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Rachel Khong – Real Americans

Was ist schon wirklich echt? In Real Americans blickt Rachel Khong auf drei Generation chinesischstämmiger Amerikaner*innen und beschreibt deren Leben und familiäre Wurzeln. Dabei braucht ihr Roman aber Zeit, bis er wirklich in Fahrt kommt.


Kann man einen Bestseller machen? Der Kölner Kiepenheuer und Witsch-Verlag übt sich dieser Tage in einem spannenden Experiment. Denn unter Federführung von Mona Lang, der Programmleiterin für Internationale Literatur, zieht der Verlag um den zweiten Roman der US-Amerikanerin Rachel Khong ein Marketing-Ballyhoo auf, wie man es selten zuvor gesehen hat.

Nicht weniger als ganz Deutschland soll Khongs Buch lesen, so hat es sich die Marketingkampagne zum Ziel gesetzt, die passenderweise auf den ambitionierten Titel Deutschland liest ein Buch hört.
Eine Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit, um über deren Ausspielwege das Buch zu bewerben, eine Karte, die auf Buchclubs, Buchhandlungen und Veranstaltungen rund um das Buch hinweist, dazu Zusatzmaterial für die gemeinschaftliche Lektüre und Diskussionen über Rachel Khongs Buch, das alles stellt der Kölner Verlag bereit, um das Buch aufmerksamkeitsökonomisch zu flankieren. Es scheint, als hätte man sich in Köln den Deichkind-Song Denken Sie groß wirklich zu Herzen genommen.

Deutschland liest ein Buch

Rachel Khong - Real Americans (Cover)

In vielen Buchhandlungen nimmt Rachel Khongs Roman schon einen prominenten Platz in der Auslage ein, auch Blogger*innen (inklusive meiner Wenigkeit) wurden großzügig mit eigens gestalteten Bloggerboxen bemustert. Es ist eine Strategie, die aufgeht.
Im Gegensatz zum althergebrachten Feuilleton der Printmedien ist Rachel Khongs Buch auf Instagram omnipräsent. Damit macht Kiepenheuer und Witsch wohl auch hier vieles richtig in Sachen Ökonomie, glauben doch auch Branchenkenner wie die Programmchefin des Claassen-Verlags, Miryam Schellbach, selber nicht mehr an eine verkaufsfördernde Rolle des klassischen Feuilletons (nachzulesen hier).

Stattdessen also ein Schwerpunkt auf digitales Marketing, dazu Präsenz an unterschiedlichen Orten und der fleißig ventilierte Wunsch, dass man mit dem Buch das Gespräch über Bücher wieder stärken möchte.

So ganz kann ich mich persönlich des Eindrucks aber nicht erwehren, dass das Buch trotz aller sicherlich richtigen Gründe auch ein Test ist, wie man sich im kriselnden Buchmarkt behaupten und Sichtbarkeit und finanziellen Erfolg gleichermaßen sichern kann. Auch in anderen Verlagshäusern dürfte man sicherlich genau beobachten, wie sich KiWi dabei schlägt.

Ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhält

Real Americans ist dabei ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhalten kann. Denn das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an und ist durchaus massenkompatibel. So fällt Khongs Roman fällt in die Kategorie des Great American Novel, der mit einer wenig anspruchsvollen Sprache nicht nur die typischen Leser*innen dieser Gattung von sich überzeugt, sondern auch auf jene junge Zielgruppe schielt, die die KiWi-Programmleiterin Mona Lang in ihrer zweiten Rolle als Programmleiterin des jungen, BookTok-affinen Labels KiWi Sphere betreut.

Man kann sich gut vorstellen, dass das Buch auf BookTok bestens funktioniert und sonst eher zielgruppenferne Leser*innen mit der Geschichte von drei unterschiedlichen Generationen chinesischstämmiger Menschen anspricht und überzeugt.

Los geht alles mit Lily, die ihre chinesischen Wurzeln abgesehen von ihrem Äußeren schon lange hinter sich gelassen hat. So ist sie in den USA aufgewachsen und spricht kein Kantonesisch, sodass ein Besuch in China Town immer zu einer peinlichen Sache gerät.
Wie viele andere junge, strebsame Menschen möchte auch Lily hoch hinaus – schafft es aber nur in architektonischer Hinsicht. Im Etagenbüro einer Medienagentur im Big Apple versieht sie einen Dienst als unbezahlte Praktikantin.

Ein Roman in drei Teilen

Das ändert sich, als sie Matthew kennenlernt, den jungen Spross der elitären Familie Maier. Sofort und ohne nennenswerte Widerstände entbrennt Matthew in seiner Liebe zu Lily und führt diese in seine Kreise ein, eine Hochzeit und Nachwuchs sollen wenig später folgen.

Ebenjener Nachwuchs bildet den Mittelteil des erzählerischen Triptychons, das mit einem zeitlichen Sprung einsetzt. Man erlebt nun Nic, den Sohn von Lily und Matthew und dessen Suche nach einem Platz im Leben. Tief taucht er in das studentische Leben ein und kämpft mit seinen beiden elterlichen Bezugspunkten auf jeweils ganz eigene Weise.

Den Schlussteil bildet dann die Erzählung von Mai, in der die chinesischen Wurzeln gründen, denen Tochter und Enkel in den beiden vorherigen Teilen immer wieder nachspüren und doch keinen schlüssigen Zugang zum eigenen Erbe finden.
Diesen Zugang bekommen sie und wir mit ihnen erst in diesem Teil der Erzählung, der zugleich der spannendste der drei Episoden ist. Denn wo Lily und Nick als vermeintlich echte Amerikaner aufwachsen, da wächst Mai im Schatten von Maos langem Weg in China heran. Armut und ein späterer Aufstieg durch Bildung, der durch das Treiben der Rotarmisten konterkariert wird, sie sind die prägenden Erfahrungen, die die junge Frau in China macht, ehe ihr die Flucht nach Amerika gelingt.

In diesem Teil fügen sich die zuvor berührten Brüche und offenen Fragen zu einem schlüssigen und durchaus dramatischen Erzählfluss, der die Statik der ersten Teile zumindest ein Stück weit wieder wettmacht. Die erlebten Extreme, das hierzulande recht unbekannte Kapitel der chinesischen Epoche unter Mao, die Erfahrungen als Migrantin in einem fremden Land und die begangenen Fehler, die sich doch mit Verzögerung rächen, so wie der Samen einer Lotospflanze auch Jahrzehnte nach seiner Ernte noch keimen kann, das gelingt Rachel Khong wirklich gut.

Ein Great American Novel mit chinesischen Wurzeln

Mal erinnert Rachel Khongs Erzählen an Richard Powers, mal gibt es einen Anklang an Taffy Brodesser-Akner, mal blitzt Min Jin Lee aus der Ferne auf.

Doch um an die ganz großen Namen der amerikanischen Gegenwartsliteratur anzuschließen, fehlt mir bei dem Buch in Teilen Tiefe und ein entschiedener genutztes Potential, das der Geschichte fraglos innewohnt.

Bis die interessanteste Erzählperspektive ins Spiel kommt, vergehen viele hundert Seiten, ehe es dann soweit ist und Mai loserzählen darf.
Spannende erzählerische Einfälle wie die verschobene Zeit-Wahrnehmung, die alle drei Generationen immer wieder als kurzzeitig stillstehend erleben, sie werden nicht in ihrer ganzen Tiefe ausgeschöpft, sondern hinterlassen den Eindruck, dass man aus so einem Einfall deutlich mehr hätte herausholen können.
Ziemlich ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Umstände, wie die sofortige Liebesgeschichte zwischen Matthew und Lily und arg große Zufälle in Sachen familiärer Zusammenführungen, sie lösen ein kleines Störgefühl aus, das aber durch den geschmeidigen erzählerischen Sog auch wieder besänftigt wird.

So schnurrt Real Americans geschmeidig vor sich hin und nimmt die Leser*innen mit nach Amerika und China, unterhält gut und bietet Dramatik, Liebe und familiäre Volten und dürfte damit viele Leserschichten ansprechen.

Ein Bestseller mit Ansage?

Bleibt nur noch die eingangs aufgeworfene Frage nach der Planbarkeit von Beststellern. Ist es möglich, Bestseller mit solchen orchestrierten Marketingkampagnen zu erzeugen? Offensichtlich ja, wie die Geschichte von Rachel Khongs Roman zeigt.
Real Americans ist nämlich bereits wenige Tage nach dem Erscheinen in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen und dürfte damit in leicht abgewandelter Form auch für weitere Kampagnen in anderen Verlagshäusern dienen, um sich ein Stück vom Kuchen in Sachen Verkaufszahlen und Sichtbarkeit zu sichern, den die landesweite Kampagnen um Rachel Khongs Buch damit verspricht.


  • Rachel Khong – Real Americans
  • Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
  • ISBN: 978-3-462-00572-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 528 Seiten. Preis: 24,00 €

Junko Takase – Richtig gutes Essen

Mit Richtig gutes Essen legt die japanische Autorin Junko Takase einen sehr eigenwilligen Roman vor, der von der Welt der Großraumbüros und der kulinarischen Verpflegung dort erzählt. Man erkennt, dass Japan und Deutschland zwar nicht nur geografisch halbe Welten voneinander entfernt sind, in Sachen Büro-Essenpausen diese Distanz aber plötzlich verschwindet.


Es ist die ritualisierte Frage, die nicht nur in deutschen Großraumbüros regelmäßig ab 11:30 Uhr zu hören ist. Kommt ihr mit zum Essen? Bevorzugt in Gruppen macht man sich aus dem Büro auf in Richtung Kantine oder einem anderen Mittagstisch, begleitet vom vielfach ritualisierten Ausruf „Mahlzeit“ der Kolleg*innen.

Doch eine wirkliche Pause ist so eine gemeinsam verbrachte Pause selten, vermengt sich in solchen Mittagspausen das Private doch auch immer wieder mit dem Beruflichen. Man diskutiert über Themen, lästert über Kolleg*innen oder die Chefs und lässt andere an seinen Sorgen und Nöten teilhaben.
Nicht immer kann man sich da wirklich auf das Essen konzentrieren und so manches Mal ist das Essen auch mit Vorgesetzten weniger freiwillig als vielmehr ein unausgesprochener sozialer Verhaltenskodex, an den man sich eben halten sollte, will man im Büro nicht ins Abseits geraten.

Der Fluch der gemeinsamen Mittagspause

Junko Takase - Richtig gutes Essen (Cover)

In Japan ist das nicht anders, wenn man Junko Takase Roman liest. Auch dort erwarten Chefs und Kollegen, dass man sich einer Einladung für die Mittagspause umstandslos anschließt und mit den Kollegen in die Pause geht, ehe man dann am Nachmittag mit den Kollegen im Büro weiterarbeitet. Aber Nitani will bei diesem unausgesprochenen Komment nicht mitmachen. Er zählt zur Fraktion Tütensuppe und verbringt seine Zeit lieber nach dem Motto „Instantnudeln sind doch völlig in Ordnung“ – und das auch dreimal am Tag.

Generell ist für ihn Nahrungsaufnahme weniger Genuss denn Notwendigkeit, die er auf das Nötigste reduziert und dementsprechend auch den mittäglichen Gemeinschaftspausen aus dem Weg geht.

Ein abgepacktes Gericht aus dem Konbini tut es schließlich ja auch — dabei muss man dann auch keines Nitani so unverständliches Theater um die Wertschätzung von Essen aufführen.

„Die Manieren für den Verzehr von handgemachtem Gebäck: Du musst beim Essen laut reden. Du musst ein Theater der Ergriffenheit aufführen. Du musst beim ersten Bissen zunächst „Lecker“ sagen, ungefähr nach der Hälfte irgendwas fragen, das dich nicht interessiert, wie „Wow, was ist das denn für eine Sauce?“, und nachdem du aufgegessen hast, musst du mit aufgesetzter Zufriedenheit verkünden: „Das war richtig gut! Vielen Dank!“

Junko Takase – Richtig gutes Essen, S. 97

Genussverweigerer trifft auf ambitionierte Hobbybäckerin

Ganz anders da seine Bürokollegin Ashikawa. Diese bringt im Lauf des Romans ihre immer kunstvoller werdenden Backwerke mit ins Büro, wo sie diese unter den Kollegen verteilt und damit eine gern gesehene Kollegin ist. Für ihre Koch- und Backleidenschaft fährt sie am Wochenende schon einmal bis nach Tokio, um dort in einem Kurs die Kunst der Nappé-Technik zu erlernen, die Technik der fugenlose Verzierung von Backwerk mit Dekorschichten.

So sind nicht nur die Geschmäcker der beiden höchst verschieden, auch ihre Mentalität ist es. Unverständnis für Zeit und Hingabe in Sachen Zubereitung und Verzehr von Essen trifft auf ebenjene Hingabe von Ashikawa, die abends ihre Kreationen vervollkommnet, um sie am nächsten Tag ins Büro zu bringen.

In der Folge nehmen die Spannungen zwischen der angepassten Ashikawa und ihrem Arbeitskollegen zu, die sich nicht nur besonders auf Nitanis Verhalten auswirken, sondern in letzter Konsequenz auch die Bürogemeinschaft dort durcheinanderwirbeln werden.

Doch Richtig gutes Essen ist nicht nur ein Roman über Wertschätzung von Essen, verschiedene Geschmäcker und soziale Codes – es ist auch einer über den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit moderner Büroarbeit und den Alltag dort.

Ein Roman auch über modernen Büroalltag

In Zeiten, in denen hierzulande über einen Unfug wie den Begriff der Lifestyle-Teilzeit und eine angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft der Deutschen debattiert wird, einen wohltuenden Blick auf andere Länder richtet, die die gleichen Probleme kennen. Die Idee hinter der Mittagspause zur Steigerung von Produktivität und des Teamgefühls, er geht nämlich nicht bei allen auf, wie Nitanis Kollegin Oshio dem Genussverweigerer bei einem Umtrunk zu zweit in einer Bar gesteht.

Wahrscheinlich werde ich bis zur Rente weiter vor mich hin arbeiten, hasse meinen Job aber jeden Tag. Einem Kollegen aus der gleichen Firma sollte ich das vielleicht nicht erzählen. Aber das sagen doch alle, dass ihr Job belastend ist. Das ist also ganz normal. Ich hasse es jeden Tag, mache aber jeden Tag brav meine Arbeit, deshalb wird es wohl immer so weitergehen, denke ich mal

Junko Takase – Richtig gutes Essen, S. 89

Mit ihrer illusionslosen Darstellung der tristen Routinen und dem dafür umso ausufernden Essensgenuss steht Junko Takase in der Tradition von Romanen wie New York Ghost von Ling Ma, in dem diese eine chinesischstämmige Büroangestellte zeigt, die sich in ihrem Leistungsbewusstsein noch nicht einmal von einer Pandemie stoppen lässt – oder den Roman Die Vegetarierin der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Südkoreanerin Han Kang, in dem eine Frau von heute auf Morgen plötzlich Schluss macht mit ihrem Fleischkonsum und dabei auf das Unverständnis ihrer Umwelt trifft.

Ein eigenwilliger Roman aus Japan

Richtig gutes Essen passt in diese Riege, ist doch auch dieses Buch sehr eigenwillig, zeigt die triste Bürowelt, die Welt des Genusses und die subversive Rebellion gegen die etablierte Ordnung. Dabei ist das Erzählen von Junko Takase bisweilen sperrig, die Charaktere bleiben recht ungrundiert, unvermittelt fällt die Ich-Perspektive in das Erzählen ein, Raum und Zeit bleiben im Ungefähren und eine Handlung lässt sich auch nur in Ansätzen erkennen.

Der Humor, er ist ebenfalls nur grundiert und erschöpft sich im zunehmend skurrilen Gegeneinander der Büroangestellten und der Zeichnung des Alltags, in dem die Tortenbackkunst als Mittel der Arbeitsplatzsicherung dient und die schon fast archetypischen Kollegen, vom feisten Teamleader von vorgestern bis hin zum stillen Mitläufern miteinander interagieren.

In diesem kleinen Soziotop blickt Junko Takase ganz genau hin und zeigt, wie verbindend und spaltend doch selbst solche Wirkweisen der Arbeitskultur sind, die vordergründig nur den Genuss in den Mittelpunkt stellen – ob in Japan oder auch hier in Deutschland.

Fazit

So ist Junko Takase ein Buch gelungen, das sich auch wunderbar eignet, anstelle dem zwanglosen Zwang zu einer gemeinsam verbrachten Mittagspause zu folgen, sich einmal zu widersetzen und die Zeit zu nutzen, um sich diesen schön gestalteten literarischen Snack von gerade einmal 160 Seiten zu Gemüte zu führen. Ich wünsche schon einmal guten Appetit und „Mahlzeit“!


  • Junko Takase – Richtig gutes Essen
  • Aus dem Japanischen von Yoko Ann Hamann
  • ISBN 978-3-7558-0085-9 (Dumont)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €

Safae El Khannoussi – Oroppa

In ihrem Debüt Oroppa denkt die niederländische Autorin Safae El Khannoussi Europa weit und schreibt anhand einer Künstlerinnenbiografie an einer Erweiterung des geografischen Raums bis in den Maghreb hinein. Das ist in ihrer Erzählweise durchaus schlüssig und auf der Höhe der Zeit.


Alles beginnt in Safae El Khannoussis Roman mit dem Tod – denn Salomé Abergel liegt im Sterben. Nur ist das mit dem Sterben so eine Sache, denn der Tod will sich noch nicht wirklich einstellen.

Salomé Abergel wäre anstandslos in den Tod hinübergeglitten, hätte der Tod sie, nachdem er erst unschlüssig auf ihr herumgekaut hatte, nicht doch wieder ausgespuckt – zurück ins Leben. Seltsame Art aufzuwachen, dachte sich Salomé auch wenn es noch seltsamere gab, so wie neulich, als sie in der grellen Sonne auf einmal auf dem Balkon wach geworden war, neben einer Frau, die mit geschlossenen Augen eine Zigarette rauchte.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 9

Der Frage, wer diese Salomé Abergel ist, die hier zwischen Leben und Tod oszilliert, widmet sich El Khannoussis Text im Folgenden. Dabei wählt die 1994 in Tanger geborene Autorin einen indirekten Erzählansatz, denn hauptsächlich erfahren wir das Leben der Künstlerin nicht über sie selber, sondern über Menschen, die Salomés Lebensspur gekreuzt haben. So wie beispielsweise die Imbissangestellte Hind in Amsterdam, die von ihrem Chef Hbib ein ungewöhnliches Angebot bekommt.

Im Haus der Künstlerin

Statt in ihrem bisherigen Zuhause in einer besseren Besenkammer soll die junge Frau als Haushüterin auf das Anwesen einer Bekannten von Hbib aufpassen.

„Hör zu, du wohnst hundertmal schöner als jetzt und zahlst auch noch keinen müden Cent dafür. Um Salomé brauchst du dir keine Gedanken zu machen, die kommt nicht zurück. Jedenfalls vorerst. Du kriegst den Schlüssel Du sagst der Oma Adieu und ziehst um. Salomé ist eine gute Freundin von mir. Ihr Haus gehört jetzt dir. Du hältst es ein bisschen sauber, räumst auf, gießt die Pflanzen. Anonsten kannst du tun und lassen ,was du willst. Aber aufgepasst. Es ist die Rivierenbuurt. Also mach mir ja keinen Ärger. Und wenn jemand nach Salomé Abergel fragt, sagst du, sie sei verreist.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 17

Ganz so problemlos, wie es ihr Chef darstellt, ist der Deal aber mitnichten. Denn nicht nur, dass schon bald das Telefon im Haus im Amsterdamer Stadtteil Rivierenbuurt klingelt und eine Dame nach Salomé fragt. Auch finden sich im Keller des Hauses Gemälde, die der kifffreudigen Hind wie aus einer drogeninduzierten Vision erscheinen — keiner guten allerdings. Denn die Werke lassen der jungen Frau einen Schauer über den Rücken laufen. Wer war die Künstlerin, die diese Werke erschaffen hat und aus welchen Erfahrungen speist sich die Kunst der Verschollenen?

Von Amsterdam nach Casablanca und retour

Safae El Khannoussi - Oroppa,

Das klärt der nachfolgende Teil um den schwerkranken ehemaligen Gefängnisaufseher Yousef Slaoui, der mittlerweile ebenfalls in Amsterdam gestrandet ist. Schon früh kreuzten sich seine Pfade mit denen von Salomé „Salma“ Abergel, die im Zuge von Protesten in Casablanca aufgegriffen wurde.
Ihre Rebellion und Widerstand sowie das erlittene Leid, das sie dort in Marokko erfuhr, ehe sie als Künstlerin in Europa reüssierte, das beleuchtet der zweite Teil, dem dann auch noch eine weitere Passage folgt, die sich um die Galeristin Salomés und deren Suche nach ihr dreht, die die Galeristin ebenfalls in den Maghreb führt.

Dabei ist das Leben Salomés ebenso Thema wie die politischen Entwicklungen dort in der Region, etwa dem Arabischen Frühling – und dessen Auswirkungen auch auf Europa, die sich in der Person Salomé Abergel spiegeln. Dazu kommen erzählerische Einschübe wie in Etappen präsentierte Anekdoten, Passagen um ein geheimnisvolles 21. Arondissement, mit dem fast so etwas wie ein kleines Fantasy-Element zwischen Jorge Luis Borges und Carlos Ruiz Zafon in den Roman findet. Und auch die die nachgelagerte sogenannten „Angsthefte“ bilden ein weiteres erzählerisches Mittel in diesem form- wie genresprengenden Romandebüt von Safae El Khanoussi.

Oroppa entzieht sich somit einer genauen Zuordnung, bietet dafür aber einen vielgestaltigen Blick auf ein Frauenschicksal und die Geschichte der Gewalt, die Marokko und die anderen Staaten in der postkolonialen Zeit erfahren haben. Auch fragt ihr Roman nach den künstlerischen, geschichtlichen und biographischen Beziehungen zwischen den Kontinenten Europa und Nordafrika – und bietet damit gerade in dieser Zeit, in der energisch über Abschiebungen und die Sicherung von Außengrenzen debattiert wird, einen lesenswerten Einwurf, der zeigt, dass sich die Regionen doch näher sind und die Einflüsse weiter gedacht werden müssen, als es bei einem streng geografischen Blick auf die Landkarte der Fall ist.

Fazit

Wer sich auf dieses von Stefanie Ochel aus dem Niederländischen übersetzten Buch einlässt, der bekommt ein überbordende Erzählfeuerwerk zwischen Meknes und Amsterdam serviert. Oroppa ist ein Leseerlebnis, das manchmal wie im Delirium, dann wieder schmerzhaft klarsichtig wirkt. El Khannoussis Roman steckt voller Erzähllust und tragischer Schicksale, Kunst und Migrationserfahrung und schlingert auf gute und herausfordernde Art und Weise. Dieses politische und erzählerische wilde Werk macht Lust auf Diskussionen und mehr von der Autorin!


  • Safae El Khannoussi – Oroppa
  • Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-446-28474-6 (Hanser)
  • 350 Seiten. Preis: 26,00 €

Megan Nolan – Kleine Schwächen

Es ist wieder einmal eine auf ihre eigene Art traurige Familie, die die irische Schriftstellerin Megan Nolan in ihrem Roman Kleine Schwächen präsentiert. Darin erzählt sie von den Schicksalen der Mitgliedern der Familie Green, die sich durch eine Katastrophe kurzzeitig verbinden und den Blick auf eine Familie mit Makeln freigeben. Doch es sind ja Makel jener Sorte, die uns erst zu Menschen machen und von denen die Irin in ihrem sozialrealistischen Roman gekonnt zu erzählen weiß.


Man kann nicht sagen, dass die Greens in ihrer Umgebung wohlgelitten sind. So werden die aus Irland zugezogenen Mitglieder der Familie von den anderen Bewohnern der Siedlung am Skyler Square im Süden Londons misstrauisch beäugt und gemieden. Sie gelten in den Augen ihrer Mitbürger als „asozial“ – und als es unter den Kindern der Siedlung zu einem tragischen Tod kommt, steht schnell fest, wer unzweifelhaft die Schuld an der Tragödie trägt, nämlich Lucy Green, die Tochter von Carmel.

Die Außenseiter aus Irland

Als Mörderin gebrandmarkt sieht sich die Familie noch weiter ausgegrenzt und wird zum willkommenen Ziel des Reporters Tom Hargreaves, der in der Geschichte um den Tod der dreijährigen Mia Enright das ideale Motiv für eine große Story und damit seinen Aufstieg in der Zeitungsredaktion wittert. Denn die „asozialen“ Greens lassen sich wunderbar zum Widerpart der Opferfamilie aufbauen, die in der Gemeinde hochengagiert, beliebt und respektiert waren — eben das krasse Gegenteil zur irischen Familie, aus deren Reihen womöglich sogar eine Mörderin stammt.

Wir alle haben gesehen, mit wem sie zuletzt gespielt hat. Fragt sich nur, wer von denen ihr was angetan hat.“
Tom klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts ging über dieses Gefühl: an der Schwelle zu etwas Wertvollem zu stehen, das noch im Dunkeln lag. Er spürte es jedes Mal, vor jeder noch so banalen Enthüllung — so lange war er ja noch nicht dabei —, aber etwas in dieser Größenordnung war ihm bisher noch nicht passiert.
Wer von denen, hatte sie gesagt.
Einer von denen.
Hieß das etwa, dass es nicht nur eine kleine Satansbrut aufzuspüren halt, sondern vielleicht sogar — welch unerhörtes, unverschämtes Glück — einen ganzen Haufen?

Megan Nolan – Kleine Schwächen, S. 22f.

Während nun der Witwenschüttler Tom alle presserechtlichen und presseethischen Grundsätze über Bord wirft, um seine Geschichte zu bekommen, tauchen wir durch seine Verhöre in Rückblenden tief ein in die Geschichte um Lucy, ihre Mutter Carmel, Carmels Bruder Richie und ihren Vater, die alle auf ihre eigene Art vom Leben versehrt wurden.

Versehrt vom Leben

MEgan Nolan - Kleine Schwächen (Cover)

So stammt die Familie eigentlich aus der irischen Kleinstadt Waterford an der Südküste Irlands, hat sich aber aufgrund hier nicht näher auszuführender Umstände schon vor Jahren nach London begeben. Alkoholismus, Schwangerschaft, Jugendgewalt – Kleine Schwächen bespielt eine ganze Menge von schwierigen Themen, die die Mitglieder der Familie Green an den gesellschaftlichen Rand haben rutschen lassen.

Das macht das Buch zu einer ernsten Angelegenheit, die bei der 1990 in ebenjenem Waterford in Irland geborenen Megan Nolan aber in sehr guten Händen ist. Denn mit Ernst und Interesse nähert sich die Autorin ihren Figuren und schafft es, durch die Bank weg plastische Figuren zu zeichnen, die durch ihre Risse und Widersprüche lebendig werden, dass es eine Freude ist, ihre Leben und Kämpfe zumindest ein Stück weit zu begleiten.

Würde man filmische Bezüge zu Nolans Erzählen suchen, würde man sie irgendwo zwischen Ken Loach und der Serie Adolescence finden. Ungeschönt und direkt ist der Blick der Irin, was zu einem beeindruckenden deutschen Debüt wird (übersetzt von Stefanie Ochel).

Fazit

Und auch wenn der Titel Kleine Schwächen benennt (im Übrigen eine passende Entsprechung zum nicht minder tollen Originaltitel Ordinary Human Failing), so leistet sich das Erzählen von Megan Nolan weder kleine noch große Schwächen, im Gegenteil. Ihr Gespür für Figuren und der ungeschönte Blick auf das Leben am Rand des sozialen Spektrums überzeugt, genauso wie ihr kritischer Blick auf die Berichterstattung in den Boulevardmedien, bei dem sich nur wenig geändert zu haben scheint, auch wenn Nolans Roman in den 90er Jahren angesiedelt ist. Von dieser Stimme wird man sicherlich noch hören!


  • Megan Nolan – Kleine Schwächen
  • Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-910372-63-4
  • 254 Seiten. Preis: 24,00 €

Tomer Gardi – Liefern

Sie heißen Foodiesya, Ratzfatz, Go Go, Şipşak oder IndieGo – und ihr Siegeszug ist ein globaler. In Liefern erzählt Tomer Gardi von der neuen Welt der Lieferdienste, die Speisen und Einkäufe bis vor die Wohnungstür bringen – und den Menschen, die diese Arbeit verrichten und damit den Komfort anderer Menschen ermöglichen.


Wenn es ein deutschsprachiges Buch in diesem Frühjahr gibt, dass den Anspruch eines globalen Romans einlöst, dann ist es Tomer Gardis neues Buch.
Kenia, Brasilien und Berlin, Neu-Delhi und Istanbul sind die Schauplätze, an denen sein neuer Roman spielt, der wie schon der zuvor erschienene und mit dem Preis der Leipziger Messe ausgezeichnete Roman Eine runde Sache wieder eine Besonderheit aufweist. Denn abermals findet sich hineingepflanzt in den Text des in Israel geborenen Gardi ein Romanteil, der abweichend zum restlichen auf Deutsch geschriebenen Textkorpus auf Hebräisch verfasst wurde.

Diesen Teil hat Anne Birkenhauer ins Deutsche übertragen hat, die hier erneut mit Tomer Gardi zusammenarbeitet, wie sie auch schon den hebräischen Buchteil in Eine runde Sache übersetzte und so an der Entstehung des Buchs mitwirkte.

Lieferdienste weltweit

Tomer Gardi - Liefern (Cover)

Möchte man sich dem Roman auf inhaltlicher Ebene annähern, so fällt eine konzise Zusammenfassung nicht ganz leicht. Denn Gardi springt nicht nur auf der Landkarte munter umher, auch bringt jeder Ort wieder neue Figuren mit sich, die sich später zum Teil sogar begegnen und so einen losen Reigen ergeben.

Den Ausgang nimmt alles mit Filmon, einem aus Eritrea geflohenen Mann, der seine Frau und die Tochter Israel sicher in Berlin weiß. Er hingegen muss noch an jenem Ort verharren, nach dem sie aus Dankbarkeit über die gelungene Flucht ins gelobte Land auch ihre Tochter benannt haben.

Mit dem Ziel eines Nachzugs zu seiner Familie hat er schon in einem Restaurant in Tel Aviv gejobbt, doch nach dem Ende des Ladens wird er zu einem sogenannten Rider. Unter falschem Namen und mit dem „kubischen Globus“ auf dem Rücken heuert er beim Lieferdienst IndieGo an, um hungrigen Menschen unter permanentem Zeit- und Leistungsdruck ihr Essen auf dem Fahrrad auszuliefern.

Auch an anderen Schauplätzen, die Gardi im Folgenden besucht (und an denen er nach Verlagsangaben selbst über sechs Jahre recherchierte) bleibt der Leistungsdruck hoch. Angestellt von erpresserischen Zwischenhändlern müssen die Boten in Delhi oder Istanbul immer gegen die Zeit fahren. Auch in Berlin ähnelt sich das Tätigkeitsbild, wo die zumeist Männer auf gemieteten Rädern durch die Stadt hasten und Mineralwasserflaschen, Döner oder Klopapier auch mal bis in den dritten Stock hinauftragen.

Ein moderner Atlas mit Gepäcktasche statt Globus auf dem Rücken

Stets mit einem Auge auf den Algorithmus, der Beschwerden oder Untätigkeit sofort bestraft und eine Herabstufung und damit auch geringere Bezahlung veranlasst, gleichen die Männer dem modernen Atlas, niedergedrückt diesmal nicht von einer Weltkugel, sondern den quadratischen Gepäcktaschen, die sie auf dem Rücken transportieren.

Alle Riders wussten, welches die gefährlichen Orte waren, und keiner wollte dorthin. Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache, eine Art Russisch Roulette. Technisch war es möglich, eine Lieferung abzulehnen, und ab und zu tat Sachin das auch, wenn sie die Gefahr manchmal nicht ertragen konnte oder wenn sie spürte, dass Vivaan an dem Tag besonders verletzlich war und sie ihn nicht in noch größere Ängste stürzen wollte. Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punkteabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue. Und wenn du auf Blue warst, musstest du sehr, sehr viel schneller liefern, um genug Geld für dein Leben zu verdienen.

Tomer Gardi – Liefern, S. 99

Gardi begleitet sie auf ihrem Weg, zeigt ihre Ausgegrenztheit und den Leistungsdruck, der in Verkehrsunfälle und schlimmstenfalls den Tod münden kann, ohne dass die Menschen auf der anderen Seite der App den Preis kennen, den ihre Bequemlichkeit für andere Menschen bedeutet.

Unvorhersehbare erzählerische Wege

Die erzählerischen Wege, die Tomer Gardi dabei einschlägt, sind manchmal so unvorhersehbar wie der nächste Auftrag der Rider und die Schleichwege, die sie dabei nehmen, immer im Kampf gegen die Uhr.

So spielt der von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzte Teil Mimesis in Istanbul, wo Gardi zwei Männer auf dem Weg zu einer Haartransplantation zeigt. Erst später wird sich die Verbindung zum Thema der Lieferdienste zeigen, dazu webt Gardi auch das Schicksal des zur Nazizeit aus Deutschland ins Istanbuler Exil geflohenen Kulturphilosophen Erich Auerbach ein, der dort sein dem Kapitel seinen Titel gebende Hauptwerk Mimesis verfasst.

Gardi führt die Kulturphilosophie Auerbachs selbst ein Stück weiter, indem er die globale Beschleunigung und Entwicklung zeigt, die beispielsweise darin mündet, dass die Wohnung dieses Denkers nun zur seelenlosen AirBnB-Wohnung geworden ist, die wiederum von einem Rider mit Essen beliefert wird. Der immense Kulturwandel wird in solchen kurzen Blicklichtern eindeutig.

Auswüchse des Kapitalismus, Auswüchse unserer Bequemlichkeit

Liefern zeigt die globalen Auswüchse unserer Zeit im Streben nach mehr Bequemlichkeit und Komfort und zeigt der Folgen dessen. Die Haartransplantation in der Türkei, deren Gesundheitssystem wegen der vielen privaten OPs zusehends in Schieflage gerät. Die Anonymität der Lieferdienste, die der Ausbeutung von Menschen Tür und Tor öffnet. Oder die Rosenzucht in Kenia unter permanenten Leistungsdruck, die durch den Takt der weltweiten Feiertage vorgegeben wird:

Doch noch während sie in diesen Sekundenbruchteilen verweilte, sagte Sarah, Mädchen, du hast nicht den ganzen Tag, um vor so einem Strauch zu stehen. Ich muss bis Ende des Tages achthundert Stiele ernten. Bereite dich darauf vor, dass du hier schnell arbeiten muss. Nächste Woche beginnt die Ernte für Valentine’s Day. Dann wird du alleine zweitausend Stiele pro Tag schneiden müssen. Und nach Valentine’s kommt Muttertag in England. Und drei Wochen später auch Eid Al-Fitr.

Tomer Gardi – Liefern, S. 293

All das thematisiert Tomer Gardi in diesem wilden und globalen Buch, das mal von Verfolgungsjagden, mal von Einsamkeit und immer vom Leistungsdruck und dem Wunsch nach Ankommen erzählt. Nah dran an der Gegenwart und mit dem Blick auf eine neue Kaste von Menschen, die unsere Bequemlichkeit bezahlt ist Liefern ein eindrückliches Buch, mit dem Tomer Gardi wirklich abgeliefert hat.


  • Tomer Gardi – Liefern
  • In Teilen aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer
  • ISBN 978-3-608-50263-3 (Tropen)
  • 320 Seiten. Preis: 25,00 €