Category Archives: Literatur

Ryan Bartelmay – Voran, voran, immer weiter voran

Zwei Brüder

Voran, voran, immer weiter voran ist der Titel eines Gedichtbandes und das Debüt von Ryan Bartelmay, der Kreatives Schreiben unterrichtet und nun seinen ersten „großen“ Roman vorlegt. Den Gedichtband hat Chick Waldbeeser verfasst, einer der beiden Hauptprotagonisten des Buches. Er und sein Bruder Buddy sind die Charaktere, um die das Buch beständig kreist.

Ein Bilderbogen zweier Leben

Voran voran immer weiter voran von Ryan Bartelmay

Immer wieder wild durch die Chronologie und sein Personenverzeichnis springend schlägt Bartelmay einen großen Bogen von der Jugend der Brüder bis hin zum hohen Alter und bringt die verschiedenen Facetten ihres Lebens zum Vorschein.

Das Cover stimmt schon auf die Ödnis ein, in der sich die Brüder des Öfteren wiederfinden sollen – von einer Hochzeit, die unter keinem guten Stern stehen sollte bis hin zu den letzten Tagen Tagen Chicks im Altenheim erzählt der amerikanische Autor.

Während er sich mit Buddy nicht besonders gut versteht, könnte Chicks Glück seine Familie sein, die jedoch auch schon bald durch ein schweres Schicksal zerrissen wird. In der Folge beobachtet der Leser Chick bei seinem Taumel durchs Leben. Während die Beziehung seines Bruders zu seiner indischen Gattin Lijy auch von Schwierigkeiten und Missverständnissen durchzogen ist, gelingt diesem ein kleiner wirtschaftlicher Erfolg. Chick sucht hingegen sein Glück in der Poesie – „Voran, voran, immer weiter voran“ – ist das Resultat. Ein Bilderbogen zweier Leben entfaltet sich vor dem Leser.

Kein neuer Stoner – aber gute Literatur

Die hohen Lobpreisungen, die dieser Roman auf dem Klappentext versammelt, kann ich zwar grundsätzlich teilen, die Qualität des „Stoner“ von John Williams, den der Text auflistet, erreicht dieser Debütroman allerdings nicht. Dennoch ein Buch, das gerade durch seine Montagetechnik gut unterhält und zwei gegensätzliche Leben nebeneinanderstellt. Ein amerikanischer Familienroman frei von Glamour und Überzeichnung – aber ein tolles Stück Literatur!

Edan Lepucki – California

Stephen Colbert war schuld. In seiner Latenight-Show hypte er Edan Lepuckis Roman California als Gegenentwurf zu Amazon. In der Folge avancierte das Buch zu einem Verkaufsschlager bei den stationären amerikanischen Buchhändlern und wurde zur Erfolgsgeschichte. Nun hat sich der Blumenbar-Verlag die Rechte an der deutschen Version des Buchs gesichtert und bringt den Titel in der Übersetzung von Gesine Schröder für den deutschen Markt heraus.

Die Geschichte, die Edan Lepucki in ihrem Buch erzählt, ist die einer klassischen Dystopie. Die Sozialverbände und bisherigen gesellschaftlichen Strukturen haben sich aufgelöst, Amerika liegt am Boden und die Bevölkerung lebt verstreut in der Wildnis.

Auch Cal und Frida, ein junges Paar, haben den Rückzug in die Natur angetreten und leben ein einfaches, aber autarkes Leben. Anderen Menschen begegnen sie fast nicht und es könnte alles in Ordnung sein – wenn Frida nicht schwanger wäre.

Zwei Menschen schlagen sich durch

Edan Lepucki - California (Cover)

So ist das Paar gezwungen, den Weg aus der Wildnis anzutreten, um sich einer Kommune anzuschließen. Denn in den größeren und abgeschotteten Verbänden gibt es eine bessere Versorgung und höhere  Doch Cal und Frida ahnen nicht, wem sie hinter den Mauern der Community begegnen.

California ist ein Buch, das die momentane amerikanische Gesellschaft in Frage stellt. Lepucki sensiblisiert dafür, wie fragil unsere Gesellschaftsordnung doch ist.

Sie zeichnet ein eindrückliches Bild einer Gesellschaft am Boden. Der alte Spruch Homo homini lupus est des römischen Dichters Plautus erhält im Buch der Amerikanerin neue Bedeutung.

Sie zeigt, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sein können. Obwohl California nicht zu explizit ist, schafft es die Autorin eine finster dräuende Atmosphäre im Buch heraufzubeschwören. Das Buch ist eine Dystopie und ein Weiterdenken amerikanischer Zustände zu einem beängstigenden Bild, von dem man sich wünscht, es würde nicht wahr werden.

Fazit

Für einen Debütroman ist dieses Buch doch ganz rund und überzeugend gelungen. Gerade inmitten all der aktuellen Wohlfühlliteratur eine wohltuende Gegenstimme, die mahnt und erinnert, wie brüchig doch alle Idylle ist.


  • Edan Lepucki – California
  • Übersetzt von Gesinde Schröder
  • ISBN: 978-3-351-05019-1 (Blumenbar)
  • 415 Seiten. Preis: 20,00 €

Nikolaus Breuel – Schlossplatz, Berlin

Schöner Scheitern

Eine Badelandschaft soll in Berlin auf dem Schlossplatz gebaut werden – eine Badelandschaft, wie sie die Bundesrepublik noch nicht gesehen hat. Inmitten der megalomanischen Pläne ein einzelner Bundestagsabgeordneter, der mit seinen Kollegen im Aufsichtsrat sehenden Auges auf eine Katastrophe zusteuert.

Gestrandet auf einer Hallig

Das Buch von Nikolaus Breuel beginnt mit dem Stranden des namenlosen Bundestagsabgeordneten, dessen Boot in der Nordsee den Dienst versagt. Auf einer Hallig findet er Unterschlupf bei einer aus Berlin fortgezogenen Inselbewohnerin. Während der Politiker auf der Insel festsitzt, reflektiert er das Projekt der Badelandschaft am Schlossplatz in Berlin.
Dem Politiker Rödel – ein Freund des namenlos Gestrandeten -fiel nämlich plötzlich eine bahnbrechende Idee in den Schoß. Berlin brauche eine Badeanstalt, und zwar eine, bei der nicht gekleckert sondern geklotzt wird. Der Bürgermeister mag Schwimmen und auch die anderen Kollegen und Kolleginnen waren schnell Feuer und Flamme.
So beschlossen die Politiker den Bau dieser Badelandschaft, die Nordsee-, Ostsee- und Südseewellen bieten sollte. Dazu Wellen für Surfer, die Düfte der verschiedenen Regionen der Welt und Luxus für alle. Doch mit dem Voranschreiten des Projekts werden die Mängel des Großbaus immer offensichtlicher. Rohre wurden verlegt, von denen niemand weiß, wo sie herkommen oder welchen Zweck sie erfüllen sollen. Notausgänge wurden falsch verbaut, die Entlüftungsanlage tut nicht das, was sie soll, und Überschwemmungen sind an der Tagesordnung.

Eine Satire auf alle staatlichen Großprojekte

Bei allen Mängeln, die immer deutlicher zutage treten, verschließen die Politiker die Augen vor der Katastrophe, auf die sie zusteuern. Mehrmals fragt der Politiker ob der Eröffnungstermin gehalten werden kann – kollektives Grinsen und Schweigen ist die Antwort.
Mag es bei Nikolaus Breuel auch eine Badelandschaft sein, bei deren Bau alle Parteien versagen, so sind doch die Parallelen zum Bau des Berliner Flughafens oder der Hamburger Elbphilharmonie offensichtlich. Das Buch liefert eine Einsicht, welche Rädchen bei derartigen staatlichen Großprojekten ineinandergreifen und welche Dynamiken sich entwickeln.
Darüberhinaus versteht es der ehemalige hochrangige Manager aufzuzeigen, mit welcher teils schon absurden Zahlen die Politiker nicht nur beim Projekt der Badelandschaft jonglieren müssen. Die Rettung Zyperns wird im Buch genauso angeschnitten wie die Papierberge der Akten, durch die sich die Bürokraten von Brüssel bis Berlin wühlen müssen. So liefert das Buch Breuels einen interessanten Blick in das Gefüge der Macht und das System Politik.

Sprachlich formvollendet

Copyright: Susanne Schleyer / Autorenarchiv

Sprachlich weist Breuels „Schlossplatz, Berlin“ keinerlei Baumängel auf. Mit höchst anspruchsvoller Prosa kleidet er seine Erzählstränge aus.

Bei ihm schreiten die Menschen noch aus, Berlin scheint von einer „Kranmüdigkeit“ befallen zu sein und der Politiker Rödel wird bei seiner Kreisbereisung vom Wahnsinn befallen. Dies ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack, gerade wenn man nur kurzweilige Zerstreuung sucht. Wer aber bereit ist, sich auf Breuels Prosa einzulassen, der bekommt eine Satire geboten, die nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich vollauf zu überzeugen weiß.

Christoph Poschenrieder – Das Sandkorn

Eine Ménage-à-trois

Christoph Poschenrieders Talent für Sprache ist bewundernswert. Nach seinem tollen Erstling Die Welt ist im Kopf und dem nicht minder geschickt konstruierten Der Spiegelkasten legt er nun mit Das Sandkorn ein Werk vor, das sich mit den beiden vorhergehenden Monographien mindestens messen lassen kann.

In seinem neuesten Roman erzählt der Münchner Autor von Jacob Tolmeyn, der in Berlin verhaftet wird, als er Sand in den Straßen der Stadt ausstreut. Im Verhör, das als Rahmenhandlung fungiert, erzählt Tolmeyn seine Geschichte, die zurück nach Italien führt. Dort sollte er nämlich zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Beat Imboden die Werke der Staufer dokumentieren und kartografieren. Doch der Auftrag wird durch das Auftauchen der Italienerin Letizia, die die beiden Männer vor Ort unterstützen soll, mehr als verkompliziert. Denn ehe sie sich versehen finden sich die drei Charaktere in einem Geflecht aus Anziehung, Begehren und Tabus verfangen. Allmählich entspinnt sich im Verhör das ganze Ausmaß der Beziehungen zwischen den drei Menschen. Die Rollen, die sie im Drama spielen, werden klarer.

Poschenrieder ist ein großartiger Autor, dessen fein ziselierte Sprache wirklich Hochachtung verdient. Er schafft ein eindrückliches Porträt eines jungen Mannes, für den die Liebe grobe Fallstricke bereithält, das er in eine tolle sprachliche Form gießt.

Mit Das Sandkorn ist Christoph Poschenrieder ein in formaler und stilistischer Hinsicht wirklich großartiger Roman gelungen. Eine mediterran-lockere Atmosphäre durchzieht das Buch, welche die Gerüche und Geräusche so kurz vor dem großen europäischen Weltenbrand 1914 vortrefflich einfängt.

Fazit

Ein Leckerbissen für jeden Liebhaber guter Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. Und für Liebhaber von ästhetisch ansprechenden Sprache natürlich ebenso!

John Williams – Butcher’s Crossing

Zurück zur Natur

Nach dem großartigen Stoner, DER Wiederentdeckung des Jahres 2012 hat sich nun der Deutsche Taschenbuchverlag eines weiteren Werkes John Williams angenommen. Butcher’s Crossing erscheint von Bernhard Robben makellos ins Deutsche übertragen als Hardcover und erhebt Jean Jaques Rousseaus Diktum „Zurück zur Natur“ zum Leitmotiv.

Der Roman erzählt von Andrews, einem jungen Studenten an einer Elite-Universität, der dieser gleich zu Beginn des Buchs den Rücken kehrt und in die amerikanische Einöde aufbricht. Er begibt sich ins titelgebende „Butcher’s Crossing“, einem kleinen Wildwest-Dörfchen inmitten der Ödnis. Dort will er der Büffeljagd nachgehen und rekrutiert sich ein Team aus erfahrenen Jägern. Einer dieser Jäger berichtet nämlich von einer sagenhaften Büffelherde, die er in den Bergen Colorados gesehen haben will. Andrews finanziert das wahnwitzige Vorhaben und gemeinsam brechen die vier Männer auf, um die Büffel zu erlegen und ihr Fell anschließend gewinnbringend zu veräußern.

Das Leben – ein großer Kampf

Doch wer John Williams Stoner gelesen hat weiß, dass seine Charaktere in den Büchern immer gegen Widerstände und Wirrnisse ankämpfen müssen. In Butcher’s Crossing ist dies die Natur, die den Glücksrittern eindrucksvoll in die Parade fährt. Gekonnt beschreibt Williams Metzeleien und den Überlebenskampf gegen die Elemente. Das Blutbad, das die Männer unter den Büffeln anrichten vermag der Autor genauso eindrucksvoll zu beschreiben wie die Überlebenskämpfe, als Schneefall im Tal Leib und Leben bedroht.

Butcher’s Crossing ist voller bitterer Erkenntnis und zeigt eindringlich, wie schnell der Wandel der Zeit Opfer von den Menschen verlangt. Am Ende muss auch Andrews erkennen, dass man zwar gescheiter, aber auch gescheitert sein kann. John Williams ist auch mit „Butcher’s Crossing“ ein großartiger Roman gelungen, für dessen Veröffentlichung man dem Deutschen Taschenbuchverlag danken sollte!