Category Archives: Literatur

Ian McEwan – Kindeswohl

Down by the salley gardens …

Der britische Schriftsteller Ian McEwan legt mit Kindeswohl ein Buch vor, das zwischen Juristerei, Liebe, Musik und Verantwortung oszilliert. Sein neuer Roman ist zwar äußerlich nicht umfangreich (gerade einmal 220 Seiten zählt das von Werner Schmitz übersetzte Buch), dafür aber sehr gehaltvoll. McEwan erzählt von Fiona Maye, einer circa 60-jährigen Richterin, die am High Court als Familienrichterin ihren Dienst mehr als korrekt versieht. Von Kollegen für ihr brillant formulierten Urteile geschätzt, hat sie nicht nur in ihrem Gerichtssaal alles unter Kontrolle, bis sie sich eines Tages auf das Minenfeld der Liebe begeben muss. Ihr Mann beklagt das eingeschlafene Eheleben des Paares, weshalb er von Fiona das Eingeständnis einfordert, sich eine Geliebte nehmen zu dürfen. Zudem ist Fiona beruflich auch noch mit einem hochdiffizilen Fall eines siebzehnjährigen Zeugen Jehovas konfrontiert, der eigentlich einer Bluttransfusion bedürfte, diese aus Glaubensgründen jedoch ablehnt. Die geordneten Verhältnisse Fionas geraten zunehmend außer Kontrolle …

Komplizierte Frauengestalten sind ja die Spezialität Ian McEwans – und in Kindeswohl zeigt er seine Meisterschaft im Entwerfen solcher Figuren erneut. Seine Richterin Fiona Maye ist eine ambivalente Figur, der man gerne durch die Gerichts- und Gedankengänge folgt und die auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis des Lesers bleibt. Dem britischen Großautoren ist es auch hoch anzurechnen, dass in seinen fachkundigen Händen die Juristerei zu einer wunderbar zu goutierenden Prosa gerät. Ebenso wie die Gesetzgebung durchzieht die Musik den Roman unaufdringlich und verwebt so die akustischen, philosophischen, juristischen und amourösen Gedanken der Protagonisten zu einem dichten Netz, das auch allen Nicht-Juristin gerne empfohlen werden kann. Ein wunderbar geschriebener Roman mit einem nicht alltäglichen Thema, das durch die Schreibe Ian McEwans zu großer Literatur wird und den Leser grübelnd ob dem Gelesenen zurücklässt.

Mittlerweile gibt es auch eine Verfilmung mit Emma Thompson in der Rolle von Richterin Fiona Maye. Hier ein Trailer für einen Eindruck der Leinwandadaption:

Karine Tuil – Die Gierigen

Die Lügen der Anderen

Das Debüt der Französin Karine Tuil ist ein famoses Stück über Täuschung, Identität, Verrat, Begehren und gesellschaftliche Normen. Die Gierigen entführt den Leser von Frankreich nach New York. Dorthin hat sich Samir aufgemacht, um ein geachteter und reicher Staranwalt zu werden. Früher waren er, der Jude Samuel und Nina, die die Begehrlichkeiten der beiden Jungen auf sich zog, ein befreundetes Triumvirat.

Karine Tuil - Die Gierigen (Cover)

Nina und Samuel leben nun in Paris in bescheidenen Verhältnissen, während es Samir Jay Gatsby gleich getan hat und sich selbst neu erfunden hat. Eines Tages erfährt das Pariser Ehepaar vom Aufstieg Samirs und muss feststellen, dass sich Samir Teile von Samuels Identität zu eigen gemacht hat, um seinen Aufstieg zu begründen. Geschockt fordert Samuel eine Aussprache zwischen den Dreien, infolge der sich alle Verhältnisse umkehren und Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden, die ebendieses besser nicht mehr erblickt hätten. Eine große Katastrophe für alle Beteiligten nimmt ihren Lauf.

Karine Tuil hat einen Roman geschrieben, der deutlich mehr enthält, als der Klappentext verraten mag. Neben den Feldern der Identität und Herkunft behandelt sie auch Themen wie das Judentum und den Islamismus und die gesellschaftliche Stellung der Religion in verschiedenen Gesellschaften. Sie kreist permanent um die Lebensentwürfe der drei Hauptprotagonisten und wechselt die Perspektiven. Selbst jeder Nebencharakter wird von ihr noch mit einer Fußnote bedacht.

Sprachlich ansprechende Gesellschaftsanalysen

Neben dem klug komponierten Inhalt auffällt, ist die Art, mit der Karine Tuil ihre Erzählung über 400 Seiten vorantreibt. Die Autorin schaut unbarmherzig auf die Lebensentwürfe und leuchtet diese mit ihrem geschärften Sprachsensorium aus. So besticht Die Gierigen durch einen kraftvollen Sound (Übersetzung Maja Ueberle-Pfaff), der die Erzählung nicht nur trägt sondern auch vorwärts treibt.

Das Buch erinnert in manchen Passagen an die Theaterstücke Yasmina Rezas oder Der Vorname, da hier ähnlich unbarmherzig Lebensentwürfe seziert werden. Insgesamt ein kluges Buch, das mit den unterschiedlichsten Themen prall gefüllt daherkommt und dem viele Leser zu wünschen sind!

Kristof Magnusson – Arztroman

Keine Halbgöttin in Weiß

Das Topos des Arztes – es ist nicht unterzukriegen. Von gruseligen vorsintflutlichen Serien wie der Schwarzwaldklinik bis heute zieht sich der Halbgott in Weiß durch die Pop-Kultur. Von Konsalik bis Greys Anatomy – der Arzt bzw. die Ärztin als Motiv bietet reichlich Stoff für mediale Bearbeitungen.

Der Übersetzer und Autor Kristof Magnusson hat sich nun für seinen zweiten Roman nach dem großartigen Das war ich nicht nun ebenfalls einen Arztroman ausgedacht.

Eine Ärztin in Berlin

Kristof Magnusson begeht nicht den Fehler, einen Abklatsch der unzähligen Arztserien (von Emergency Room über Greys‘ Anatomy bis hin zu Doctor’s Diary) anzufertigen. Stattdessen entscheidet er sich bewusst für eine realistische Zeichnung des Arztberufs und des Lebens.
Sein Rettungsärztin Anita Cornelius ist eben keine Halbgöttin in Weiß, sondern eine Frau mit viel Grau. Diese Ambivalenz macht den Reiz des Arztromans aus. Man muss Kristof Magnusson auch Respekt zollen, mit welcher Akribie er sich in die Welt der Ärzte und Rettungssanitäter eingearbeitet hat. Medizinische Eingriffe werden detailliert geschildert und nach der Lektüre hat man das Gefühl, selbst eine halbe Famulatur hinter sich zu haben.

Seine Heldin heißt Anita Cornelius und lebt und arbeitet in Berlin im Urban-Krankhaus. Zusammen mit ihrem Rettungssanitäter Maik versucht sie die Bevölkerung Berlins vor dem Ersticken, toxischen Schocks und ähnlichen Unglücken zu bewahren. Dies gelingt ihr auch ausnehmend gut und professionell. Im Privatleben hingegen sieht es desaströs aus.
In Scheidung lebend mit einem halbwüchsigen Sohn versucht sie, zwischen Eifersucht, dem Wunsch nach Nähe und aufkeimenden Gefühlen wenigstens ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. Dies mag ihr allerdings kaum gelingen – zur Freude der Leser*innen.

Dies möchte ich aber nicht kritisch verstanden wissen. Im Gegenteil. Dieser Realismus tut dem Arztroman sehr gut.
Geschickt schafft es Magnusson, dem Arztberuf in diesem Beruf den Nimbus zu nehmen und zu zeigen, dass das Bild der Halbgötter in Weiß kein Richtiges ist. Selten ist das Leben so interessant, wie wenn Kirstof Magnusson es schildert!


  • Kristof Magnusson – Arztroman
  • ISBN 978-3-88897-966-8 (Kunstmann)
  • 320 Seiten, 19,95 €

Jennifer Clement – Gebete für die Vermissten

Die Mädchen Mexikos

Mexiko: Drogenlabor Amerikas und immer wieder Lieferant von grausamen Meldungen über Bandenkämpfe.
Großartige Bücher beleuchten dieses Thema : T.C. Boyles „América“ etwa oder Don Winslows „Die Tage der Toten“. Ein Weiteres muss nun mit diesen Büchern genannt werden. Jennifer Clements Roman „Gebete für die Vermissten“ ist ein unbeschönigendes Buch, dass das Leid der Frauen in Mexiko plastisch macht.

Die Autorin entführt darin in die staubige Bergwelt Mexikos, in ein Dorf in dem Männer Mangelware sind. Diese hat es über die Grenze ins prosperierende Amerika gezogen, während die Mütter mit ihren Töchtern in Mexiko in permanenter Angst vor Übergriffen leben. Die Kinder werden möglichst hässlich und versteckt gehalten, um Entführungen durch Kartelle zu entgehen. Clement schildert diese Welt durch die Augen von Ladydi, einem jungen Mädchen, das auf nur 230 Seiten eine schmerzhafte Odyssee durchmacht.

Es ist wahrlich keine Gute-Laune-Lektüre, die Jennifer Clement in ihrem Buch serviert. Dennoch lohnt sich „Gebete für die Vermissten“, weil es Einblick gewährt in eine Welt, die sich unserem täglichen Interesse doch sehr entzieht und so weit weg erscheint. Umso wichtiger, dass diese Literatur aufzurütteln vermag und für das tägliche Leid und die Schicksale gerade der weiblichen Bevölkerung in Mexiko sensibilisiert.
Daher sei dieses Buch jedem aufmerksamen Leser empfohlen, der über den Tellerrand blickt und der die Augen vor der Realität nicht verschließen will!

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

Nach seinem großen Erfolg des Romans Der Trafikant hat Robert Seethaler nun den Verlag gewechselt und wird bei Hanser Berlin verlegt. Sein neuer Titel hat – um es gleich vorweg zu nehmen – auch wieder das Potential, ein Bestseller zu werden.

Sein Roman Ein ganzes Leben stellt ebenjene ganze Leben von Andreas Egger in den Mittelpunkt. Vom Aufwachsen bei einem hartherzigen Bauern um die Jahrhundertwende herum über die erste Liebe bis hin zum Tode Eggers spannt Robert Seethaler seinen erzählerischen Bogen. Er erzählt, wie Egger inmitten der Berge aufwächst und zum gefragten Seilbahnbauer avanciert. Dieser Egger, mit dem Makel des Hinkens auf die Welt gekommen, ist nämlich der einzige, der am Berg gerade stehen kann. Die Liebe wird er auch noch finden, ehe er sein Leben an sich vorbeiziehen sieht.

Seethaler beschreibt sein Buch selbst als den Versuch, ein ganzes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen in die Form eines einzigen Romans zu gießen – und dieser Versuch ist definitiv gelungen!

Ein begnadeter Erzähler

Robert Seethaler ist ein begnadeter Erzähler, der mit einer einfachen Sprache unvergleichlich gut die Atmosphäre, Gedanken und Lebenswelt seiner Charaktere einzufangen vermag. Auch hier gelingt es ihm wieder bestens, von den Nöten und Freuden Eggers zu erzählen, von seinen Aufstiegen auf die Berge, und nicht zuletzt von der Liebe. Obwohl das Buch wahrlich nicht dick ist, ist es so viel gehaltvoller als so manch andere dicker Schmöker. Er lässt den Leser an den Tiefschlägen genauso wie an den Glücksmomenten im Leben Eggers teilhaben, was zur Ergriffenheit des Lesers beiträgt.

Er begeht nicht den Fehler, angesichts der omnipräsenten Alpen in Luis-Trenker-Romantik zu verfallen, sondern zeichnet vielmehr ein Bild von Entbehrung und Einfachheit, wie es für das Leben anfangs des 20. Jahrhunderts in den ländlichen Gegenden Österreichs typisch war. Er überhöht nicht, er idealisiert nicht, er beschreibt nur.

Ein ganzes Leben auf kleinstem Raum

Robert Seethaler gelingt es auf 150 Seiten, „Ein ganzes Leben“ mit all seinen Höhen und Tiefen plastisch werden zu lassen. Ähnlich wie im Bestseller Stoner von John Williams gelingt es auch hier, die vermeintlich unspektakuläre Biographie eines Menschen in wunderbare Prosa zu überführen. Einer der stärksten Titel des kommenden Bücherherbstes!