Monthly Archives: Juli 2018

Backlist lesen: Euphoria

Aus der losen Reihe der Backlist-Empfehlungen heute ein neuer Tipp rund um Liebe, Ethnologie und ferne Länder.

Die Amerikanerin Lily King schildert in ihrem Roman Euphoria eine Dreiecksbeziehung unter drei Enthnologen, die von der Lebensgeschichte Margaret Meads inspiriert ist. Diese 1901 geborene Ethnologin widmete sich der Erforschung der Völk er im Südpazifikraum, wobei das Feld weite Feld der Sexualität einen Schwerpunkt ihrer Forschung darstellte.

All dies sind auch Themen, die in Lily Kings Roman eine große Rolle spielen. Der Ich-Erzähler Andrew Bankson trifft im Dschungel von Papua-Neuginea in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert auf zwei andere Forscher. Es handelt sich um das amerikanische Ehepaar Nell und Fen Stone. Diese forschen ebenfalls, zwar mit anderen Ansätzen, aber auch mit ganzem Einsatz, auf dem Feld der Ethnologie. Jenes Forschungsfeld steckte zur damaligen Zeit noch in den Kinderschuhen und trieb auch kuriose Blüten, wovon Lily King anschaulich zu erzählen vermag.

Während die drei am Sepikfluss unterschiedliche Völker beobachten und erforschen, kommen sich die  jungen Forscher selbst immer näher. Begehren, Anziehung und Neugierde sind nicht nur Themen, die bei den Stämmen, die sie erforschen, eine große Rolle spielen. Auch sie selbst sind vor diesem Thema nicht gefeit und geraten in einen Strudel.

Sehr abwechslungsreich aus immer wieder wechselnden Perspektiven erzählt Lily King davon. Sie inszeniert ihre Geschichte bündig (lediglich ein klein wenig mehr als 260 Seiten umfasst der Roman) und faszinierend. Gerne folgt man den drei Ethnologen bei ihren Forschungen. Geschickt erzeugt Lily King Atmosphäre und lässt den undurchdringlichen Dschungel vor den Augen des Lesers entstehen. Ein Buch, das unterhält und einen Appetitanreger in Sachen Geschichte der Ethnologie und Papua-Neuginea darstellt. Besonders zur Lebensgeschichte von Margaret Mead bietet Kings Erzählung gute Anknüpfungspunkte.

Fazit: Stilstisch abwechslungsreich, sprachlich sehr ansprechend (Übersetzung durch Sabine Roth) und in farbigem Setting entführt das Buch in eine wirklich andere Welt. Bruder im Geiste ist das mindestens ebenso empfehlenswerte Buch Traumatische Tropen von Nigel Barley. Gerne sollte dieses Buch aus der Backlist wieder einmal nach vorne gehoben werden – es verdient auf alle Fälle eine Lektüre!

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Richard Russo – Ein Mann der Tat

Der Menschenzeichner

Was für ein schönes, turbulentes, witziges – kurz großartiges Buch, das Richard Russo da vorgelegt hat! In Ein Mann der Tat beschreibt er diesen Durchschnitt, der sich Leben nennt, auf vorzügliche Art und Weise. Dies tut er, indem er seinen sezierenden Blick in das kleine Städtchen North Bath wirft, das symptomatisch für so vieles in Amerika steht. In diesem Städtchen versieht Douglas Raymer als Polizeichef seinen Dienst.

Dieser wird in den zwei Tagen, die die Handlung des Romans umfasst, auf allumfassende Weise gepiesackt. Er muss Größe beweisen und droht auch noch seinen Verstand zu verlieren. Klingt nach Chaos und Übertreibung? Ich nenne es großartige Unterhaltung, die über den weiten Bogen von fast 700 Seiten (Deutsch von Monika Köpfer) trägt.

Schon die Ausgangslage ist hinreißend: Der Chief Raymer findet seine Frau zuhause mit gebrochenem Genick vor. Vor der Türe stehen zu seiner maßlosen Verblüffung die Koffer – offenbar war seine Frau gerade im Begriff, ihn zu verlassen. Dieser erste Schock folgt noch einem weiteren – im Auto findet Raymer eine Fernbedienung zu einem Garagentor, das nicht das seine ist. Fortan fährt der Polizeichef Streife mit dem Garagenöffner und versucht zu ergründen, mit wem der Bewohner von North Bath seine Frau wohl eine Affäre hatte.

Es folgt in den kommenden Tagen, die Ein Mann der Tat beschreibt: ein Sturz in ein offenes Grab, eine entkommene Giftschlange, ein Blitzeinschlag und vieles mehr. In den kundigen Händen von Pulitzerpreisträger Russo wird daraus Unterhaltung, die trotz aller Slapstick-Situationen den Figuren ihre Würde lässt. Nicht umsonst habe ich diese Besprechung mit dem Titel Der Menschenzeichner umschrieben. Denn ihm gelingen derart vortreffliche Menschenbeschreibungen, wie man sie selten findet. Runde Charaktere mit Stärken und Schwächen, die plausibel gestaltet sind und bei denen man das Gefühl hat, man würde die Bewohner von North Bath selbst kennen. Derartige Plastizität, was die Gestaltung der Handelnden anbelangt, habe ich zuletzt selten gelesen.

Hier vereint sich der Ausnahmezustand mit der Normalität, das Schwere feiert Hochzeit mit dem Leichten. Ein Mann der Tat ist ein wunderbarer Einstieg in den Kosmos Richard Russos und ein wirklicher Great American Novel, der die Durchschnittlichkeit feiert!

 

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Jean Cocteau – Thomas der Schwindler

„Der Krieg begann in der größten Unordnung. Und diese Unordnung hörte von Anfang bis Ende nicht auf. Ein kurzer Krieg hätte sich verbessern und sozusagen vom Baum fallen können, ein derart langer Krieg jedoch, von seltsamen Interessen in die Länge gezogen und mit Gewalt an den Ast gebunden, bot immer wieder Verbesserungen, die zu neuen Anfängen und neuen Schulen führten.“

Cocteau, Jean: Thomas der Schwindler, S. 5

Immer wieder präsentiert der Manesse-Verlag in seiner Bibliothek schön gestaltete Preziosen, die aus dem literarischen Allerlei herausfallen. Der hier besprochene Band Thomas der Schwindler von Jean Cocteau aus dem Jahr 1923 passt genau in dieses Schema.

Jean Cocteau (Quelle: Wikimedia)

Jean Cocteau (1889-1963) ist ob seiner Vielbegabung eine echte Ausnahmegestalt in der jüngeren französischen Kulturgeschichte. So publizierte er Lyrikbände, schrieb Prosa und Drehbücher, führte darüberhinaus aber auch Regie und erzielte auch als Maler beachtliche Erfolge. In erster Linie sah er sich selbst aber als Dichter, dessen unterschiedliche Talente sich gegenseitig befruchteten.

Thomas der Schwindler legt davon Zeugnis ab. Denn Cocteau entschließt sich im Gegensatz zu Kollegen wie etwa Erich Maria Remarque, seinen Fokus nicht auf die realistische und nüchterne Schilderung des Ersten Weltkriegs zu legen, sondern von dessen absurden Seiten zu erzählen. Schon das eingangs erwähnte Zitat lässt den Ton erkennen, den Cocteau auf den folgenden knapp 150 Seiten anschlägt. Eine Gestalt in seinem Figurenensemble, das den Ersten Weltkrieg so erlebt, ist jener Thomas der Schwindler. Cocteau führt ihn mit folgenden Worten ein:

„Guillaume Thomas war, trotz seines Ungläubigennamens, ein Schwindler. Er war weder der Neffe des General de Fontenoy noch in irgendeiner Weise mit ihm verwandt, Er war in Fontenoy geboren, bei Auxerre, wo manche Historiker den Sieg von Fontanet ansiedeln, den Karl der Kahle im Jahr 841 errang. Als der Krieg erklärt wurde, war er sechzehn Jahre alt“

Cocteau, Jean: Thomas der Schwindler, S. 23

Dieser trifft in einem Lazarett auf einen ganzen Haufen an merkwürdigen Gestalteten, darunter ein Arzt, der dafür berüchtigt ist, das Personal seines Krankenhauses zu hypnotisieren, eine kriegslüsterne Prinzessin und dergleichen mehr. Guillaume stößt als einfacher Soldat per Zufall auf diesen Haufen ungewöhnlicher Menschen – und wird von diesen genauso wie von allen weitere Personen, die ihm noch begegnen, gleich für einen Adligen gehalten. Allerdings unternimmt er auch nichts, um diesen Irrtum zu korrigieren.

All dieses Figuren schickt Cocteau nun auf eine Reise, die sie mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs konfrontieren. Er bricht das Grauen aber in klassisch surrealer Tradition mit schon fast nahezu dadaistischen Situationen. So möchte sich der Treck der Figuren auf den Weg zur Front machen – kommt aber einstweilen erst einmal nicht vorwärts, da der Doktor die Reisegruppe zu einem verlassenen Haus in entgegengesetzter Richtung umlenkt. Dort möchte er als Geranienliebhaber erst einmal einhundert Pflanzentöpfe mit seinen geliebten Blumen in Sicherheit bringen.

Thomas der Schwinder ist voll mit derartig absurden Situationen und Schilderungen. Jean Cocteaus Hang zum Surrealismus zeigt sich in seinem schriftstellerischen Oeuvre besonders auch in diesem Werk. Sein Buch ist eine Art Eulenspiegel des Ersten Weltkriegs und ist deshalb so lesenswert, da es einen neuen Blick auf das damalige Geschehen und damit uns auch heute neue Räume öffnet. Zudem ist das Buch von Claudia Kalscheuer sorgfältig mit vielen Fußnoten übersetzt worden und besitzt ein Nachwort von Iris Radisch. Und nicht zuletzt ist Cocteaus Buch wie auch alle anderen Bänder der Manesse-Bibliothek vorzüglich gestaltet.

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Eine Selbstbefragung als Leser

Vorige Woche wollten wir in unserem Literaturkreis wieder einmal ein Buch lesen und besprechen. Ausgesucht war Sofi Oksanens Als die Tauben verschwanden. Im Vorfeld stand natürlich auch bei mir die Lektüre des Buchs an, wollte man doch fundiert und nahe am Text über das Buch debattieren. Und dann das:

Der Auslöser der Überlegungen

Während ich die 430 Seiten las, rauschte die Handlung einfach an mir vorbei. Obwohl ich aufmerksam sein wollte, trieben meine Gedanken schon nach wenigen Seiten wieder von der Handlung weg. Keine der erzählerischen Wegmarken in dem Buch bekam ich zu greifen. Wie ein Passagier an einem Bahnsteig stand ich vor diesem Buch, das einfach an mir vorbeifuhr. Der Erzählzug legte für mich keinen Stopp ein, bei dem ich hätte zusteigen und damit in die Geschichte gelangen können. Ein Symptom, das mir so schon lange nicht mehr bei einem Roman unterkam. Nun begann ich die Selbstbefragung. Warum fand ich einfach keinen Zugang zu diesem Buch und warum las ich völlig an seiner Geschichte vorbei?

Mehrere mögliche Punkte fielen mir dazu ein, die meine Eigenanamnese ergab:

  • Übertriebene Konstruktion?

Als die Tauben verschwanden erzählt von der wechselvollen finnisch-estischen Geschichte. Anhand von drei Figuren zeigt sie, wie erst Rote Armee, dann die Nationalsozialisten und dann die Kommunisten Estland besetzen und damit stets eine sofortige Anpassung der estischen Bevölkerung verlangen. Rechnung trägt Oksanen in diesem Buch dieser wechselhaften Geschichte, indem sie mehrmals mit ihren Kapiteln aus der Zeit der Nazi-Besatzung der 40er Jahre weiter in die 60er Jahre und damit in die Zeit des Kommunismus springt. Immer wieder tut sie das und ließ mich dabei schon beim ersten Sprung zurück, da sich für mich die Figuren noch nicht so weit entwickelt hatten, dass man mit ihnen den Sprung wagen würde. Womit ich schon beim zweiten Kritikpunkt angelangt wäre.

  • Stumpfe Charaktere?

Figuren sind für mich der zentrale Dreh- und Angelpunkt. Eine schwache Geschichte oder ein wenig glaubhafter Plot kann für mich immer durch lebendige Figuren aufgefangen werden. Und tatsächlich gibt es Autoren, die derart plastisch und glaubwürdig Figuren zeichnen können, das man sie durch die Buchseiten hindurch zu kennen glaubt. In letzter Zeit war das bei mir etwa bei Richard Russo der Fall.

Hier scheiterte ich schon an der Namenszuweisung der Protagonisten. Immer wieder rutschten mir die Charaktere durcheinander, keiner blieb mir irgenwie im Gedächtnis, schon beim nächsten Kapitelsprung hatte ich vergessen, wer wer war. So etwas kam mir auch selten unter. Dies führte zu der Frage, was ich bei Figuren brauche, damit sie mir nahekommen. Neben der Identifizierung mit der eigenen Erfahrung brauchen Figuren in meinen Augen auch eine Geschichte und Widerhaken. Beides war leider Mangelware, sodass ich hier weder über die voltenreiche Geschichte, noch über die Figuren, die sie transportieren, in den Erzählfluss gelangte.

Vielleicht ist der nächste Punkt auch der wichtigste, der mir bei meinen Überlegungen in den Sinn kam:

  • Übersättigung?

Vielleicht ist dieser Punkt auch der entscheidende: ich bin im Moment mit Büchern, die den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die Menschen behandelt, völlig übersättigt. Gefühlt jedes zweite Buch in diesem Bücherfrühjahr spielt im Zweiten Weltkrieg und setzt sich mit diesem mithilfe unterschiedlicher ästhetisch-literarischer Konzepte auseinander. Eine lose Auswahl dieser Bücher, die mir in den Sinn kamen, folgt hier: Arno Geigers Unter der Drachenwand, David Schalkos Schwere Knochen, Erich Vuillards Die Tagesordnung, Bernhard Schlinks Olga, Ralf Rothmanns Der Gott jenes Sommers, Jo Bakers Ein Ire in Paris – und das ist noch nicht einmal die vollständige Aufzählung von allen Büchern aus alleine diesem Frühjahr. Jedes weitere Buch, das dieses Thema bearbeitet, muss da schon entweder in ästhetischer oder sprachlicher Form Neues bieten, damit ich nicht übersättigt zurückbleibe. Geschafft hat es Als die Tauben verschwanden nicht im Ansatz. Deshalb lautet hier meine Diagnose: WW2-Overkill.

 

Die Frage jedes Sportreporters nach der Niederlage: Woran hats gelegen? kann ich jetzt definitiv mit diesen drei Punkten beantworten. Die Wahrheit auf meinen mangelnden Zugriff auf Sofi Oksanens Roman erklärt sich durch eine Mischung dieser drei Punkte (und sicherlich noch einiger etwas marginaler) weiterer Punkte.

Möchte man nun der literarischen Niederlage auch positive Seiten abgewinnen, so dann wohl diese: die Selbstbefragung hat mir wieder einmal vor Augen geführt, welche Punkte für mich eine nachhaltige Lektüre ausmachen und was für mich ein gutes von einem schlechten Buch trennt. diese drei oben aufgeführten Stichpunkte zählen definitiv zu meinem Kernkatalog, nach dem ich Bücher hinsichtlich ihrer Qualität bewerte.

Dennoch bleiben auch kritische Fragen, die über dieses einzelne Ereignis nun hinausweisen, besten: Lese ich zu viele Bücher? War zuletzt zu viel Durchschnitt in meinen Lektüren dabei? Die Selbstbefragung und Anamnese wird daher über die nächsten Bücher hinweg weiter verfolgt. Auch würde mich eurer Meinung zu dem Thema interessieren:

Wovon habt ihr genug? Gibt es Themen oder Inszenierungen, von denen ihr nichts mehr lesen wollt? Oder generell gesprochen: was lässt euch Bücher abbrechen?

Ich bin auf eurer Meinung sehr gespannt!

 

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Wolfram Eilenberger – Zeit der Zauberer

Denken in Davos

Da treffen sie nun aufeinander – die großen Denker, die dieser Epoche ihren Stempel aufgedrückt haben. Im edlen Ambiente des Schweizerischen Davos triff der „Newcomer“ Martin Heidegger auf den arrivierten und hochgeschätzten Philosophieprofessor Ernst Cassirer. Eine Tagung ermöglicht es, dass die beiden Denker in den Disput miteinander treten und so eine der großen Sternstunden in der Philosophiegeschichte begründen. Ein Gipfeltreffen katexochen, dessen Zeuge man hier dank Wolfram Eilenberger wird.

Dieser leitete früher das Philosophie Magazin und erweist sich in Zeit der Zauberer als ebenso leichtfüßiger wie profunder Kenner der Philosophiegeschichte. Er konzentriert sich in seinem Buch, wie schon aus dem Untertitel ersichtlich, auf die zehn Jahre von 1919 bis 1929. Diese Dekade hat die Geistesgeschichte des 20. und auch 21. Jahrhundert entscheidend geprägt. Maßgeblich haben vier Denker dazu beigetragen, von denen er profund zu berichten weiß.

So stehen die vier ebenso unterschiedlichen wie faszinierenden Männer Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Ernst Cassirer im Mittelpunkt seiner Geistesbiographie. Immer wieder springt er, chronologisch nach Jahren geordnet, zwischen diesen vier Denkern hinterher. Während Wittgenstein sein ganzes enormes finanzielles Erbe ausschlägt, um sich der Suche nach dem Sinn des Lebens hinzugeben, könnte Walter Benjamin gut ein Brosamen dieses ausgeschlagenen Vermögens brauchen. Ständig pleite, mit Frau und Kind im Hintergrund vagabundiert er sich durch halb Europa, immer auf dem Sprung zum nächsten großen Gedanken. Mäandernd zwischen Übersetzungen, eigenen Forschungstexten, Lohnarbeit wie Rezensionen und der Frage, wie er über die Runden kommen sollte. Ein solch kapriziöser und chaotischer Lebensweg ist Ernst Cassirer hingegen völlig fremd. Kontinuierlich publiziert er und lässt sich von keinen Wirrnissen aus der Bahn bringen.

Ganz anders da Martin Heidegger. Ebenfalls mit Frau und Kindern im Breisgau lebend, zieht er sich immer wieder auf eine Hütte auf dem Todtnauer Berg zurück, um dort wie ein Eremit neue Erkenntnisse zu suchen. Eine Suche, die reichlich Früchte trug und ihn zu einem der gefeiertsten Philosophen seiner Zeit machte. Als Professor trifft er dann schließlich 1929 in Davos zu jener am Anfang des Buches stehenden Disputation mit Cassirer ein. In deren Mittelpunkt – wie könnte es anders sein – DER Denker und Grundstein vieler Arbeiten und Studien: Immanuel Kant.

Zeit der Zauberer ist vieles: Biographie der vier Denker, Einführung in die Philosophie im Allgemeinen und Einführung in das Werk und die Lehre jener vier Denker im Speziellen. Mit zahlreichen Auszügen aus den entscheidenden Werken von Wittgenstein und Co. macht Eilenberger klar (oder versucht es zumindest), was sie umtrieb. So widmet er sich den in den Jahren von 1919 bis ’29 entstandenen Hauptwerken und zeigt, was das Neue und Entscheidende an Denkgebäuden wie dem Tractatus logico-philosophicus (Ludwig Wittgenstein) oder Sein und Zeit (Martin Heidegger) war und ist.

Doch nicht nur der Theorie widmet sich Eilenberger. Auch die private Situation der vier Kapazunder findet in Zeit der Zauberer ausreichend Platz. So gelingt es Eilenberger mit seinem hüpfenden Reportagestil auch viele Parallelen in den jeweiligen Leben herauszuarbeiten. So geht Martin Heidegger ab 1925 eine Liasion mit Hannah Arendt ein, die ihn auch in seinem denkerischen Schaffen beflügelt. Just zu dieser Zeit reist Walter Banjamin nach Capri, um dort endlich seine Habilitationsschrift zu verfassen. Statt der Schrift findet er Asja Lacis und beginnt mit dieser ebenfalls eine Affäre. Auch er wird in seinem Denken entscheidend geprägt und erhält neue Impulse. Derartige Wechselbeziehungen arbeitet Wolfgang Eilenberger in seinem Buch häufig heraus und zeigt so, dass sich die Denker bei den vielen Unterschieden auch oftmals gar nicht so unähnlich waren.

Für die Zerstreuung und ein oberflächliches Flanieren durch die vier Biographien taugt das Buch keinesfalls. Eilenbergers Buch ist fordernd, besonders in den theoriegesättigten Passagen. Dies soll auf keinen Fall verschwiegen werden. Wer diese Kopfarbeit und die eigenen Auseinandersetzung mit geistesgeschichtlichen Ideen nicht scheut, der hält hier allerdings sein Buch in den Händen. Das Buch gibt Impulse, sich weiter mit den vier Denkern zu beschäftigen und zeigt, welch immense Denkarbeit von diesen in jener Dekade der Philosphie geleistet wurde. Mehr als außergewöhnlich!

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