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Valeria Luiselli – Archiv der verlorenen Kinder

In seiner kürzlich in der taz erschienen Rezension zu Colson Whiteheads Roman Die Nickelboys stellte Johannes Franzen fest, dass man mögliche Vorbehalte gegen Protestliteratur oder politische Literatur aufgeben sollte, wenn sie so gut gemacht seien, wie dies bei Whitehead der Fall ist.

Colson Whiteheads „Die Nickel Boys“ ist ein politischer Roman, der die Probleme politischer Literatur nach Möglichkeit vermeidet – ein Beispiel dafür, wie eine gelungene engagierte Literatur heute aussehen könnte, die nicht nur agitiert, sondern auch hohen ästhetischen Ansprüchen genügen kann.

Johannes Franzen über Colson Whiteheads „Die Nickelboys“

An diese Worte aus Franzens Rezension musste ich während der Lektüre von Valeria Luisellis Archiv der verlorenen Kinder denken. Denn ihr Buch ist für mich ebenfalls ein ganz klarer Fall politischer Literatur – und zwar der der guten Sorte. Ein Buch, das ein Anliegen hat, das aber darüber hinaus auch nicht vergisst, auch auf der literarisch-ästhetischen Ebene zu überzeugen.

Von New York nach Mexiko – und umgekehrt

Luiselli erzählt auf faszinierende Art und Weise von zwei gegenläufigen Ereignissen, die aktueller nicht sein könnten. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze werden Tausende von Kindern aufgegriffen, die von ihren Eltern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gen Norden geschickt wurden. Durch Wüsten und auf Zügen schlagen sich die Kinder durch, um dann von der Grenzpolizei aufgegriffen und in den Süden zurückgeschickt zu werden.

Von diesen Kinderdeportationen hat auch die Erzählerin des zweiten Erzählstrangs gehört. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern will sie von New York aus in den Süden der USA reisen. Die Erzählerin hat das Schicksal der Flüchtlingskinder im Hinterkopf, ihr Mann das der Apachen. Beide suchen sie im Süden nach Material für Reportagen und Dokumentationen. Sie sehen sich selber als Dokumentarist (der Mann) und als Dokumentarin (die Erzählerin), die mit Klängen Geschichten erzählen. Sie lassen das sichtbar werden, was sonst verborgen bleibt – so auch die Geschichte der jungen Migranten, die es niemals nach Amerika schaffen. Mit ihren beiden Kindern machen sie sich im Auto auf den Weg aus New York in Arizona. So bewegen sich beide Parteien unaufhörlich aufeinander zu.

Mauerbau zu Mexiko, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsschicksale – möglicherweise werden viele Leser*innen an dieser Stelle schon abwinken, zu überpräsent (und wahrscheinlich auch zu ermüdend) mögen diese Schlagworte wirken, ohne die man Valeria Luisellis Erzählung nicht lesen kann. Es wäre allerdings ein Fehler, keinen genauen Blick auf dieses Buch zu werfen. Denn hier passiert auf literarischer Ebene Erstaunliches.

Elegien für verlorene Kinder

Dabei beginnt man am besten schon einmal mit dem Titel. Archiv der verlorenen Kinder – was soll das sein? Der Titel spiegelt einen Kunstgriff der Autorin wieder. Denn im Gepäck hat die Erzählerin für den weiten Weg von New York nach Arizona nicht nur Hörbücher, sondern auch ein Archiv in Form von sieben Schachteln im Kofferraum. In denen hat jedes Familienmitglied (die bis auf eine Ausnahme völlig ohne Namen bleiben) Stauraum für die Reise bekommen. Eines der Bücher, das in den Kisten lagert, ist das Werk Elegien für verlorene Kinder der (fiktiven Autorin) Ella Camposanto.

In den Elegien beschreibt die Autorin das Schicksal von Flüchtlingskindern, die mithilfe des Zugs, La Bestia genannt, von Mexiko nach Amerika zu gelangen versuchen. Die Erzählerin liest in diesen Elegien, nimmt sie auch auf Band auf und liest sie ihren Kindern vor. Je weiter die Familie in den Süden vordringt, desto mehr überlagern sich die eigene Reise und die Elegien. Fiktive und erlebte Schicksale verschwimmen immer mehr, bis am Ende kaum mehr unterscheidbar ist: was entspringt Camposantos Elegien, was haben die Kinder tatsächlich erlebt?

Amerikanisch-Mexikanische Grenze [By Dicklyon – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76151119]

Diese kunstvolle Vermischung der Ebenen erzielt Luiselli auch durch einen weiteren erzählerischen Kniff. Mehrmals wechselt die Autorin die Erzählperspektive. Auch so wird es zunehmend schwierig, die Schicksale der Kinder der Erzählerin von denen der Flüchtlingskinder aus Mexiko zu separieren. Oder im Sinne des Romans zu sprechen: die Grenzen werden zunehmend durchlässig und verschwinden schlussendlich gar.

Die Schicksale der Kinder vermischen sich zudem auch mit dem der Apachen, die ein weiteres Hauptmotiv bilden.

Flucht, Vertreibung und Geronimo

Der Ehemann der Erzählerin ist von der Historie des Indianerstammes fasziniert. Immer wieder erzählt er seinen Familienmitgliedern von den Schicksalen des Stammes, insbesondere dem von ihrem Häuptling Geronimo. Dieser wurde mitsamt seines Stammes aus den angestammten Gründen vertrieben und nahm den Kampf gegen die Besatzer auf. Bis zu seinem Tod sollten Geronimo und seine Apachen nie mehr heimisch werden.

Nur noch in allzu schnell verlöschenden Echos ist diese Geschichte der Apachen noch vernehmbar. Der Mann der Erzählerin ist bemüht, diese einzufangen – aber auch hier zeigt sich, dass Migration und Vertreibung nur verlorene Menschen hervorbringen, deren Schicksal kaum in Erinnerung bleibt und viel zu schnell verloren geht.

Das Anliegen von Valeria Luiselli schwebt immer klar sichtbar über dem Roman – was diesem aber keinesfalls zum Nachteil gereicht. Durch die clevere Verwendung von Motiven und literarischen Stilmitteln gerät ihr Buch niemals plump und eindimensional. Mit großer Kunstfertigkeit webt sie Töne, Klänge und Sprache in die Schriftlichkeit eines Romans ein. Sie strukturiert den Text durch die sieben Schachteln als Hauptmotiv.

Zudem gelingt ihr mithilfe eines wunderbaren Kniffs, der hier natürlich nicht verraten werden soll, am Ende die ganze Reise, die die Familie hinter sich gebracht hat, den Leser*innen noch einmal vor Augen zu führen. Das ist clever gemacht und zeigt, dass sich Text- und Handlungsebene hier ebenbürtig begegnen.

Ein Buch von großer literarischer Kunstfertigkeit

Wie durchdacht und anspielungsreich Archiv der verlorenen Kinder eigentlich ist, das zeigt auch das Nachwort. In den verschiedenen Elegien hat Valeria Luiselli diverse literarische Anspielungen eingearbeitet (die mir kaum aufgefallen sind, wie ich gestehen muss). So spielen Autor*innen wie Susan Sontag, Dante, Marcel Schwob, Ezra Pound oder Virginia Woolf eine große Rolle. Wie alles zusammenhängt und was sich Luiselli bei der Montage ihres Buchs gedacht hat, das erklärt sie gut nachvollziehbar und schaffte zumindest in meinem Fall noch einige Aha-Effekte. Ein großes Lob sei an dieser Stelle auch an die Übersetzerin Brigitte Jakobeit ausgesprochen, die den Roman ins Deutsche übertragen hat.

Archiv der verlorenen Kinder ist ein mehr als eindrückliches Werk mit einer Botschaft, die niemals moralinsauer wirkt. Ein großartig geschriebenes Buch, das ein Roadtrip, die Innenansicht einer Familie, ein wütender Kommentar auf die aktuelle Migrationspolitik der USA, ein Buch mit Anliegen und eine Hommage an Klänge ist. Das alles und noch mehr steckt im Roman von Valeria Luiselli. Literatur mit Haltung und Mission von allererster Güte.

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Augustuo Cruz – Um Mitternacht

Die Jagd nach dem verlorenen Film

Um Mitternacht ist ein Film, um den sich zahllose Legenden ranken. Von Kinos, die nach der Aufführung in Flammen aufgegangen sind, von Personen, die der Film in namenlosen Schrecken versetzt und mehr munkelt man. Natürlich weckt ein solch legendärer Film, der als verschollen gilt, die Begehrlichkeiten unterschiedlichster Parteien. Das muss auch bald Scott McKenzie erkennen.
Jener fungierte beim FBI unter Edgar J. Hoover als dessen rechte Hand, ehe er aus dem Dienst ausschied. Dass er bislang jeden Fall gelöst hat (oder zumindest bis zur Lösung verfolgte, ehe er ihm wieder entzogen wurde) ist auch dem greisen Sammler Forrest J. Ackerman nicht entgangen.
Dieser hat sein Ende vor Augen und heuert McKenzie an, ihm den Streifen Um Mitternacht zu besorgen und zugänglich zu machen. Zunächst hält McKenzie dies für eine leichte Aufgabe, muss sich aber schon bald eines besseren belehren lassen. Eine Jagd nach dem Film beginnt, die ihn von den USA bis nach Mexiko führen wird und bei der er öfters zweifeln soll – was ist Realität, was Einbildung?

Zwischen Wahn und Realität

 

Mit Um Mitternacht ist Augusto Cruz ein Buch gelungen, das nicht nur Filmfans in seinen Bann ziehen wird. Jener legendäre Streifen und der Fluch, der auf ihm liegen soll, ist schon alleine dazu angetan, den Leser zu faszinieren. Jene an der Grenze zum Okkulten stehende Melange kreuzt der Spanier in seinem Debüt nun noch mit einer pulpigen Hetzjagd nach der letzten Kopie des Streifens. Schnell wechseln die Handlungsorte um dann in einem krachigen Finale zu enden.
Der Roman liest sich schnell und erinnerte mich in manchen Passagen stellenweise an den lesenswerten Thriller Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl. Beiden Büchern liegen visuelle Legenden zugrunde (mal ein legendenumwobener Regisseur, mal ein Film wie im vorliegenden Fall) und beide verstricken Protagonisten und Leser schnell in eine reizvolle Ungewissheit: was stimmt, was ist einem Wahn entsprungen, könnte es so etwas tatsächlich geben?
Störend am Buch empfand ich eine einzige Eigenschaft: Augusto Cruz lässt sämtliche Dialoge ohne Anführungszeichen inmitten des restlichen Textkorpus stehen. Das macht die Lektüre teilweise doch recht anstrengend, wenn man noch einmal zurücklesen muss, was von wem jetzt gesagt wurde und was die äußere Handlung darstellt.
Wer sich davon beim Lesen nicht abhalten lässt, der bekommt einen schnellen und knallenden Thriller serviert, der geschickt zwischen Noir, Hardboiled und Film-Roman schwankt und keine Angst vor plakativen Figuren hat. Spannung inklusive!

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Don Winslow – Das Kartell

Der war on drugs

Für diesen Roman braucht man einen stabilen Magen – einen sehr stabilen Magen. Die Leichendichte und Fülle an Tötungsarten ist im Buch Das Kartell wohl wirklich herausstechend – unzählige Tote pflastern den Weg, den Art Keller und Adán Barrera diesmal bis zum blutigen Ende gehen.
Nachdem die beiden Protagonisten im Krimipreis-gekrönten Epos Tage der Toten von den 70ern bis in die 90er bereits eine blutige Fehde ausfochten, hat sich Winslow nun entschlossen, noch einen Nachfolger des Buches für die Gegenwart zu schreiben. Unbarmherzig zeigt der amerikanische Schriftsteller, dass sich seit den 70er Jahren im Kampf gegen die Drogen kaum etwas geändert hat – im Gegenteil. Immer brutaler wird der Kampf um die Vorherrschaft im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet – und ein Ende der Gewaltspirale scheint nicht in Sicht.

Die Wiederauferstehung des Adán Barrera

Nachdem Art Keller ihn am Ende der Tage der Toten festsetzen konnte, befindet sich der Kartellchef  Adán Barrera nun in Haft. In einem amerikanischen Gefängnis harrt er der Dinge die da mit aller Macht kommen sollen. Mithilfe seiner Kartellmitglieder gelingt ihm nämlich die Flucht und in der Folge setzt er auf seinen Häscher Art Keller ein Kopfgeld aus. Dieser taucht als erfahrener DEA-Agent zunächst unter, um dann mit mächtigen Verbündeten eine neue Runde im Kampf gegen die Drogen einzuläuten.
Währenddessen erstarkt Barrera zusehends und drängt mit aller Macht zurück an die Spitze seines Kartells, wobei er sprichwörtlich über Leichen geht. Doch die Zeit ist nicht spurlos an allen Beteiligten vorbeigegangen. Die Umstände haben sich geändert und so balgen sich immer skrupelloser und blutiger auch die anderen Kartelle in der Golfregion um ihre Anteile. Ein jahrelanger Kleinkrieg um die Drogen beginnt mit noch nie dagewesener Härte.

Nur die Realität ist grausamer

Don Winslow (c) Susie Knoll

Don Winslow (c) Susie Knoll

Bereits das Vorwort zu Winslows Sequel Das Kartell macht deutlich, dass die meiste Handlung weniger der Fantasie des Autors als vielmehr der Realität entspringt. Die unzähligen mexikanischen Journalisten, die Winslow eingangs aufzählt, starben in nicht einmal einem Jahr in Mexiko beim Versuch, kritischen Journalismus zu betreiben – eine Grundsäule einer funktionierenden Demokratie.

Sein Buch fußt auf Beobachtungen, Gesprächen und Recherchen im mexikanisch-kalifornischen Grenzland und mehrmals weist der Amerikaner fast verzweifelt darauf hin, dass es sich beim mexikanischen Drogenproblem vielmehr um ein reines amerikanisches Problem handelt. Was unsere westliche Gier nach Opiaten und Rauschmitteln für blutige Konsequenzen hat, dies schildert Winslow auf über 850 Seiten.
Teilweise sind die Szenen schon nicht mehr erträglich, was durch Winslows genauen und schon fast stakkatohaften Schreibstil zusätzlich verstärkt wird. Allerdings zeigen Nachrichten wie die der verschwundenen mexikanischen Studenten oder immer wieder von Brücken baumelnden Leichen wie beunruhigen aktuell und nah an der Realität Das Kartell operiert.
Nach all den mediokren Büchern von Don Winslow in letzter Zeit mehr als ein Hoffnungsschimmer, dass der Starautor wieder an alte Stärken anknüpft. Es wäre zu wünschen!

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Jennifer Clement – Gebete für die Vermissten

Die Mädchen Mexikos

Mexiko: Drogenlabor Amerikas und immer wieder Lieferant von grausamen Meldungen über Bandenkämpfe.
Großartige Bücher beleuchten dieses Thema : T.C. Boyles „América“ etwa oder Don Winslows „Die Tage der Toten“. Ein Weiteres muss nun mit diesen Büchern genannt werden. Jennifer Clements Roman „Gebete für die Vermissten“ ist ein unbeschönigendes Buch, dass das Leid der Frauen in Mexiko plastisch macht.

Die Autorin entführt darin in die staubige Bergwelt Mexikos, in ein Dorf in dem Männer Mangelware sind. Diese hat es über die Grenze ins prosperierende Amerika gezogen, während die Mütter mit ihren Töchtern in Mexiko in permanenter Angst vor Übergriffen leben. Die Kinder werden möglichst hässlich und versteckt gehalten, um Entführungen durch Kartelle zu entgehen. Clement schildert diese Welt durch die Augen von Ladydi, einem jungen Mädchen, das auf nur 230 Seiten eine schmerzhafte Odyssee durchmacht.

Es ist wahrlich keine Gute-Laune-Lektüre, die Jennifer Clement in ihrem Buch serviert. Dennoch lohnt sich „Gebete für die Vermissten“, weil es Einblick gewährt in eine Welt, die sich unserem täglichen Interesse doch sehr entzieht und so weit weg erscheint. Umso wichtiger, dass diese Literatur aufzurütteln vermag und für das tägliche Leid und die Schicksale gerade der weiblichen Bevölkerung in Mexiko sensibilisiert.
Daher sei dieses Buch jedem aufmerksamen Leser empfohlen, der über den Tellerrand blickt und der die Augen vor der Realität nicht verschließen will!

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