrenner

Robert Seethaler - Die Straße (Cover)

Schon Autor*innen wie Ann Petry oder John Lanchester nutzten die Chancen, die bei solchem erzählerischen Setting ja wirklich auf der Straße liegen. Der Straße bildet einen Makrokosmos, innerhalb dessen man hervorragend von gesellschaftlichem Gefällen und den Sorgen und Nöten der einzelnen Anwohner erzählen kann, um diese Einzelstimmen dann zu einem Ganzen zu verdichten.

Auch Seethaler nutzt diese Chancen der Straße und rückt mit seinem Erzählen die Menschen in den Mittelpunkt, die sonst in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eher ausgespart werden. Rentner, Geflüchtete, Obdachlose, sie alle bekommen ihren Platz im Buch, was wirklich nicht nur im Sinne der Repräsentanz höchst lobenswert ist.

Leider vergisst es Seethaler dabei, seine Einzelstimmen zu einem Ganzen zu runden. Natürlich, es gibt einzelne Erzählelemente oder Motive, die immer wieder aufgegriffen werden. Dennoch übertreibt es Seethaler in meinen Augen hier mit seinem hingetupften Erzählstil. Mit diesem erzählerischen Pointillismus, losgelöst von jeder erklärenden äußeren Handlung ist es ein wenig wie mit dem Kinderspiel des Jenga-Towers.

Statt einen durchgängigen Text mit klarer Figurenführung vorzulegen, zieht Seethaler ein Stöckchen nach dem anderen aus seinem literarischen Turm. Leider wackelt dieser Turm ganz gehörig und kollabiert in sich, statt mit seiner luftigen Stabilität zu überzeugen.

Fazit

Im Falle von Die Straße wohnt man einem Beispiel für einen überschrittenen Kipppunkt in Sachen Reduktion bei. Was bleibt, ist ein Leseerlebnis des Lückhaften, das die Erschließung des Kontexts und der Hauptlinien seines Erzählens den Leser*innen selbst aufbürdet. Wenn man sich das antun mag, bekommt man es mit einem collagierten und vielstimmigen Erzählen zu tun, in dem man selber Ordnung schaffen kann, um so einen Durchblick zu bekommen. Man darf sich aber auch wünschen, dass Seethaler diese Reduktion nicht ganz so radikal vorangetrieben hätte…


  • Robert Seethaler – Die Straße
  • ISBN: 978-3-546-10033-5 (Claassen)
  • 229 Seiten. Preis: 25,00 €

Svenja Leiber – Nelka

Erinnerung in Form von Apfelbäumen. In ihrem Roman Nelka lässt Svenja Leiber eine gleichnamige Zwangsarbeiterin Jahre nach dem erlittenen Leid im Zweiten Weltkrieg an jenen Ort zurückkehren, den sie mit ihrem Wissen entscheidend prägte — und an dem sie auf einen alten Bekannten trifft.


Genauer besehen ist so ein Baum schon eine merkwürdige Angelegenheit. Nelkas Vater erklärt es der jungen Frau so, als er sie in die Kunst des Okulierens, als des Veredelns von Bäumen, einführt:

„Sieh genau hin“, sagte der Vater noch leiser, „sieh hier“, und damit zog er das weiche Holz von der darunterliegenden Schicht ab, „wohnt sein Herz. Es ist nicht wie beim Menschen. Das Baumherz ist über den Baum gebreitet und nicht in seinem Innern. Alles ist bei ihm umgekehrt. Sein Kopf wächst im Boden, sein Unterteil in den Himmel. Seine Wurzeln sind sein Gehirn, dort unten denkt er. Und oben vermehrt er sich.“

Svenja Leiber – Nelka, S. 42

Das Ergebnis dieser Vermehrung sind Früchte, die Titel wie Roter Herbstkalvill, Flandrischer Rambur, Graf Luxburgs Parmäne oder Blutapfel tragen.
Nelkas Vater hat sich als Baumwärter um die Pflege der Bäume rund um Lemberg verdient gemacht. Doch das sorglose Leben im kosmopolitischen Schmelztiegel Lemberg findet mit der Annektierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende.

Nelkas Vater wird ermordet und sie selbst als „Fremdarbeiterin“ von den Nazis in den Norden Deutschlands, die „Nordmark“ verschleppt. Sie findet sich neben vielen weiteren galizischen Frauen auf einem Bauernhof wieder, wo die Arbeiterinnen wie Tiere in Baracken gehalten werden und täglichen Frondienst leisten müssen. Kühe melken, Steine schleppen und sich selbst aufarbeiten, so sieht der neue Alltag für die Frauen aus.

Apfelwissen als Lebensretter

Svenja Leiber - Nelka (Cover)

Es ist das von ihrem Vater erlernte Wissen rund um die Äpfel, das Nelka einen Weg aus der Schinderei verschafft. Denn als der Verwalter des Hofs dort erkennt, über welches Wissen Nelka verfügt, macht er sie zur Beauftragten für den Ausbau des Hofs zur ertragreichen Apfelplantage. Damit einhergeht auch eine Verbesserung für die junge Frau, die nun auch im Gutshaus wohnen darf.

Die Äpfel spielen eine wichtige Rolle für die Versorgung der Zivilbevölkerung und der Soldaten — und werden auch über den Krieg hinaus zu einer wichtigen Einkommensquelle für den Gutsherren und seinen Verwalter werden.

Der Verwalter erhebt sich und geht das Fenster schließen.
Kurz sieht er hinaus. Aber nur, um sich zu sammeln, denn diese Frau verstreut ihm den Verstand, als würde sie ihn mit weitem Schwung den Hühnern hinwerfen. So fühlt er sich.
„Ich plane, im Sinne des Nährstandes, eine Obstplantage aufzubauen, und du wirst mir dabei helfen. Du wirst mir alles Notwendige dafür mitteilen“, sagt er, wendet sich um und tritt hinter ihren Stuhl.

Svenja Leiber – Nelka, S. 110

Doch auch wenn der Krieg zu seinem Ende kommt und Nelka damit nicht mehr an den Hof gebunden ist, kann sie nicht vergessen, was ihr das pomologische Wissen zwar für einen Ausweg aus dem Leid ermöglichte, was dieses Wissen aber auch für einen Preis hatte.

Nun, Jahre nach dem Kriegsende, kehrt Nelka ein letztes Mal auf die Apfelplantage zurück, um dem damaligen Gutsverwalter gegenüberzustehen…

Die Nachwirkung von Schuld

Neben seinem Blick auf das Schicksal von Zwangsarbeiter*innen im Zweiten Weltkrieg ist Svenja Leibers Roman besonders spannend in Hinblick auf die Nachwirkung von Schuld und sich verschiebender Machtdynamiken, die Nelkas Wissen ihr einst auf dem Hof ermöglicht.

Komponiert ist ihr Roman aus den Rückblenden auf Nelkas Leben zur Zeit des Weltkriegs auf dem Gutshof und einer ins erzählerische Jetzt gesetzten Rahmenhandlung, bei der Nelka noch einmal auf Marten, den Gutsbesitzer, trifft und ihn so mit dem erlittenen Unrecht konfrontiert.

„Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur“, sagt Nelka, „spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutete, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.“

Svenja Leiber – Nelka, S. 194

Die Äpfel beziehungsweise die Apfelbäume sind dabei ein gutes Motiv, das sich auf das Unrecht übertragen lässt, das Nelka erfahren musste. Denn Schuld kann sich vielleicht einlagern, wird umschlossen wie die Kerne eines Apfelgehäuses oder die guten und schlechten Jahre in einem Baumring. Die Schuld bleibt aber dennoch da und überdauert die Zeit und kommt über kurz oder lang zum Vorschein, spätestens wenn der Apfel aufgeschnitten oder der Apfelbaum gefällt wird.

Dass bei der Rückkehr Nelkas an den Ort des Schreckens kaum ein Baum mehr steht, fast alle der ehemaligen Apfelbäume gefällt und gesprengt wurden, ist diesbezüglich auch hochsymbolisch zu sehen. Denn mag die Plantage auch anders aussehen, das Land ein anderes geworden sein und Nelka selbst mit ihrem Mann ebenfalls in einem neuen System leben, es zeigt sich, dass William Faulkner mit seinem Diktum über die Unvergänglichkeit des Vergangenen Recht hatte.
Die Vergangenheit ist eben nicht vergangen und lebt immer noch fort. Taten von früher haben auch Generationen später noch Nachwirkungen und werden wieder freigelegt, was Nelka plastisch vor Augen führt.

Ein Apfelbaum als Inspirationsquelle

Es war einst ein Apfelbaum im Nachbargarten des Elternhauses, der von einem oder einer Kriegsgefangenen gepflanzt worden war und der in Svenja Leiber den Wunsch nach einer literarischen Beschäftigung mit dem Thema der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen in Schleswig-Holstein weckte (immerhin fast 50.000 Gefangene waren alleine in der Landwirtschaft im Jahr 1943 in Schleswig-Holstein in der Landwirtschaft eingesetzt und leisteten damit einen entscheidenden Anteil am Fortbestand der Höfe, wie der Autorin in ihrem Nachwort zu Nelka schreibt).

Aus diesem kleinen Samen ist ein wirklicher literarischer Baum gereift, der fein verästelt den Fragen von Schuld und den Nachwirkungen der Zwangsarbeiter-Schicksale nachspürt und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Frage von Aufarbeitung und der Verdrängung von Schuld liefert.


  • Svenja Leiber – Nelka
  • ISBN 978-3-518-43276-1 (Suhrkamp)
  • 200 Seiten. Preis: 24,00 €

Hal Ebbott – Unter Freunden

Zwei Freunde, ein Treffen mit Anhang im Wochenendhaus des einen, Frotzeleien, leichte sportliche Betätigungen und Erinnerungen an die eigenen Vergangenheit. So könnte das Treffen Unter Freunden ablaufen, das die Jugendfreunde Emerson und Amos anstreben. Doch dann nimmt alles einen ganz anderen Lauf, wie Hal Ebbott in seinem Debütroman zeigt.


Selten klafften bei einem Buch zuletzt Erwartung und Realität so auseinander, wie es bei Hal Ebbotts Debüt Unter Freunden der Fall ist. Beworben als „Sommer-Leseempfehlung“ der New York Times, las ich offenbar etwas unachtsam den Klappentext und ließ mich von der Beschreibung eines Aufeinandertreffen alter Jugendfreunde in einem Wochenendhaus schnell auf eine falsche Fährte locken.

Tatsächlich ist das Setting eines sommerlichen Feriendomizils fernab des normalen Alltags in Amerika ja ein beliebtes erzählerisches Motiv und erinnert an die Werke Miranda Cowley Hellers oder Richard Russos.

Von der sommerlichen Leichtigkeit, mit der bei diesen Autor*innen auch schwere Themen, überraschende Erkenntnisse über die eigene Vergangenheit oder die bei solchen Treffen festzustellende Distanz zwischen den Charakteren grundiert werden, ist bei Hal Ebbott keine Spur.

Keine sommerliche Leichtigkeit

Hal Ebbott - Unter Freunden (Cover)

Zwar beginnt bei ihm auch alles recht typisch mit der Anreise von Amos, seiner Frau Claire und der Tochter Anna zum Wochenendhaus seines Freundes Emerson, den er seit Jugendtagen kennt, sodass man einen sommerlichen Easy Read erwarten könnte. Doch schon bald verflüchtigt sich diese Erwartung.

Von der Straße getragen, glitt das Auto durch den Wald. Die gelben Markierungen waren rissig, der Asphalt jedoch glatt. Quer durch das Land zog er sich. Links und rechts erstreckte sich die Welt im trägen Stumpfsinn eines abgeflauten Sturms. Satt, schläfrig und selbstzufrieden.
Ab und zu verschwanden die Bäume, und der große Fluss kam zum Vorschein, glatt, grau und schimmernd wie Fischhaut. Eine Ortschaft kam näher — ein Dorf aus Häuschen und gestapeltem Gemüse. Daneben mit Kreide gekritzelte Preise und zum Bezahlen ein Becher, den niemand bewachte.
Die Straße floss weiter; in eine Senke hinab, dann einen Steilhang hinauf. Schließlich eine scharfe Abzweigung — die, vor der man Neulinge in der Wegbeschreibung warnte, weil sie so leicht zu verpassen war. Der Boden knirschte unter den Reifen, Wurzeln rüttelten die Koffer durch. Der Nachbarshund preschte hervor, als er sie hörte, lief bellend und schwanzwedelnd neben dem Wagen her. Vögel flohen aus den Büschen und tüpfelten den Himmel.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 22

Auch wenn es sich hier noch so anlässt: die Idylle ist es nicht, die Hal Ebbott im Sinn hat, im Gegenteil. Denn auch wenn die Jugendfreunde anlässlich Emersons 52. Geburtstag anfangs in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, Sport treiben und dabei mal gespielter, mal ernstlicher miteinander konkurrieren, so kippt das Buch ab der Mitte in ein düsteres Kammerspiel, das jegliche Sonne vermissen wird.

Zwei Jugendfreunde und eine unfassliche Tat

Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, kommt es aus der angespannten Stimmung heraus zu einem sexuellen Übergriff im Landhaus. Fortan kreist der Roman um die Frage, wie sich alle Figuren zu dem Erlebten verhalten. Ignoriert man es, zweifelt die Echtheit des Erlebten an, sucht man die Aussprache oder flieht vor der Wahrheit?

Unter Freunden dekliniert die verschiedenen Ansätze durch und blickt aus mehreren Perspektiven auf die Tat, die die Figuren ganz unterschiedlich wahrnehmen. Dabei ist die Wahrnehmung der zentrale Begriff, den Ebbotts Schreiben kennzeichnet. Gefühle und Wahrnehmungen spielen eine starke Rolle, immer wieder greift Ebbott als erzählerisches Mittel zurück auf die Beschreibung der inneren Welt der Figuren, was den Effekt des Kammerspiels noch einmal verstärkt.

Beständig kreisen die Gedanken der Figuren um sich und ihren Kosmos. Dahinter tritt die äußere, eh recht knappe Handlung, zusätzlich zurück. Beispielhaft etwa diese Gedankenarabeske, über die Emerson brütet, nachdem er aufgrund einer Sportverletzung an seinem Geburtstag zur Ruhe im Sessel zum Nichtstun gezwungen ist.

Emerson antwortete nicht. Weder wollte er den Gedanken würdigen noch zugeben, dass er ihm selbst schon gekommen war. Dass er sich mit zweiundfünfzig Jahren ein „Ausgerechnet heute“ nicht verkneifen konnte, machte ihn bloß noch erbärmlicher. Eine Verletzung zu beklagen, war verständlich; unverzeihlich schien ihm das Bedürfnis nach einer besonderen Gelegenheit. Doch da saß er nun, in seinem breiten Ledersessel, umgeben von Regalen voller ernster, kluger Bücher, und konnte nicht anders. Ausgerechnet an meinem Geburtstag, verdammt. An meinem scheiß Geburtstag.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 106

Ein Fall für eine Triggerwarnung

Ein letzter Gedanke sei auch noch zur oft belächelten und schon wieder etwas aus der Mode gekommenen Triggerwarnung angebracht. Obschon in manchen Fällen sicher fraglich, drängt sich im Falle von Unter Freunden in meinen Augen eine solche Vorwarnung auf, obgleich spät im Klappentext von „einem schockierenden Akt der Gewalt“ die Rede ist.

Dennoch bereitet dieses unkonkrete Raunen kaum auf das vor, was plötzlich im Text steht und Menschen mit Traumata oder einer Vorgeschichte recht unvermittelt überfällt und verletzen könnte. Hier wäre eine Warnung in Form einer vorangestellten Notiz durchaus angebracht, so mein Empfinden.

Das bringt mich dann auch zum eingangs erwähnten Label der Sommer-Lektüre zurück. Spätestens wenn ich mir als nicht sonderlich sensibler Leser Gedanken über Triggerwarnungen in einem düsteren Kammerspiel mit unfasslicher Tat mache, ist jegliche sommerliche Leichtigkeit perdu.

Eine „Sommer-Leseempfehlung“ ist Unter Freunden somit nicht, vielmehr eine dunkle, gedanken- und perspektivenreiche Analyse eines Übergriffs und dessen Verarbeitung im Kleinen, die auch auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit derlei Themen blicken lässt.


  • Hal Ebbott – Unter Freunden
  • Aus dem Englischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-546-10107-3
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €