Category Archives: Literatur

Benjamin Lebert – Mitternachtsweg

Sylter Schauergeschichten

Benjamin Lebert wagt in Mitternachtsweg das Spiel mit mehreren Erzählebenen – und gewinnt. Er entführt den Leser auf den titelgebenden Weg, der in seiner Erzählung eine zentrale Rolle einnimmt. Auf Sylt existiert nämlich eine gefährlicher Tradition – bei Ebbe im Mondlicht beschreiten junge Liebende einen Weg aufs Meer hinaus, um sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern.
Johannes Kielland, ein junger Mann, stößt bei Recherchen auch auf eine Geschichte rund um den Mitternachtsweg. Eine mysteriöse Frau soll diesen mit ihrem Geliebten genommen haben, doch kehrte nur sie vom Mitternachtsweg zurück. Bei seinen Recherchen muss der junge Mann allerdings feststellen, dass diese Legende lebendiger ist, als er es sich hätte vorstellen können.

Stück für Stück wird Kielland (und nicht weniger der Leser) immer mehr in die Geschichte hinein gesogen, wie mancher Liebende von der Strömung aufs Meer hinausgezogen wurde. Man weiß angesichts der verschiedenen Erzählebenen schon bald nicht mehr, was eigentlich Wahrheit ist und was der Phantasie entstammt. Geschickt verbrämt Lebert seine eigentliche Liebesgeschichte mit einer Schauergeschichte in bester hanseatischer Tradition.

So entsteht ein ungewöhnliches Buch, das mich persönlich stark an die Romane Carlos Ruiz Zafons erinnerte. Die Mischung aus Schauern und Liebe geht in Mitternachtsweg exzellent auf und macht dieses Buch zu einer echten Empfehlung in diesem Bücherherbst, wenn die Nächte länger werden und die Herbststürme über den Deich fegen!

Stephanie Bart – Deutscher Meister

Der Kampf eines Lebens

Man muss nicht mehr lange die Bücher- und Bibliotheksregale des Landes auf der Suche nach den stärksten Titeln des Jahres durchforsten – mit „Deutscher Meister“ von Stephanie Bart liegt einer der besten Herbsttitel dieses Jahres bereits vor.

In letzter Zeit kam es wirklich selten vor, dass ich ein Buch zuklappte und erst einmal die Welt, die der Roman imaginiert hat, nicht verlassen wollte. Bart gelingt das mit ihrer Lebensbeschreibung des Boxers Johann Rukelie Trollmann fantastisch.
Sie erzählt von Trollmann, einem jungen, unterhaltsamen und umschwärmten Boxer, dessen einziges Problem sein Migrationshintergrund als Sinto ist – dies wäre auch kein solch großes Problem, wäre das Jahr nicht 1933 und der Ort der Handlung Berlin. Während die Nazis Deutschland systematisch umbauen und alles „Undeutsche“ ausmerzen wollen, will Trollmann eigentlich nur Boxen und sportliche Erfolge feiern.
Er muss sich fortan mit sportlichen und privaten Niederschlägen auseinandersetzen und verliert dabei sein großes Ziel nicht aus den Augen – einmal Deutscher Meister im Boxen zu sein.

Man kann über diesen Roman nicht sprechen, ohne seine Sprache zu rühmen. Stephanie Bart erzählt in einem pulsierenden, treibenden Beat, den man so in den letzten Jahren in der deutschen Literatur vermisst hat. Sie rhythmisiert, sie prescht voran, sie schlägt Finten. Wie ein Boxer mit seinen Fäusten, so arbeitet die Autorin mit ihrer Sprache.

Ihr gelingen ein Boxerroman, ein Berlinroman, ein historischer Roman und eine Biografie auf einmal, und das vollkommen überzeugend. Vielstimmig erzählt sie von Weggefährten Trollmanns, umkreist ihre Potagonisten und integriert sie logisch in den Erzählfluss.

Eine Szene wie die des finalen Kampfes um die Deutsche Meisterschaft habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Das ist wirklich, um diese platte Phrase zu bemühen Großes Kino und sprachlich und inszenatorisch eine Wucht. Ein nachdenklich machendes Buch und ein packendes Stück Zeit- und Sportgeschichte!

 

[Titelbild: Hans Baluschek: Vergnügungspark – Die alte Hasenheide]

Edgar Rai – Die Gottespartitur

Glaubenszweifel

Eine geheimnisvolle Partitur, ein mysteriöser Todesfall und ein jahrhundertealtes Geheimnis. Klingt zunächst nach einer Räuberpistole á la Dan Brown, kommt aber aus der Feder von Edgar Rai. Dieser hat bislang eher leichte Sommerromane geschrieben (z.B. Nächsten Sommer) um nun den Genrewechsel zu wagen. Dieser ist ihm – um das gleich vorauszuschicken – durchaus gelungen.

Er erzählt vom Star-Literaturagenten Gabriel Pfeiffer, der im Trubel der Frankfurter Buchmesser von einem jungen Mann ein Manuskript erhält. Den wirren Worten des Adoleszenten schenkt er keine große Bedeutung, bis dieser tot in der Kapelle seines Seminars liegt. Gabriel forscht auf eigene Faust nach und stößt auf eine heiße Spur: Könnte es die sogenannte „Gottespartitur“ tatsächlich geben – ein Musikstück das die Existenz Gottes beweisen könnte?

Was sich auf dem Papier noch nach atemloser Hatz, gedungenen Verschwörern und eben ganz nach Dan Brown anhört, ist in Wahrheit ein ruhiger Roman über einen alternden Literaturagenten, seine Zweifel und die Frage, ob es Gott tatsächlich geben kann. An einer Stelle lässt Edgar Rai seine Protagonisten bemerken, dass Dan Brown diese Geschichte sogar höchstwahrscheinlich gelangweilt hätte. Mich hat sie es auf gar keinen Fall. Ein spannender und gut erzählter Roman, bei dem schon das stimmungsvolle Cover Lust auf mehr macht.

Rai ist ein Roman gelungen, der sich nicht in überzogenem Budenzauber verliert, sondern der seinen Fokus auf die Protagonisten und ihre Befindlichkeiten legt.


Eine gelungene Alternative zu all den hektischen, dutzendfachen Vatikan-Schnellschüssen, der sich dem Thema des Glaubens und Zweifelns widmet. Gerne darf Edgar Rai noch mehr Romane in diese Richtung schreiben!

Toby Barlow – Baba Yaga

Phantastisches Paris

Mit wunderschönem Cover ausgestattet schickt der neu begründete Atlantik-Verlag mit Toby Barlow gleich einen Hochkaräter an den Start. Das fünfhundertvierundvierzig Seiten starke Buch dürfte vor allem Freunde abseits des literarischen Mainstreams beglücken, die Freude an Experimenten haben.

Toby Barlow präsentiert ein Buch, das in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt. Wann hat man seit Kafkas Verwandlung einen Roman gelesen, in dem ein Protagonist in ein Insekt verwandelt wird? Wer hat es zuletzt gewagt, einen Agententhriller mit leibhaftigen Hexen zu kreuzen? Barlow tut dies in „Baba Jaga“ auf höchst ungewöhnliche Weise.

Er erzählt von zwei Hexen, die seit Jahrhunderten durch die Gegend geistern und sich nun im Paris der 50er Jahre niedergelassen haben. Als eine der beiden Hexen nun ihren Liebhaber im Affekt tötet, tut sie dies so ungewöhnlich, dass ihnen die Polizei in Form des Kommissars Vidot auf die Spur kommt. Als dieser den Hexen zu nahe kommt, wird er in einen Floh verwandelt. Und dann gibt es auch noch den CIA-Geheimagenten Will, der seine Tarnidentität sorgsam pflegt, sich dann aber ebenfalls in eine der beiden Hexen verliebt.

Baba Jaga ist eine bunte Wundertüte, die Erwartungen der Leser immer aufs Neue ins Leere laufen lässt, Haken schlägt, ins Phantastische abdriftet, um als nächstes gleich mit einem Shootdown ums Eck zu biegen. Das ist so reizvoll wie ungewöhnlich. An einigen Stellen hätte ich mir etwas weniger erzählerische Volten gewünscht sowie etwas mehr Stringenz – das Buch fordert dem Leser nämlich schon einiges an Aufmerksamkeit ab, damit die Bezüge und Entwicklungen klar sind. Ansonsten ein Tipp für alle Liebhaber von Ungewöhnlichem!

Louise Welsh – Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar

Suspicious minds

Die Atmosphäre, die Louise Welsh bereits auf den ersten Seiten von Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar zu entfesseln weiß, ist ebenso beklemmend wie grandios. Mitten hinein ins Geschehen katapultiert die Engländerin den Leser und lässt ihn erst nach 275 Seiten wieder los.

Jane Logan hat eigentlich alles, was sie braucht: schwanger kommt sie mit ihrer Lebensgefährtin Petra nach Berlin, um sich dort niederzulassen. Die Stadt erscheint ihr sehr vielversprechen. Eigentlich könnte alles perfekt sein, wenn da nicht das unheimliche Wohnhaus wäre: Vom ersten Tag an fühlt sich Jane vom düsteren Hinterhaus angezogen, das einige Geheimnisse zu bergen scheint. Und auch die Nachbarn des Paares scheinen einige Geheimnisse zu hüten.

Der neben ihnen wohnende Mann scheint mit seiner Tochter zu schlafen, ein altes Ehepaar im Erdgeschoss erscheint nicht minder rätselhaft. So erwacht in Jane ihr Spürsinn. Sie versucht den Rätseln des Hinterhauses und der Bewohner auf die Spur zu kommen, ahnt aber nicht welche Konsequenzen ihre investigativen Eskapaden haben werden …

Suspense, Suspense und nochmals Suspense. Das wären die Worte zur Verschlagwortung dieses Buches. Der Leser ahnt schon auf den ersten Seiten, dass in der Berliner Immobilie, die Jane und Petra bewohnen, einiges im Argen zu liegen scheint. Geschickt schafft es Louise Welsh, dieses ungute Gefühl über ihrer Erzählung und dem Leser schweben zu lassen. Anklänge an den großen Suspense-Meister Hitchcock und sein „Fenster zum Hof“ tauchen auf – Kinoreife Spannung in Literatur gegossen, die im Gedächtnis haften bleibt.

Für ihr Geschick, Atmosphäre zwischen den Zeilen zu erzeugen muss man Louise Welsh Tribut zollen. Sie ist zweifelsohne eine der interessantesten Spannungsautorinnen von der Insel, was sie mit Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar erneut bestätigt.